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ZWISCHENZEITLICH

EINE FAST PHILOSOPHISCHE BEOBACHTUNG

Ein Bushäuschen, ein nahezu leerer Parkplatz und ein Verkehrskreisel. Sehen Sie es vor sich? Der Platz in der Mitte des Kreisels ist mit Wildblumen übersät, der Erdhügel kuppelartig. Rundherum an den Bürgersteigen stehen neun Straßenlaternen. Alle sind resedagrün angestrichen. Es ist diesig und kühl, der Sommer ist definitiv vorbei, die Luft fühlt sich klamm an.

Ich sehe ein kleines orangefarbenes Auto kommen, es ist ein Arbeits-Unimog (der Baureihe 407 vielleicht) mit Platz für einen Fahrer, und mit einer Ladefläche. Er fährt auf den Parkplatz, dreht eine ruckelige Runde, bis er mit dem Bug – oder sagt man mit der Front? –  wieder in Richtung Ausfahrt schaut. Der Motor verstummt. Ein Mann in grüner Arbeitskleidung steigt aus, der Overall, mindestens zwei Größen zu groß, die Hose hängt ein wenig. Auf dem Kopf eine Schirmmütze – richtig herum. Von der Arbeitsfläche nimmt er einen weißen, ovalen Eimer (die kennt jeder, der schon mal Wände gestrichen hat) und einen Pinsel, so einen Flachpinsel, wie man ihn verwendet, wenn man Zimmerecken streichen will. 

Er hält inne, schiebt die Schirmmütze nach hinten, überlegt. Dann wendet er sich nach rechts und überquert die Straße. Die dunstige Luft schluckt die meisten Geräusche, die vorbeifahrenden Autos sind überraschend leise. Ich verliere den grünen Mann vorübergehend aus den Augen.

Dann tritt er wieder in meinen Gesichtskreis, den nächsten Laternenmast anstrebend, beginnt mit seiner Arbeit, streicht gerade so hoch, wie der Pinsel und sein Arm hochreichen, rundherum, dann dieselbe Bewegung nach unten – nicht ganz nach unten, und auch nicht völlig rundherum. Er arbeitet – will mir scheinen – ein wenig lustlos. Jetzt geht er zum zweiten Laternenmast in meiner Nähe, dieselbe Prozedur, auch hier lässt er ein paar Stellen aus. 

Sehen Sie ihn? Grüner Overall, weiße Schirmmütze, Bart, ja, er ist Bartträger, und ist nicht mehr ganz jung. Nächster Laternenmast, es ist der vierte, den ich ihn streichen sehe. Den fünften lässt er aus, er geht gleich zum sechsten. Der wird begutachtet, zweimal umrundet, oben über Kopf gestrichen – unten nicht.

Ich bin kurz abgelenkt, weiß nicht, ob der nächste gestrichen wurde, könnte sein, dass er ihn ausgelassen hat, da an ihm in Augenhöhe ein Plakat befestigt ist. Ich sehe unseren Mann am letzten Laternenmast in diesem Rund, sehe, dass er den Eimer auf den Boden stellt, sich am Kopf kratzt; der Pinsel wechselt von der rechten in die linke Hand. Das muss etwas bedeuten, denn unmittelbar anschließend geht er zum Unimog zurück. 

Gewissenhaft – ja, so kann ich es aus den Augenwinkeln sehen – verstaut er den Eimer auf der Ladefläche, zieht ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischt sich die Hände ab. Wo der Pinsel hingelegt wurde, kann ich nicht sehen, die Ladeflächenklappe versperrt mir den Blick.

Es sind gerade mal zehn – möglicherweise auch 12 – Minuten verstrichen, seitdem er aus dem Gefährt gestiegen ist; nun steigt er wieder ein, startet den Motor – was ich nicht höre, nur schlussfolgere – und verlässt den Parkplatz. Sehen Sie ihn? Wie er wegfährt? Das Gefährt macht nicht einen Laut. Und dann ist er einfach lautlos weg, so als wäre er gar nicht dagewesen. 

Zwei Gedanken schießen mir durch den Kopf (nacheinander natürlich): Wie mag wohl sein Auftrag, seine Arbeitsanweisung gelautet haben?? Und dann der zweite: Das sind wir. Wir Menschen. Wir erhalten unseren Lebensauftrag (dessen Sinn viele weder hinterfragen noch erkennen), führen ihn – mit ein paar Mogeleien und Abänderungen, mit Auslassungen und mal schneller mal langsamer – mehr oder weniger zu unserer und zur Befriedigung unseres Großen Auftraggebers aus und verschwinden wieder von der Bildfläche, als hätte es uns nicht gegeben. Besonders das letztere: als hätte es uns gar nicht gegeben.

Der morgendliche Dunst hüllt immer noch alles ein, es ist kalt und klamm. Herbst eben – da philosophiert man schon mal so vor sich hin.

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