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ZWISCHENZEITLICH XV

Morgenlied

ich werde in die berge gehen
hinter allen bergen
weit weit fort
der abend wird mich führen
auf wegen hinter waldesrändern
hinter allen wassern
und am morgen 

bin ich dort

kein grund zum traurigsein
kein grund zum weinen
freu dich
denn ich hab den ort erreicht
an dem das heute
auf den morgen trifft

ich werde auf die berge gehen

hinter allen bergen
weit weit fort
den abend lass ich hier
die wege von licht beleuchtet
das schiff kennt seinen kurs
und zum morgen
trägt es mich

kein grund zum traurigsein

kein grund zum weinen
freu dich
denn ich hab den ort erreicht
an dem das heute
auf den morgen trifft

(c) Juni 2014

 

Hintergrund

Bei einer Reihe von Naturvölkern gibt es keine Altersversorgung, weil diese Gesellschaften die alten Menschen töten, wenn sie scheinbar keinen erkennbaren Nutzen mehr für die Gruppe haben und ihre Versorgung als zu kostspielig erscheint. Jared Diamond gibt in seinem Buch „Vermächtnis“ folgende Gründe an:

1. Diese Praxis finden wir bei nomadisierenden Jägern und Sammlern, die häufiger ihren Lagerplatz wechseln müssen. Sie tragen alle Werkzeuge, Nahrungsmittel und Kinder mit sich und können sich nicht um schwache und gebrechliche Gruppenmitglieder kümmern.

2. Altentötung gibt es bei Völkern in Wüsten und arktischen Regionen, in denen es immer wieder zu Nahrungsknappheit kommt und in denen man keinen Vorrat anlegen kann. Man opfert die unproduktivsten Mitglieder, um nicht die Gemeinschaft zu gefährden.

Der Autor nennt anschließend fünf verschiedene Praktiken, mit denen die alten Menschen beseitigt werden.

a.) Die alten Menschen werden ignoriert, erhalten nichts mehr zu essen, man lässt sie verhungern. Beobachtet bei einigen Inuit-Stämmen in der Arktis, den Hopi in Nordamerika, den Wihoto im tropischen Südamerika, einigen Aborigines-Gruppen in Australien.

b.) Alte Menschen werden ausgesetzt oder man lässt sie zurück. Beobachtet bei den San in der Kalahariwüste, den nordamerikanischen Omaha- und Kutenai-Indianern, den Ache-Indianern in Südamerika.

c.) Die ältere Person wird zum Selbstmord aufgefordert. Berichtet von den Tschuktschen und Jakuten in Sibirien, den Crow-Indianern in Nordamerika, bei einigen Inuit Stämmen.

d.) Die Älteren werden von ihren Kindern erdrosselt oder erstochen nach vorheriger Vereinbarung und im Einverständnis. Berichtet von einigen Südseevölkern z.B. den Kaulong.

e.) Die Älteren werden von anderen Gruppenmitgliedern getötet ohne deren Einverständnis. Beobachtet bei den Ache- Indianern und anderen Völkern.

Nicht alle Völker, die in einer schwierigen Umwelt leben, praktizieren Altenmord. Der beste Weg, um diesem Schicksal zu entgehen, besteht in der Arbeitsteilung. Die Alten übernehmen Arbeiten, die für alle nützlich sind. Hier einige Beispiele:

a.) Bei den !Kung in Südafrika stellen die Männer Tierfallen her, sammeln Pflanzen, haben sich Spezialwissen angeeignet über das Auffinden von Pflanzen oder Jagdtieren, das sie unentbehrlich macht.

b.) Die Alten, vor allem die Frauen, sorgen für die Kinder, damit die anderen Jagen und Sammeln können. Ob dies möglich ist, hängt ab von der Umwelt. (an vielen Orten beobachtet)

c.) Die Alten spezialisieren sich auf Werkzeugbau und können Techniken, die schwer zu erlernen sind. Bei den Semang in Malaysia stellen beispielsweise die Alten Blasrohre her und Töpfe.

d.) Die Alten werden Magier und Zauberer. Sie hüten das „Heilige Wissen“. Auf diese Weise bekommen sie sogar eine sehr mächtige und beherrschende Rolle in ihrer Sippe. Dies ist der beste Schutz, um einer Tötung zu entgehen.

e.) Die Alten sind eine Art Lexikon. Aufgrund ihres langen Lebens wissen sie in vielen Dingen Rat und werden oft gefragt in schwierigen Situationen.

Ob Gesellschaften sich um ihre alten Menschen kümmern oder nicht, hängt also zu einem großen Teil davon ab, wie nützlich die alten Menschen sind.

Die Rolle der Alten verbessert sich erheblich in Gesellschaften, in denen das Privateigentum verbreitet ist und zwar aus dem einfachen Grund, weil ihnen das Eigentum gehört und den Jungen nicht. In den antiken, orientalischen und feudalen Gesellschaften werden die Alten außerordentlich verehrt. Ihre Verfügung über Eigentum gibt ihnen eine außerordentlich starke Stellung bis hin zur Tyrannisierung der Jungen. Warum lassen die sich das gefallen? Aus dem gleichen Grund, weshalb die Jungen auch heute nicht die Alten töten. Die Gesellschaft, ihre Werte und Regulatoren verhindern dies.
Die Rolle der Alten hat sich in der heutigen Gesellschaft wieder etwas verschlechtert. Viele haben kein nennenswertes Privateigentum mehr, mit dem sie die Jungen unter Druck setzen können. Diese können selber schon im jungen Alter etwas erreichen und sind nicht vom Erbe abhängig. Gewonnene Berufserfahrung hat heute nicht mehr den Wert wie früher, da sich das Wissen zu schnell ändert und die Jungen manchmal mehr können als die Alten. Viele weitere Gründe könnte man nennen.

Die Tötung von Alten konnte mit der Entstehung der Staaten auch bei den Naturvölkern unterbunden werden. Diese Völker zeigen uns aber auch den Weg, wie ein Konflikt zwischen Alt und Jung verhindert werden kann. Auch die Alten müssen sich offensichtlich in irgendeiner Form für die Gesellschaft als nützlich erweisen, damit nicht der oft beschworene Generationskonflikt ausbricht und man sie nicht eines Tages für überflüssig hält.

Quelle: Jared Diamond, Vermächtnis, Frankfurt am Main 2012, s.246 ff.

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