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ZWISCHENZEITLICH V

Habe sie noch einmal herausgesucht – die Titanin. Titanin habe ich die Ballade getitelt, weil mir das Wort genau auf einen Menschen wie diese Frau (die übrigens Anita hieß) zugeschnitten vorkam. Ein Titan, eine Titanin war in meinem kindlichen Denken noch viel früher ein Mensch, der sich hoch aufreckte, die anderen überragte und sich jeder Macht, die ihn beugen wollte, entgegenstellte, ein Mensch, der sich nicht bezwingen ließ.

Was wir in den vergangenen Wochen sahen, hörten, miterlebten und in die Medien berichtet bekamen, scheint mir typisch für unser Land. Die Tugend Gehorsam, dem doch so große Affinität in Bezug auf die deutsche Mentalität nachgesagt wird, schlägt offensichtlich wiedereinmal genau ins Gegenteil um: in einen zornigen Ungehorsam, der alle Ordnung verlässt und in Chaos versinkt. Eine Bedeutung eines anderen Wortes, das sich mir in diesem Zusammenhang aufdrängt, ist: Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft. Wer ist nun anfällig bzw. reif für Anarchie? – Ich versuche eine Antwort. Mir scheint, es sind all jene Menschen, die Selbstführerschaft übernehmen und gelernt haben, ihre eigene Ordnung zu finden. 

Anarchieempfänglichkeit, Anarchiefähigkeit? – Kann man diesem Völkchen in den deutschen Breiten diese zuschreiben? Können sie das hier? ANARCHIE?

„Nicht darauf kommt es an, daß die Macht in dieser oder jener Hand sich befinde: die Macht selbst muß vermindert werden, in welcher Hand sie sich auch befinde. Aber noch kein Herrscher hat die Macht, die er besaß, und wenn er sie auch noch so edel gebrauchte, freiwillig schwächen lassen. Die Herrschaft kann nur beschränkt werden, wenn sie herrenlos – Freiheit geht nur aus Anarchie hervor. Von dieser Notwendigkeit der Revolution dürfen wir das Gesicht nicht abwenden, weil sie so traurig ist. Wir müssen als Männer der Gefahr fest ins Auge blicken und dürfen nicht zittern vor dem Messer des Wundarztes. Freiheit geht nur aus Anarchie hervor – das ist unsere Meinung, so haben wir die Lehren der Geschichte verstanden.“ nach Gustav Landauer: „Börne und der Anarchismus“[1]

Nach dieser „Definition“ darf man denken, dass Anarchie jeden Menschen sich ohne unterdrückende Autorität und in freier Assoziation mit anderen Menschen entfalten lässt. Anarchie kann beglücken. Und: Anarchien münden mitnichten in Chaos. Chaos wiederum entsteht dann, wenn jedwede Ordnung – auch die innere, vor allem die innere  – abhanden gekommen ist, und nur noch „gähnende Leere“ herrscht, Chaos ist der Gegenbegriff zum Kosmos, jener allem innewohnenden Ordnung. Gedankenspiel: wenn die äußere Ordnung schwächelt, die Herrschaft im Sinne einer Staatsführung auseinanderfällt, versinkt ein Land (oder eine Gemeinschaft) in Chaos, sofern sich keine inneren Strukturen zur Anarchie gebildet haben. In diesem Moment braucht es Titanen

Nun gut, jetzt sollen sie für sich sprechen, diese beiden folgenden Wortgewitter aus dem Jahr 1998, als ich gerade mal 40 Jahre alt war. Ein Jungspund, noch mit Eierschalen auf dem Kopf. Zuerst die Titanin, und dann die Anarchin.

Die Titanin

Zusammengekniffene Augen suchen
im Raum nach Ergreifbarem
schattende Haare wehen im Herunterhängen
wild und ungezähmt
ihre Stimme beherrscht
kehlig und laut
keiner Aufforderung bedürfend
die Luft zwischen den Anwesenden

Ihr Körper – gedrungen und kompakt
der Arbeit entlaufen
und hierher verirrt
ist in seiner Unweiblichkeit perfekt
er drückt die von weniger Substanz
an die Wände
wo sie verstummen angesichts
ihrer Selbstverständlichkeit
ihre geballte Erscheinung
duldet keine Weitere neben sich
die Luft wird dünn im Bannkreis
dieser Jeanne d’Arc in Gummistiefeln

Ihre Bewegungen sprechen von
zähem Kampfes-Willen
ihre Nasenflügel von
fiebernder Unduldsamkeit
schnaubend und saugend
ist sie dennoch
einem Traktor ähnlicher
denn einem Rennwagen
sitzt sie nicht auf ihrem Stuhl
sondern besitzt ihn
als Bollwerk wie Schlachtroß

Dann erobert sie das Wort
ihre kurzen kleinen Hände
zertrümmern jeden unpassenden
Gedanken vor aller Augen

verdreschen auf dem Tisch
jede Widerrede
ohne sich erheben zu müssen
wird sie groß und größer
ihre Augen ein Ziel gefunden habend

Gewichtige Silben quellen
aus ihrem Mund
Forderungen, Drohungen, Warnungen
zwanghafter Applaus gibt ihr Recht
spornt sie an
die Nüstern gebläht
die Mähne trotzig zurückgeworfen
ergeht der Aufruf zum Widerstand

Wir sind doch das Proletariat der Akademiker
wir sind doch die Tagelöhner der Marktwirtschaft
wir haben doch weniger Rechte als alle anderen –
wir legen uns quer!

Von den Zuhörern gefeiert
feuert sie die Parolen gegen
die Gegner ab
aus dem groben Gesicht
wird ein Versprechen
aus den ungekämmten Haaren
die Verheißung der Rebellion
aus einem vierschrötigen Körper
entspringt eine Schönheit –

so wird eine Titanin geborn!

 

Die Anarchin

Ihr sagt, ich kämpfte gegen alles,
ja. Ja – ich kämpfe in der Tat!
Ihr sagt, ich wäre nie zufrieden,
wohl an: was heißt ihr Zufriedensein?

Habt ihr schon mal erwogen,
ob ich mitmisch in der Welt?
Habt ihr jemals bei den Demos,
Habt ihr jemals auf Barrikaden mich erwischt?

All mein Kämpfen beschränkt sich,
aufs Benennen dessen, was nicht stimmt.
All mein Kämpfen gilt dem Beschreiben,
was für normal ihr gern annehmt.

Ihr sprecht doch dauernd von der Ordnung,
daß und wie ihr sie erneuern wollt,
dabei bleiben immer gleichen Typs
die Mächtgen – und die Ordnung ungequält.

Von einer Seite nur zu sehen,
der Welten Lauf – das mag ich nicht.
Eure Ausschließlichkeit verachte ich,
ich kämpf ganz andere Kämpfe als ihr denkt!

Würd kämpfen ich wie ihr, wär ich nicht anders
als all die andern auch:
Unrecht bekämpfend werde Teil ich dessen,
was auszumerzen galt.

Ich stehe nicht in eurer Mitte,
in eurer Ordnung nicht mehr drin,
für mich gelten eure Regelungen nur wenig,
daß ich noch hier bin, hat andern Sinn.

Ich hätte nicht das Recht, sagt ihr,
derartiges zu sprechen? –
Wer Regeln der Gesellschaft nicht befolgt,
darf auch ihre Vorteile nicht nutzen!

Welche Vorteile meint denn ihr?
Nennt ihr den Zwang zur Teilnahme Vorteil?
Nennt ihr die Pflicht zur Sicherheit Vorteil?
Und nennt ihr Tausende von Geboten Vorteil?

Wer heute sterben will, wird nicht gelassen.
Wer nicht mitmachen will, muß begründen.
Wer zu gemachten Fehlern steht, wird analysiert.
Und wer sagt, wie es ist, wird für vogelfrei erklärt.

Ihr sagt, mein Leben wäre ständig Kampf,
noch immer stieße ich den Kopf mir blutig
an euren für die Ewigkeit gebauten Wänden,
blind und uneinsichtig.

Ich weiß, ihr belächelt mich sehr milde,
und wartet, bis auch ich vernünftig werd.
Doch ist es nicht grad anders herum? –
Seid nicht ihr die, die schlafen?!

Wie oft wolltet ihr einen Posten mir geben? –
Nicht wirklich überzeugt mich zu beruhigen.
Wer einen Posten hat, hinterfragt nicht
das System, in dem er etwas gilt.

Wie oft schon habt ihr mich gelockt,
mit Angeboten zum Dazugehörn?
Ich habe nicht jedesmal gemerkt,
daß zum Kleinmachen ihr mich bloß brauchtet.

Ich steh gut hier draußen,
schau hinein in eure kleine Welt,
was ich seh, das graust mich sehr,
aber kämpfen, kämpfen werd ich nicht für euch.

Kämpf ich mit euch, werde ich Teil und
beteilig mich am Verrat der Gegenwart,
Lebend und seiend bin ich frei
keiner noch so sichern Ordnung unterworfen.

[1] Jochen Schmück: Anarchie- Zur Geschichte eines Reiz- und Schlagwortes Zit. n. Gustav Landauer: „Börne und der Anarchismus“ (Erstveröffentlichung in: Sozialistische Monatshefte, Nr. 2, 1900), in: ders.: Erkenntnis und Befreiung. Ausgewählte Reden und Aufsätze, Frankfurt a. M. 1976, S. 20)

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