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ZWISCHENZEITLICH XXIX

Eine SEHR kurze Kolumne

Auf dem Weg zu mir – morgens kurz nach dem Aufstehen bin ich selten schon ganz bei mir – fiel mir heute morgen Salvatore Adamo ein. Weiß der Himmel, wo das nun wieder herkam. Aber sicher hat es etwas zu sagen, dass gerade er mir einfiel.
In den 60er und 70er Jahren waren die Zeiten in Deutschland (möglicherweise in ganz Europa) noch französischer. Im Französisch-Unterricht lasen wir 1975 oder so Paris Match – Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt tauchten häufig auf dem Titelblatt auf; wir sahen französische Filme, ich las Marcel Aymé und liebte Le passe muraille und Les Sabines… Tage zwischen passé simple und passé composé und meinem Faible für das participe présent bzw. das gérondif. Also gut, heute morgen französische Chansons von Adamo (Tombe la neige, Je parle et vous n’écoutez pas, A demain sur la lune) gehört – der von roter Erde genommene/geformte Mensch. Lehm und Blut – Venus (Stier) und Mond. Die Menschwerdung … ein weiter Weg …

Vous permettez, Monsieur? – Die Maliziösität in Adamos Mimik (in einer alten Aufnahme zu sehen) ist nach wie vor herrlich anzusehen, und die Pointe erst. Aber die verrate ich hier nicht. Damals wars: 1965. Einige Jahre später sang er übrigens auf Deutsch, u.a. den Titel Verzeihen Sie, Madame. „Ein Spatz erst muß es wagen, dann war der Andrang groß/Es macht ein leerer Magen auch uns charakterlos/Ja nicht nur, dass sie kamen – sie wollten mit aufs Bild/ein paar – vermutlich Damen – waren darauf ganz wild“. Hören, wie es weitergeht?? Auf Französisch gibt es das natürlich auch: La vieille, l’idole et les oiseaux – pardonnez-moi, Madame… – Der Tag ist gerettet, der Himmel hat ihn geschickt. Ich glaube, ich habe einen Ohrwurm.

Heute ist „unser“ Bundeskanzler in Washington unterwegs. Nein, für Selbstironie ist er sicher nicht gerade bekannt. Entscheidende Tage sind das, die bleierne Stimmung liegt immer noch in der Luft. Entspannt ist etwas anderes, und so überträgt sich die Anstrengung, der emotionale Ausbruchsversuch und die bedrohliche Brandsituation diffus auf alle, die nicht bewusst wahrnehmen, woher der „Wind“ weht.
Les Sabines handelt von einer Frau, die die Fähigkeit hat, sich zu „teilen“ und dadurch zu vermehren.

„Il y avait à Montmartre, dans la rue de l’Abreuvoir, une jeune femme prénommée Sabine, qui possédait le don d’ubiquité. Elle pouvait à son gré se multiplier et se trouver en même temps, de corps et d’esprit, en autant de lieux qu’il lui plaisait souhaiter. Comme elle était mariée et qu’un don si rare n’eût pas manqué d’inquiéter son mari, elle s’était gardée de lui en faire la révélation et ne l’utilisait guère que dans son appartement, aux heures où elle y était seule. […]“

Das Ganze geht natürlich nicht gut aus. Sie übertreibt es mit der „Allgegenwärtigkeit“ und schafft es am Ende nicht mehr, sich wieder zu einer Person zusammenzufinden. Die Spatzen und die Sabinen… ich will jetzt nichts konstruieren, überlasse den Gedanken dem Fluss der Zeit.

Der andere, der durch die Wände gehen kann, ist auch nicht glücklicher dran.
„Il y avait à Montmartre un excellent homme nommé Dutilleul qui possédait le don singulier de passer à travers les murs sans être incommodé.“

Dutilleul ist ein kleiner Beamter in einem Ministerium und entdeckt mit Anfang Vierzig, dass er buchstäblich durch Wände gehen kann. Er nutzt seine Gabe dazu, seinen Chef, der ihn häufig gedemütigt hat, in den Wahnsinn zu treiben. Bald geht er zu Einbrüchen über; als er gefasst und ins Gefängnis gesperrt wird, gestattet sich Dutilleul sogar regelmäßig Ausflüge ins naheliegende Café.

Die Geschichte hatte mich auch deshalb interessiert, weil ich als Kind oft dachte, in Wänden säßen eingeschlossene Menschen. Jetzt hatte ich meine Erklärung: das waren alles Leute, die geglaubt hatten, sie könnten immer wieder durch die Wände gehen, und die dann einmal doch darin stecken blieben. Sonne-Saturn glaubt schon mal, er höre Menschen in den Wänden rufen, liegt an seinem Partner Merkur-Pluto.

Wenn ich mich so umschaue, sind derzeit eine Menge Leute unterwegs, die sich – wie Sabine und Dutilleul – überschätzen oder zumindest die Lage falsch einschätzen. Wir sind umgeben von „Was du siehst, ist nicht das, was es ist“. Ich gehe weiter Adamo hören. Heute muss das sein.

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