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HERRSCHER VON 4 IN 8

IC Skorpion – Pluto in Widder

Die Empfindungswelt lebt von Vorstellungen bzw. von Erfahrungen der „Art“ und bindet sich an diese. Sie wird dieses Erbe in der Bindung an Außerpersönliches mit aller Intensität und in Übernahme energiereicher Bilder der Durchsetzung am Anderen fixieren.

Hier haben wir einen Verbund Schütze-Skorpion-Waage von Haus 5 ins 2. Haus hinein. Der an und für sich  in sich „ruhende“ Lebensausdruck und  -trieb, der sich selbstverständlich als bloßes DASEIN erschafft (Löwe) ist in Bewegung gebracht. Schütze ist dabei allerdings eine „Unruh“ im Lebensweltlichen. Vor dem Schützen steht im 5. Haus im Steinbock eine komplexe Ansammlung, die in den Schützen hineinwirkt und mit auf den Weg in den Vorkeimungszeitraum genommen wird. Der Seelenschütze also mit einer Vorgeschichte, die in der Venus in der Jungfrau „abgeholt“ werden muss (um dann im Werden im Erdenweg nochmals aufgerollt zu werden). Im Mittelzeichen des IC-Verbundes steht ein einziger Planet – Mars aus dem Widder an der Spitze zu Haus 9. Mehrmals ist also hier Mars-Pluto gegeben. Ein vielköpfiger Hund, der Zerberus, der am Eingang zur Unterwelt steht, und keinen Toten heraus- und keinen Lebenden hinauslässt. Vielleicht gehört hierhin die Schlange Cerberus rynchops (wo doch Neptun-Mars Naja tripudians ist), was mir allerdings zu konstruiert und zu sehr an der „Erscheinung“ denn an der Gestalt orientiert ist. Mars-Pluto in der Nähe vom IC, und Mars ohne Unterstützung ohne (mrl-relevante) Aspekte.

Zurück zu Jupiter, der als Herrscher von 5 in Haus 12 steht. Im vorangegangenen Leben war er die „letzte“ erreichte und zu Ereignis werdende Anlage, bevor es über den Löwen in die Erscheinung der Zwischenwelt ging. Jupiter in Löwe, Schütze in 5: ein Hunger nach Dasein, das man nicht hat. Im 5. Haus auch eine Schrecklähme in dem, was Ordnung und Gesetzmäßigkeit ist (Uranus-Neptun in Steinbock) – und das in Konjunktion zum auf-steigenden Mondknoten. Ich bin versucht zu sagen: es die „Lebensaufgabe“ des gewesenen Lebens, das im beginnenden Angst und Lähmung auslöst. Das sage ich auch in Anbetracht des Jupiters in 12, der nicht in der Gegenwart ist, noch nicht einmal im Ursprung zur Zeit. Auch er ist ohne Unterstützung auf sich allein gestellt. Auf 3° steht er auf einem Pluto-Jupiter-GSP: Er fügt Gefüge des Unfertigen, des Unvollständigen.

Die Waage läuft im 2. Haus auf die Jungfrau zu, sie tauschen ihre Herrscher aus: Ich gebe dir die Venus, sagt die Waage, und du mir den Merkur. Sie bilden auch eine Spiegelkonjunktion. Es gibt da eine Verwechslung. Wenn die Jungfrau die Waage-Venus empfängt, wird ihre „Beobachtungsfähigkeit“ von ihrem eigenen Seelischen abgelenkt und das Außerpersönliche hält Einzug ins Private. Wenn der Merkur aus der Jungfrau in die Waage wandert, beobachtet er das Außen, und wird im Öffentlichen sein seelisches „Gleichgewicht“ zum Lebensschutz suchen. Er stellt das Private in die Öffentlichkeit. Nun stehen beide im I. Quadranten – auf verschiedenen Seiten, die Venus bleibt zurück, an ihrer Statt wandert Merkur auf den Mars zu und beschreibt damit den Losgang: ein energiereicher und leitbildorientierter Angang in der Zeugung. Wieder wird Mars-Pluto passiert. Wie interessant wäre es, die Biographien von Menschen vom Moment ihrer Zeugung an erfassen zu können. In diesem Moment wird hier – vorausgesetzt die Zeit ist annährend die tatsächliche Geburtszeit – ein Leben begonnen, das der Nicht-Gegenwart mehr zugeneigt ist, als der Gegenwart. Ein Leben, das eine große Angst in sich birgt, und versuchen wird, dies im Quadrat Neptun-Uranus zu Pluto und Pluto wiederum in Opposition zu Merkur zum Erlebnis zu machen. Die Reinwaschung der Verdrängung – fällt mir da ein, und das wird öffentlich in Aussteuerung gebracht.

„Der zwanghafte Mensch strebt die Dauer an, möchte sich in dieser Welt häuslich niederlassen und die Zukunft planen. Sein Wunsch ist eine feste, verläßliche, Zukunft. So wie die Zentripetalkraft möchte er alles verdichten, auf das es sich nicht mehr bewegt, damit eine Stabilität gegeben ist. Seine Angst betrifft die Vergänglichkeit, das Irrationale und Unvorhergesehene. Alles Neue ist für ihn ein Wagnis und planen ins Ungewisse ist ihm ein Greuel. In seinem Erleben ist die Vergänglichkeit gleich einem Tod.“[1]

Biografie eines Unzeitgemäßen betitelte Wolfgang Johannes Bekh seine Recherche über Anton Bruckner – „unzeitgemäß“: Nicht in der Zeit, eine Vertauschung von Leben und Tod legen die Konstellationen nahe. Bei Pluto im Quadrat zu Neptun stellt sich grundsätzlich  – real und körperlich – die Frage nach der Ausscheidung. Wie gehe ich mit dem Ausscheiden um? Merkur aus der Jungfrau hat Bezug zum Darm, Pluto ist assoziiert mit dem, was über den Enddarm als EndProdukt in die „Gegenwart der Kloschlüssel“ gelangt. Kinder im Alter von 4-6 sind neugierig mit diesem „Ereignis“ der Ausscheidung befasst. Freud nannte es die anale Phase, aber die Freud’sche Psychologie greift zu kurz.

Der kleine, energiereich in Struktur geworfene und dort einschneidende Keimling Anton wird kurz nach seiner Empfängnis über den Schützen auf den Jupiter, der wiederum vor seiner Niederkunft auf 3° Skorpion alias Pluto-Jupiter-GSP angetroffen wird, ins 12. Haus verfrachtet. Die Fügung und die Anschauung des Lebens im Namenlosen (mit dem großen vorgeburtlichen Schrecken und Grauen) wird über den Löwen in seiner Sonne Erscheinung einer Selbstdurchsetzung im Angesicht des Herrn – Saturn im Quadrat zu Sonne aus dem grauenträchtigen Steinbock in Haus 5 wird lebensbestimmend.

„Anton Bruckner hatte, um es vorsichtig auszudrücken, merkwürdige Ange-wohnheiten. Manchmal musste er plötzlich dringend zurück in die Wohnung, die er gerade verlassen hatte – nur um zu kontrollieren, ob alles noch am gleichen Ort stand. Ununterbrochen war er am Zählen: Treppenstufen, Blätter, die Perlen am Kleid einer Frau. Seine besondere Leidenschaft waren Sensationen und spektakuläre Unglücksfälle. Bruckner verschlang die vermischten Nachrichten in den Zeitungen, las gierig alles über Polarexpeditionen, Kriminalfälle und Hinrichtungen. Besonders Kerker hatten es ihm angetan. Wenn er eine Burg besichtigte, kroch er in finstere Verliese, ja er ließ sich sogar dort einsperren, um die Qualen der Gefangenen nachzufühlen. Einmal blieb er volle fünf Minuten einsam in einer moderigen Folterkammer ohne Licht. Als er wieder herauskam, sagte Bruckner, ein tiefgläubiger Katholik, feierlich das lateinische Wort „resurrexit“ – er ist auferstanden!“[2]

Daraus erhören wir Merkur-Pluto, den Zwanghaften, und auch den Jupiter im 12. Haus, der den Pluto aus Haus 4 mitträgt. Bruckners Horoskop trägt dieses Sterben und Wiederauferstehen in sich – er ist im Kreislauf gefangen, kann sich nicht erlösen, auch wenn er es mit seiner Musik versucht. Bruckner hatte die Grenze zum Irrsinn wiederholt und nicht nur in den letzten Lebensjahren beträchtlich überschritten, wie auch sein Umfeld im bestürzenden Maße von Irrsinn und Geisteskrankheit betroffen war: Schon seine Mutter zeigte Anzeichen religiösen Wahns, sein Bruder Ignaz wird vielfach als debil bezeichnet, seine Freunde und Weggefährten Ignaz Dorn und Hugo Wolf sowie seine Haushälterin Kathi Kachelmayer endeten in Irrenanstalten, sein Lieblingsschüler, der begabte Hans Rott, starb in geistiger Umnachtung. Mit dem Wassermann am DC und in Haus 6, der Neptun-Uranus-Konjunktion als Lebensaufgabe – ist eine Affinität zu Schrecken und Grauen gegeben.

Interessant wäre, etwas im Zwischenleben zu finden, zwischen den „Generationen“ an Leben. Die wichtige musische, bzw. musikalische Begabungslinie scheint über den Lehrerstand einzufließen: Über Vater Anton Bruckner und über dessen Großvater mütterlicherseits Sebastian Kletzer, der aus Höritz im Böhmerwald[3] stammt. Bruckners Großvater Joseph Bruckner hatte nicht etwa – wie angenommen – zwei Taufpaten, sondern eine Zwillingsschwester Katharina, deren Patin Magdalena (geborene) Piringer war. Josef Gruebbaur war der Pate vom Jungen Joseph. Zwillingsgeburt – das bringt auf eine Spur.[4] Mehrfach habe ich über Zwillingsgeburten geschrieben, u.a. über Elvis Presley, dessen Zwilling tot geboren wurde. Bei Bruckner könnte ein früher Schrecken und ein Erstarren vorm Grauen im 5. Haus mit der Erfahrung des Sterbens im Entstehen auf den Tod eines eventuellen Zwillings hinweisen.

Bei Beyoncé Knowles (geboren wie Anton Bruckner am 4.9.) – s.u. – liegt eine Spitze des 5. Hauses im Wassermann vor, sowohl bei John F. Kennedy (zusätzlich noch Uranus dabei) als auch bei Bill Clinton ebenso ein Wassermann im 5. Haus. Jetzt kommt der sog. Kain-Komplex ins Spiel: ein unbewusstes seelisches Erbe, das viele von uns ein Leben lang belastet. Der Geschwisterverlust im Mutterleib betrifft mehr Menschen, als man bisher glaubte. Man nennt es das „Trauma des vorgeburtlichen Geschwisterverlustes“.

Ein Wassermann in Haus 5 – nun ist Uranus immer ein Spalter, eben nicht unbedingt einer, der eine Brücke baut. Er polarisiert. Da will mir einfallen: „Es kann nur einen geben!“ und: „Wer will schon für immer leben?“

“From the Dawn of Time we came, moving silently down through the centuries, living many secret lives, struggling to reach the Time of the Gathering, when the few who remain will battle to the last. No one has ever known we were among you, until now.”

„Wir kamen aus der Dämmerung der Zeit und wanderten unerkannt durch die Jahrhunderte. Verborgen vor den Augen der Welt, kämpften und trachteten wir danach, die Zeit der Zusammenkunft zu erreichen. Wenn diejenigen, die dann übrig geblieben sind, den Kampf bis zum letzten Mann austragen werden. Ihr wusstet nicht, dass wir unter euch weilten – bis heute.“

Beyonce Knowles Elvis Presley
Bill Clinton John F. Kennedy

Während meiner Ausbildung in Klassischer Homöopathie bekam ich durch die Bekanntschaft mit mehreren Mitstudenten die Gelegenheit, viele Horoskope und Lebensläufe von Heilpraktikern zu sammeln. Deutlich erinnerlich ist mir die Tochter meiner Platznachbarin im Unterrichtsraum, ein Mädchen von damals 17 Jahren und auf dem Höhepunkt der Abiturphase. Sie erzählte von schrecklichen Träumen, die weder sie sich noch ihre Mutter ihr erklären konnten. Es waren Bilder u.a. von Internierungen, aufeinander zulaufenden Wänden, Feuerwalzen, schreienden Menschen… Zusammengefasst: Die Mutter deutete die Träume in Hinblick auf eine Schuld, die Vorfahren übernommen hatten, als sie im Krieg bzw. im Dritten Reich jüdische Nachbarn denunziert und an die Konzentrationslager ausgeliefert hatten. Das fand ich zu kurz gegriffen – und auch zu billig. Es machte in den späten 1990ern in bestimmten Kreisen die „Schuldfrage“ und die „Sühne des Verbrechens an den Juden“ einen „guten“ Menschen aus, es war nahezu „chic“, jemanden in der Familie zu haben, der die Schuld in Form eines Kainsmals auf sich nahm. Die Mutter ging in der Aufgabe, ihre Tochter von der Unschuld an den Verbrechen zu überzeugen, völlig auf und besuchte mit dem Mädchen alle möglichen Heiler. Ihr kam bei der Fürsorge für die Tochter eine zentrale Rolle zu. Die Tochter hatte eine Waage-Sonne mit einem Waage-AC und einem IC im Steinbock, die Mutter eine Sonne im Steinbock (in Haus 5) in Konjunktion zu Mars bei einem Löwe-AC und dem Pluto darauf (Saturn in 12 in Konjunktion). Wir haben lange Gespräche über sie selbst geführt, in denen ich (nicht bei ihr durchdringend), darauf hinwies, dass die Probleme der Tochter auch mit dem Ungelösten im Leben ihrer Mutter zu tun haben. Sonnen-Verbund und IC-Verbund sind hier nicht identisch. Die Sonne steht zwar in Haus 5, aber unter der Regie (im Phänomensrhythmus) des Schützen, womit Jupiter im Skorpion im Rahmen der Waage bei einer Venus im Skorpion für die Anschauung und Vereinheitlichung der Bilder der seelischen Programme zuständig ist.

Eine Mars-Sonne im Haus der Kinder geht daraus hervor: Zur Zeit der Geburt drängt dem Verband bzw. der Familie eine Schwäche bzw. eine Unvollkommenheit ins Bewusstsein und will dort „erlöst“ werden. Diese Erlösung wird versagt, das Kind trägt stattdessen nun das Fanal des Ungesagten, dessen, was fehlt, es wird zum Ankläger. Als solchem wird ihm die Zugehörigkeit im Verband verweigert, es wird folglich ausgeschlossen. Da es jedoch hilflos ist, ist das Kind dem Verband zum Überleben ausgeliefert und gezwungen, in diesem Verband zu bleiben, in dem es die Unwahrheit riecht und aufdecken muss. Fortan richtet es die Zerstörung des Falschen auf sich selbst, gegen das eigene Leben. Es sucht die Selbstbestrafung wegen der falschen Zugehörigkeit in Autoaggression. Ein Quadrat Sonne-Neptun hat diese Frau außerdem, Neptun steht in Haus 3 als Herrscher von 8 und 9.

Herrscher von 8 in 3: Selbstdarstellung und Repräsentation mit den Mitteln leitbildhafter Vorstellungsgebundenheit. Man benötigt die Bindung an den Partner und an Bilder, um sich selbst darstellen zu können.

Herrscher von 9 in 3: Selbstdarstellung und Repräsentation mit den Mitteln der Einsicht in außerpersönliche Belange und Bereiche. Durch die Einsichtsfähigkeit stellt man sich dar: und repräsentiert das Verständnis für andere.

Neptun ist der Wahrheit verpflichtet, oder der Täuschung verfallen bzw. der Selbsttäuschung.

Das Kind findet sich bei der Geburt in einem Verband wieder, in dem seine Eigenarten und seine Fähigkeiten in anderer Person bereits „an der Macht“ sind. Daher wird es in eine Rollenkonkurrenzsituation hineingeboren, die in dem Moment lebensgefährlich wird, in dem das Kind versucht, seine eigene Identität zu leben. Dies wird spätestens in der Pubertät akut werden. Um das Überleben zu sichern, muss nun dieses Kind seine Verhaltensimpulse und Eigenarten betäuben bzw. tarnen, d.h. es wird beginnen, sich selbst zu verleugnen.

Damit geht eine ständig sich wiederholende Unterwerfung unter fremde Identitäten einher, bzw. das Kind sucht Rollen auf, um dort Identität zu finden und in ihnen aufzuscheinen. Das sind dann Rollen, die die Gesellschaft bereithält. Im Fall dieser Frau waren es die Rollen der Zahnarztfrau, die der Heilerin… Gleichzeitig damit verbraucht sich das eigene Wesentliche. Sonne-Neptun glaubt so, der Angst vor der Herausforderung durch den Konkurrenten zu entgehen. Neptun in 3 wird – so die Person sich nicht erkennt – zu Unsichtbarkeit, zu aufgelöster Selbstdarstellung führen: Es gibt keine Begegnung im Realen.

Die Angst sitzt tief; es handelt sich um die Gattungserinnerung, ausgestoßen zu werden, den Schutz des Verbandes zu verlieren, sobald man sich selbst lebt. Folge ist, dass immer dann Lebensangst entsteht, wenn der Trieb, sein Eigenes zu leben, hochsteigt. Dieser Trieb wird durch verschiedene Rauschmittel unten gehalten. Mangelndes Selbstgefühl und die Tendenz, sich selbst ausschalten zu sollen, tauchen auf. Man sucht nachgerade das Prinzip der Selbstbestrafung und –verhinderung, hat geradezu eine Affinität zu Partnerschaften, in denen das Unterlegensein bereits inbegriffen ist. Eine unauffällige Bescheidenheit steht hier im Vordergrund, man wagt nicht, „Königin“ zu sein (Aschenputtel-Effekt), wird von Schuldgefühlen geplagt, sobald man die Freundlichkeit der Unterwerfungspose verlässt.

Das sind nur zwei der komplexen Konstellationen, die von der Mutter zu lösen sind. All jenes, das sie nicht löst, gibt sie an ihre Kinder weiter. Grundsätzlich gilt: Was ich in meinem Leben nicht in entsprechenden Ereignissen auflöse, wird zu einer „Schuld“, zum Nicht-Erlebten, das ich ausgelassen habe, und bedarf eines Ablasses – die Geschichte mit dem Holocaust und den Großeltern bietet sich da an. Pluto auf dem Aszendenten im Löwen erzählt ebenfalls von der „Überlagerung“ des eigenen Lebens.  – Die Seminare waren voll mit Hausfrauen und Frauen, die ihrem abgesicherten Käfig entkommen wollten, indem sie andere Menschen heilen zu sollen glaubten.[5]

Was ich sagen will: ich habe gegen eine Wand gesprochen, die Konstellationen gedeutet, aber beide haben mir nicht die „ganze“ Geschichte erzählt. Das ist sehr häufig vorgekommen – es zieht sich durch all die Jahre durch, in denen ich mit „Hilfesuchenden“ ihre Pakete durchgegangen bin. Worauf ich noch hinaus will: schon damals hatte ich bei der Tochter die Ahnung, dass hier ganz anderes anstand. Herr Döbereiner schrieb über und deutete Horoskope von Eltern und ihren Kindern, und zeigte darin wie die Kinder nicht die Taten der Vorvorderen, sondern ihre Versäumnisse (insbesondere die nicht verlassene Fremdbestimmung) als „Morgengabe“ zu sühnen hatten. Saturn-Pluto ist Kennzeichnen eines Stockholm-Syndroms[6]: Die Geisel identifiziert sich in einer extremen Situation (in einer subtilen Gehirnwäsche und gleichzeitig einer Verhaltensanpassung zum Zwecke des Überlebens) mit dem Geiselnehmer.

Jahre später rief mich ein Mann an, den es so dermaßen umtrieb, dass er meinte, jemanden umbringen zu müssen. Aszendent Waage, Steinbock am IC. Alles, womit er sich beschäftigt hatte, erbrachte keine Lösung, mittlerweile war er einem Trauma (es lief ebenfalls wieder auf den Holocaust hinaus) auf der Spur – und hier habe ich jetzt den Bogen gezogen: Eventuell haben wir es bei dem Mädchen wie auch dem Klienten mit einem traumatischen intrauterinen Erlebnis zu tun. Weder von der Mutter noch vom Klienten und von vielen anderen unerklärlich traumatisierten Frauen und Männern, die bei mir Antworten suchten, kam ein Hinweis auf die Idee einer eventuellen Zwillingskeimung, bei der denn einer der beiden, oder vielleicht sogar mehrere Embryonen bald nach der Zeugung „starben“ oder (bei einem Abtreibungsvorgang) umgebracht wurden, und der letzte verbliebene, überlebende Embryo den Tod mitansehen musste. Der Fluch des Überlebenden ist ein verkannter Fluch, den man allgemein auch heute noch nicht auf „dem Schirm“ hat – was wissen wir schon, was da im Entstehen alles möglich ist.

Der Kain-Komplex bzw. der verstorbene Zwilling[7]: Embryologische Studien mit Untersuchungen des Zellmaterials von Plazenten ergaben, dass vermutlich in über 70% der Schwangerschaften zunächst Mehrlinge angelegt sind. Mehrlingsschwangerschaften sind also offenbar die Regel, nicht die Ausnahme; viele der angelegten Mehrlinge aber sterben, von den Eltern unbemerkt, schon in den ersten Schwangerschaftswochen, andere auch erst recht spät oder unter der Geburt. Was das mit den Kindern macht, die erst mit einem Zwilling oder sogar mehreren „heranwachsen“ und ihnen dann beim Sterben zusehen müssen – was ein traumatisches Erlebnis für das Ungeborene ist – führte u.a. zu der Annahme, dass das überlebende Kind mit unerklärlichen Schuldgefühlen zu kämpfen hat[8]. Es ist, als würde der Überlebende sich eine Schuld aus diesem Vorfall des Versterbens seines Zwillings geben und zu sich selbst sagen: ,,Du Bruder, Schwester, musstest sterben und ich darf leben. Ich verspreche dir dafür, dass ich nicht glücklich werde.“ Diese Schuld des Ausgleichs, für die der Überlebende aus Liebe und magischem Vollzug Schuld und Sühne auf sich nimmt, wirkt. Da niemand für das Schicksal eines anderen verantwortlich ist – auch nicht im Mutterleib – handelt es sich um eine aus Gewissensgrund übernommene Schuld. Die Anmaßung (Mayer) dabei sei: lch stelle mich auf die Stufe von Schicksal oder Gott. Gleichwohl wirkt diese angemaßte Schuld wie eine echte Schuld. Die systemischen Folgen von verstorbenen Geschwistern im Mutterleib – bei mehr als 50% der Geborenen auftretend – können sich in Form beruflicher Erfolglosigkeit, in Schwierigkeiten bei der Partnerbindung oder in Beziehungskonflikten niederschlagen. Aus der Toderfahrung aus nächster Nähe – kurze Zeit nach dem Eintritt ins Leben (bei meiner Betrachtung ist das alles eine Frage des IC, seiner Richtung und seiner „Besetzung“ bis zum Deszendenten) – resultieren nach der gemeinsamen Erfahrung des Einsseins für das weitere Leben z.B. Zustände und Prozesse wie Vermeidung von zu großer Nähe (die wird mit dem späteren Tod assoziiert), wie die permanente Suche nach dem ekstatischen Zustand mit einem Partner, wie die Zerstörung der Partnerschaft nach einiger Zeit des Zusammenseins (also die Einhaltung des Unglücks-Versprechens), und vor allem der Ausdruck eines Nicht-voll-Eingehen-Wollens des Lebens. Der geborene, überlebende Zwilling ist hier und doch nicht hier.

Bleibt noch genauer zu erklären, warum hier von einem Kain-Komplex die Rede ist. Stichwort ist der Brudermord von Kain an Abel, woraufhin Kain zum Stammvater des Menschengeschlechtes wurde (aber mit einer Schuld leben musste). Im Mutterleib, diesem paradiesischen Innenmeer, wachsen vielleicht Zwillinge heran, von denen einer stirbt, und der andere aus dem Paradies vertrieben wird. Norbert J. Mayer nimmt dieses „Modell“ als Bild in den Titel auf und assoziiert die Schuld des einen mit der des anderen.

 

[1]  Stangl, W., 2018: Grundformen der Angst.

[2] WAS HEUTE GESCHAH – 23. JUNI 1888 BEETHOVEN WIRD EXHUMIERT – BRUCKNER IST DABEI, von  Bernhard Neuhoff auf br Klassik, am 23.06.2021

[3] Bekannter Passionsspielort (1816 Leiden-Christi-Spiel des Leinwebers Paul Gröllhiesel, das auf eine schon länger zurückreichende Tradition blicken kann).

[4] Heinz Schöny, 1963: Neues zu Anton Bruckners Vorfahren. – Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines – 108: 251 – 255.

[5] Vor zweiundzwanzig Jahren habe ich das nicht so durchschaut, wie ich es jetzt vielleicht durchschaue. Immerhin habe ich den „Verein“ schnell wieder verlassen und mich nicht zur „Erklärungsastrologin“ machen lassen.

[6] Sehr bekanntes Beispiel ist die Geschichte von Patricia Hearst und ihrer Entführung. Geboren mit einer Sonne in der Nähe von GSP Saturn-Neptun auf 2° Fische bei einem Jungfrau-AC, dem IC im Schützen und einem Pluto in 12. Ihr Saturn im Skorpion in Haus 3 ist legendär und zweiter Pate der Bezeichnung. Hearst wurde 1974 von der linksradikalen Symbionese Liberation Army (SLA) entführt und schloss sich der SLA an, sie wurde nach ihrer Verhaftung (1976) zunächst zu einer Gefängnisstrafe von 35 Jahren wegen Bankraubs verurteilt.

[7] Norbert J. Mayer, 1998: Neue Wege Systemischer Familientherapie. Und NJ Mayer, 1989: Die angemaßte Schuld.

[8] Verstorbene Geschwister können sich auch in Dermoidzysten, in Phaochromozytomen und Theratomen abkapseln. Diese Geschwulste enthalten embryonales Gewebe – man könnte sagen, der Überlebende hat sich sein Geschwister einverleibt. Verstirbt ein Zwilling im zweiten Drittel der Schwangerschaft, entsteht ein Foetus Papyraceus, er mumifiziert und wird später mit der Nachgeburt geboren. Ein im Mutterleib anwesender verstorbener Fötus kann für den Überlebenden zu einem Schockerlebnis führen. Der Foetus Papyraceus soll dabei so ähnlich aussehen wie ein verbranntes Baby. – holókaustus – völlig verbrannt.

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