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ZWISCHENZEITLICH XXV

Bei der Durchsicht alter Notizen (eine Zeitreise durch die eigene Entwicklung) eine damals aufgeschriebene Antwort des I Ging gefunden.

„Abwarten. Nichts hoffen, nichts vermuten, nichts befürchten. Nur Abwarten. Obwohl es sich um dein Problem handelt, ist der Ursprung des Problems in jeder Hinsicht auf die Handlungsweisen anderer zurückzuführen.“ (Hexagramm 5 = Warten)

Heute morgen besinne ich mich auf diese Zeit. Sie gehörte zu einer meiner längsten und tiefsten Krisen. Aber darum geht es nicht. Mein Gedanke gilt anderem: die meisten Menschen kommen ohne einen Gott nicht klar. Den wenigsten gelingt es, ihr Leben ohne den monotheistischen Gott in einem Halt in sich selbst UND etwas Größerem zu finden. Die christliche Religion ist nicht einend, sie ist ein Entweder-Oder. Sie hat eine Weile „getragen“ – und das nicht grundsätzlich zum Bersten in dieser Welt -, geht aber nun in die Sackgasse. Der Gott der Monotheisten ist ein Konstrukt zur Rechtfertigung eines kleinen Zeitausschnitts in der Menschleingeschichte. Warum Christen sich abwenden, hat nur äußerlich mit der Kirchensteuer, den Zerfallserscheinungen seiner Kleriker (die bereits auch Symptom sind) oder anderen Verfehlungen (Prunksucht, Verlogenheit) zu tun. Sie wenden sich ab, weil dieser Glaube sich abgenutzt hat. Der Gott der dritten monotheistischen Religion ist noch stark – er hat ein dickes Buch an Verhaltensregeln mitgegeben, an die sich zu halten ist. Da frage ich mich: Brauchen denn Menschen diese Regeln, die ihren Tag bis ins Kleinste strukturieren? Regeln, die festlegen, wann und was sie essen dürfen, was sie anziehen sollen und wann sie beten? Die Antwort ist ja. Wer sich nicht auf seine ihm eigene Struktur besinnt, braucht das Gerüst von außen. Er braucht Werte und Moral, die man ihm vorgibt, damit er gehorchen kann und dient. Auch die, die jetzt keinem Gott mehr dienen, und dem christlichen Gott den Rücken gekehrt haben, suchen eine Struktur und finden sie nicht. Wenige nur – ich wiederhole mich – können ohne ein sinnstiftendes Gerüst ihr Tagwerk tun.
Da sitzt kein Gott im Himmel, aber es gibt den Himmel.

„Die Pflege der Kuh
Die Erkenntnis der eigenen Abhängigkeit bringt Klarheit ohne Schärfe und man findet den Platz in der Welt. Lehnt man die Bedingtheit ab, und wird hochmütig, verlässt man das Maß. In der eigenen Bedingtheit setzt man das Werk der Natur in der Menschenwelt fort.“ (sinngemäß Hexagramm 30 = Das Haftende).

Und wenn auch jeder nach dem „Sinn des Lebens“ (seines Lebens speziell) fragt, so könnte es vielleicht doch eher die Frage nach dem Sinn und Leben der Welt sein, die die Fragen der Zeit beantwortet.