Home » LESESTOFF » ZWISCHENZEITLICH XXVI

ZWISCHENZEITLICH XXVI

„Alles bringt sein Mißverständnis mit sich.“
 
Beim Werk De Revolutionibus von Kopernikus besteht das Mißverständnis darin, daß die der Astronomie Unkundigen (die es nicht nach seinem Inhalt, sondern nach ihren falschen Verständnis davon auffassen) glauben, dieses Buch dürfe man nur lesen, wenn zuvor daraus die Bewegung der Erde beseitigt wurde; und das heißt soviel wie, das Buch dürfe nicht gelesen werden, wenn man es nicht zuvor dem Feuer übergeben hat…“
Johannes Kepler
 
Dem Leser mitgegeben
 
Einem Leser kann man keine Vorschriften machen, wie er ein Buch zu lesen hat. Ich tue es dennoch und rate Ihnen: Nehmen Sie sich Zeit beim Lesen. Ich empfehle auch allen Lesern, die Anhänge (es gibt hier und da Fußnoten) zum Schluss zu lesen, und – wenn Sie weitere Informationen brauchen – in den entsprechenden Büchern aus der Literaturliste zu stöbern. Während ich an der Geschichte schrieb, wurde eine Wirklichkeit real: Unsere Welt beschleunigte ihre Auflösung. Ich könnte stolz sein, dies aus den Büchern herausgezogen, hochphantasiert (nicht gerechnet) und einige Einzelschicksale dazu beschrieben zu haben. Stolz bin ich insofern, als ich einige Erkenntnisse der Menschheit habe ein“bauen“ können – mit der Zuversicht, dass sie in Büchern (nicht zuletzt in diesem) überleben.
 
Karin Afshar
Frankfurt, im November 2015
Bevor ich dumm wurde, wusste ich, verschiedene Quellen zu nutzen und sie zusammenzufassen, z.B. in einem Anhang für den zweiten Almani:
Anhang 12 – Der einzelne Mensch ist ein Superorganismus, mehr: Er ist nicht einfach ein Organismus, sondern ein ziemlich komplex aufgebauter und im Normalfall gut funktionierender Organismus. Ich könnte auch das Wort „System“ verwenden. Er besteht aus etwa 10 hoch 12 Zellen (10 x 10 x 10 x 10…etc) Zellen, ist besiedelt von 10 hoch 14 Bakterien und nochmals 100-mal mehr Viren.
Ein Mensch ist wie ein Abbild der Erde, auf der er selbst wiederum lebt: er ist die Basis für andere Lebewesen, die er am Leben erhält und die ihn am Leben erhalten. Wenn komplexe Lebewesen sich fortpflanzen geben sie ihr Erbgut an die Nachkommen weiter. Das reine „Menschen“-Genom wird ergänzt durch das 150fache an zusätzlichem Erbgut von ihn besiedelnden Mikroorganismen. Man kann sagen, dass die Bakterien das zweite Genom und die Viren das dritte Genom des Menschen sind.
Bakterien und Viren gibt es seit 3,5 Milliarden Jahren. Die größte Menge an Biomasse auf der Erde wird von der mikrobakteriellen Welt in den Ozeanen bestritten – 98 % des Gewichts machen die Viren aus. Die Viren sind die Weltmeister im Antreiben der Nahrungskette. – Denn sie steigern die Wachstumsrate anderer Meeresorganismen. Viren sind nicht die Krankmacher, als die die Menschen sie fürchten.
Es gibt sehr viel mehr Mikroorganismen als Menschen. Viren und Bakterien besiedeln den Darm der Menschen … man könnte sagen, dass die Bakterien bestimmen, wohin seine Beine einen Menschen tragen, damit er dort die Nahrung findet, die sie wiederum ernähren.
Die Darmflora der Menschen ist erstaunlich stabil: 95 Prozent von etwa 1000 Virustypen bleiben darin über ein Jahr lang unverändert. Dieses Mikrobiom reicht, um einen Menschen zu identifizieren. Jeder Mensch hat seine ganz spezifische Darmflora. Man könnte sich in Al Laiwu den Chip sparen: es könnte Herrn Bings Arbeit sein, wenn er nur die aus den Haushalten eingesammelten Fäkalien auf diese Flora untersuchen könnte.
Bakterien wie Viren sind daran interessiert, dass es ihrem Wirt gut geht. Er ernährt sie und sie ernähren ihn, indem sie die Nahrungsmittel so aufschließen, dass er ebenfalls davon einen Nutzen hat.
Bakterien siedeln nicht nur im Darm des Menschen, sondern auch auf der Außenfläche seiner Haut. Das ist Manuels Innenhand (s.u.) und an ihr habe ich aufgezeigt, wie viele verschiedene Bakterien auf seiner Haut siedeln und sich vermehren. Bakterien vermehren sich übrigens autonom:
 
Bakterien verursachen nicht zwangsläufig Krankheiten. Sie sind überall, man kann sie gar nicht wegdenken aus dem Leben auf der Erde. Menschen leben mit ihnen normalerweise in Koexistenz.
Und wenn ich es so ganz genau von den Zahlen aus betrachte, ist der Mensch der Eindringling in die Welt der Mikroorganismen.
Viren waren seit Anbeginn des Lebens auf der Erde dabei; mit keiner Pipette der Welt hätte man sie so weltweit ausbreiten können, wie sie vorkommen, nämlich bei jeder – wirklich jeder – Lebensform.
Es gibt 10 hoch 30 Viren im Meer, sie verändern sich schnell, so dass man einige erfassen kann, andere nicht. Viren sind Parasiten und deshalb unselbständig; sie brauchen Bakterien oder andere Zellen, in die sie sich zu ihrer Vermehrung einnisten.
Es sind vom Jahr 2075 aus gerechnet knapp 155 Jahre vergangen, seitdem die Menschen Viren und Bakterien voneinander unterscheiden konnten. Viren – so fanden sie mit Schrecken heraus – können wie Bakterien Krankheiten verursachen (müssen aber auch wie jene, dies nicht zwangsläufig). Antibiotika, die die Menschen als Mittel gegen Bakterieninfektionskrankheiten fanden, richten gegen Viren nichts aus.
Manche Viren bestehen lediglich aus Nukleinsäuren ohne Proteine oder, umgekehrt, nur aus Proteinen ohne Nukleinsäuren. Es gibt auch Viren ohne eigenes Erbgut. Einige Pflanzenviren verlassen ihre Zelle nie, und endogene Viren verlassen nie das Erbgut der Zelle. Solche Exoten sind die interessantesten, denn sie verraten viel über die Evolution. Viren benötigen zwar Energie, aber nicht notwendigerweise aus einer Zelle, es kann auch chemische Energie sein, die in chemischen Reaktionen freigesetzt wird.
Viren brauchen eine Nische, damit ihre Bestandteile beieinanderbleiben. Sie können Gene aufnehmen, abgeben, verändern, übertragen, neu zusammensetzen und sich durch ungenaue Vervielfältigung verändern. Das führt zur Innovation im Genom des Virus wie auch des Wirts.
Etwa am Anfang ihres 21. Jahrhunderts entdeckten die Menschen, wie sie ihr Erbgut durchsequenzieren können. Sie vergaben vier Buchstaben (A, T, G und C) seitenweise ohne Lücken, ohne Punkt, Komma oder Absätze – und nannten sie „das Alphabet des Lebens“. Was die Buchstaben bedeuten, haben sie nicht mehr vollständig entschlüsselt … Viren enthalten Gene – die Menschen haben derer 22.000 – und sie müssen 3,2 Milliarden Buchstaben im Erbgut zugeordnet werden. Viren wie das HIV haben etwa 10 Gene, Phagen 70, Bakterien 3.000 und eine Banane 32.000!
Ein Virus vermehrt sich nicht von allein; seine Umgebung ist dabei so essentiell wie bei einem Apfel. Das Wichtigste an der Umgebung ist die Zufuhr von Energie. Ein Virus kann sich nicht teilen ohne Energiequelle – jedoch muss diese nicht notwendigerweise von einer Zelle geliefert werden, das Milieu kann ausreichen, eine Nische, eine Pfütze. (Andererseits gibt es sogar Viren, die Kristalle bilden können, und die kristalline Welt zählt an und für sich zur toten Welt.) Immer geht es Viren um Vermehrung und Nachkommen – nicht um das Töten.
Phagen sind Viren von Bakterien, d.h. Viren nehmen sich einen Wirt. Man nennt sie auch Bakteriophagen, es sind keine Bakterienfresser, sie lösen die Bakterien allerdings auf und können sie somit töten. Mit Phagen kann man also Bakterien bekämpfen, und Infizierte retten. Sind zu viele Bakterien an einem Ort, und es entsteht Stress unter ihnen, werden die Phagen aktiviert und lösen sie auf. Das Verhältnis der Phagen zu Bakterien beträgt 100 bis zu 225 zu 1.
Phagen töten übrigens diejenigen Bakterien, die sich bis jetzt am besten durchgesetzt haben, „kill the winner“ ist die erfolgreichste Strategie, die es jemals gab. Phagen sind die Spezialisten der Populationsdynamik.
Damit ihr es bildlich vorstellen könnt: Ein Schluck Wasser aus dem Meer in der Nähe von Braunschweig enthält 108 bis 109 solcher Phagen. Auch sie machen nicht zwangsläufig krank.
 
So, was ist nun los mit diesem Super-Corona-Virus im Jahr 2020? Oder besser gefragt: Was ist los mit den Immunsystemen der Menschen? Sind die etwa einem neuen Rassismus bzw. dem Zwang zur Überhygiene anheim gefallen? In der Tat ist mehr zu verstehen als uns die Staatsexperten und auch  sich selbst so ausweisenden Querdenker (Bist du in der Box, bringt es nichts, in der Box querzudenken – du musst rausdenken! Und damit auch aus der Box heraustreten.) erzählen. Die Geschichte vom Almani und auch seiner Fortsetzung handelt in erster Linie genau vom Ersten und Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Der Erste Satz besagt, daß die Energie eines Systems ohne Einwirkung von außen konstant bleibt. Der zweite Satz (ich kürze ein wenig ab, bitte weiter nachlesen!), definiert irreversible Prozesse: Denn ein Prozess, bei dem die Entropie zunimmt, ist möglich, der Rückwärtsprozess jedoch nicht. Es geht um offene und geschlossene Systeme und die Zuführung von Energie, und wo sie bleibt.
 
QUELLEN:
 
Alan Weismann, «Die Welt ohne uns», 2007
Bernd Herrmann (Hrsg.), «Mensch und Umwelt im Mittelalter», 1996
Eugène Marais, «Die Seele der weissen Ameise» , 1952
Francis Godwin, «Der fliegende Wandersmann nach dem Monde», 1659, Wolfenbüttel
Friedrich Cornelius, «Geschichte der Hethiter», 1992
Gwynne Dyer, «Schlachtfeld Erde: Klimakriege im 21. Jahrhundert», 2010
Jared Diamond, «Kollaps», 2005
Johannes Kepler, «Somnium»
Karin Mölling, «Supermacht des Lebens», 2010
Robert M. Hazen, «Die Evolution der Minerale», in: Spektrum der Wissenschaft, August 2010
Ruben Stelzner, «Der goldene Schnitt – Das Mysterium der Schönheit», 2003
Stanislav Lem, «Solaris», 1961
Theodor Storm, «Der Kleine Häwelmann», Ausgabe 2002