Home » LESESTOFF » ZWISCHENZEITLICH XVI

ZWISCHENZEITLICH XVI

Warten auf das Glück

Das kleine Glück kommt mit Paukenschlag.
Schnell wie ein Überfall.
Das große auf leisen Sohlen.
So langsam, daß man es
nicht bemerkt,
wenn es schließlich da ist.

Die meisten Menschen warten auf das kleine Glück,
spähen in der Welt herum,
halten Ausschau nach seinen bunten, lauten Anzeichen,
sind magisch angezogen
von seinem marktschreierischen Gehabe.

Wenige Menschen erkennen das große Glück.
Es ist alltäglich,
es ist selbstverständlich.
Langweilig.
Sie haben ihre Antennen für es weggeworfen.

Das kleine Glück ist immer groß.
Darum lieben es die Menschen so sehr.
Der großen Wende im Leben,
dem Erdrutsch, der das Leben farbiger machen soll,
gilt ihr Warten und Hoffen.

Das große Glück ist immer klein.
Die Hand eines Kindes in meiner Hand,
das Lächeln eines Unbekannten,
die wortlose Umarmung der Frau an meiner Seite
– seit 40 Jahren,
ein Blumenstrauß und eine Karte von irgendwoher.

Das kleine Glück wird groß gejubelt:
seht her, was wir haben!
Ja, Haben ist das Zuhause des kleinen Glücks.
Das große Glück wird kleingeknüppelt:
ach, du hast eben Glück gehabt…

Nein, nicht Glück gehabt, sondern Glück geschaffen.
Sein ist die Eigenart des großen Glücks.
Es ist in jahrelanger Arbeit entstanden,
wie ein Edelstein,
der geschliffen werden muß,
um seine ganze Schönheit zeigen zu können.

Es ist entstanden
durch das Zurückschneiden von
Trieben an der stolzen Rose,
schmerzhaft und doch notwendig.

Es muß gepflegt und gehegt werden,
immerfort, nimmermüde,
wenn es wachsen soll.
Wer glaubt, es fiele in den Schoß,
hat noch nichts begriffen.

Der soll auf das kleine Glück warten,
darauf, daß zufällig ein Stück davon
ausgerechnet über ihm vom Himmel fällt.

Vor lauter Warten auf das kleine Glück
versäumt er, die notwendigen
Schritte für das andere zu tun.

Arme Narren,
die dem kleinen Glück entgegenhoffen
und das große dabei verspielen.

(c) Karin Afshar 2006