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ZWISCHENZEITLICH XIII

Einmal Unterwelt und zurück

 

An der Pforte empfangen sie mich –

die Wächter der Vergangenheit.

Wir kennen dich – rufen sie –

Du warst schon hier.

Wie lautet dein Stichwort?

WUT.

Nein, das ist es nicht.

ANGST.

Schon näher. Noch nicht ganz.

Sie lassen mich stehen.

Tun gelangweilt – auf meine Kosten.

Zurück will ich indes nicht.

Ich habe etwas zu klären!

Nicht zurück ohne es noch einmal gespürt zu haben…

Doch ich habe mein Stichwort vergessen.

OHNMACHT.

Sie sehen sich mitleidvoll an – und rücken dichter zusammen.

Hinter ihnen glimmt die Vergangenheit wie

zähe, behäbige Lava.

Ich habe doch Wut, Angst und ich

fühle Ohnmacht.

Warum versperren sie mir den Eintritt?

ERINNERUNG

Hohn springt aus ihren Augen.

Ein kalter Hauch streift mich,

ergreift mein Herz.

Was für mich wichtig ist, ist für sie banal.

 

Das Wort!

Sie beugen sich vor, ihr Atem steht

wie eine Nebelwand zwischen uns.

Ich muß in die Hölle.

Ich weiß, es wird schmerzen.

Ich will es noch einmal spüren,

um ganz sicher zu sein!

Eine Hand wehrt mich ab.

Ohne daß sie mich berührt,

verletzt sie mich.

Ich bin entrüstet. –

ENTRÜSTUNG!

 

Plötzlich ist das Tor weit offen.

Meine Kleider und mein Gepäck bleiben

auf der Schwelle und

ich tauche ohne Schutz

in den glutroten Lärm

Warum muß ich immer dasselbe

immer noch einmal durchleiden?

Die immergleichen Neider,

die immergleichen Zerstörer,

die immergleichen Schergen der immergleichen,

immerfalschen Lügen,

die sie für die Wahrheit halten!

Meine Wahrheit gilt nichts.

Du bist keine von uns.

Du bist gefährlich.

Du bist ohne Nutzen.

Ihre unausgesprochenen Anklagen

brodeln mir entgegen und

züngeln an meinen Füßen.

Ich bin in der Vergangenheit.

 

Meine Waffen bleiben ohne Wirkung.

Sobald ich sie einsetze,

lösen sie sich im schwefligen Dampf

um mich herum auf.

Meine Entrüstung wächst ins Unermeßliche,

ehe ich das Gewölbe ganz betreten habe.

Meine Kräfte werden geringer und

mein Körper zieht nach unten.

Mehr noch:

Ich will ihn nicht mehr,

will ihn abwerfen in den warmen, stinkenden,

aber sicheren Sumpf,

aus dem sich mir Arme entgegenstrecken

und mich locken.

Laß dich fallen, signalisieren sie.

Leg dich hin und laß mit dir geschehen.

Es ist für alles gesorgt.

Genau das ist es.

Das habe ich hören wollen, um es

nie wieder hören zu müssen.

Ich spüre ihren Neid,

gelben, bohrenden, auffressenden Neid.

 

Den habe ich spüren wollen, um ihn zu überwinden!

Die Sirenen der Bequemlichkeit, die

sich von der Kraft der zwanghaft sich

hierher Verirrenden, der Kämpfenden,

nähren,

zersetzen mit ihrem Speichel

jede Aufrichtigkeit

jede Wirklichkeit

die ihnen nicht genehm ist,

aber verbraucht werden kann.

Das Feuer der Hölle braucht ständig neue Nahrung.

Mein Körper ist unendlich müde,

er will sich schlafen legen

und gehorcht mir nicht mehr.

Wo ist der Sinn?

Für wen?

Diese immerselben Fragen tauchen in

flammenden Lettern aus der Brodelei.

Doch bevor ich dem roten Blei,

das um meine Glieder knatscht,

nachgebe,

durchschießt mich ein Blitz

vom Scheitel bis zur Sohle.

Ich bin der Sinn meines Lebens,

für mich und

für niemanden sonst

lebe ich.

Niemanden interessiert,

was aus mir wird,

niemand schert sich,

wenn ich aus dem Reich

der Unwissenden, Unlebenden, Unfühlenden

nicht zurückkehre.

Nur ich – ich verspiele die Chance

zu begreifen, wenn ich den

Sirenen folge.

 

Redet mit mir, ihr ewig Unausgesprochenen,

rufe ich.

Warum seid ihr bloß in der Menge stark?

Ich trotze und blicke sie an.

Als wäre ich Medusa,

wenden sie sich ab,

halten meinem Blick nicht stand.

Unter Aufbietung meiner letzten Kräfte

erreiche ich das

jenseitige Tor.

Klopfe, damit die Wächter der

Gegenwart mir öffnen.

Das Stichwort.

Rufen auch sie und kreuzen die

Schwerter vor meinem Gesicht.

UNABHÄNGIGKEIT!

hauche ich, bangend,

daß ich es wieder nicht auf Anhieb

geschafft habe.

Ich bin draußen.

Ich bin allein, aber unversehrt,

bis auf die Narben an meinen

Füßen.

 

Meine Haut ist dünn,

mein Schutz lächerlich,

aber ich lebe.

Und das ist mehr

als das Schicksal jener anderen

ihnen übrig gelassen hat.