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ZWISCHENZEITLICH XII

Vom Hiersein und vom Fortsein

Mutter?
Bist du da, Mutter?
Warum hörst du mich nicht?

Ich bin fort.

Aber du sitzt doch hier!

Nur mein Körper.
Ich bin fort.
Laß mich.
Geh.

Die Arbeit ruft doch.
Das Wasser für den Tee will gekocht sein.
Der Boden will geputzt werden.
Und ich habe Hunger. Koch mir Essen!

Ich bin nicht da.
Ich bin fort.

Sag, wo bist du, wenn du fort bist?

Sprich mich nicht an,
wenn ich fort bin.
Ich bin einfach nicht da.
Tu so, als sähest du mich nicht!
Versteh es oder versteh es nicht.
Laß meinen Körper in Ruhe,
ich brauche ihn da,
wo ich bin, nicht.

Was machst du da, wo du
bist, wenn du fort bist?

Ich mache nichts,
ich schaue.

Wie unsinnig,
fortzusein, nur um zu sehen!
Sehen kannst du hier auch.

Nicht dieses Sehen, mein Kind.

Was aber siehst du denn, wenn du
fort bist?

Mich, dich, Menschen, Begegnungen, Bilder, Landschaften…

Auch Zukünftiges?

Vielleicht auch Zukünftiges.
Manchmal ist Zukünftiges vergangen.
Und manchmal ist Vergangenes zukünftig.
Ich schaue nur hin.

Wie lange dauert dein Fortsein?

Es ist keine Frage der Dauer,
das ist eine Frage der aufgewendeten Tiefe.
Ich gehe dorthin,
schaue und dann
komme ich zurück.
Zeit? – Was ist schon Zeit?

Ich habe Hunger und ich will essen.
Mein Bein tut weh
und ich bin müde.

Je mehr du versuchst,  mich hier
festzuhalten,
desto dringender bleibe ich fort.

Wirst du verrückt, Mutter?

Nein, aber ruhig, wenn ich dort bin.

Bist du dann tot?

Für dich sieht es so aus.
Aber das Fortsein ist kein Tod.
Tod ist für lange Zeit ohne Wiederkehr.
Das Fortsein aber ist meine Quelle,
an der ich mich stärke –
und zurückkomme.
Laß mich jetzt gehen,
ich kann dir
mehr geben, wenn ich zurückbin.

Noch eine Frage, Mutter.
Kannst du mich mitnehmen?

Nein.
Dieses Fortsein kann man nur allein.
Schauen und Sehen kann man
nicht gemeinsam.
Nie sehen und schauen zwei
Menschen dasgleiche.
Sie schauen auf das Gleiche und sehen doch
Verschiedenes.
Jeder schaut das, was
ihn angeht.

Wer gibt auf mich acht, während du fort bist?
Ich habe Angst, hierzubleiben.

Es wird dir nichts geschehen.
Es ist für alles gesorgt, glaube mir.
Das Fortsein muß dir Angst machen.
Es ist aber nichts, vor dem du Angst haben sollst.
Du bist gerade dabei, zu lernen, hierzusein.
Später, viel später,
wenn du das Hiersein beherrschst,
wirst auch du das Fortsein lernen.

Was kann ich tun, während
du fort bist?

Erkunde deinen Körper,
erkunde die äußere Welt
und übe dich in ihr.
Schule deine Reaktionen,
finde heraus, was du magst,
und finde heraus,
was du gut kannst.
Lerne, dich zufrieden zu fühlen,
ohne dafür andere Menschen zu benutzen.

Wie kann ich das tun?

Spiele, mein Kind.
Spiele und habe Mut, ganz du selbst zu sein.
Du kannst so viel.
Alles andere kommt von allein.

Gut, Mutter.
Ich versuche es.
Wir treffen uns wieder, wenn du zurückbist vom Fortsein.
Dann erzähle ich dir von meiner Welt und du mir von deiner?!