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ZWISCHENZEITLICH VI

Regen

(Nach dem Gewitter)

Das Land ächzt unter Hitze
Die Luft geht schwanger
Der Himmel liegt düster auf der Erde
Und alles ist gelähmt
In Erwartung der Befreiung von diesem
Druck.

Doch noch geschieht nichts
Lethargisch harren alle Wesen
Jedwedes Geräusch erstirbt
Im Griff dieser ungreifbaren Macht
Zum Bersten prall
gespannt.

Schwarz wird der Himmel von Osten her
Es türmt sich Dicht auf Dichte
Dann: entlädt sich in knallendem Schrei
Entfesselt sich die Wut, entfesselt sich die Kraft
Fährt sie hernieder auf die
Schlafen-Gelegten.

Zerreißt den Vorhang
Der Himmel bricht auf
Speit Licht und Groll
Ein tosendes Inferno
Und jeder sucht dem Ausbruch zu
entfliehn.

So tobt es lang und kurz
Nach Westen zieht der Rachezug
In seinem Schlepptau die Nachhut:
Erst tröpfelt sie heran,
dann prasselt sie wie
Peitschenhieb.

Nadeln aus Wasser schlagen die Erde
Die unfähig mit verschlossenen Poren
Die Massen nicht bergen kann noch will
Es strömen die Fluten und
reißen mit was sich nicht wehren
kann.

Im Westen ist der Groll alsbald verschwunden
Der Himmel nun beruhigt
Die Schleusen weit geöffnet
Ergibt sich endlich auch die Erde
Der unbändigbaren Flut.

Aufgelöst der Druck von vorher
Gewichen der klärenden Kraft
Die Staub und Dichte nichtet
Und Lähmung verwandelt in
Den Atem des Lebens.

Von Süden her ein anderes Licht
Lässt die Wolken grell erweißen
Bringt Farben übers Land
Das zuvor dumpf und ockerfarben
Jetzt ergrünt in neugewonnenem Glanz.

Das Wasser ist gekommen
Die Welt befreit von Patina
Die Luft ist weich und weit
Das Herz könnt fliegen wenn es wollte.


– Und es will.

Es regen sich die Stimmen wieder
Der Raum des Domeshimmels verstärkt
Jeden noch so kleinen Ton
Das Leben kehrt zurück
wirft Schweben in die Leichte
– das Alte ist getilgt!

aus: Das Schwere annehmen… und das Leichte ernten, 2006