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ZWISCHENZEITLICH V

Die Titanin

Zusammengekniffene Augen suchen
im Raum nach Ergreifbarem
schattende Haare wehen im Herunterhängen
wild und ungezähmt
ihre Stimme beherrscht
kehlig und laut
keiner Aufforderung bedürfend
die Luft zwischen den Anwesenden

Ihr Körper – gedrungen und kompakt
der Arbeit entlaufen
und hierher verirrt
ist in seiner Unweiblichkeit perfekt
er drückt die von weniger Substanz
an die Wände
wo sie verstummen angesichts
ihrer Selbstverständlichkeit
ihre geballte Erscheinung
duldet keine Weitere neben sich
die Luft wird dünn im Bannkreis
dieser Jeanne d’Arc in Gummistiefeln

Ihre Bewegungen sprechen von
zähem Kampfes-Willen
ihre Nasenflügel von
fiebernder Unduldsamkeit
schnaubend und saugend
ist sie dennoch
einem Traktor ähnlicher
denn einem Rennwagen
sitzt sie nicht auf ihrem Stuhl
sondern besitzt ihn
als Bollwerk wie Schlachtroß

Dann erobert sie das Wort
ihre kurzen kleinen Hände
zertrümmern jeden unpassenden
Gedanken vor aller Augen

verdreschen auf dem Tisch
jede Widerrede
ohne sich erheben zu müssen
wird sie groß und größer
ihre Augen ein Ziel gefunden habend

Gewichtige Silben quellen
aus ihrem Mund
Forderungen, Drohungen, Warnungen
zwanghafter Applaus gibt ihr Recht
spornt sie an
die Nüstern gebläht
die Mähne trotzig zurückgeworfen
ergeht der Aufruf zum Widerstand

Wir sind doch das Proletariat der Akademiker
wir sind doch die Tagelöhner der Marktwirtschaft
wir haben doch weniger Rechte als alle anderen –
wir legen uns quer!

Von den Zuhörern gefeiert
feuert sie die Parolen gegen
die Gegner ab
aus dem groben Gesicht
wird ein Versprechen
aus den ungekämmten Haaren
die Verheißung der Rebellion
aus einem vierschrötigen Körper
entspringt eine Schönheit –

so wird eine Titanin geborn!