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ZWISCHENZEITLICH IX

ich rede* nicht mehr
oder
das ende einer beziehung

wenn ich sage: ich fühle…,
meinst du, ich schwelge in meinen gefühlen
und belastete dich mit meinen ausbrüchen.
dabei möchte ich ausdrücken,
was in mir vorgeht,
um dich zu ermutigen,
mir von dir zu erzählen.

wenn ich sage: ich denke…,
meinst du, ich wolle mich vor dir erhöhen,
und dich mit meinen gedanken beeinflussen.
dabei möchte ich ausdrücken,
daß ich dich am wissen teilhaben lassen möchte,
um dich zu befähigen,
selbst zu denken.

wenn ich sage: ich bin…,
meinst du, ich sähe dich nicht
und könnte dich aus angst neben mir nicht dulden.
dabei möchte ich ausdrücken,
daß ich meine grenzen kenne, weiß, wo ich aufhöre und du anfängst,
um dir zu ermöglichen,
dich als dich zu erfahren.

du fragst mich, was du tun kannst,
doch wenn ich dir etwas sage,
was dir unangenehm ist,
nennst du mich bösartig.
dabei möchte ich dir jene überraschungen ersparen,
die man erlebt, wenn einem die hälfte verschwiegen wird.

ich rede, und du hörst, was du hören willst.
ich rede, doch meine worte erreichen dein herz nicht.
ich rede, und du fühlst dich angegriffen,
also was soll ich noch tun?

– am besten, ich rede nicht mehr.

 

aus: Das Schwere annehmen … und das Leichte ernten, 2006

* Heute, fast 20 Jahre nach dem Niederschreiben der Zeilen würde ich das Verb „rede“ gegen „spreche“ austauschen. Aus welchen Gründen auch immer – 1998 war mir nicht so klar, dass Sprechen anderes ist als Reden. So ist das mit Umgangssprachen und dem eigenen Wachstum und Lernen.