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ZWISCHENZEITLICH III

 


Die Sünden meines Vaters

Es geht mir schlecht, oh Vater,
wo bist du jetzt, da ich dich brauch?
Mein Leben liegt in Scherben
Doch du klagst – aus der Ferne –
Dass deins das schlimmre Schicksal sei.

Als ich geboren wurde, sagst du,
hast gesorgt und gekümmert du dich,
geliebt sogar, nur mich.
Dafür, sagst du, hab ich zu zahlen,
Gehorsam, Fleiß, Erfolg gehörn dazu.

Es geht mir schlecht, mein Vater,
wo bist du gerade jetzt?
Da sind so viele Fragen,
auf die nur du, und nicht die anderen,
mir Antwort geben kannst.

Was, Vater, hast du getan,
in all den Jahren,
die ich noch nicht geboren war?
Dir ging es schlecht,
ich weiß, mein Vater!

Dein Körper ist alt geworden mit der Zeit,
ich seh, wie er dir versagt
Kraft und Energie zum Weitergeh’n.
Keine Hoffnung ist in deinem Leben,
nur Hass ist da und Angst.

Ich merk es doch, mein Vater,
du leidest am Vergangenen,
gehst weit zurück und weiter
und raubst dafür die Kindheit mir,
die du nicht haben durftest.

Hör auf, oh Vater, ich bin schwach,
dir weiter das zu geben,
das du nicht hast bekommen können
vor langer langer Zeit –
vor meiner kleinen Zeit.

Du sagst, man hat ums Leben dich betrogen,
sag, warst nicht später du der Dieb,
der Tag für Tag bestohlen und belogen,
sich selbst und die, die er geliebt
– das Leben zu eignen Gunsten weiter trieb?

Sag nichts, oh Vater, bleib jetzt still!
Zu lang hab ich dich angehört,
dein Jammern und dein Klagen,
in einem Atemzug mit mir – als Last.
Ich bin nicht schuld an deinen Plagen.

Das dämmert mir jetzt schon,
ich hab dein Leben nicht verstellt.
Doch muss das ich dir sagen? –
Denn du bist  doch der Vater
und ich bin bloß der Sohn.

Es geht mir schlecht, mein Vater,
ich habe Angst und weiß fast nichts.
Doch nicht wie du will ich einst enden:
Schuld suchen in einem Menschen,
der selbst nur Teil ist großer Schuld.

Wir alle tragen Schuld, oh Vater,
ja, wusstest du das nicht?
Geboren werden – heißt die Schuld –
in das Leben, das
in die Hand zu nehmen gilt.

Du hast es nicht geschafft, mein Vater,
durch deine Hände rinnt jetzt Zeit,
hör auf, mein Leben mir zu nehmen,
es aus der Hand zu schlagen mir,
nur weil das deine sich nun neigt.

Es geht mir schlecht, sehr schlecht, mein Vater.
Das ist nicht Klage, sondern Fakt.
Nicht helfen können wirst du mir.
Mein Vater bist du dennoch
und das vergessen will ich nicht.

Ich trenne unsere Wege,
ich nehm‘ nicht deinen,
der Verneinung heißt.
Die Sünden meines Vaters sind nicht meine,
auch wenn ich sie nun büßen muss.

Noch ist es nicht zu spät, mein Vater,
nicht ganz unmöglich ist es dir:
nimm selbst die Fäden in die Hand,
befrei‘ dich und deinen Vater
aus dieser Hölle der Immerwiederkehr.

Lass los die Wunden deiner Kindheit,
lass los die Fehler der Erwachsenenzeit,
Geschehenes ist nicht zurück zu holen
Und nicht Getanes ist verraucht auf alle Zeit.
Fang endlich an zu leben … und gib mein Leben mir.

Es geht mir schlecht, oh Vater,
siehst du denn nicht dies ach fatale Band,
das uns in einem Leid verbindet,
und uns beide
in einen gemeinsamen Untergang reißt!

Trag  bitte deinen Anteil
Und lass mich mit dem meinen zieh’n.
Es kann nicht sein, dass den deinen
ich auch noch tragen soll.
Er wird mich töten!

Sag mir, oh lieber Vater, willst du das?

aus: Briefe an den Heiligen Vater, 2008