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ZWISCHENZEITLICH II

Anderwelten

 

Von hier, wo wir leben und wirken
Gibt es Wege in andere Welten,
Die zu erreichen manchem unmöglich scheint.
Es gibt keine Türen zu ihnen – also gibt es sie nicht!

Rufen jene, die die Türen nicht sehen.
Und sie hören auf zu suchen,
Denn es ist bequemer und sicherer,
Mit den Füßen in der Welt des Gewohnten zu bleiben,

Statt sich aus ihr zu erheben
Oder in sie hineinzutauchen.
Und doch gibt es sie.
Die Tür zur ersten Anderwelt ist dunkel,

Und tut sich im Schlaf auf,
Eine schwere Tür ist sie und gibt
Einen Weg frei, der immer tiefer führt.
Tiefer in uns hinein.

In eine Welt, die erfüllt ist
Mit dem blumigen Zauber des gerade Erlebten
Und dem bitteren Geschmack des längst Vergangenen.
Sie ist angefüllt mit unglaubwürdigen Bildern,

Mit lautleisen Geräuschen und süßsauren Gerüchen,
Bunt oder schwarz-weiß.
Oft wissen wir es nicht.
In ihr mischt sich das sichtbare

Schauspiel der äußeren Bühne
Mit dem geheimen der inneren,
Sich Gestalten und Formen bedienend,
Die Angst machen und

Doch auch tröstlich sind,
Wenn man sich die Mühe macht,
Sie vom Staub der tagwachen Anmaßung
Zu befreien.

Tiere bevölkern diese Welt,
Sind erbarmungslose Täter wie machtlose Opfer,
Sind wortlose Freunde wie totschwätzende Vernichter.
Dinge bevölkern die Welt,

Werden riesengroß oder winzigklein,
Die Dimensionen vertauschend
Und so die Relationen wieder geraderückend,
Die wir draußen verloren haben.

Wir sind die Anderen und die anderen sind wir,
Dann sind wir alle und alle sind ein Teil von uns.
Allzuoft irren wir mehr als dass wir wandern
In den Dickichten jener Welt,

Und finden wir endlich den Weg nach draußen,
Sind wir froh, wieder hierzusein und
Vergessen zu können.
Die Bilder, die uns unendlich viel lehren könnten,

Verblassen, und werden hysterisch belacht.
Es ist ja nur ein Traum.
Und Träume sind nicht wahr!
Einige aber wissen einfach,

Was die Bilder bedeuten,
Das macht ihnen wiederum Angst,
So dass sie diese Tür meiden und
Bewusstlos an ihr vorbeihuschen, wann immer

Sie ungerufen an der Innenseite der Mauer
Ihrer Wachwelt auftaucht.
Nur wenige haben den Mut,
Freiwillig durch diese Tür in jene Welt zu gehen

Und sich des Reichtums zu freuen,
Der ihnen dort zuteil wird.
Die Tür zur zweiten Anderwelt
Ist licht, und ebenso unerzwingbar.

Nicht im Schlaf tut sie sich auf,
Sondern im Aufmerksam-Sein.
Sie führt weg von uns, aus uns heraus,
Wir können unseren Körper nicht mitnehmen,

Lassen ihn zurück und sind
Der gierdurchtränkten Wurzeln,
Die uns am Boden halten, entledigt.
Fliegen ist das Elixier dieser Welt,

Durch Raum und Zeit, über alle Wesen hinweg,
Ohne Gepäck, auf einer Geistreise,
Die das nichtkörperliche Herz schwingen lässt.
Der Blick von Weitem

Macht das Allzumenschliche lächerlich,
Lässt Sorgen verschwinden im Angesicht
Der Unendlichkeit und der wahren Freiheit.
Der Blick auf unsere Körperhülle zeigt,

Wie vergänglich das Leben ist,
Und dass es Ungewordenes und Entwordenes gibt.
Wir lieben diesen hilflosen kleinen Körper,
Trotz oder wegen

Seiner Bedenken und seiner Beschränktheit,
Hier oben sind wir unbegrenzt
Und frei von seiner Bedingtheit.
Alles ist möglich…

Dieselbe Aufführung können wir immerfort und
Mit anderen Anweisungen durchspielen,
Bis wir die Variante gefunden haben,
Die uns und allen Beteiligten

Am gerechtesten wird.
Wir sind die Regisseure unseres Lebens,
Niemand sonst!
Im schwerelosen Raum, der irgendwo

Zwischen dem irdischen Himmel und dem liegt,
Das die Grenze zur Unaussprechlichkeit markiert,
Löst sich das Gegensätzliche
In uns auf

Und bringt uns etwas Anderem
Näher als jemals zuvor.
Widersprüchliches ist des gleichen Ursprungs,
Es gehört zusammen.

Zwei Seiten bilden ein Ganzes,
Das zu wissen, macht ruhig.
Manch einer findet den Weg nicht zurück,
Ist zu leicht geworden,

Hat die Verbindung zur Jetzt-Welt gekappt,
Schwebt davon, auf einer
Reise ohne Wiederkehr.
Er verheddert sich im Universum, glaubend,

Es gäbe den Gegenpol nicht mehr.
Süchtig nach dem Nur-Guten, das
Böse ausschließend.
Die, die wiederkehren, sind uneinig:

Die Einen schlagen die Tür zu,
Vernageln sie fest,
Übermalen sie mit unsichtbarmachender Farbe
Und vergessen die Leichtigkeit,

Die sie als zu leicht empfinden.
Sie beschließen, auf der Erde zu bleiben,
Im schlafenden Bewusstsein ihrer
Nützlichkeit, Brauchbarkeit und Körperlichkeit.

Verlangend nach Bewertung und Hierarchien,
Die einzuhalten sie zum absoluten Gesetz erheben.
Die Anderen markieren die Tür,
Geben ihr einen Namen, bauen einen

Türgriff ein, damit es leichter werde
Sie zu finden und zu öffnen,
Wann immer es nötig wird.
Es ist ein langer Weg von der einen zur anderen Welt,

Er führt von Osten nach Westen
Oder von Norden nach Süden.
Man braucht viel Zeit,
Die nur die wenigsten Menschen sich leisten,

Sie bleiben in der Welt der Mitte,
Die allein unvollständig ist,
Sie haben weder gewählt noch entschieden,
Mit Scheuklappen bestückt indes sind sie,

Die, die andere Welt wieder vergessen.
Leben aber ist Wandlung,
Wandlung kann sein, dass ich den
Weg von innen nach außen

Oder von außen nach innen,
Immer und immer wieder beschreite,
Die Schwere und die Leichtigkeit
Lebe und ausfülle,

Um schließlich meinen zeitlich begrenzten Platz
In der Jetztwelt
Einnehmen zu können.
Andere Welten, die wir nicht durch Türen betreten,

Die uns einladend offen entgegeneilen,
Sind das, was uns
Von den anderen Lebewesen
Unterscheidet.

Anders als die Tiere und Pflanzen,
Haben die Menschen vor vielen Jahren
Ihr Paradies dreigeteilt
– Und es verloren.