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ZWISCHENZEITLICH I

 

Ich bin nicht Demeter!

Aphrodite war ich, jung
und mit einem Körper,
weich und fest zugleich,
mit Neugier auf die Liebe und dem
Hunger nach anderen Körpern,
um sie auszukosten,
für den Moment,
ohne zu fragen,
was danach kommt.
Aphrodite hat sich geändert.

Auch Artemis war ich,
auf der Flucht und gleichzeitig
die Gefahr suchend,
zurückgezogen und doch vorpreschend,
scheu und auch mitfühlend
mit jenen Seelen, die schutzlos
Hilfe brauchen.
Mit Scham und leise, auch laut,
sich anderen nähernd, aufdringlich.
Artemis hat sich gewandelt.

Athene war ich ebenfalls,
gerüstet für raue Kämpfe unter den Menschen,
durstig nach Wissen,
hungrig nach Einsatz und Veränderungen,
die Tochter der Väter,
die Freundin der Männer,
unschuldig im Grunde,
verletzlich unter dem Panzer und
sich nie ganz entblößend.
Athene ist erwachsen geworden.

Persephone musste erwachen, die
von der Frucht der Unterwelt kostete,
mit der Frage nach dem Warum,
gezogen und getrieben zugleich,
nie aufhören könnend,
tiefer und tiefer,
Furie und Opfer in einem.

Bis an den Rand der Kräfte,
bis an den Rand des Lebens,
verbunden mit allen und
doch immer allein.
Nicht verstanden und doch gefürchtet.
Persephone ist als andere wiedergekommen.

Hera-Zeiten folgten darauf.
Eine freiwillige Unterwerfung ins
strahlende Licht, ein Erfolg,
nicht durch sie selbst, sondern
durch den anderen, den Gefährten,
geschmückt mit einem Ruhm,
dem noch kein Verdienst vorausgegangen war,
aber stolz.
Ein ewiger Kampf um Macht und
Vormachtstellung.
Hera wurde abgelöst.

Schließlich kam Demeter,
gebar Leben, schützte es,
fruchtbar und ein Quell des Lebens,
nie versiegend, eine Fülle
der inneren Welt offenbarend,
ohne zu fragen,
gebend ohne Bedingung.
Freude am vorbehaltlosen Leben,
dessen Urgrund sie ist.
Doch Demeter ist nicht mehr!

Die Aphrodite von damals hat
die Pflichten der Demeter erfahren, und
die körperliche Liebe hat einen
anderen Wert erhalten.

Die Athene von damals hat
ihren Schutzpanzer auf der Oberwelt
lassen müssen und ist in die Welt
der anderen getaucht.
Ihre klugen Worte und ihre Schlagfertigkeit
taugen dort wenig.

Artemis hat ihre Unabhängigkeit und ihre
Seelsorge eingetauscht gegen die
Macht eines Oberhauptes,
sie hat ihren Preis bezahlt.
Jetzt sieht man sie, hört man sie,
und es gibt kein Entrücken mehr.

Im Laufe der Zeit war ich alle
und dabei immer nur eine.
Jetzt, jetzt beginnt der Reigen
von Neuem.
Nur – die Zeiten der Einfachheit sind vorbei.
Bin weder die eine noch die andere,
noch überhaupt alle zusammen.

Persephone, die
ihr am wenigsten mögt,
ist euch unheimlich.
Sie ist mir ähnlich.
Doch ihr verlangt eine andere Rolle
von mir, ruft nach der
lieblichen Aphrodite von damals,
oder nach Athene, die
Helden kürt und ihnen zur Seite steht.
Beide kann ich euch nicht geben!

Wenn schon eine,
dann werde ich Persephone sein.
Allein, in der Isolation.
Ich will nicht die Macht der Hera,
die ihr mir darbringt auf einem Tablett,
noch will ich
die duldende Scheue sein.

Lasst mich zurück in mich selbst,
wenn ihr mich überhaupt behalten wollt.
Ich will gelassen sein.
Ich habe etwas zu klären, und das hat
mit mir und meiner Kraft
zu tun.

Der Kreislauf des Lebens besagt,
dass alles von vorne beginnt.
Warum soll ich ein Kapitel auslassen?
Lasst mich Persephone sein,
solange ich es brauche,
und zwingt mich nicht in eine Rolle,
die ihr euch für mich zurechtsucht.

Ich bin nicht Demeter.

(c) 2001