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WO STEHEN WIR?

[…] Freiheit – um jetzt einen ersten Wert der offenen Gesellschaft zu nennen – ist ein Wert, der immer wieder und mit jeder Generation neu errungen werden muss.

Das Geburtstrauma scheint sich sogar nachgerade verstärkt zu haben und berechenbare, aber nicht weniger unliebsame Entwicklungen zu bewirken.

Zurück zum Bild der Geburtsmetapher: Die Geburt, um die es hier geht, entspricht (der Zeit) der Aufklärung. Die ersten Wehen erfolgten vergleichsweise leicht in mittelgroßen Zeitabständen und blieben noch unter der Bewusstseinsschwelle der großen Allgemeinheit lagen. Die Presswehen in der französischen Revolution waren dagegen eine heftige Austreibung, es blieben hinter dem Willen allerdings einige Entwicklungen hintenan. Geboren wurden bekanntermaßen Drillinge, deren einer – die Freiheit – dieses hohe Gut unserer solchermaßen offenen Gesellschaft und dennoch eine schwere Aufgabe für den Einzelnen bedeuten. Die Nachgeburt warf man indes unter der Traumatisierung unter der Geburt nicht weg, sondern erhob sie zum vierten Drilling, und nannte ihn „Vernunft“. In der postpartalen Zeit, durchaus auch evolutionär, wurden Anschauungen von vielen Denkern und Theoretikern neu gedacht oder umgedacht, wobei auch Vieles vermischt und verklärt wurde. Darauf komme ich später.
Die Geburt der Aufklärung wirft spätestens jetzt die Frage nach ihrem Wesen auf. Was ist „Aufklärung“? – Max Frisch hat dazu auch ihn zitiert – Immanuel Kant:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der EntSchliessung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.“

Aber sie – die Aufklärung – sei gescheitert, sagt nun ein anderer. Es gibt Argumente wie solche, dass das Zeitalter der Vernunft auch das Zeitalter der Guillotine gewesen, und diese somit als Mittel zur Ordnung der menschlichen Verhältnisse verkommen sei. Die Vernunft also ein Instrument der Moral? Und die Aufklärung nun an den Widersprüchen der Revolution gescheitert? Das vielleicht nicht. Aber zumindest liegt da eine nicht kleine Hypothek auf ihr, und vergessen werden darf der unberechenbare Faktor Mensch auf keinen Fall […]

aus: Steht am Ende der Aufklärung der Schleier? In der Falle der vernünftigen Toleranz, 2017, S. 11-12