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WIE VIELE SPRACHEN KÖNNEN WIR SPRECHEN LERNEN?

lesepilz

Das ist der Lesepilz. Er wurde für eine Lesung gebastelt und sah etliche Kinderbuch-lesungen. Im Khorshid Verlag habe ich zweisprachige Kinderbücher herausgegeben, geschrieben und auch vorgelesen.

Der gleichzeitige Erwerb von zwei Sprachen unterscheidet sich nicht wesentlich vom Erwerb nur einer Sprache. Dass die Kinder Schaden nehmen könnten, ist eine Mär. Und dass der Umgang mit mehreren Sprachen zwangsläufig zu Sprachdefiziten führt, ebenfalls. Stichwort: zwangsläufig. Wenn wir rund um uns schauen, merken wir aber eben doch, dass viele Kinder Schwierigkeiten mit der Mehrsprachigkeit haben. Warum das denn? 

Zweisprachigkeit ist nicht nur etwas, das „eine Muttersprache und eine Fremdsprache“ bedeutet, sondern viel mehr. So eigentlich ist auch kein Mensch einsprachig. In gewisser Weise sind wir alle mehrsprachig. Die homogene einsprachige Gesellschaft ist eine Illusion.

Der folgende Beitrag basiert auf einem Seminar, das ich vor ca. 12 Jahren zum ersten Mal in Hamburg abhielt, und dann noch zweimal in Frankfurt. Er ist also schon etwas älter, aber deshalb nicht falscher.

 

 

Der Spracherwerb

http://www.chomsky.info/

Noam Chomsky hat die Darstellung von natürlichen Sprachen formalisiert: Die Neuerung war, sprachliche Ausdrücke mit Hilfe einer Metasprache rekursiv zu definieren. Die resultierenden Klassen von Grammatiken können in eine Hierarchie eingeteilt werden, die heute Chomsky-Hierarchie genannt wird. Seine Arbeit stellt einen wichtigen Meilenstein für die moderne Sprachwissenschaft dar. Vielen Forschern innerhalb der Computerlinguistik gelten Chomskys Theorien, insbe-sondere die Generative Transformationsgrammatik und seine Government and Binding-Ansätze, allerdings seit ungefähr 1980 zwar als bedeutende Pionierleistung, jedoch als heute veraltet und dem Schulmodell nicht mehr ganz entsprechend, insofern sie sich auf natürliche Sprachen beziehen – im Gegensatz zu Programmiersprachen und anderen formalen Sprachen, wo seine Formalismen weiterhin mit Gewinn verwendet werden können.

Fangen wir am Anfang an – und lassen Sie sich in einige Begriffe entführen. Alle Menschen bringen die Fähigkeit mit, Sprechen zu lernen. Jedes Kind verfügt über angeborene Prädispositionen, die ihm den Spracherwerb ermöglichen. Die Abkürzung LAD in linguistischer Literatur besagt genau das: language acquisition device. Das Konzept geht auf Noam Chomsky zurück. Die Grundannahme des LAD-Modells lautet, dass jedes Kind von Anfang an ein Wissen um eine Grammatik (über Struktur!) mitbringt und die Fähigkeit, diese zu erkennen und systemhaft anzuwenden, egal um welche Sprache es sich handelt.

Mit Grammatik ist ein Gefüge aus formalen und substantiellen Universalien gemeint. Schade, dass mehrere Lehrergenerationen es geschafft haben, in ihre Schüler eine Aversion gegen den Grammatikunterricht einzupflanzen. Die Reflexion über die „eigene“ Sprache, die wir selten anstellen, weil wir sie als selbstverständlich erachten und ihren Erwerbsprozess erst recht, verrät uns viel über unser Denken und die Denkwelt, in der wir leben.

Jede Sprache ist eine eigene Denkwelt und lässt sich in formaler wie substantieller Hinsicht beschreiben und von einer anderen unterscheiden. – In allen Menschen liegt die Fähigkeit vor, Sprachen in ihrer Form und ihrem Inhalt zu erfassen. Das sind Prädisposition 1 und 2 (Prädispositionen = Voraussetzungen, Voreignungen). Prädisposition 3 und 4 sind die Fähigkeit jedes Kindes und jedes Menschen, Annahmen oder Mutmaßungen (Hypothesen) darüber, wie die Zusammenhänge von Strukturen sind, zu bilden, und die Fähigkeit, die Bestätigung bzw. Nichtbestätigung seiner Annahmen zu bewerten. 

Ein Beispiel: Ein deutschsprachig aufwachsendes Kind ist dabei, die Vergangenheitsform Perfekt (gebildet mit Hilfsverb und Partizip II) zu lernen. Es hört in seiner Umgebung viele Modelle. Es nimmt wahr: ich habe gehabt, du hast gemacht, er oder sie hat gekocht, wir haben geguckt, gespielt, ihr habt aufgeräumt … usw.). Die weitaus meisten deutschen Verben sind schwach und haben im Partizip II diese Form: ge…t. Außerdem stehen sie mit dem Hilfsverb haben.

Das Kind liegt nicht falsch, wenn seine Annahme nun lautet: Wenn ich von etwas sprechen will, das schon passiert ist, benutze ich habe und bilde ein zweites Wort mit ge …t. Das Kind wird folglich Formen bilden wie: ich habe geesst, getrinkt, habe gefahrt, habe gekommt…

Eltern, Betreuer, Großeltern oder Geschwister werden umgehend verbessern, das Kind daraufhin seine Regel erweitern und immer weiter in Unterregeln einteilen (was es natürlich nicht tut, indem es sie benennt).

Setzen wir für den Begriff Grammatik das Wort Struktur, wird vieles klarer. Formale Universalien betreffen den Charakter von Regeln und die Art und Weise, wie diese miteinander verbunden sind. Zusammen bilden sie einen wichtigen Teil der Struktur. Im Beispiel von oben heißen die Regeln, die sich das Kind formulieren könnte:

Die Vergangenheitsform (Perfekt) bildest du mit zwei Verben,

1. von denen eines das Hilfsverb haben oder sein ist

a. und das konjugiert wird

2. von denen das andere das Hauptverb ist,  in einer festen Form am Ende deiner Äußerung steht

a. und das mit oder ohne ge-, mit -en oder -t gebildet wird.


Allein die Bildung dieser Zeit-/Tempusform erfordert bereits eine recht komplexe „Operation“ (d.h. Handlung), die das Kind vornehmen muss. Dass an einem Element Veränderungen vorgenommen werden, während ein anderes unverändert bleibt, ist zwar nicht in allen Sprachen so, doch das Bildungsprinzip zusammengesetzte Tempora taucht in sehr vielen Sprachen auf, und nicht nur in solchen, die ohnehin sprachverwandt sind.

Die substantiellen Universalien betreffen die Informationen über den Gehalt von Sprache. Woraus besteht Sprache? – Aus Wörtern. Und woraus bestehen Wörter? – Aus Lauten. Laute an sich machen natürlich noch keine Sprache. Linguisten unterscheiden deshalb sprachliche von nichtsprachlichen Lauten (ein /brrrr/ als beschreibender Laut des Geräuschs eines Autos).

Sprachliche Laute tragen Bedeutungen (dass und wie wir sie ihnen zugeordnet haben, wird später erklärt) und diese lassen sich in unterschiedliche Klassen einteilen. Es gibt Laute, die, wenn sie zu Wörtern werden, eine Tätigkeit beschreiben (gehen, laufen…) und es gibt Laute, mit denen wir Gegenstände bezeichnen (Tisch, Stuhl…). Komplexer wird es dadurch, dass wir auch Gefühle benennen, abstrakte, vorgestellte Dinge. Wir sehen Farben und formen und finden Bezeichnungen für sie. Es gibt Ausdrücke mit Kombinationen von allem, die dann eine verschobene Bedeutung haben. Alle diese Dinge gibt es in allen Sprachen, und die Kinder füllen diesen universalen „Topf“ mit den Lauten und Bedeutungen ihrer jeweiligen Umgebungssprache(n). Diese wird dann ihre Erstsprache, oder – wenn es mehrere sind – zu ihren Erstsprachen.


Eine, zwei oder mehr Erstsprachen erwerben

Bild1

Jean Piaget (1896 – 1980) entwickelte die Theorie des “genetischen Lernens” (auch “struktur-genetische” Theorie), die sich mit der Erklärung der kognitiven Entwicklung von Kindern beschäftigt. Im Mittelpunkt steht dabei die Interaktion eines Kindes mit seiner Umwelt.  Seine Erkenntnisse beruhen auf den Beobachtungen seiner eignen Kinder, die altersabhängig bestimmte (Denk-) Fehler begingen. Mit dieser Vorgehensweise unterschied sich Piaget deutlich von experimentell arbeitenden Psychologen. Piaget untersuchte den Aufbau der kindlichen Logik anhand seiner empirischen Beobachtungen natürlicher Verhaltensabläufe und entwickelte daraus eine erkenntnistheoretische Begründung: Er stellte den Zusammenhang zwischen dem kindlichen Denken und der Entwicklungsphase her. Kurzum: er widmete sich der Beobachtung der kindlichen Entwicklung des Denkens.  Nach Piaget sind die Phasen universell, d.h. sie kommen in allen Kulturen vor. Jede dieser Stufen/Phasen ist durch spezifische Merkmale charakterisiert. Besonders relevant ist, dass sich das kindliche Denken in jeder (Entwicklungs-) Stufe vom Denken eines Erwachsenen unterscheidet.  (vgl. Piaget & Inhelder, 1972, S. 153)

Ein heranwachsendes Kind hat vielerlei zu lernen. Es wächst in seinen Körper hinein, und währenddessen schreitet die Entwicklung der Kognition voran. Das Zahnen steht zwar in keinerlei kausalem Zusammenhang zum ersten Krabbeln, wird aber zeitlich mit ihm zusammenfallen. Das erste Sitzen und das Auftauchen der Wörter „Mama“ und „Papa“ stehen ebenfalls in keinem kausalen Zusammenhang.

Entscheidend aber tatsächlich ist: das Sprechenlernen ist mit der kognitiven Entwicklung verbunden und diese wiederum erhält Impulse von der Motorik und gibt Impulse an die Motorik. Das Aufrichten, das erste Laufen, die ersten eigenständigen Schritte sind wichtige Marksteine in der Entwicklung eines Kindes.

Der Begriff  kognitive Entwicklung  ist in der Psychologie des Erstspracherwerbs weit verbreitet und wird meist synonym zu den Begriffen „geistige Entwicklung“, „intellektuelle Entwicklung“ oder „Intelligenzentwicklung“ verwendet.

Eine Theorie der Entwicklung des Denkens und der Intelligenz hat  Jean Piaget (1937) entworfen und später aufgrund zahlreicher Forschungen von ihm selber und seinen Mitarbeitern weiterentwickelt.

Nach Piaget löst sich das Denken von Geburt an zunehmend von der sinnlichen Wahrnehmung und schreitet zu immer differenzierteren Begriffen und Abstraktionen fort. Er kommt zu dem allgemeinen Ergebnis, dass die von ihm bei den Kindern analysierten logischen Strukturen konstruiert, d.h. vom Kind selber entwickelt, werden. Insgesamt dauert dieser Entwicklungsprozess (für den westlichen Kulturkreis gesichert) etwa bis zum 12. Lebensjahr.

Mit dem Beginn der Entwicklung des Geistes geht die Entwicklung des Sprechapparates, der auch dazu angelegt ist, und die Aneignung des Lautsystems einher. Diese Entwicklungsfolge des Lautsystems eines mit zwei Erstsprachen aufwachsenden Kindes ist nicht viel anders als die eines monolingualen Kindes:

Beide beginnen mit der Produktion von leichter auszusprechenden Lauten, beispielsweise [p], [b], [d], [m] und [n].

  • Beide lernen die schwierigeren Laute wie Frikative [f], [s], [z], Konsonantencluster [fr], [st] oder Diphtonge [eu], [au], [öi] erst im Laufe der weiteren Sprachentwicklung korrekt.
  • Beide müssen stimmhafte und stimmlose Merkmale prosodischer Konturen erkennen und voneinander unterscheiden.
  • Beide müssen die Charakteristika der Vokale, Silbenlängen und -betonungen erlernen und deren richtige Bildung meistern.
1. exo-labial (äußerer Teil der Lippen) 2. endo-labial (innerer Teil der Lippen) 3. dental (Oberkieferzähne) 4. alveolar (Zahndamm) 5. post-alveolar (zwischen Zahndamm und hartem Gaumen) 6. prä-palatal (vorderer Teil des harten Gaumens) 7. …

1. exo-labial (äußerer Teil der Lippen) 2. endo-labial (innerer Teil der Lippen) 3. dental (Oberkieferzähne) 4. alveolar (Zahndamm) 5. post-alveolar (zwischen Zahndamm und hartem Gaumen) 6. prä-palatal (vorderer Teil des harten Gaumens) 7. …

Allerdings stellt sich dieser Erwerbsvorgang bei Zweisprachigen komplexer dar, da es sich immerhin um zwei phonologische Systeme handelt. Zweisprachig aufwachsende Kinder erfassen ihren Sprachinput zunächst als zu einem einheitlichen System zugehörig. Erst später können sie zwei oder mehr unterschiedliche Lautstrukturreihen auseinanderhalten.

All jene Laute, die Kinder in den ersten Monaten produzieren, die jedoch weder in der einen noch in der anderen Sprache, die sie ständig um sich hören, auftauchen, gehen verloren. Das heißt, die Fähigkeit, diese Laute zu bilden, verkümmert. In steigendem Alter – spätestens mit 12-13 Jahren – ist der Sprechapparat fertig ausgebildet. Das ist der Grund, warum Menschen, die in späterem Alter eine Fremdsprache lernen, meistens einen Akzent behalten.

Den ersten Lautäußerungen im Laufe des Erwerbs folgen bald nach den Ein-Wort-Sätzen die Zwei- und Drei-Wort-Sätze. Spätestens jetzt stellt sich die Frage: Wie erwerben Kinder die Syntax ihrer Sprache(n)? – Syntax – das ist die Wortfolge in einer Äußerungseinheit (von Satz zu sprechen ist noch nicht angebracht).

Sprachbaum

Der Sprachbaum symbolisiert die Einflussfaktoren auf die Sprachentwicklung bei Kindern. Das Bild eignet sich gut zum Erklären dieser Faktoren und ihrer Einflüsse auf Sprachentwicklungsstörungen in der Elternarbeit oder zur Veranschaulichung der Möglichkeiten und Notwendigkeit allgemeiner Sprachförderung. Er geht zurück auf das Buch „Sprachstörungen im Kindesalter. Materialien zur Früherkennung und Beratung“ von Wolfgang Wendlandt.

Sowohl beim Erstspracherwerb einer Sprache als auch mehrerer Sprachen beginnen Kinder zwischen 1;6 und 1;9 Jahren, überwiegend Ein-Wort-Sätze (in ihren Sprachen) zu bilden. Die Diskussion der 7oer Jahre um die Pivot-Sätze bzw. die Pivot-Grammatik erwähne ich hier der Vollständigkeit halber und verweise auf Literatur dazu (Leuninger, H., Miller, M. H. & Müller, F. (1972). Psycholinguistik: Ein Forschungsbericht. Frankfurt: Athenäum). In den kindlichen Äußerungen finden sich zuerst Verben und Nomen, dann Partizipien in Adjektivfunktionen und Adverbien. Interessant ist es zu beobachten, ab wann ein Kind von sich selbst als „ich“ spricht. Die Verwendung von Personalpronomen ist ein entscheidender Schwerpunkt.

Zwei- und Mehr-Wortsätze mit Subjekt, Objekt, Adjektiven und Artikeln werden ab dem Alter zwischen 2;5 und 3;0 Jahren produziert. (Es sind allerdings keine maßgeblichen Verallgemeinerungen möglich!)

Beispiel: Die Aneignung der Artikel im Deutschen im Gegensatz zum Englischen. Englische Kinder haben da einen „Vorteil“. Deutschsprachige Kinder brauchen mehr Zeit, um das komplizierte System der Artikel zu verinnerlichen und korrekt anzuwenden. (Wobei angemerkt werden kann, dass Artikel und Nomen sogar als zusammen gehörig gelernt werden und damit nicht wirklich einen Mehraufwand darstellen. Es sind die Kasus, die der Übung bedürfen.)
Einsprachig englischsprechende Kinder hingegen können dennoch relativ schnell den nicht nach Genus und Kasus deklinierten Artikel „the“ richtig anwenden.

Zeitgleich mit der Entwicklung der Syntax, die eine kognitive Größe ist, erwerben die Kinder ihren Wortschatz. Semantische Entwicklung heißt, dass das Kind Laute mit den adäquaten Zuordnungen und Bedeutungen verbinden lernt.

Im Alter von etwa 1;1 bis 2;6 Jahren übergeneralisieren gewöhnlich sowohl mono- als auch bilingual aufwachsende Kinder die Wortbezeichnungen auf verschiedene Gegenstände.

Beispiel: Kinder bezeichnen alle Tiere als „wauwau“; alles auf dem Boden Liegende und nur entfernt nach Müll Aussehende ist „bäh“ usw. Die generalisierten Ausdrücke werden mit dem Erwerb der Erweiterungen des Wortschatzes immer weiter verfeinert. Dabei geht die Entwicklung vom Allgemeinen zum Besonderen bzw. Speziellen.

Für bilinguale Kinder erweist sich die Ausweitung derselben Wörter auf unterschiedliche Gegenstände in beiden Sprachen in einigen Fällen als problematisch, doch sobald die neuen Bedeutungen erworben sind, ist die Irritation keine Irritation mehr, sondern ein Gewinn.

Beispiel: Die Bezeichnung „Blatt“ gilt im Deutschen für Konzepte wie „das Blatt des Baumes“ und „das Blatt Papier“. Im Englischen dagegen steht die Bezeichnung „leaf“ für die Bedeutung „das Blatt des Baumes“,  nicht aber für „das Blatt Papier“.

Es stellt sich für das zweisprachige Kind die Aufgabe, korrekte Objektbegriffe für passende semantische Einheiten seiner beiden Sprachen zu erkennen.

Als Faktoren des Erstsprachenerwerbs sind a) die kognitive Entwicklung, b) die phonologische Komponente, der c) Syntax- und d) der Wortschatzerwerb entscheidend. 

Zweisprachigkeit betrifft uns alle

Figur5Lehrer einer Grundschule hatten mich gebeten, ihnen die Faktoren des Erstspracherwerbs und des mehrsprachigen Aufwachsens im Zusammenhang mit den Lernstörungen zu erklären. Im Zentrum des oben genannten Seminars stand somit die Mehrsprachigkeit der Schülerinnen und Schüler sowie ihr sozialer und lebensweltlicher Hintergrund. Der Kontakt mit bilingual aufwachsenden Migrantengenerationen und deren Lernschwierigkeiten in der Schule gehört inzwischen zum Alltag von Pädagogen und Logopäden. In den meisten Fällen sind sie weder ausgebildet, mit Schülern mit vielen verschiedenen Erstsprachen umzugehen noch können sie die Lernstörungen zurückverfolgen. Sie können unmöglich alle Erstsprachen einbeziehen. 

Wenn wir von Zweisprachigkeit sprechen, dann müssen wir genau hinsehen, wie das Umfeld, in dem sich die Kinder befinden, beschaffen ist. Danach unterscheiden Linguisten die Art der Bilingualität. Diese kann

  1. balanciert und unbalanciert sein
  2. simultan und sukzessiv erworben/entstanden sein
  3. auf eine dominante und untergeordnete/schwache Sprache hinauslaufen
  4. …………………………………………………………………………………………………….
  5. durch unterschiedliche  Familiensprache und offizielle Sprache entstehen
  6. in  zweisprachigen Familien aufgrund binationaler Partnerschaften vorliegen
  7. als Diglossie (im Land, in der Umgebung werden zwei Sprachen gesprochen) auftreten
  8. aus der Unterteilung in Minderheiten- und Mehrheitensprache (Prestige!) hervorgehen

Wie eingangs beschrieben, bewältigen Kinder den Spracherwerb auch zweier Sprachen gleichzeitig im Prinzip ohne Probleme. Von solchen Fällen berichten etliche Linguisten, die vor allem ihre eigene Situation und den Spracherwerb ihrer Kinder beobachteten und protokollierten.

  • Ronjat 1913 (deutsche Mutter, französischerVater (lebten in Frankreich: une personne – une langue)
  • W. Leopold 1939-49 (deutscherVater, amerikanische Mutter ( erst in D, dann in USA: Sprachmischungen werden überwunden)
  • G. Saunders 1978-82 (australischerVater, spricht Deutsch, australische Mutter, Englisch mit den Kindern; leben in Australien, konsequente Sprachtrennung)
  • Kielhöfer/Jonekeit 1983 (deutsch-französische Familie; konsequente Sprachtrennung)
  • Taeschner, T. 1983 (deutsche Mutter, italienischerVater in Italien)

Die Kinder der in der Literatur beschriebenen Familien sind bekannt, bestimmt aber nicht auffällig im Sinne von extremen Lernschwierigkeiten geworden. Ronjats Sohn war nach dem simultanen Spracherwerb (2.) balanciert zweisprachig (1.). Wie Leopolds Tochter Hildegard wuchs er in einer zweisprachigen Familie auf (6.).

Der Fall von Saunders ist insoweit ungewöhnlich, als Deutsch nicht seine Muttersprache war, und er trotzdem in Australien, also weitab einer deutschen Umgebung, mit seinen Kindern Deutsch sprach: simultaner Deutschspracherwerb (2.), in einer Umgebung, die sich von der Familiensprache unterschied (5.). Das Ergebnis war nach Saunders Einschätzung eine eher unbalancierte (1.) Zweisprachigkeit mit einer dominanten Sprache Englisch (3.).

Ein wenig Werbung in eigener Sache darf sein? - Jahrelang habe ich meine beiden Kinder in ihrem Spracherwerb beobachten und protokolliert. Dieses Buch ist daraus enstanden. http://www.lektoratkarinafshar.de/?p=2415

Ein wenig Werbung in eigener Sache darf sein? – Sechs Jahre hindurch habe ich meine beiden Kinder in ihrem Spracherwerb beobachtet und protokolliert. 

Bei Taeschner, die einen Schwerpunkt ihrer Beobachtung auf den Wortschatz legt, werden die Kinder, obwohl sie beide Sprachen angeboten bekommen (2.), unbalanciert deutsch-italienisch-sprachig, zuungunsten von Deutsch (1.). Die Familie befand sich aufgrund der verschiedene Sprachen sprechenden Eltern (6.) in einem Umfeld, in dem die Sprache der Mutter Minderheitensprache (8.) war und Italienisch die dominantere (3.).

Es gibt einen Fall in der Bilingualitätsforschung, der aber nur ganz kurz und bündig in einem einzigen Aufsatz vorliegt. Es ist der Fall des Dänen Sondergaard, der 1981 den dänisch-finnischen Spracherwerb seines Sohnes dokumentierte, und aufgab, als er sah, dass der Junge sich verweigerte. Vorausgegangen waren negative Einstellungen der Umgebung zur finnischen Sprache. Das Prestige einer Sprache spielt eine nicht unwesentliche Rolle, wenn ein mehrsprachiger Spracherwerb scheitert. Wenn die Kinder aufgrund ihrer zweiten Sprache von der Gemeinschaft der Mehrheitssprache (8.) diskriminiert werden, ist das für den Erwerb der schwächeren Sprache nicht förderlich.

Ganz deutlich wird in den obigen Beispielen, dass es immer elterliche Strategien sind, die bewusst den Spracherwerb der Kinder beeinflussen, ja vielleicht sogar lenken. Diesen Beispielen tun es viele Eltern nach. In einigen Familien sind die Sprachen genau verteilt: Mutter die eine – Vater die andere. Dieses Prinzip hat sich sehr bewährt, denn das Kind lernt dann am sichersten, wenn es – sobald es beginnt eine Existenz von zwei Systemen zu erahnen – jede Sprache mit Funktionen und Wortschatz je einer Person zuordnen kann.

Es gibt Familien, die andere Strategien anwenden, die Schwerpunkte anders legen. Das Stichwort ist auch hier: die Konsequenz macht es. Figur1 copyDiese Konsequenz ist es auch, die die Kinder stärkt und sie von ihren beiden oder mehr Sprachen profitieren lässt. Sie sind eher keine Kandidaten für Lernstörungen.

Vernachlässigen möchte ich hier den Punkt 7. – die Diglossie. Kinder in Grenzgebieten sind immer wieder mit zwei Sprachen befasst – ein Teil der Familie dort drüben, der andere hüben. In Kanada gibt es bekanntlich zwei offizielle Sprachen, und die Kinder erwerben oder lernen beide. Die Schweiz ist ein Land mit 4 gesprochenen und amtlichen Sprachen. Kein Schweizer spricht alle diese Sprachen, aber mindestens zwei schon. Wie es sich hier mit den Lernstörungen verhält,  kann man  hier nachlesen.


Wie entsteht Halbsprachigkeit? 

Welchem Hintergrund nun entspringen die Kinder, um die sich die Lehrer sorgen? Was charakterisiert ihre Situation? Und was macht es mit ihren Sprachen? – In der Aufstellung von oben fehlte ein Punkt.

4. Halbsprachigkeit bzw. doppelte Halbsprachigkeit (additiv oder subtraktiv)

Er bezieht sich auf Kinder, die weder die eine noch die andere Sprache richtig können, und richtig heißt in diesem Fall „altersadäquat“, was sich auf die zuvor genannten Stadien, die von den Kindern durchlaufen werden, bezieht. Sprachdefizite betreffen im Falle dieser Kinder sowohl die Grammatik (sie sprechen schlimmstenfalls in ihren beiden Sprachen dysgrammatisch) als auch ihren Wortschatz, sie sind sowohl im Sprechen und Verstehen schlechter als auch in Leseverstehen und Schreiben.

Die sogenannte „doppelte Halbsprachigkeit“ wird inzwischen als populärer Mythos (der 70er und 80er Jahre) bezeichnet, der auf einer Fehleinschätzung von Sprache und sprachlicher Vielfalt beruhte. Der Begriff gäbe, wird eingewandt, eher die soziale Bewertung – genauer: Abwertung – eines bestimmten Sprachgebrauchs wieder als sprachliche oder grammatische Fakten. Schauen wir uns auch das näher an.

„Doppelte Halbsprachigkeit“ entsteht ganz bestimmt nicht, weil die Kinder von Anfang an zwei Sprachen als erste Sprachen lernen. Wenn das „Phänomen“ auftritt, ist meistens von Kindern über 4 Jahren die Rede, die den Erwerb ihrer ersten Sprache bereits weitgehend „bewältigt“ haben und nun einer zweiten Sprache gegenüber stehen. Sie sind damit in die Nähe des sukzessiven Bilingualismus gerückt (sukzessiv = hintereinander, folgend) – und anfällig für Sprachmischungen, weil die Sprachen nicht balanciert vorhanden sind. Der größte Unterschied liegt im Wortschatz: der häusliche Wortschatz besteht möglicherweise oder ganz bestimmt  aus anderen Domänen als der Alltag im Kindergarten oder der Vorschule.

An der Universität Hamburg haben schon in den 80er Jahren Linguisten den doppelten Spracherwerb und die Schwierigkeiten insbesondere türkischer Kinder untersucht. Jochen Rehbein war einer von ihnen, Wilhelm Grießhaber ein anderer. Sie kamen – aber sie waren nicht die ersten – dem a) Code-Switching und dem b) Sprachmischen auf die Spur. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden ist: a) „geschieht“ nicht, sondern wird bewusst vom Sprecher eingesetzt, d.h. ein Kind spricht mit der Mutter Türkisch, und im Beisein der Kindergärtnerin Deutsch. Es kann zwischen beiden Sprachen wechseln, ohne sie zu mischen. b) dagegen ist eine (mehr unbewusste) Vermischung von Elementen aus beiden Sprachen. Dem Sprachwechseln kann ein annähernd balanciertes Beherrschen der beiden Sprachen zuerkannt werden, während beim Sprachmischen eine Sprache die dominante, die andere die schwächere Sprache ist.

Rehbein (1987) führte eine Untersuchung mit Kindern türkischer Muttersprache in Hamburg durch, in der die Kinder eine Geschichte auf Deutsch nacherzählen mussten. Eine Gruppe hatte die Geschichte nur auf Deutsch gehört, einer anderen Gruppe hatte man die Geschichte auf Türkisch erzählt. Die zweite Gruppe, bei der in der Muttersprache erzählt wurde  und bei der daher das Textverständnis gesichert war, hatte sehr viel bessere Ergebnisse als die erste Gruppe.

Fehlendes und falschen Verstehen von Gehörtem – folgerte er daraus – wird zu mangelnder Sprachproduktion in der Zweitsprache führen. Da jedoch, wo das Verständnis in der gehörten Sprache gesichert ist, sind auch die Äußerungen der Kinder in der Zweitsprache Deutsch besser. Den Begriff Zweitsprache nehme ich anderer Stelle noch auf.

Allgemeiner formuliert: Wenn bestimmte sprachliche Fertigkeiten (wie Hörverstehen oder Leseverstehen) nicht in der L1 erworben und entwickelt wurden, können die entsprechenden Fertigkeiten auch nicht in der L2 freigesetzt werden.

L1 bedeutet in diesem Fall Türkisch und ist die Sprache, die die Kinder zuhause sprechen. L2 ist Deutsch, nämlich die Sprache, die sie erst ab dem Kindergartenalter und dann auch nicht im häuslichen Umfeld lernen bzw. erwerben. Diese Konstellation treffen wir sehr häufig bei Einwandererfamilien an.

kreis copySieht man die verschiedenen Aspekte zusammen, ergibt sich deutlich das Bild eines Dilemmas. Wenn das Kind in der einen Sprache, die im Falle der türkischen Kinder Zuhause gesprochen und von ihnen als erste Sprache erworben wurde, gut versteht, kann es das Verstandene auch in einer zweiten Sprache wiedergeben, selbst wenn es diese nicht wie ein monolingual deutschsprachiges Kind sprechen kann. Wenn es dagegen etwas in seiner (schwächeren) zweiten Sprache hört, aber nur bruchstückhaft versteht, kann es nicht den Inhalt nicht adäquat wiedergeben. Es produziert fehlerhafte „Texte“.

Das Ergebnis scheint auf den ersten Blick selbstverständlich. Auf den zweiten Blick sagt es etwas über die Wichtigkeit der ersten Sprache aus. In Schulen kämpfen die Lehrer mit genau diesem Phänomen der fehlerhaften Textproduktion aufgrund von mangelndem Hör- und Leseverstehensfertigkeiten in der Unterrichtssprache Deutsch.

Jochen Rehbein und andere Linguisten nahmen diese Erkenntnis zum Anlass, den Eltern zu raten, mit ihren Kindern zuhause ihre Muttersprachen zu sprechen – und nicht – wie es lange Zeit üblich war, und leider immer noch ist – mit ihnen ein Deutsch, das sie selbst nur bruchstückhaft beherrschen, zu sprechen.

Es werden jene Kinder mit Lernstörungen und Lernschwierigkeiten zum Kinderarzt geschickt und anschließend von Lerntherapeuten therapiert, deren Eltern mit den Kindern ein unauthentisches, fehlerhaftes Deutsch oder aber eine weitere fehlerhafte, nicht muttersprachliche Sprache sprechen. Es sind Eltern, die ihre Sprachen mischen, keine konsequente Trennung der Sprachen einhalten, keine konsequente Zuordnung treffen, sich ihrer Sprachen unbewusst bedienen. 

Mit der ersten Sprache/den ersten Sprachen, die Kinder lernen, lernen sie Kulturtechniken. Jede Kulturtechnik ist dabei bessere als keine. Was Kinder nicht zur rechten Zeit lernen, versagt ihnen das Vorangehen auf die nächsten Stufen, die sie in ihrer Entwicklung anstehen. Da jede Stufe ihre Zeit braucht und ihre Übung erfordert, und keine Stufe übersprungen werden, es keine Stufe 5 vor der Stufe 4 geben kann, bleiben Kinder stecken und sind überfordert. Was sie in der einen Sprache an universellen Prinzipien und speziellen, unterscheidbaren Strukturen nicht erkennen und anwenden, können sie dann auch nicht in der zweiten. 

Figur7Daraus ließe sich ein Aufruf formulieren: Sprecht mit euren Kindern eure Muttersprachen, lehrt sie sie hinreichend, indem ihr vorlest und vorsprecht und die Dinge und Phänomene der Welt in ihnen erklärt. Bietet den Kindern einen großen Wortschatz! Lehrt sie die Strukturen – nicht in einem Pseudo-Unterricht – sondern im praktischen, pragmatischen Gebrauch im Miteinander. Seid redundant – d.h. sprecht viel und vielfältig. Je mehr Wörter, desto besser. Wörter mit vielen Nuancen, verschiedenen Bedeutungen bilden sich in der Möglichkeit und Freude des Selbstausdrucks ab. Was die Kinder in der Erstsprache lernen, kommt ihnen später in jeder anderen Sprache zugute. Die ersten drei Jahre sind entscheidend. – Und nur keine Angst davor, dass Kinder allein durch das Vorhandensein mehrerer Sprachen verwirrt würden.

Wir haben diese Gabe, Sprache zu lernen – sie unterscheidet uns von allen anderen Lebewesen auf dieser Erde. Werfen wir sie nicht weg, indem wir immer reduzierter sprechen, unsere Gedanken nicht in zusammenhängende Strukturen bringen und in einer falsch verstandenen „Globalität“ die Systeme vermischen. Was wir an Worten und Ausdrucksmöglichkeit einsparen, wird über lange Sicht die Kommunikation erschweren, den Kontakt zwischen Menschen und ihr Denken zerstören.

Normalerweise haben die Teilnehmer Fragen an mich – jetzt drehe ich den Spieß einmal um und bin ganz Lehrerin: ich teste Ihr Leseverständnis. Machen Sie mit? Hier kommen die Fragen.

Steht das im Text? (Eine oder mehrere Antworten sind möglich)

 

1. Was ist Grammatik? a. Ein Gefüge aus Formen und Inhalten
b. Eine Struktur aus Sprache
c. Eine Regelvorschrift
2. Womit beginnen Kinder, wenn sie sprechen lernen? a. Mit Ein-Wort-Sätzen
b. Mit einzelnen Lauten
c. Mit ganzen Wörtern
3. Was bedeutet „kognitive Entwicklung“? a. Die Entwicklung der Motorik
b. Die Entwicklung der Intelligenz
c. Die Entwicklung der Sprache
4. Erstspracherwerb ist … a. das Lernen einer Fremdsprache
b. der Spracherwerb nur einer Sprache
c. Erwerb einer oder mehrerer Sprachen zur gleichen Zeit
5. Jeder Mensch hat grundsätzlich die Fähigkeit sprechen zu lernen. Noam Chomsky benannte diese …. Wie heißt sie? a. LAD
b. LDA
c. ADL
6. Die Lehre von den Lauten heißt a. Phrenologie
b. Photovoltaik
c. Phonologie
7. Einzelne Wörter sind zu Sätzen zusammengefügt (bedeutungsvolle  Äußerungen) – das fällt in das Feld der a. Semantik
b. Syntax
c. Morphologie
8. Ein typisches Verhalten von Kindern beim Spracherwerb ist, dass sie … a. Worterfindungen diskutieren
b. Wortbezeichnungen übergeneralisieren
c. Wörter von hinten nach vorne sprechen
9. Bilingual ist ein Mensch, wenn er … a. als Erwachsener zwei Sprachen gleichzeitig lernt
b. als Kind zwei Sprachen als Erstsprache erwirbt
c. zwei Sprachen gleich gut sprechen kann
10. Es gibt einen simultanen und einen ….Spracherwerb zweier Sprachen a. progressiven
b. additiven
c. sukzessiven
11. Welcher Zeitraum ist  für den Spracherwerb eines Kindes entscheidend? a. das erste halbe Jahr
b. die ersten drei Jahre
c. die ersten fünf Jahre
12. In seiner Sprachentwicklung leistet das Kind folgendes: a. Es bildet selbst Regeln.
b. Es macht nie Fehler.
c. Es macht Fehler, die von der Mutter korrigiert werden.
13. Es gibt sprachliche und nichtsprachliche Laute. Die sprachlichen Laute sind… a. Laute, denen Menschen eine Bedeutung gegeben haben
b. Laute, die sich auf konkrete Gegenstände beziehen
c. Laute, die zusammen ausgesprochen ein Wort ergeben und die sich auf etwas beziehen.

 

Hier sind die Aufgaben als PDF und die Lösungen

 Fragen_Text_Zweisprachigkeit 2014

Lösung_Text_Zweisprachigkeit_2014