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VERSTÄNDLICHE TEXTE

„Wenn die Begriffe nicht klargestellt sind, dann treffen die Worte nicht das Richtige. Wenn die Worte nicht das Richtige treffen, dann kann man in seinen Aufgaben keinen Erfolg haben, dann können Ordnung und Harmonie nicht blühen.“ (Kung Fu Tse, 551-478 v. Chr.)

Als jemand, der ständig schreibt, der das von anderen Geschriebene durchsieht und korrigiert, der anderen sagt, wie sie sich besser ausdrücken können, scheitere ich doch auch selbst immer wieder an meinen eigenen und den allgemeinen Maßstäben, scheitere nach wie vor, was heißt: ich setze mich über die von mir gelernten und an mich weitergegebenen „Regeln“ mehr oder weniger bewusst hinweg.

Ich könnte auch sagen: ich schmunzele sie mit der sechsten Regel von George Orwell hinweg. Hier alle seine Regeln für die, die sich nicht mehr ganz erinnern:

  1. Benutze niemals eine Metapher, einen Vergleich oder eine Redewendung, die man oft gedruckt sieht.
  2. Benutze niemals ein langes Wort, wo es auch ein kurzes tut.
  3. Wenn ein Wort gestrichen werden kann, dann streiche es auch.
  4. Benutze niemals das Passiv, wo auch Aktiv geht.
  5. Benutze niemals ein Fremdwort, ein Fachwort oder einen Jargonausdruck, wo ein umgangssprachlicher Ausdruck passt.
  6. Brich lieber jede dieser Regeln bevor du etwas absolut Barbarisches schreibst.
  1. Never use a metaphor, simile, or other figure of speech which you are used to seeing in print.
  2. Never use a long word where a short one will do.
  3. If it is possible to cut a word out, always cut it out.
  4. Never use the passive where you can use the active.
  5. Never use a foreign phrase, a scientific word or a jargon word if you can think of an everyday English equivalent.
  6. Break any of these rules sooner than say anything outright barbarous.
George ORWELL, 1946, Politics and the English Language.

Etliche Vorkommnisse der letzten Wochen veranlassen mich dieser Tage, mich mit der „Verständlichkeit“ von Texten zu beschäftigen. Was ist es denn aber nun, worauf man beim Schreiben achten soll?

Ich habe das einmal gesammelt, und fasse es in dieser Tabelle zusammen:

Als schwer verständlich empfinden wir: Leicht verständlich ist für Viele dies:
kompliziert im Satzbau
ungeläufige Wörter

unanschaulich
kurz
ungegliedert
holprig
verschachtelt lange Sätze
ohne Beispiel
ungruppiert
einfache Sätze
geläufige Wörter
etwas länger
gut gegliedert
mit Beispielen
kurze Sätze
flüssig
anregend
übersichtlich
gruppiert

Der Hauptgrund für die Schwerverständlichkeit eines Textes besteht darin, dass die meisten Schreiber gar nicht wissen, wie man sich verständlich ausdrückt. Sie haben es nicht gelernt. In der Schule z. B. wird „verständliches Schreiben“ kaum explizit behandelt. Im gut benoteten Schulaufsatz wird auf Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung geachtet. Später darauf, ob die Aufgabenstellung erfüllt wurde. Und selbst in den 10. Klassen eines Gymnasiums, wenn verschiedene Genres auf dem Lehrplan stehen, u.a. das journalistische Schreiben, werden zwar rhetorische Figuren behandelt  – nur – selten in Hinblick auf ihre praktische Anwendung.

Sie möchten ein amüsant-abschreckendes Beispiel „komplizierten und unverständlichen“ Sprechens hören (die rhetorische Figur, die Loriot hier zur Anwendung bringt, heißt „Anakoluth“)? – Hören Sie hier hinein.

Ich fasse jetzt die ähnlichen Eigenschaften aus der obigen Tabelle  zu vier größeren Komplexen zusammen. Diese machen unsere  Merkmale der Verständlichkeit aus. Es sind

  1. Einfachheit
  2. Gliederung – Ordnung
  3. Kürze – Prägnanz
  4. Anregende Zusätze

Sehen wir uns die Punkte im Einzelnen an.

1.1     Einfachheit

Einfachheit bezieht sich auf meine Wortwahl und den Satzbau, also auf die sprachliche Formulierung: ich verwende geläufige, anschauliche Wörter und füge sie zu kurzen, einfachen Sätzen zusammen. Will und muss ich schwierige Wörter (Fremdwörter, Fachausdrücke) benutzen, erkläre ich sie. Dabei kann der dargestellte Sachverhalt selbst einfach oder schwierig sein – es geht um die Art der Darstellung.

2.1     Gliederung – Ordnung

Dieses Merkmal bezieht sich auf die innere Ordnung und die äußere Gliederung eines Textes.

Innere Ordnung: Meine Sätze stehen nicht beziehungslos nebeneinander, sondern ich beziehe sie folgerichtig aufeinander. Informationen biete ich in einer sinnvollen Reihenfolge dar.

Äußere Gliederung: Der Aufbau des Textes wird sichtbar. Zusammengehörige Teile gruppiere ich übersichtlich, z.B. durch überschriftete Absätze. Mit Vor- und Zwischenbemerkungen gliedere ich den Text. Wesentliches unterscheide ich von weniger Wichtigem sichtbar, z.B. durch Hervorhebungen oder durch Zusammenfassungen.

3.1     Kürze – Prägnanz

Bei diesem Merkmal geht es um die Frage: Steht die Länge des Textes in einem angemessenen Verhältnis zum Informationsziel? Eine knappe, gedrängte Ausdrucksweise bildet das eine Extrem, eine ausführliche und weitschweifige das andere. Weitschweifigkeit beruht u.a. auf der Darstellung unnötiger Einzelheiten:

  • überflüssige Erläuterungen
  • breites Ausholen
  • Abschweifen vom Thema
  • umständliche Ausdrucksweise
  • Wiederholungen
  • Füllwörter und leere Phrasen

4.1    Anregende Zusätze

Dieses Merkmal bezieht sich auf  „Zutaten“, mit denen wir als Schreiber oder Redner bei unserem Publikum Interesse, Anteilnahme, Lust am Lesen oder Zuhören hervorrufen können. Zum Beispiel:

  • Ausrufe
  • wörtliche Rede
  • rhetorische Fragen zum „Mitdenken“
  • lebensnahe Beispiele
  • direktes Ansprechen des Lesers
  • Auftretenlassen von Menschen
  • Reizwörter
  • witzige Formulierungen
  • Einbettung der Information in eine Geschichte

Nun erwacht unweigerlich die Frage nach dem richtigen Verhältnis dieser vier Merkmale. Dabei sind sie zunächst einmal ziemlich unabhängig voneinander. Ist ein Text z.B. einfach, so sagt das noch nichts über die anderen Merkmale aus. Er kann z.B. gut gegliedert und sehr weitschweifig oder ungegliedert und sehr kurz sein usw.

Nicht vollständig unabhängig voneinander sind allerdings die Merkmale Kürze – Prägnanz und Anregende Zusätze. Denn Anregende Zusätze verlängern einen Text. Der Sprecher oder Schreiber befindet sich in einem Konflikt: Kürze oder Anregung? Ein Ausweg könnte sein, dass wir die Anregenden Zusätze selbst so kurz wie möglich und ganz auf das Informationsziel hin ausgerichtet halten.

Unsere Kunst wird sein, unseren persönlichen Stil aus der „richtigen“ Mischung zusammenzufügen. „Kann man das lernen?“ wurde ich gefragt. Aber natürlich! Jeder kann lernen, sich verständlich und interessant auszudrücken. Dazu muss er sich nur die angemessene Zeit nehmen, a) eine Selbstanalyse zu betreiben und b) seine Wahrnehmung zu schärfen.

Ich habe hier Aufgaben zusammengestellt, an denen Sie sich üben können.

Schauen Sie sich die folgende Liste an! Jede Eigenschaft in dieser Liste gehört zu einem der vier Merkmale (oben 1.-4.). Aber zu welchem? Das herauszufinden ist Ihre Aufgabe. Dazu können Sie sich die angehängte Datei ausdrucken.

Das Beispiel am Anfang der Liste zeigt Ihnen, wie Sie es machen sollen: Die Aussage „Viele Fremdwörter“ charakterisiert das Merkmal „Einfachheit“, und zwar in negativer Weise. Denn Fremdwörter sind ungeläufige Wörter, Einfachheit ist aber durch „geläufige Wörter“ gekennzeichnet. Darum steht hinter „Viele Fremdwörter“ die Ergänzung „Einfachheit -„.

Machen Sie es nun ebenso für die übrigen Eigenschaften. Schreiben Sie  (natürlich nicht auf den Monitor ;-)) hinter jede das Merkmal, zu dem sie gehört, und geben Sie mittels ,,+“ oder ,,-“ an, ob eine Aussage ein Merkmal in positiver oder negativer Weise charakterisiert. Die Auflösung finden Sie in einem zweiten PDF.

Diese Eigenschaft gehört zu           diesem Merkmal    +/-
Beispiel: Viele Fremdwörter Einfachheit     –
   
1. Wichtige Sachen sind gut hervorgehoben  
2. In dem Text sind kurze, anregende Vergleiche  
3. In dem Text geht alles durcheinander  
4. Sehr abstrakt  
5. Nichts ist überflüssig  
6. Der Rote Faden bleibt immer sichtbar  
7. Man langweilt sich beim Lesen  
8. Das hätte man kürzer bringen können  
9. Im Text sind kurze Beispiele  
10. Der Autor weicht nie vom Thema ab  
11. Der Leser kann jeden Satz gut verstehen  
12. Man weiß nicht, was man sich einprägen soll  
13. Der Text enthält wörtliche Rede  
14. Viele Nebensätze  
15. Alles kommt schön der Reihe nach  
16. Manches hätte man weglassen können  
17. Viele Fachausdrücke  
18. Viele Füllwörter  
19. Komplizierter Satzbau  
20. Manchmal weiß man nicht, wie das in den Zusammenhang passt  

Aufgabe 

Auflösung Aufgabe 

Wenn Sie das üben und beherzigen, werden Sie nie wieder zu den Menschen gehören, die sich unverständlich ausdrücken. – Es sei denn… sie brechen absichtlich mit den Empfehlungen. Dazu aber muss man wissen, wie es auch anders geht.

Wer weiterlesen möchte, kann dies in dem Buch von Schulz von Thun & Langer & Tausch – „Sich verständlich ausdrücken“ (ISBN-13: 978-3497022052) tun. 

Außerdem haben Sie mich und können mich dazu befragen. Wir lesen uns.