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LINGUA OBSCURA

oder:

Wieviel Lüge brauchen wir?

dddIst schon klar, oder? Dass mit Sprache einiges gemacht werden kann. Jeder hat es auch schon getan: gelogen. „Warst du es, der die Schokolade aus der Schublade genommen und aufgegessen hat?“ – Nein, das war ich nicht.“  Ich hab sie genommen, aber ich habe sie nicht aufgegessen! Noch nicht.

„Du hast die Treppe nicht geputzt!“ – Der Auftrag hatte gelautet, ich solle die Treppe putzen. Die Anschuldigung ist nicht gerechtfertigt, denn ich habe die Treppe geputzt. Ich habe die halbe Treppe geputzt, dann war das Wasser zu schmutzig, und ich hätte mit diesem Wasser nur weiter den Schmutz verteilt. Da habe ich lieber aufgehört.

Kleine Lügen, Notlügen. Lässlich. Sie lassen uns unsere Gesichter, und zeugen von unserem Gemüt. Kinder entscheiden nicht nach falsch und richtig (diese Unterscheidung bringen erst die Erwachsenen ihnen bei), sondern nach wahr und unwahr. Sie vertreten nicht eine Moral, sie vertreten ihr Empfinden, das dann im Laufe der „Erziehung“ abhanden kommt.

Die folgenden Ausführungen sind der Versuch, einige Aspekte des Lügens, Verstellens und Manipulierens darzustellen. 

Masken vorm Gesicht

Betrachten wir die Lüge näher: In etlichen Kulturen gehört die Verstellung zum menschlichen Zusammenleben. Lügen, Täuschungen und Maskierungen sind dort weit verbreitet und nicht geächtet. In ihrem Umgang und Handeln miteinander (den Interaktionen) stimmen die Mitglieder der Gemeinschaften, die Erwartungen, die sie an einander haben, aufeinander ab. Sie beziehen dabei mögliche Reaktionsweisen des anderen in ihre Handlungsplanung mit ein. Notwendigerweise muss sich dabei jeder der Beteiligten selbst darstellen, oder den Gegebenheiten der Situation entsprechend auch verstellen. Höflichkeit ist ein Schlüssel zu diesem Raum der Lingua obscura – und auch wir wenden sie an. Die Höflichkeit in Worten (aber auch in Gesten) bewahrt uns davor, uns gegenseitig die Masken vom Gesicht zu reißen. Die Verletzung der Höflichkeit ist dabei die Verletzung der Übereinkunft, dass wir uns anlügen müssen. 

Es geht auf dem Gesellschaftsparkett (und das betreten wir, sobald wir das Private verlassen) darum, von uns gegenseitig das zu zeigen, das einen möglichst guten Eindruck macht – es geht aber immer auch darum, unser eigenes Selbst und das des Anderen vor Beschädigung zu schützen. Darüberhinaus gilt es ebenso die Situation, in der wir uns befinden, zu sichern.

Wahrhaftigkeitskulturen und Verstellungskulturen

Lüge – aber auch Wahrhaftigkeit – spielen jeweils eine Doppelrolle: In Abhängigkeit davon, ob sie den Erwartungen entsprechen, können Lüge und Wahrhaftigkeit das Vertrauen in das Verhalten des Anderen durchbrechen, aber auch stabilisieren. Wenn also Interaktionsregeln durch unpassende Wahrhaftigkeit nicht beachtet werden, führt das zu Irritation, und möglicherweise zum Abbruch der Begegnung. Wenn im Zuge einer Demaskierung von Lügen ein Treffen gestört wird, führt das zu Unwohlsein der betroffenen Person bis hin zu Ärger und Wut aller Beteiligten. Verletzte Regeln müssen anschließend repariert werden, mit dieser Reparatur gehen wiederum ein Über-etwas-hinweg-täuschen, eine Maskierung und/oder eine Verschleierung einher. Wenn nun Mitglieder unterschiedlicher Kulturen aufeinander treffen, entstehen – bei gegenseitiger Unkenntnis oder Falscheinschätzung der Lage – interkulturelle Missverständnisse und Schieflagen. (Neulich wollte mir ein junger Mensch klarmachen, dass es diese kulturellen Unterschiede nur in den Köpfen von Menschen gäbe, die in Schubladen dächten. Es grauste mich nicht wenig. Dürfen wir Unterschiede schon nicht mehr benennen?)

Im Zuge meiner Arbeit als Verlegerin treffe ich auf viele Menschen, auch auf solche aus anderen Ländern und Kulturkreisen. Als Linguistin weiß ich in etwa mit ihnen umzugehen. 2008 traf ich mich mit einem Iraner, der mir sein Buchprojekt vorstellen wollte. Vorweg: Ich bin Deutsche, und ich kenne die Höflichkeits- bzw. Verstellungskultur der Iraner. Wir trafen uns in einem Café, und mein Gegenüber entpuppte sich als sehr amerikanisierter Iraner (hatte lange Zeit in den USA gelebt): unkompliziert und direkt, und so gar nicht „persisch“. Das merkte ich aber erst, als die ersten Irritationen bereits aufgetreten waren. Ich spielte nämlich das persische Spiel der Höflichkeit, das er nun überhaupt nicht von mir erwartet hatte, ob bewusst oder unbewusst. Irgendwelche Gedanken wird er sich vorher gemacht haben, denn er wollte ja etwas von mir. Nun denn. Offensichtlich hatte er, wenn schon nicht eine Amerikanerin, so doch eine Deutsche erwartet. Wir trennten uns nach dem Gespräch und gingen uns fortan aus dem Weg, und das war nichts, was mit persönlicher Antipathie allein zu erklären wäre. Zum Buchprojekt kam es nicht. Wir hatten zwar nicht „gelogen“, aber wir hatten die Reihenfolge der Annäherungsrituale nicht erkannt, die Direktheit und auch die Sprachebenen verwechselt.

Wie erkennen wir Lügen – und müssen wir das überhaupt? Bei den kleinen Lügen gelingt uns das Erkennen sogar besser als bei den großen. Allerdings sind unser Alltag und die Ebenen unserer Beziehungen undurchschaubar komplex geworden. Hier nur einige Beispiele: Unsere Kinder, die immer früher immer mehr leisten sollen, verlieren immer mehr ihre Kindheit und müssen sich (obwohl ihr Wachstumsplan das nicht vorsieht) in einer Welt behaupten, die ihnen nicht entspricht.

Sie sind Signalen ausgesetzt, die sie nur schwerlich verstehen und interpretieren können – Kinder können mit Ironie und Zynismus (ersteres ein rhetorisches Mittel der Verstellung, letzteres der bittere Bruder des Humors) nicht umgehen. Die Erwachsenen, die offensichtlich immer öfter nichts lieber täten als eher gestern als morgen in den Kindergarten zurückzukehren, weisen ein Fluchtverhalten auf, das eine Infantilisierung der Gesellschaft als Symptom hat.

Und als wäre das nicht genug: Zur allgemeinen Verwirrung tragen die unterschiedlichen neu entstehenden Sprachen bei, die noch gar keine Sprachen sind, allenfalls Pidgin-Sprachen auf dem Weg zur Kreolsprache. (Denglish ist dabei die harmlosere, etwas elaboriertere und prestigeträchtigere Form, während die Mischsprachen mit Beteiligung von Deutsch und Türkisch, Arabisch usw. ein gesellschaftliches Symptom anderer Art darstellen.) Das Phänomen, dem wir hier begegnen, ist nicht nur, dass von einer in die andere Sprache gewechselt wird und die beiden Sprachen gemischt werden (was ein Unterschied ist), sondern dass die Bedeutung der Wörter und der Konzepte der beteiligten Sprachen sich verschieben, sich erweitern oder verengen kann, und es auch tut, und die Sprecher noch kein ausgebildetes Regelsystem haben, was die „Kultur“ der Mischsprache angeht. Handelt es sich um eine „Wahrhaftigkeitskultur“ oder um eine „Verstellungskultur“?

Höflichkeit (oben bereits angesprochen) im Umgang miteinander und ihr Handwerkszeug sind an die Sprache gebunden – je weniger gemeinsame Sprache uns bleibt bzw. je weniger wir gleiche Worte mit gleichen Bedeutungen verwenden, desto größer wird die Irritation. Wenn wir nicht über den nötigen aktiven Wortschatz und eine vage Kenntnis des Wortschatzes des Anderen verfügen, wird es schwer, uns sprachlich zu „verstellen“, was ja auch heißen kann, uns selbst und den anderen vor einer Blöße zu schützen.

Mehrfach habe ich Seminare zu „Höflichkeit“ abgehalten. So z.B. auch in China, im Rahmen einer Vorlesung zu „interkultureller Kommunikation“. Die chinesischen Studenten – das war das angestrebte Ziel – sollten ein Auslandssemester an einer deutschen Fachhochschule absolvieren, und meine Aufgabe war es, sie sprachlich darauf vorzubereiten. Abgesehen davon, dass ich bei Null mit ihnen anfing, gab es weit mehr Hindernisse. Anders als die Japaner, die ein ausgeklügeltes Höflichkeitsnetz aufweisen und von der Mentalität her defensiv und distanziert sind, sind die Chinesen viel offensiver und auch aggressiver. Aber natürlich ist auch ihnen Höflichkeit ein Bedürfnis, woraus die Frage nach der deutschen Höflichkeit erwuchs. (Kennen Sie alle Abstufungen der Höflichkeit z.B. beim Äußern einer Bitte?) Ausgerüstet mit einem Satz graduell abgestufter Äußerungen fühlten sie sich offensichtlich wohler. 

Lügen ist amoralisch, Gott duldet keine Lügen! Wer lügt, betrügt auch! Lügen haben kurze Beine. – Was ist denn Lüge? – Ist sie eine Äußerung mit dem Willen zu einer falschen Sache (mendacium est enuntiatio cum voluntate falsum enuntiandi, Augustinus)? Diese Beschreibung der Lüge ist im Wesentlichen auf die Intention des Sprechers, Falsches auszusagen, abgestellt. 

Verpackte Lügen für alle

Lüge als eine Art Schutz des Subjektiven ist auf den Innenraum der Menschen bezogen. Aber, wie angedeutet, bildet eine Lüge, indem sie täuscht und schützt, auch außersprachlich Vorgefundenes ab. Mich hat von jeher interessiert, mit welchen Lexemen (i.w.S. Wörtern) und Phraseologismen Täuschungsmanöver versprachlicht werden. Wie werden denn diese Lügenhandlungen mittels Sprache  ausgeführt? Wie sehen diese Lügen aus?

Inzwischen lesen die Kinder in den Schulen in der 3. Generation im Deutsch- oder Englischunterricht davon, und doch hat uns George Orwell erst jetzt richtig eingeholt – mit 30 Jahren Verspätung.

„[…]“ bezeichnet die vom herrschenden Regime vorgeschriebene, […] veränderte Sprache. Das Ziel dieser Sprachpolitik ist es, die Anzahl und das Bedeutungsspektrum der Wörter zu verringern, um die Kommunikation des Volkes in enge, kontrollierte Bahnen zu lenken. Damit sollen sogenannte Gedankenverbrechen unmöglich werden. Durch die neue Sprache bzw. Sprachregelung soll die Bevölkerung zu einer Artikulation gebracht werden, mit der sie nicht einmal an Aufstand denken kann, weil ihr die Worte dazu fehlen.“ [frei nach wikipedia, Auslassungen von mir]

Schauen Sie sich die Wörter unten an. Kennen Sie sie? Ich habe sie aus verschiedenen Zusammenhängen zusammengesammelt. Könnten Sie sie zuordnen?

1.  couragiert;  2. friedenserhaltende Maßnahme;  3.  Erziehung zum Staatsbürger in Uniform; 4. Erziehung zum mündigen Bürger; 5. Gleichberechtigung; 6. gelebte Demokratie; 7. Toleranz; 8. Vielfalt; 9. kulturelle Eigenart; 10. rassistisch; 11. nachhaltig; 12. Stabilisierung

  1. Jungen werden Mädchen gegenüber in der Schule benachteiligt. Das ist ……………………………..
  2. Alle Parteien des Bundestages vertreten zu den meistdis­kutierten Fragen unserer Zeit wie Euro-Rettung, Genderpolitik und Frauenquote, Klima- und Energiepolitik, Zuwanderung oder Multikulturalismus eine nahezu gleiche Meinung. Menschen, die eine der offiziellen  Meinungen nicht teilen und das sagen, werden zu Unpersonen erklärt. Tja. Das ist …………………………………….
  3. Die durch eine Hauruckwende zu noch nicht voll ausgereiften Energieträgern wie Wind und Sonne gefährdete Stromversorgung, ist eine ……. Wende.
  4. Menschen, die eine politische Überzeugung, die alle Bundestagsparteien, alle großen Medien, alle Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen, alle Kirchen und großen Verbände teilen, kundtun, sind es: ………………….
  5. Soldaten, die zum politischen Katzbuckeln erzogen werden, indem man ihnen verbietet, die „friedenserhaltenden Maßnahmen“ kritisch zu sehen, machen eine bestimmte Erziehung durch:  ……………………….
  6. Die in viele Winkel der Welt geschickten Soldaten (damit sie dort Krieg führen) machen das: ………………….
  7. Die Gefährdung von Währung und  Ersparnissen dient ihr: der …………………………………………
  8. Bei Zuwanderern, die  jeden Respekt vor den hiesigen Gesetzen und der einheimischen Bevölkerung vermissen lassen, spricht man von ………………………..
  9. Einheimische, die jenen Respekt von Zuwanderern fordern, der ihnen von den Einheimischen gezollt wird, sind „unsensibel“, wenn nicht gar ……………….
  10. Fast alle großen Medien treiben im selben Strom. Das ist ……………..
  11. Wenn Lehrer von Schülern verlangen, eine bestimmte Ideologie zu vertreten und Zuwiderhandlung mit schlechten Noten bestrafen, ist  das …………………………

Zu radikal? Oder – ich darf das so nicht sehen? Ich bin den neuen Lügen auf der Spur – diesem Netz von Wortbedeutungsverbesserungen, das die konservativeren wie neuen Medien (längst nicht nur sie, sondern auch das Monstrum namens „Gremium“) erzeugen und verbreiten. Sie verstopfen die alten Denkwege mit Wörtern, und lenken uns in Richtungen, die zu keinem Ausgang mehr führen werden.

1. Um bestmögliche Trans­pa­renz der deutschen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit zu erreichen, orientiert sich das Bun­des­mi­nis­te­ri­um  an den ak­tu­el­len in­ter­na­ti­o­nalen Transparenz­standards. Transparenz = freiwillige Kontrolle

2. Der Verbraucherzentrale verleiht der Stimme der Verbraucherinnen und Verbraucher im politischen Raum Gehör und gestaltet Verbraucherpolitik in Deutschland und der EU.  Verbraucher =   jemand, an dessen Geld man heran will und der – diesmal im wahrsten, bitteren Sinne des Wortes – Energie verbraucht

3. Synergieeffekte beschreiben die erwarteten Nutzeffekte einer Unternehmensfusion oder eines Unternehmenskaufs. Zwei Unternehmen tun sich zusammen, um gemeinsam effizienter und wettbewerbsfähiger zu werden, und können dabei Personal einsparen.  Synergieeffekte = Möglichkeit der Firmen, überflüssige Arbeitsplätze zu streichen.

 

Veränderte Sprachbilder = Neusprech

Parallel zur oben beschriebenen Entwicklung durchzieht eine ungleich subtilere Sprachveränderung die Medien, die Gremien, und auch zunehmend den normalen Sprachgebrauch. Soweit ich weiß – das erzählte und bestätigte mir meine englische Schülerin – geschieht dies nicht nur in Deutschland, sondern offensichtlich auch in Großbritannien, und vermutlich auch in Frankreich oder Italien. Ich weiß nicht, wie der Prozess offiziell heißt. Ich nenne ihn die Ver-Stattfindlichung der Sprachen. Sie merken schon, was ich meine?

Beispiele:

Politik kann nicht nur online stattfinden, sie muss auf die Straße. 

Am Wochenende ist mit Störungen zu rechnen. Busersatzverkehr findet statt

Die Arbeitskräfte, die sich immer wieder darauf freuen, sollten endlich freigesetzt werden.

Die Integrationsmaßnahme muss installiert werden, damit in unserer Leistungsgesellschaft die Kinder in den Schulen funktionieren.

Hier werden Wörter ihrer ursprünglichen Bedeutung entrissen und in neue Zusammenhänge gesetzt. Die Sprache wird technisch und mechanistisch.

Das Deutsche kennt die sogenannten Funktionsverbgefüge, als da sind zur Sprache kommen, Beistand leisten, Rücksicht nehmen, in Frage stellen usw. Das sind feste „Redewendungen“, Formeln, die gewachsen sind.

Man muss sie nicht mögen – sie gehören zu einem Stil, der als nominaler Stil einen fragwürdigen Ruf im Beamten-/Verwaltungsdeutsch bekommen hat. Der nominale Stil verwendet – wie das Wort sagt: Nomen – Hauptwörter dort, wo wir im normalen Sprachgebrauch ein Verb benutzen. Die Wissenschaftlichkeit einer Arbeit, und damit ihre Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit, wird in Deutschland am nominalen Stil festgemacht. Wir Deutschen kennen da keine Grauzone: Verbaler Stil in einer wissenschaftlichen Arbeit? – Das geht gar nicht. Damit ist jedoch ein Zusammenhang zwischen dem Prestige und der gewählten Sprachform hergestellt. Wer auf sich hält, wer zur gehobenen Klasse gehören möchte, wählt die nominale Form – auch wenn er sie weder beherrscht noch versteht. Und er verwendet sie auch, wenn er weiß, dass er nicht verstanden wird!

Ironischerweise geht das neue deutsche Neusprech genau diesen Weg, und belügt Sprecher wie Angesprochene. Da ist es auch nicht zufällig, dass so wichtige Orientierungspunkte wie die Zeichensetzung (Kommata und besonders Bindestriche) verloren gehen oder übermäßig (Apostrophe) verwendet werden. Auch die Sache mit dem politisch korrekten Gender (Artikel! Und Endungen! – ich komme in einem nächsten Beitrag darauf zurück) im Deutschen ist, obwohl da noch eine wahre Lawine an Wortscheusalen auf uns zurollt, ein Symptom und lästig, aber gegenüber anderen Dingen zu vernachlässigen.

Als viel gravierender empfinde ich die Durcheinanderwürfelung von Satzteilen. Diese haben nämlich in einem deutschen Satz einen festen Platz. So steht die Angabe der Zeit möglichst nah beim Verb, während die Angabe des Ortes weit nach hinten rutschen kann. Wenn das Prädikat aus zwei Verben besteht, steht ein Teil, der nicht-konjugierte, am Satzende. wiederum: wenn wir einen Nebensatz haben, steht das konjugierte Verb am Ende des Satzes. Ein Relativsatz sollte möglichst nah am Bezugswort stehen, auch wenn man manchmal Gefahr läuft, damit einen Schachtelsatz zu bilden. Wenn jedoch der eingeschobene Satz zu lang wird, muss der Relativsatz nach hinten verschoben werden. Man höre sich nur einmal Berichte in den Medien an! Da geht inzwischen einiges durcheinander, so dass manche Äußerung allein aufgrund dieser vier-fünf genannten Punkte sehr schwer verständlich wird.  Beispiele:

  • … Sie haben die Mutter der Freundin abgeholt, die gestern einen Unfall hatte. (Wer hatte den Unfall?)
  • … Der Täter lieh sich ein Auto, … weil … seins war in der Werkstatt. (Verbstellung ist umgangssprachlich möglich – wenn hinter weil eine merkliche Pause zum Zeichen des Satzabbruchs gemacht wird)
  • … Ich muss gehen, weil die Geschäfte machen gleich zu. (Verbstellung im Nebensatz)
  • … Zuvor war Merkel in Afghanistan bei ihrem ersten Besuch in Kabul mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai zusammengetroffen, der sie mit mehreren Ministern vom Flughafen abgeholt hatte. (Reihenfolge der Satzglieder uneindeutig)
  • Alle`s über Info`s und dergleichen… (Die Apostroph-Wut)
  • 24 Monate ohne Grund Gebühr (Zusammen- und Getrenntschreibung)

Sprachcodes

Der obige Exkurs war nötig, auch wenn er scheinbar von der Lügensprache weggeführt hat. – Es gibt ein weiteres Feld, auf dem Neusprech längst Gang und Gäbe ist – jeder, der in einem Arbeitsverhältnis steht, dieses hat kündigen müssen und eine Arbeitgeberbeurteilung bekommen hat, kennt sie: die Arbeitszeugnisse. Sie sind in einem Code verfasst. Jedes Zeugnis, das in Deutschland ausgestellt wird, muss wohlwollend sein. Die Leistungen des Arbeitnehmers werden so beurteilt, dass sie in Noten übersetzt werden können. Manch Arbeitgeber beherrscht den Code nicht. Findet der Arbeitnehmer, dass er nicht entsprechend beurteilt wurde, hat er einen Rechtsanspruch auf Änderung. 

Ich werde hier nicht den gesamten Code wiedergeben, wohl aber zur Ansicht und zur Belustigung über die Raffinesse die Note 6 in der Beurteilung. Die Formulierungen sind grundsätzlich auch unzulässig und – wirken vernichtend:

  • anfangs (d.h. nur in der Probezeit, dann nicht mehr)
  • im Rahmen ihrer/seiner Möglichkeiten (Die Fähigkeiten sind völlig unzureichend)
  • Sie/er bemühte sich… (Völlige Überforderung)
  • Zeigte Verständnis für seine Aufgaben… (Nahe an der Arbeitsverweigerung)
  • im Großen und Ganzen/insgesamt (also nicht)
  • Sie/er hatte nicht unbedeutende Erfolge… (Der gewünschte Erfolg blieb aus)
  • ohne Tadel… (Des Lobes nicht wert)

Sprache ist Manipulation?

Wir geben Versprechen, die wir von Anfang an nicht einhalten wollen, berichten von Begebenheiten und sind uns gleichzeitig bewusst, dass unser Berichtetes nicht den Tatsachen entspricht; wir stellen unsere Pläne auf eine Weise dar, die unseren Gesprächspartner für uns und unsere Sache gewinnt. Gleichzeitig verfolgen wir andere, dahinter liegende Interessen. Die Sprache ist nicht immer Kleid unserer Gedanken – im Falle der Lüge jedenfalls ist sie deren Verkleidung.

Der Lügner bedient sich der Sprache, um sein Werk zu verrichten. Die lingua obscura ist die Sprache als Mittel der Täuschung, die Sprache, mit deren Hilfe es uns gelingt, unsere Mitmenschen hinters Licht zu führen. Es ist die Sprache, die im Gebrauch einen Schatten, in dem wir unsere Gedanken, Absichten, Pläne und Interessen verstecken können, wirft. 

Neusprech wie auch lingua obscura wie auch Sprache in jedweder Form, ob beherrscht, gemischt, elaboriert oder prollig – ist immer Manipulation. Fragt sich nur, mit welcher wir gerade kommunizieren, in welchem Grad und ob wir uns dessen bewusst sind.


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