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WARUM NEUGIER NICHT VERWERFLICH IST

Platons Kratylos ist von der natürlichen Richtigkeit der Wörter überzeugt (semantischer Naturalismus), Hermogenes geht von der Hypothese einer willkürlichen Vereinbarung der Wortbedeutungen aus (Konventionalismus) und Sokrates setzt sich mit beiden Konzepten kritisch auseinander.

Die Frage, auf die sich der Titel bezieht, stellte Neugier und Interesse in eine sich einander ausschließende Beziehung. Interesse für jemanden bzw. an jemandem sei wertvoller als die pure Neugierde, wurde als eine Antwort angeboten. Neugierde wirkt aufdringlich, Interesse anteilnehmend. Ist das das einzige Unterscheidungskriterium?

Also, ich möchte die Neugierde rehabilitieren. Nicht, dass sie mich bräuchte, aber ich möchte das einmal aufzeigen. Die Welt gerät in Unordnung, weil und wenn wir nicht genau bzw. schlampig mit den Wörtern und ihren Bedeutungen umgehen.

Natürlich spielt in dem Wort „NeuGIERde“ die Gier mit. Gier = nichts Gutes? In dem Wort schwingt das „Mehr-haben-Wollen“. Mehr, als uns zusteht – mehr, als vorgesehen ist. – Das „Mehr“, das Unbescheidenheit in sich trägt. Mit Neugierde in die Welt zu gehen, könnte suggerieren, dass man nicht in die Welt geht um der Welt willen, sondern um eine subjektive (seelisch-empfindungssichernde) oder egoistische (selbstsichernde) Bedürftigkeit zu befriedigen.

Intelligenz – von vielen als ein sehr hohes Gut eingestuft – ist messbar und damit quantifizierbar, ist ein Teil dieser Neugierde. 

Der lateinische Ausdruck „inter legere“ heißt soviel wie: in den Umraum hineingehen, sich verzweigen und Gefundes einsammeln, wählen, legen. In der Psychologie ist „Intelligenz“ ein Sammelbecken für die kognitive Leistungsfähigkeit des Menschen, ist aber nicht gleichzusetzen mit dem Begriff „Kognition“ in toto. Da einzelne kognitive Fähigkeiten unterschiedlich stark ausfallen können und keine Einigkeit darin besteht, wie sie zu bestimmen und zu unterscheiden sind, gibt es keine allgemein geteilte Definition der Intelligenz. Vielmehr schlagen die verschiedenen Intelligenztheorien unterschiedliche Operationalisierungen des alltagssprachlichen Begriffs vor. Soweit auszugsweise unser „Allwissen“-Medium Wikipedia.

Unter den Oberbegriff „Kognition“ fasst sich die Fähigkeit zur Informationsverarbeitung – um es einfacher auszudrücken: die Fähigkeit, gesammelte Eindrücke anhand von Merkmalen und Strukturen einzuordnen – zusammen. Es ergeben sich Operationen, wie bereits Piaget sie nannte, als er die kognitive Entwicklung von Kindern ab ihres Beginn  beschrieb. Kognition „brauchen“ wir, um Satzstrukturen erkennen und bilden zu können. Sprachliche Operationen sind die Bildung von Sätzen mit ihren Unter- und Nebenordnungen. Kinder erwerben Sprache mit der Entwicklung der Kognition einhergehend. Anhand ihrer Sprachentwicklung lässt sich gut beobachten, wie die Komplexität ihrer Kognition zunimmt.

Intelligenz mithin ein „Sammeln von Merkmalen“, die dann nach Analyse, entsprechender Diagnose und Herausarbeitung der Unterschiede in Hinblick auf ihre Ähnlichkeit zusammengelegt werden, und zwar syntagmatisch, horizontal. Gleiches zu Gleichem, an der gleichen Position, und möglichst auch in derselben Funktion.

Der astrologische Zwilling findet in der Welt etwas vor und sortiert: rot zu rot, blau zu blau, Erdbeermarmelade zu Erdbeermarmelade. Er ist verwirrt, wenn eine Zuordnung nicht eindeutig ist, weswegen er eben u.a. das binäre System erfunden hat. Die Neugierde gilt in der Tat dem Aufsuchen von Informationen in der Horizontalen, die alsbald verbunden und in einen logischen Zusammenhang gebracht werden. Sie gilt – und daher die Vorsilbe „neu“ der Aufnahme und dem Sammeln von bisher nicht Bekanntem und noch nicht Eingeordnetem. 

Insbesondere vom 3. Haus – im astrologischen Mundan-Tierkreis dem Zwilling und dem Merkur zugeordnet – geht es um das Entdecken der weißen Flecken auf einer Landkarte. Sie wollen erschließen und auffüllen. Um dies nun tun zu können, ist es problematisch, wenn man sich emotional an etwas oder jemanden „bindet“ – weswegen Sachlichkeit und auch Neutralität überwiegen. Je größer die emotionale Bindung an das Feld der Erforschung wird, desto unbeweglicher fühlt sich der Zwilling (oder Mensch mit der Sonne in 3). Die Bewegung in den Umraum muss gewährleistet sein, auch wenn dafür – aus Sicht von anderen – das Maß der Emotionalität eingeschränkt scheint. Der Zwilling selbst hat da keinen Leidensdruck, denn er tut ja, was sein Verhalten ihm nahelegt.

Gefahr für den Zwilling ist, dass er sich beim Einholen der Informationen auch Eindrücke in sein Empfinden hineinholt – Gefühle. – Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als bei der Wettervorhersage der Zusatz „gefühlte xx Grad“ aufkam? Das „Gefühlte“ ist nun doch für jeden etwas anderes. Nun wurde es in die Wettervorhersage aufgenommen – ein Phänomen, das anzeigte, wie Beeindruckbarkeit festgelegt werden, und genormt werden kann und wurde.

Neugierde allein führt nicht zu Wissen, ebensowenig wie einzelne Informationen, die in unterschiedlich benannten Ordnern untergebracht, zu einer Synthese führen. Der Neugierde fehlt das Paradigmatische, das senkrechte Denken, das unter der Oberfläche auf verschiedenen Ebenen Dinge, die nach oben hin verschieden aussehen, zusammenzudenken vermag.

Die Neugierde der ersten Taxonomen, zu denen sie dann später wurden, führte über die Beschreibung von Pflanzen und Tiere zur Klassifikation. Aus der Ähnlichkeit der Formen schloss man auf Verwandtschaftsverhältnisse. Folianten aus dem 16. Jahrhundert, die ich neulich zu Gesicht bekam, zeigen auf eindrucksvolle Art, wie die Menschen von damals die Welt um sich herum erkundeten, sie zeichneten, sie bezeichneten. Die Erkundung der Weltmeere, in deren Verlauf immer mehr von der Oberfläche des Planeten kartiert wurde – und benannt – spricht ebenfalls die Taxonomensprache.

Kann man neugierig sein, ohne Interesse zu haben? Und was ist Interesse überhaupt? Wieder bemühe ich die originale Bedeutung des Wortes, die wörtlich „zwischen sein“ bedeutet, weitergehend ein Beiwohnen, ein Teilnehmen, ein Dabeisein bedeutet. Wir sagen es alltagssprachlich so schnell daher: Ich interessiere mich für Astrologie, z.B. Dann ist die Neugierde beteiligt. Denn alltagssprachlich denken wir das Eine nicht ohne das Andere. Gleich sind sie deswegen nicht.

Hier drei Definitionen: Interesse ist/sind

  • das Gefühl oder die Einstellung, von etwas mehr wissen zu wollen
  • eine Tätigkeit, die man mag und in seiner Freizeit ausübt
  • normative Gedanken, die der Anlass zu Handlungen sind

Als weitere Synonyme geistern folgende Wörter herum:

  • Aufmerksamkeit, Wissbegierde, Wissensdurst
  • Neigung; Hobby, Vorliebe
  • Absicht, Bestrebung, Hang, Lust, Verlangen, Wunsch

Das Wort Gefühl taucht hier auf, ebenso die Einstellung, mehr „wissen“ zu wollen – wobei dieses „wissen“ viel mehr ein „kennen lernen“ ist. Eine Tätigkeit sei es, die in der Person eine angenehme Emotion hervorbringt (ist es das Kreieren? Das kreativ sein?). Normativ wird ebenfalls angeboten, fällt aber ab, wenn man sich die Synonyme näher anschaut. Mit den Synonymen ist es so eine Sache. Sie sollen ähnlich sein, sagt man… und dennoch wage ich zu behaupten: sie unterscheiden sich in Nuancen. Und genau das ist der Punkt.

Nein, Interesse ist nicht Wissbegierde, auch nicht Wissensdurst. Interesse hat viel mit dem Geschehen des Lebens zu tun, und mit dem Leben als Geschehen, dem ich beiwohne, in dem ich anwesend bin. Interesse hat sehr viel mit Empfinden und seiner Schwester, dem Ausdruck, zu tun. Ein sachliches Interesse kann es nicht geben, es sei denn als sprachliche Chimäre oder Künstlerausdruck, der zu provozieren sucht.

Das Interesse gilt nicht den Ähnlichkeiten, sondern nachgerade den Unterschieden. Es ist das „Alleinstellungsmerkmal“, dem das Interesse gilt. Sowohl auf Seiten des Interessierten als auch dessen, das ihn da „anzieht“. Mit Interesse gehe ich mitten in eine Sache hinein oder an eine Person heran. Bestenfalls öffne ich mich ihr, gehe in ihr auf.

Mein Interesse kann mir natürlich einerseits Kenntnis und andererseits Wissen einbringen. Ich kann mein Interesse, mein Anwesend-Sein in das 3. Haus hineinleiten, oder aus dem 4. Haus des Empfindens in das 5. Haus des Löwen. Im Einen wird es dann Durst nach Kenntnissen (was immer noch nicht Wissen ist – dazu in einem anderen Zusammenhang mehr), im anderen Fall wird es der Wunsch, der Hang, das Verlangen nach Selbstausdruck und Verständnis des Ausdrucks des anderen (Sache oder Subjekt). Beides in einem Geschehen, das nicht beschreibt, sondern teilnimmt.

Ich halte fest: eine Abwertung des einen oder eine Aufwertung des anderen Wortes wird den Inhalten beider Wörter nicht gerecht. Dass wir das nun wissen, wird uns nicht zwangsläufig daran hindern, uns von einem anderen Menschen „weniger Neugierde als mehr Interesse“ zu wünschen (das hat mit der je eigenen Bedürftigkeit zu tun) oder eine Person für ihre Neugierde nicht zu mögen (das hat mit den je eigenen persönlichen Vorlieben zu tun). 

Noch Fragen?