KINDERGESCHICHTEN

Warum Dinosaurier so kleine Köpfe haben

 

Opa hat versprochen, heute mit Pedram und Lilo ins Museum zu gehen. Da gibt es neben vielen anderen, meistens sogar eher langweiligen, Dingen, Dinosaurier. Und die sind riesig.
Tatsächlich kommt Opa mit dem roten Golf zur vereinbarten Zeit. „Pünktlich“, sagt Lilo und guckt auf die Uhr, obwohl sie die noch gar nicht kennt. Pedram und Lilo verabschieden sich von Mama und laufen mit ihren Rucksäcken auf dem Rücken zum Auto, wo Opa wartet. Er hat keinen Rucksack dabei, dafür aber eine Brieftasche.
Pedram hat schon viele Dinosaurier gesehen. Keine echten natürlich, denn die echten sind ja ausgestorben. In Büchern hat er sie gesehen, und im Fernsehen. Und in der Schule haben sie welche zum Ausmalen bekommen. Die findet er doof; deshalb hat er sie Lilo gegeben. Sie mag so etwas und hat sie ausgemalt.
„Ihr wisst, dass Dinosaurier sehr viel fressen?“, fragt Opa, während sie gerade beim Durch-die-Stadt-Fahren an einer roten Ampel halten.
„Wieviel? Und was fressen sie denn?“ fragt Lilo und macht ganz runde Augen. „Fressen sie Bäume, Tiere, Menschen und…?“ – Aber ihr gehen die Ideen aus.
„Aber Opa“, sagt Pedram, „jetzt fressen sie doch gar nichts mehr.“ –  „Warum? Wieso?“, will Lilo wieder wissen und Pedram sagt es ihr: „Weil die Dinosaurier tot sind. Deshalb fahren wir ja jetzt ins Museum und nicht in den Zoo.“
Opa hat das Auto auf einen Parkplatz zwischen zwei andere Wagen bugsiert, Pedram und Lilo klettern von den Rücksitzen. Sie sind gar nicht weit vom Eingang, vor dem ein Dino-Kopf auf Stangen prangt. Lilo sieht ihn schon von Weitem – mit Schrecken. Sie bleibt ganz dicht bei Opa.

Am Eingang sind Fußspuren, die in das Museum hineinführen und direkt zur Kasse, wo Opa dann für sich eine Eintrittskarte kauft. Lilo versucht, von einem Fußabdruck in den anderen zu hüpfen, schafft es aber nicht. Opa hat an der Kasse einen Zollstock gekauft und misst die Spuren aus.
„48 cm!“ ist sein Ergebnis. „Zeig mal!“ Pedram will auch messen.

Von drinnen kommt ein lautes Gebrüll und ebenso laute Musik. Pedram und Lilo kennen diese Musik. Papa hört sie sonntags morgens, wenn er Zeitung liest und entspannt. Sagt Papa, aber die Musik macht eher wach als entspannt und ist vor allem eins: krachig. Papa ist allerdings hinterher immer sehr gut gelaunt.
Opa ist auch gut gelaunt. Er hält Lilos Hand fest, die sie ihm in die Faust gesteckt hat, als die Musik losging, und steckt den Zollstock wieder ein. „Sie sind doch lebendig!“ flüstert Lilo und auch Pedram bekommt heiße Ohren. Und weil er nicht will, dass jemand seine heißen Ohren sieht, sagt er mit fester Stimme: „Dieser Dino hier ist auf zwei Beinen gelaufen“, und zeigt auf die Spuren.
In der Schule haben sie bei Frau Soetje einen Pappmaché-Dinosaurier gebastelt. Frau Soetje hat einen Plan mitgebracht, ganz viel Pappe, ein Gestell aus Draht, dazu Kleister, und dann haben sie den Dino gebastelt. Zum Schluss haben sie ihn orange-rot angemalt. Er war höher als Tisch und Stuhl zusammen. Nur die richtigen Füße haben sie ihm nicht gebastelt, weil keiner wusste, wie Dino-Füße aussehen. Christof hat vorgeschlagen, sie sollten ihm Vogelfüße machen. Das haben sie dann auch getan. Aber das war falsch, weil ihr Dino ein vierfüßiger Triceratops und kein T-Rex war.

Gleich hinterm Eingang, wo ein Mann Opas Eintrittskarte, die Pedram ihm gegeben hat, angerissen hat, kommen sie in einen großen, hohen blau erleuchteten Raum. Vorne links steht ein großes blaues Ei. Dass es ein Ei ist, sieht man an der Form, dass es blau ist, kommt vom Licht.
„Ist da ein Dino-Küken drin?“ flüstert Lilo, immer noch ihre Hand in Opas Hand. „Du bist dumm“, sagt Pedram. Neben ihm stehen andere Kinder. Sie befühlen gerade das Ei. Pedram schielt zu ihnen hinüber, ob sie vielleicht Lilos Frage gehört haben, oder ihn und sie für Geschwister halten. „Dieses Ei ist versteinert“, sagt Opa und beugt sich herunter, um auf der Tafel zu lesen, was da steht. „Da ist jetzt kein Küken mehr drin, jedenfalls nicht so, wie du denkst.“

Opa stellt sich bei 1,40 m hin und tippt mit dem Finger auf den Zollstock: „Aus dieser Zeit stammt das Ei.“  Opas Zollstock ist natürlich spezial. Da sind nicht nur Zahlen drauf, große und kleine, sondern auch Zeichnungen. Noch mehr Kinder als die, die schon da sind, kommen und schauen auf seinen Zollstock und auf Opa. 
Gerade klappt Opa ihn auseinander, drückt ein Ende Pedram in die Hand. „Nimm mal“, sagt er, „und du auch.“ Lilo und Pedram stehen jetzt zwei Meter auseinander. „Das sind fast genau 4.600.000.000 Jahre – vier Milliarden 600 Millionen Jahre“, sagt Opa und krempelt seinen Hemdsärmel hoch. „Stellt euch vor, das sind 4 Milliarden 600 Millionen Jahre“, sagt er und zeigt seinen Arm entlang von der Schulter bis zur Fingerspitze seines Mittelfingers. „Was denkt ihr, wann und wo wohl auf dieser Strecke die Dinosaurier lebten und wo die Menschen aufgetaucht sind, wenn das hier“, und er zeigt seinen Mittelfinger-Fingernagel, „heute ist?“

„Wo? Wann?“, fragen alle Kinder und drängen sich dicht um Opas Arm. Das gefällt Lilo gar nicht. Das ist ihr Opa. Zu ihrem Verdruss sind die Eltern von einigen Kindern auch dazu gekommen und strecken ihre Hälse, um über die Köpfe der Kinder hinweg etwas zu sehen. Zwei Jungen und auch Pedram tippen auf Opas Arm, die einen weit oben an der Schulter, Pedram unten auf der Hand.

„Nicht schlecht“, sagt Opa. „Hier lebten die Dinosaurier.“ Dabei tippt er auf eine Stelle auf dem Mittelfinger. „Und hier“ – jetzt tippt er auf den Rand des Fingernagels „tauchten die ersten Menschen auf.“

Seine große Hand macht die Runde vor vielen Nasen. Nach einigem erstaunten Murmeln nehmen die Eltern endlich ihre Jungen und auch das dickliche bebrillte Mädchen weg. Jetzt hat Lilo ihren Opa wieder für sich.
Opa, Pedram und Lilo gehen durch drei Räume an vielen nackten Skeletten vorbei, die mal Rippen und Beinknochen so groß wie ein ausgewachsener Mensch haben, mal aber auch kleine  und feine Ärmchen und Beinchen. Auch Saurier mit Flügeln gibt es. Pedram stellt fest, dass die größten Saurier zwar große Körper, aber sehr kleine Köpfe haben. „Die haben bestimmt sehr viel gefressen“,  sagt er zu Lilo. Ob sie auch auch gedacht haben? – fragt er sich still.

Dass das Denken im Kopf sitzt, weiß er von Papa, aber nicht nur von ihm. Gehirn heißt das Organ, mit dem man denkt. In diesem Moment erzählt Opa, dass manche Dino- Gehirne tatsächlich nicht größer als Erbsen waren. Sehr gut denken, schließt Pedram daraus, konnten sie sicherlich nicht.
Opa misst noch einige Male und einige Beine und Flügel von toten Dinosauriern mit seinem Zollstock aus, dann wird Lilo müde. Als sie im letzten Raum ankommen, tost gerade wieder die Musik, die sie bereits empfangen hatte, und der Argentosaurier stößt rosa-farbenen Dampf aus, und um seine Füße mit den gebogenen Klauen wabert grüner Schaum.
„Haben die nun eigentlich Federn oder Fell?“ fragt Pedram, denn das hat ihm noch keiner beantwortet.  „Das ist doch egal, oder Opa?“ sagt Lilo. Demnächst wird sie anfangen zu quengeln, wie sie das immer tut. Doch selbst Pedram ist kurz vorm Quengeln und müde und übervoll von den Eindrücken.
„Noch Pommes frites?“ fragt Opa, „und eine Limonade?“ Da sind beide wieder wach, und sie setzen sich zu dritt in die Kantine. Der Gigantohamburger und die Pommes sind klasse, Pedram kennt sich damit aus. So gute hat er schon lange nicht mehr gegessen. Mama muss ja nicht wissen, dass sie hier Pommes mit viel Ketchup und Mayonnaise essen…

„So“, sagt Opa schließlich, als Lilo und Pedram ihre Finger und Münder ordentlich abgewischt haben, „dann fahren wir mal wieder. Jetzt habt ihr doch eine Menge über Dinosaurier gelernt.“ Pedram und Lilo sind einverstanden – mit beidem: dass sie jetzt wieder nach Hause fahren und dass sie viel gelernt haben.

„Und?“, empfängt Mama sie denn auch, als sie zu Hause ankommen. Pedram weiß, dass sie es fragen wird… –  Da fragt sie es auch schon: „Was habt ihr gelernt?“ Opa guckt auf Pedram, dann auf Lilo.
„Die Dinos waren riesengroß“, platzt sie prompt heraus und hält ihren Kuschelelefanten, den sie nach der Heimkehr aus dem Bett, in das sie ihn schlafen gelegt hatte, geholt hat, ganz fest. „Sie sind so groß, weil sie viel gefressen haben. Und weil sie so viel gefressen haben, haben sie ganz kleine Köpfe. Denn das Essen geht ja in den Bauch, und nicht in den Kopf.“