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SOPHIELOGISCHES II

Segelschiff

VON WEGEN UND ZIELEN

oder: Ist der Weg das Ziel?

Lass uns heute einmal über das Leben und seinen Lauf sprechen. Worum geht es im Leben? Worin besteht sein Sinn?

Es geht darum, einen Weg, den richtigen Weg, zu finden, den der Mensch dann geht.

Den man findet, und dann geht? Sinn des Lebens ist nicht ein Ziel? Oder – ist denn nicht das Gehen an sich der Sinn?

Nein, ich bin sicher. Es geht um einen Weg, nicht um die Ziele. Und auch nicht um das Gehen. Wenn ich den richtigen Weg finde, hat mein Leben einen Sinn.

Ich klebe ein wenig an diesem „Gehen“. Ein Weg, den keiner geht, ist kein Weg. Der Weg wird Weg erst dadurch, dass ihn einer geht. – Wo denn, meinst du, liegen diese Wege, die man findet?

Die Wege sind in der Welt. 

Gut, spielen wir das durch: Jener, der da einen Weg betritt (ich setze voraus, dass er den Weg betritt, um auf ihm zu gehen – er wird da doch nicht stehen bleiben.) folgt seinem Weg, über Täler, durch Wälder, um Kurven und über Brücken; dann geht (der Weg geht, nicht der Mensch?) es aber nicht weiter. Findet er ein Nichts? Weiß er, dass der Weg eine Sackgasse ist? Was macht er dort? Bleibt er für den Rest des Lebens stehen oder setzt er sich? Stirbt er?

Das ist sehr dramatisch… Ich bleibe dabei: Es geht nicht um das Gehen, aber auch nicht um das Ziel. Hm. Ein Ziel und das Ende eines Weges sind aber nicht identisch.

Am Ende des Weges liegt nicht zwangsläufig ein Ziel? Oder ein Ziel liegt nicht unbedingt am Ende eines Weges?

Ich überlege gerade, ob die Richtung des Weges vielleicht das Ziel bestimmt. (Was jetzt dieses Ziel ist, weiß ich nicht recht. Bestimmt fällt mir noch ein anderes Wort dafür ein.) Wenn ich auf ihn treffe – vielleicht in der Mitte – kann er in zwei Richtungen zeigen: in die Richtung links von meinem Standpunkt und in die Richtung rechts von meinem Standpunkt. Ich stelle ihn mir jetzt so vor: ich treffe auf ihn von der Seite her. Aber nein, die Richtung kann kein Ziel sein.

Hat die Richtung etwas mit Zurückgehen und Vorankommen zu tun? Jetzt aber frage ich nochmals: Weder das Ankommen noch das Gehen sind dir wichtig? Was tust du dann auf dem Weg?

Das Ankommen ist nie wichtig, denke ich. Ich sehe die Notwendigkeit, auf bereits vorhandene, richtige Wege zu gelangen und ihnen zu folgen. Dann kann man nichts verkehrt machen und erfüllt seinen Lebenssinn.

Verstehe ich dich richtig: Du triffst auf einen Weg, entscheidest dich, ihm in die eine oder andere Richtung zu folgen, ohne selbst etwas zu tun? – Ich höre von anderen Leuten, dass sie sich „Ziele“ setzen und diese erreichen möchten. Deshalb suchen sie den Weg. Warum aber sollten Menschen auf einen Weg steigen, wenn sie weder ein Ziel haben noch das Gehen (und das meine ich als einen Prozess, eine Entwicklung) möchten und auch nichts falsch machen möchten?

Erst suchen sie den Weg, dann betreten sie ihn, dann kommt das andere von selbst. Die Kunst und der Sinn des Lebens bestehen darin, den richtigen Weg zu finden. Brauchen denn Menschen so etwas wie Ziele? 

Nehmen wir weiter an, dass Menschen also auf mehrere Wege treffen, sich kurz über sie orientieren und sich für einen entscheiden. Du sagst, alles weitere kommt dann schon. Muss er denn jetzt nicht Ziele sammeln? Der Weg hält ein unbekanntes Ziel bereit? Der Weg birgt eventuell mehrere Ziele in sich?

Das kommt meinem Gedanken ziemlich nahe, das muss ich zugeben. Wenn ich weiter überlege, würde ich sogar sagen, dass verschiedene Wege gleiche Ziele (wenn es denn so etwas gäbe) bereithalten können.

Aber natürlich. Wie klingt dieses hier: Zu jedem Ziel gibt es viele Wege, aus verschiedenen Richtungen, aber eben immer auf das Ziel zu, das ist in der Bedeutung des Wortes und des Konzeptes eingeschlossen. Für den einen, der einen von ihnen wählt, ist es ein kurzer, während es für einen anderen zum selben Ziel ein viel längerer Weg ist.

Daran habe ich auch schon gedacht. Das sind richtige und falsche Wege. Wer den kurzen Weg findet, hat Glück. Seiner ist der richtige. Der lange Weg ist der Umweg … ein Umweg ist ein Weg, dem einer vergeblich folgt. Aber mit dem Ziel – damit bin ich nicht einverstanden…

Vergeblich? Gibt es das? Kann ein Mensch denn nicht einen bereits betretenen Weg wieder verlassen, sobald er merkt, dass er ihm gefährlich werden kann oder weder Ziele bereit hält noch zu einem Ziel führen könnte? Er hätte vielleicht Zeit verloren… Ja, das ist ein Punkt. Und kann ein Mensch nicht einen neuen Weg versuchen? Vorausgesetzt – und darüber sind wir uns jetzt einig, oder? – dass zum Weg in jedem Fall ein Ziel gehört und dass der Mensch dieses Ziel erreichen will. Wie aber kann jemand wissen, ob ein Weg ein Umweg oder – wie du sagst – richtig ist? Jeder Weg allerdings, den du ja als Lebenssinn so befürwortest, wird in jedem Fall etwas lehren.

Wege verbinden zwei Punkte, zwei Orte, sie können doch nichts lehren! Da ist ein Ausgangspunkt und ein Endpunkt, dazwischen finden wir die Antwort auf die Sinnfrage – den Weg. 

Warum sollten sie uns nichts lehren können? Wege können alles, was Menschen ihnen zugestehen. Sie können lehren, strafen, belohnen, Zeit kosten, in die Irre führen, steil sein, steinig, bequem… Sie können alles das und sie können natürlich nichts. 

Du nimmst mich nicht ernst. Und du verwirrst und veralberst mich. Du befürwortest doch die Idee der Ziele, sehe ich das richtig? Was ist mit Zielen? Lehren Ziele uns denn etwas? Können Ziele etwas? Lass uns jetzt deine Ziele anschauen.

 Gut, gehen wir es an. – Wie würdest du Ziel definieren?

Ich plädiere für den Weg, also erkläre du mir, was ein Ziel ist.

Hm. Was ist hiermit: Ein Ziel ist ein Ergebnis, das ich erreichen möchte. Ein Ziel ist ein Endpunkt – ein Bestimmungsort und auch ein Vorhaben – und liegt zum Zeitpunkt, an dem ich es mir vornehme – außerhalb der Gegenwart. Manche Menschen legen sich ihr Ziel in die Vergangenheit, die meisten in die Zukunft. In der Vergangenheit wie in der Zukunft liegen Ziele ungerechterweise außerhalb unseres Einflusses. Du behauptest, erst sei da der Weg, und dann fände sich alles andere? „Alles andere“ sind dann Ziele? Wenn es überhaupt um Ziele und Wege geht – dann ist da erst ein Ziel und dann suche ich den Weg dorthin.

Meine Annahme vom Leben ist die, und ich bleibe dabei: Ich finde „den richtigen Weg“, und – gut, ich ergänze: auf ihm können meinetwegen Ziele liegen. Ich mag das Wort „Aufgabe“! Ja, vielleicht sind deine Ziele ja Herausforderungen? Ich kann die „Aufgaben“ aufnehmen, aber ich muss nicht. Wenn ich die, die mir auf dem Weg begegnen, nicht mag, nehme ich sie nicht.

Oh. Nehmen wir folgenden unbefriedigenden Fall: Du bist auf einem kurzen, vermutlich geraden und überschaubaren und deshalb – wie du sagst – richtigen Weg. Was ist mit einer gewählten, aufgenommenen Aufgabe, die sich dir aber immer und immer wieder entzieht, die für dich viele Niederlagen bereithält? Du bist ganz verzweifelt, denn das ist doch der richtige Weg – und nun gelingt dir vieles nicht? Bleibst du trotzdem auf diesem Weg? Ist das nicht sehr entmutigend? Umwege – also der längere Weg – mit jedoch sinnvollen Aufgaben, die du bewältigen kannst, sind vielleicht befriedigender? Irrtümer wirst du nicht vermeiden können.

Ich sehe schon: Es sind nicht die Wege, die das Leben ausmachen und ihm Sinn geben, und mein Modell ist unsinnig?

Der Sinn des Lebens ist das Leben. Leben bedeutet Wandel und Bewegung – das Gehen und das Lernen und das Erkennen sind darin die Antwort auf die Frage, die mit deiner Geburt gestellt wurde. Wenn man es so ausdrücken möchte. Ziele und Wege liegen nicht außerhalb von dir – sie liegen in dir. Wenn du nicht dein Leben gehst, gehst du fremder Menschen Wege im Außen und führst Aufgaben aus, die dir nicht entsprechen, somit sinnlos für dich sind. Ob dein Weg ein direkter Weg oder ein Umweg ist, siehst du erst, wenn du die ersten Fehler gemacht hast. Du lernst aus deinen Fehlern. 

Oh. Oh je. Das war mein Denkfehler, leider. Es ist Unsinn, den einen richtigen Weg suchen zu wollen, sich auf ihn zu begeben und fortan dessen Zielen (nicht denen, die in mir sind) zu folgen, ohne dem Gehen Wert beizumessen.

Der Lauf deines Lebens … wird von dir zugehörigen Zielen – man könnte sie auch „Inhalte“ nennen, bestimmt, die du nicht ändern kannst, auch wenn du sie ablehnst und dich ihnen verweigerst. Das klingt bedrohlich? Auch im Falle, dass du sie annimmst und dich ihnen stellst, wird nicht alles immer schön sein. Aber es wird „Sinn“ geben und es wird dein Leben sein, das sich fügt. Viel bedrohlicher ist es doch, wenn du in der Ablehnung zum Werkzeug auf den Wegen anderer wirst. Dann bist du immer unterwegs und ohne Ankommen; dann musst du glauben, dass der Weg das Ziel ist. Dein Leben ist es dann aber nicht. Das hast du dann nicht mehr.

Das Gespräch ist fiktiv, und wurde so nie geführt. Aber es hätte sein können. Hätte.

Und hier noch eine ältere Kurzerzählung dazu.