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ÜBER DIE ENTSTEHUNG EINES WORTMONSTERS

Vor- und Nachsilben im Finnischen und im Deutschen

Haben Sie einen Moment Zeit? Und sind Sie hier gelandet, weil der Titel Sie gelockt hat? Darf ich Sie auf einen Gang durch einige Wortbildungsvorlieben des Deutschen und der Deutschen mitnehmen, auch wenn Ihnen der Grammatikunterricht in der Schule ein Greuel war? Dann folgen Sie mir unauffällig!

Deutsch – nach linguistischer Einteilung – gehört zu den flektierenden Sprachen. Ganz anders als Finnisch und Ungarisch, auch Türkisch – um drei zu nennen. Die genannten Sprachen sind agglutinierende Sprachen. Sie wissen nicht, was das ist?? – Agglutinierende Sprachen sind „Klebesprachen“. Sie kleben Prä- und Suffixe vorne und hinten an einen Stamm, manchmal auch mehrere hintereinander, so dass die Wörter schon einmal ziemlich lang werden können und sie viele Informationen in einem einzigen Wort enthalten. Jede Vor- und Nachsilbe trägt dabei eine bestimmte Bedeutung bzw. Information, die sie auch immer beibehält. Sehen Sie sich diese Sätze an:

  • “Alavilla mailla hallanvaara.” Das ist eine Wetterprognose und bedeutet: In tiefliegenden Gebieten Frostgefahr.
  • “Itku pitkästä ilosta.“ = Weinen nach langer Freude.
  • ”Kaikki päättyy aikanaan.” = Alles hat ein Ende.
  • “Kulje hiljaa sillalla.” = Geh langsam auf der Brücke.

Klingt nicht uninteressant, oder? – Doch keine Vorfreude! Heute und hier werde  ich NICHT über die finnischen Suffixe und Wortbildung, sondern über einige ausgewählte deutsche Vor- und Nachsilben schreiben, und lasse die vier finnischen Sätze mit dem Hinweis auf den Vokalreichtum der finnischen Sprache und die in den Beispielen unterstrichenen, sehr lebendigen (unseren deutschen Präpositionen entsprechenden), d.h. oft und notwendig verwendeten, Suffixe vorläufig auf sich beruhen.

Deutsch ist  für seine Flexion bekannt und gefürchtet; wir haben eine Deklination und eine Konjugation! Diese Möglichkeit der Wortveränderung ist so abenteuerlich, dass wir einen kurzen Blick darauf werfen (und damit kurz vom Weg abweichen). „Gebeugt“ werden erstens die Hauptwörter (die Artikel) je nach Fall, in dem sie stehen, und zweitens die Tätigkeitswörter. Die Beugung der Hauptwörter spielt sich im Wesentlichen am Artikel ab.

Kasus maskulinum/neutrum femininum/Plural
 
Nominativ der / das
die / die

Akkusativ
den / das die / die
 
Dativ
dem / dem der / den
 
Genitiv
des /des der / der
 

Der männliche Artikel sieht dabei in allen vier Kasus, derer wir uns bedienen, anders aus.  Zwar unterscheidet er sich immer nur in einem einzigen Buchstaben, aber der ist dann wesentlich. Der weibliche Artikel hat nur zwei verschiedene Gesichter, irrational ist allerdings, dass er zweimal wie der männliche Artikel daherkommt. Der sächliche Artikel ähnelt dem männlichen in zwei Fällen, was die Sache einfacher zu machen scheint. In der Mehrzahl wiederum taucht der männliche Artikel auch gleich zweimal auf: den und der – aber diesmal nicht für den 1. Fall (bezeichnet als Nominativ), sondern für den Dativ und den Genitiv. (Was es mit den Kasus auf sich hat, werde ich in einem anderen Artikel zeigen.) Jetzt reizt es mich doch wieder, Ihnen noch die finnischen Fälle zu zeigen. Alle, die kein Finnisch können, glauben, Finnisch sei wegen seiner 15 oder 16 Fälle so schwierig. Ach du je, als ob es nicht Schwereres gäbe!

1 Nominativ Subjektkasus – talo (das Haus)
2 Genitiv Zugehörigkeit – talon (des Hauses)
3 Akkusativ Objekt – talon, talo (das Haus)
4 Partitiv (Teil-) Objekt (auch Subjekt) = unbestimmte Menge – taloa (Teil des Hauses)
5 Inessiv in etwas drin – talossa (im Haus)
6 Elativ aus etwas heraus – talosta (aus dem Haus)
7 Illativ in etwas hinein -taloon (ins Haus hinein)
8 Adessiv bei etwas – talolla (am Haus)
9 Ablativ von etwas weg – talolta (vom Haus)
10 Allativ zu etwas hin talolle (zum Haus)
11 Essiv Zustand – talona (als Haus)
12 Translativ Veränderung – taloksi (zum Haus werden)
13 Instruktiv mit Hilfe von etwas – taloin (mittels der Häuser)
14 Abessiv ohne etwas – talotta (ohne Haus)
15 Komitativ mit etwas – taloineen (mitsamt der Häuser)

Die Tabelle – das müssen Sie zugeben – sieht doch recht eindeutig aus. Was Formenreichtum mit Eindeutigkeit zu tun hat, werde ich weiter unten noch aufgreifen.

Bei der Beugung der Verben bedienen wir uns im Deutschen – die Herkunft und Geschichte aller Silben herauszusuchen, überlasse ich Ihnen – verschiedener Vor-und Nachsilben: ge- z.B. verwendet das Deutsche zur Bildung des Partizips 2 (aber das nicht bei allen Verben!) und -end zur Bildung des Partizips 1. Letzteres ist dabei ohne jede Ausnahme.

  • ich bin gegangen/ er hat gemacht/ wir sind gekommen  –  gehend/machend/kommend

Das sind noch die offensichtlichsten Merkmale. Schwieriger und sehr viel un“ordentlicher“ (als im Finnischen) sieht es bei den Personalendungen an den Stämmen unserer deutschen schwachen und starken Tätigkeitswörtern aus. Ich vergleiche kurz:

Deutsch – Präsens Finnisch – Präsens Deutsch – Präteritum  Finnisch – Präteritum
 ich komme  tulen  ich kam  tulin
du kommst  tulet  du kamst  tulit
er, sie kommt  hän tulee   er, sie kam  hän tuli
es kommt  –  es kam  –
wir kommen tulemme  wir kamen tulimme
ihr kommt tulette  ihr kamt tulitte
sie kommen he tulevat  sie kommen he tulivat
Sie kommen he tulevat  Sie kamen he tulivat

Auf den ersten Blick (es gibt andere Tücken!) sieht das finnische Verb, was die Endungen angeht, sehr übersichtlich aus. Das Deutsche verwendet gleiche Nachsilben bei der Konjunktion für verschiedene „Personen“ und die ändern sich auch noch bei den starken Verben:

  • er komm t – ihr komm t (fi.: hän tule e – tule tte): wir komm en – sie komm en (fi.: tule mme – he tule vat)
  • ich kam-∅ – er kam-∅ (fi.: tuli n – hän tuli-∅); wir kam en – sie kam en (fi.: tuli mme – he tuli vat)

Das ist recht verwirrend, erklärt sich aber aus der Entwicklung von Sprachen allgemein. So, wie es ein Wachstum gibt, gibt es auch einen Verfall von Sprachen – dieser Verfall zeigt sich in zunehmender Vereinfachung (durch Wegfall von Endungen und damit unterschiedlicher Formen), die nur an der Oberfläche eine Vereinfachung ist. Finnisch ist Deutsch gegenüber wesentlich bewahrender (= konservativer) als das Deutsche. Dieses wiederum ist dem Englisch gegenüber konservativer. Durch den Verfall bzw. die Progression entsteht, was das Englische bereits erreicht hat: Endungen gehen verloren, Flektionen vereinfachen sich in Richtung auf „schwache“ Formen. Endungslose Verben und Substantive ohne Flektion bedeuten jedoch viele gleiche Formen in unterschiedlichen Funktionen. Formenreichtum ist immer ein Garant für Eindeutigkeit – Formenarmut bedeutet Mehrdeutigkeit.

Kommen wir zu einer anderen Art von Endungen bzw. Vorsilben. Bedeutungstragende und -verändernde Morpheme nennt man diese Silben, sie können aus Einzelbuchstaben oder längeren Buchstabengruppen bestehen. Neben dem Prinzip der Verwendung von  Morphemen zum Ausdruck struktureller Unterschiede verwenden Sprachen längere Morpheme auch, um die Bedeutung eines Grundwortes an sich zu variieren. Auch hierbei werden sie vorne oder hinten angeklebt, haben zwar an und für sich  eine Bedeutung, kommen – bis auf die Präpositionswörter – nicht frei vor.

Wir haben im Deutschen eine ganze Reihe dieser bedeutungsverändernden Vorsilben. Ich zeige hier zwei (nicht vollständige!) Beispiele, die ich gerne im Unterricht einsetze – Variationen von „geben“ und „gehen“:

  • ab-, aus-, ver-, durch-, über-, ein-, be-, er-, unter- GEBEN
  • ver-, ein-, aus-, über-, durch-, ent-, zer-, mit-, unter-, hinter-, vor-GEHEN

Kennen Sie alle Verben, die auf diese Weise entstehen?   – Besonders jene Vorsilben, die immer mit dem Stamm zusammenbleiben (man nennt sie untrennbare Verben), z.B. be-, ent-, ver,- zer-, ge-, haben ganz bestimmte Bedeutungen. Für meine Deutschstudenten sind sie Quell vieler Aha-Erlebnisse.

Nehmen wir exemplarisch die Vorsilbe er-. Vor ein Grundverb gesetzt, bedeutet diese Silbe

  • Verben mit perfektiver Bedeutung (erarbeiten, erdenken, erwirken, ersteigen, ergeben)
  • desubstantivische Verben (erbeuten, erdolchen, ergründen, ermitteln, erkunden, erlisten)
  • Verben mit der Kennzeichnung des Beginns einer Handlung, oder man bildet sie zur Bezeichnung von Naturerscheinungen (erbeben, erblühen, erfrieren, erglänzen, erzittern)
  • der Beginn menschlicher Zustände und Eigenschaften  (erblinden, ermüden, erschlaffen, ertauben, erkranken, erwachen)
  • kausative Verben, welche die Versetzung in einen Zustand bezeichnen  (erfreuen, erbittern, erheitern, erschweren, erhärten, erwärmen, erklären)

Von allen Präfixen nimmt er- mit 10% eine untere Position in der Hierachie der produktiven Verbvorsilben ein.

Das ist aber noch nicht alles, was das Deutsche kann. – Die deutsche Sprache kann mithilfe von Vorsilben (oder Halbvorsilben) aus Verben Substantive oder Adjektive bilden, mithilfe von Nachsilben aus Substantiven Eigenschaftswörter usw.

Das Präfix er-  an Verben  ist homonym (d.h. gleichlautend) mit dem Suffix -er.  Das Prinzip, ein -er an den Stamm eines Verbs zu hängen, ist nicht neu, aber es bietet seit Jahren die Eröffnung ganz neuer Horizonte.  Alle Substantive dieser Gruppe haben übrigens immer den Artikel der, bei Personen können wir eine weibliche Form durch das Anhängen des Suffixes -in bilden.

  • Personenbezeichnungen nach ihrer Tätigkeit oder nach ihrem Beruf wie Maler, Schüler, Lehrer, Dreher, Schlosser, Richter, Bäcker, Kellner
  • Personenbezeichnungen auf Grund der Zusammenbildungen (Zusammensetzung + Ableitung): Antragsteller, Berichterstatter, Bittsteller, Bücherbinder, Ofensetzer, Rekordbrecher, Rekordhalter, Fragesteller
  • Personenbezeichnungen mit negativer Bedeutung wie Gaffer, Kriecher, Schleicher, Säufer, Verräter, Neider, Zänker
  • Zusammenbildungen mit negativer Bedeutung wie Besserwisser, Jasager, Bärenhäuter, Haarspalter, Kopfhänger, Possenreißer, Stiefellecker
  • Personenbezeichnungen nach ihrer Herkunft oder Nationalität wie Berliner, Londoner, Italiener, Sudaner, Argentinier, Spanier, Syrer
  • Personenbezeicnungen nach ihrem Alter wie Dreißiger, Vierziger, Siebziger
  • technische Geräte wie Scheider, Löscher, Wecker, Anhänger, Dampfer, Hefter, Locher, Öler
  • usw. usw.

Wörter sind Moden unterworfen. Oder sagen wir lieber so: die Zeit wirft jeweils ihre eigenen dazugehörigen Wörter aus, und weil Menschen gerne spielen, und auch mit Wörtern spielen, bilden sie neue Zusammensetzungen. Wie mit allem Neuen und wie mit jedem Spiel, so wird auch hier das Neue überstrapaziert und schießt bisweilen am Ziel vorbei. Spielen wir doch ein wenig und bilden  Wörter wie:

  • Jemand, der etwas er-ober-t (woher kommt das?)  … ist ein Er-ober-er
  • Jemand, der etwas zum ersten Mal findet … mithin er-findet…  ist ein Er-find-er
  • Jemand, der etwas neuer macht …. also er-neuer-t …  ist ein Er-neuer-er

Für meinen Zweck benötige ich allerdings nicht das Suffix –er, sondern lediglich das Präfix er-. – aber wir benötigen ein anderes Suffix, eines, das aus einem Verb ein Adjektiv macht.  Ein sehr produktives, von einigen Sprachforschern als das produktivste Adjektiv-Suffix überhaupt bezeichnet, auf jeden Fall ein derzeit recht überstrapaziertes Suffix ist -bar. Das Suffix bedeutet eine Möglichkeit: etwas kann gemacht, gegessen, gelöst werden  (können + Passiv): etwas ist machbar, essbar, lösbar.

Wir brauchen noch ein letztes Suffix. Nehmen wir -keit, ein ebenfalls recht produktives Suffix; die entstehenden Substantive sind immer feminin. Sie werden in diesem Fall aus Adjektiven (der Umweg über das -ig muss hier unter den Tisch fallen) und beschreiben einen Zustand:

  • genau, genauig, Genauigkeit
  • hell, hellig, Helligkeit
  •  -, häufig, Häufigkeit
  • -, möglich, Möglichkei
  • müde, müdig, Müdigkeit
  • sauber, – , Sauberkeit

Jetzt haben Sie es gleich geschafft, denn wir haben alles zusammen, was wir brauchen. Da soll mal jemand sagen, dass die deutsche Sprache keine agglutinierenden Züge hätte. Von wegen, sie ist eine – diese Einordnung ist noch nicht offziell anerkannt – flektierend-prä-suffigierende Sprache und hat das Potential zur

ErNEUerbarkeit

uusiutuvuus