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GESPRÄCH ÜBER WAHRHEIT

Von Tatsachen und Wahrheiten

Begegnung

 


Darf ich etwas fragen?

Ja natürlich, frag.

Das Gegenteil von einer richtigen Wahrheit ist doch eine falsche Wahrheit, oder?

Was das Gegenteil von richtig angeht, hast du wohl recht. Das ist falsch, ja.

Du bist jedoch nicht damit einverstanden, dass ich das auf Wahrheit beziehe?

Genau. – Wahrheit mit Bewertungen wie richtig und falsch zu verbinden, trifft den Punkt nicht. Eine Frage an dich: Ist eine Nelke eine Pflanze?

Ja, das ist sie.

Woher weißt du das? Weil du es so gehört hast?

Ich habe es gehört, gelesen und nachgeprüft. Ich habe mir Pflanzen angesehen und Tiere. Ich kann ein Tier von einer Pflanze unterscheiden, also wenigstens, wenn es sich um allgemein bekannte Tiere und Pflanzen handelt. Ja, ich kann die Behauptung, dass eine Nelke eine Pflanze ist, bestätigen.

Behauptungen, die auf Tatsachen beruhen, oder sich auf Tatsachen beziehen, können richtig und falsch sein. Nun zu den Wahrheiten. Erkläre mir, was du unter Wahrheit verstehst.

Jetzt bin ich verwirrt? Soll ich ein Beispiel geben oder eine Definition?

Am besten beides, denn das Beispiel veranschaulicht deine Definition.

Gut, ein Beispiel fällt mir ein: Bewegung. Bewegung ist gut für einen Menschen. Wer sich viel bewegt, beugt Schäden an der Wirbelsäule vor, und auch sonst ist Bewegung für die Gesundheit förderlich.

Bist du ganz sicher?

Ich verwerfe es: Bewegung, vor allem, wenn sie zuviel und zu einseitig ist, ist nicht nur gut.

Ah, jetzt bist du der Wahrheit auf der Spur…

Wie das?

Bewegung kann gesund sein, und sie kann ungesund sein. Das ist paradox, oder? Das eine ist das Gegenteil vom anderen und ist doch genauso wahr.

Es geht demnach nicht um ein entweder-oder, sondern um ein sowohl-als auch. Und weil das so ist, gibt es keine „richtigen“ und keine „falschen“ Wahrheiten. Es gibt in dieser Weise erklärbare Zusammenhänge, und es gibt in anderer Weise erklärbare Zusammenhänge. Es gibt viele Wahrheiten, meinst du? Aber das macht das Leben doch kompliziert!

Das Leben ist kompliziert. Wenn du versuchst, es zu vereinfachen, stiftest du Unordnung.

Aber warum und wie das? Wenn ich das eine als „richtig“, das andere als „falsch“ bezeichne, weiß ich immer, woran ich bin, und es herrscht Ordnung.

Ist es so? Gerade gehst du wieder einen Schritt zurück. – Aber ich verstehe, warum dir die Sache mit den vielen Wahrheiten unheimlich ist.

Habe ich das gesagt?

Nicht direkt, aber indirekt. Dieses Denken in Kategorien wie „entweder-oder“ ist für viele Oppositionen zutreffend, und in vielen Fällen ist eine Behauptung eindeutig „richtig“ und eine andere eindeutig „falsch“. Das schafft vordergründig Sicherheit.

Sage ich doch.

Das Denken in Kategorien wie „sowohl-als auch“ ist mindestens bei ebenso vielen Oppositionen – zwei Polen gleich – eben keine Frage von „richtig“ und „falsch“, sondern eine Frage der Perspektive. Je nachdem, aus welcher Sicht du die Dinge betrachtest, sind sie wahr oder – wahr.

Das ist widersprüchlich, ja. Das bereitet mir Unsicherheit.

Ambivalenzen zwischen zwei Polen, Polaritäten, lassen sich oft nur schwer aushalten, besonders jene, die uns selbst betreffen. Überlege einen Moment, und dann nenne mir eine oder zwei deiner herausragendsten Eigenschaften.

Ich kann unmittelbar auf Veränderungen reagieren, und ich kann sehr gut improvisieren.

Das sind zwei deiner Stärken, könnten wir also sagen. Und was kannst du nicht?

Du wirst jetzt lachen: ich kann es nicht ertragen, nicht reagieren zu können. Es macht mich rasend. Ich bin total ungeduldig, und – an Pläne kann ich mich nicht halten.

Wir könnten also sagen: deine Stärke entpuppt sich unter geänderten Voraussetzungen und Umständen als Schwäche.

So habe ich es noch nicht gesehen, aber ja, ich stimme dem zu. Und jetzt fällt mir auch auf, dass ich das nicht nur nicht gesehen, sondern sogar nicht habe wahrhaben wollen.

Schön, dass du dieses Verb „wahrhaben“ verwendest. Und siehst du: es gibt keine absolute Wahrheit. Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Vielmehr weiter in der Kompliziertheit der Welt und deren Unordnung im Vereinfachten, Dualen. Wenn wir die Welt ausschließlich in Kategorien von „entweder-oder“ bzw. „richtig-falsch“ einordnen, trennen wir. Wir trennen die Dinge und uns voneinander und uns von den Dingen in der Welt.

Ist die Trennung denn nicht etwas Natürliches?

Wie kommst du darauf?

Ist sie etwa künstlich? … Hm. Mir kommt gerade der Verdacht, dass vielleicht eine Eigenschaft des Lebendigen das Widersprüchliche ist?

Wenn wir die Dinge zusammen“denken“, sie nicht trennen, fließt das Leben, wir erhalten die „Ordnung des Lebens“. Wenn wir die Dinge vereinfachen, haben wir natürlich auch eine Ordnung, aber es ist die Ordnung des Toten. Gehen wir zurück zu deinen Fähigkeiten und halten wir fest: die Befähigung zu einer Sache begrenzt dich gleichzeitig in Hinblick auf eine andere. Befähigung hier, bedeutet Beschränkung dort. Wenn es gut für dich läuft, bist du ausgesöhnt. Aber wenn du nicht weiterkommst, wirst du vielleicht ärgerlich.

Was ist das größte Paradoxon?

Vermutlich dieses: wir Menschen bewegen uns zwischen den Polen von Einsamkeit im Sinne von Abgesondertheit und Gemeinsamkeit im Sinne von Einbezogensein in eine Gemeinschaft.

Und zwei Pole erzeugen nun immer Spannung?

Ja, und die sind wir aufgerufen zu ertragen. Wir können im Ertragen ziemlich ausdauernd sein, weil der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung die einzige sinnmachende Weise zu leben ist.

Ohne Spannung kein Leben? Aber es ist anstrengend, in dieser ständigen Spannung zu leben!

Du kannst dem natürlich entgehen, indem du dich auf eine Seite stellst.

Wie ich vermute, ist es nicht die Option, die du befürwortest.

Es geht nicht um meine Befürwortung, sondern um einen noch weiteren Zusammenhang: das Ertragen der Spannung mag zunächst anstrengend sein und Schmerz verursachen. Aber wenn du diesen Schmerz aushältst, und bereit bist zu leiden, dann …

… werde ich ihn überwinden.

… wirst du ihn umarmen lernen.

Den Schmerz? – Ich bin doch nicht masochistisch! Wie kann ich einen Schmerz umarmen wollen?

Wenn du so, wie du bist, zwei Pole zu leben hast… du dich gegen keine deiner beiden Wahrheiten entscheiden wirst, weil es bedeuten würde, du wärest nur halb… du also ertragen musst, dass es dich hin- und herreißt, ja, manchmal zerreißt, … dann wirst du lernen müssen, diesen Schmerz zu lieben.

Gibt es Menschen ohne diese Polaritäten?

Schweife nicht ab. Die Frage kannst du dir selbst beantworten! Also, was wollte ich sagen?

Lerne, die Gegensätze in dir zu lieben. – Das stelle ich mir sehr schwer vor!

Du musst nicht den Mut verlieren. Noch bist du jung… Du wirst mit jedem Lebensjahr besser lernen, mit den Paradoxien, den vielen verschiedenen Wahrheiten, in dir selbst und im Leben zu leben.

Ich vermute, das gilt dann irgendwann nicht mehr nur mir selbst?

Genau. Wenn du siehst, dass jeder Mensch, jedes Leben sich in Spannung abspielt und diese das Leben erhält, und du siehst, wie jeder Mensch in anderen Graden des Leides steckt, es sei denn, er hat sich für die Trennung entschieden, dann wirst du nicht anders können, als sie zu umarmen.

Ich ahne, worauf du hinaus willst.

Sprich es nicht aus! Noch nicht!

 

«Wahr» und «Falsch», das sind die Ausreden derer, die nie zu einer Entscheidung kommen wollen. Denn die Wahrheit ist ein Ding ohne Ende.“ Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften – Roman

Alles aber ist geworden; es gibt keine ewigen Tatsachen so wie es keine absoluten Wahrheiten gibt. – Demnach ist das historische Philosophieren von jetzt ab nötig und mit ihm die Tugend der Bescheidung.“ Friedrich Nietzsche, Werke I – Menschliches, Allzumenschliches

Bei der Ausbildung der Persönlichkeit muß der Wille auf ewige Wahrheiten gerichtet sein. Wer von der gemeinen Not des Lebens gebändigt wird, ist noch nicht fähig, in jenen Dingen mitzureden.“ Konfuzius, Gespräche Lunyü 

Der Geist, der anhäuft, fürchtet sich zu sterben, und ein solcher Geist kann nie entdecken, was Wahrheit ist. Krishnamurti, Vollkommene Freiheit

Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er in eigener Person spricht. Gib ihm eine Maske, und er sagt die Wahrheit. Oscar Wilde, Denken mit Oscar Wilde