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VON GEKNICKTEN BRIEFEN UND FALSCHEN WEGEN

 Karin Afshar

 

Einen Grund, mich zu ärgern, habe ich, seit ich denken kann, eigentlich immer. Ich finde nun jedoch diese Gründe nicht etwa, sondern sie finden mich, auf unauffällige Weise und jeden Tag mehrere. Gestern fand mich ein überaus großer Grund in Gestalt eines Briefumschlags, der den Schlitz zu meinem Briefkasten verstopfte. Also, zum dritten Mal, dachte ich. Jetzt reichts.

Das Ganze hat eine Vorgeschichte und die begann vor zwei Wochen, als sich der erste Zwischenfall dieser Art ereignete. Ein sperriger brauner Umschlag füllte den Briefkastenschlitz aus und als ich ihn herauszog und aufklappte, um zu entziffern, von wem der Brief sei, sah ich auf der Vorderseite ein rot geschriebenes „Bitte nicht knicken!“ prangen.

Nichtknicken

Zeichnung: Wolfgang Herrmann

Wie sich denn auch herausstellte, hatte es einen guten Grund, warum der Absender selbiges auf den Umschlag geschrieben hatte. Drinnen befanden sich Zeichnungen, die ich bei ihm, nämlich einem Illustrator, in Auftrag gegeben hatte. Er hatte sie – ganz entgegen der sonst gängigen Gewohnheit – im Original geschickt. Mit Zeichnungen verhält es sich so, dass ich die Originale mit einem Scanner digitalisieren kann und dann in die entsprechenden Dokumente einfüge (wie mit der Zeichnung links neben diesen Zeilen geschehen). Also – die Zeichnungen waren zweifach geknickt, einmal waagerecht, einmal senkrecht. Der Knick würde deutlich auf dem Scan zu sehen sein.

Aber das war es nicht allein, was mir Verdruss bereitete und Anlass war, wenigstens die zwei Stunden vom Abholen der Post bis zum nächsten wichtigen Telefonat ärgerlich zu sein. Es war vielmehr: Konnte denn der Postbote nicht lesen?!

Ich erhielt – wie bereits angedeutet – zwei weitere große Briefumschläge. Wieder stand darauf „Bitte nicht knicken“, und wieder waren sie brav geknickt durch den Schlitz gequetscht worden. Kennen Sie das auch? – Jemand sagt Ihnen: Tu das nicht! Und Sie verspüren den unwiderstehlichen Drang, es nun erst recht zu tun?! Ein zugegebenermaßen kindisches Verhalten, meinen Sie nicht?

Ich jedenfalls verspürte heute Morgen – nach einer ruhevollen Nacht ohne Gedanken an den Umschlag – den unwiderstehlichen Drang, mich zu beschweren. Ich nahm mir also vor, zur Post zu gehen und meine lädierten Umschläge vorzulegen, dann ordentlich tief Luft zu holen und meinen aufgestauten Ärger maßvoll über den Beamten meiner Wahl auszuschütten.

Inzwischen stehe ich in der Post. In einer langen Schlange, die sich mindestens auf 20 Leute vor mir ausdehnt und auch hinter mir zu wachsen beginnt.  Herrje, das kann dauern. Ich vermeide es nach Möglichkeit, Briefe und Pakete oder Päckchen selbst zur Post zu bringen, meistens stifte ich meinen Mann oder meine Tochter an. – Hinter mir spricht eine junge Frau an ihrem Mobile ausführlich über die letzte Nacht und den Streit mit ihrem Freund. Die Freundin am anderen Ende weigert sich offensichtlich, sie zu trösten und Stellung für sie zu beziehen. Dafür wird ihr verbale Asche über das Haupt geschüttet. In Abwesenheit dieser Freundin werden nun die anderen in der Schlange Zeuge ihrer ausladenden und illustrativen Bewegungen. Wir weichen zur Seite.

Mein Vordermann ist sehr konzentriert und verdichtet. Er steht ungewöhnlich fest und ruhig etwas außerhalb der Schlange, nur manchmal zuckt er zusammen. Sein Rücken erzählt mir, dass Schlangestehen offensichtlich auch für ihn eine harte Geduldsprobe ist, die man vermeidet, solange man die Wahl hat. Ich habe mich heute freiwillig herbegeben. Nur langsam geht es voran. Hinter uns staut sich jetzt schon alles bis zum Ausgang, Kinder plärren, Leute schwitzen, mein Vordermann beginnt, sich um seine eigene Achse zu drehen. Ich räume ihm mehr Platz ein.

In meiner Hand halte ich den letzten, gestern eingetroffenen geknickten Umschlag und eine Kopie der Zeichnung, die Sie soeben schon gesehen haben (die ich demnächst an den Briefkasten anbringen werde! – auch auf die Gefahr hin, dass der Postbote dann die Umschläge, die nicht zu knickenden, in den Papierabfall gleich nebenan wirft…) und auf der Zunge halte ich meine wohlabgewogenen Worte bereit.

Das Mädel ist mit der Freundin fertig und das Mobile wieder eingesteckt, jetzt klingelt es bei einem jungen Mann (das weiß ich, weil ich mich umdrehe) weiter hinten. Er wickelt eine Bewerbung ab. Mein Vordermann ist dabei durchzudrehen. Er hat seinen Tick nicht mehr unter Kontrolle und läuft neben der Schlange auf und ab, bei jeder Kehrtwende dreht er sich genau dreimal um sich selbst und kratzt sich dabei am Kopf. Das bewahrt ihn vielleicht davor, Amok zu laufen. Wer weiß.

Währenddessen erwäge ich kühl und kühn, meine Beschwerde Beschwerde sein zu lassen und unverrichteter Dinge zu gehen. Seis drum. Was nützt mir die Genugtuung? Nein! Sagt eine entschiedene Stimme in mir: Das muss jetzt mal gesagt werden. So kommen sie nicht durch. Serviceleistung sollen sie bringen, sie werben damit, dann sollen sie auch zusehen, dass ihre Leute lesen können.

„Der Nächste, bitte!“ Das ging ja jetzt schnell. Da stehe ich auch schon vor einer kleinen Frau, die mir erwartungsvoll entgegen blickt.

„Ich habe eine Beschwerde“, sage ich und breite die kopierte und vergrößerte Zeichnung vor ihr aus, den Umschlag drapiere ich daneben.

„Ja?“ fragt sie zögernd, wahrscheinlich überlegt sie, ob sie mich gleich ans Kundentelefon schicken oder sich meine Beschwerde erst einmal anhören soll. Das hat sie sicher im Kundentraining oft durchgespielt, aber jetzt ist sie verunsichert.

„Sehen Sie“, sage ich umständlich, denn ich weiß ja, dass sie gar nichts dafür kann, „der Briefträger hat jetzt dreimal Umschläge geknickt, auf denen stand, sie sollen nicht geknickt werden…“

Dass ich überhaupt soweit gekommen bin! „Das tut mir aber leid. Dafür bin ich nicht zuständig“, sagt sie jetzt erleichtert und zeigt Richtung Ausgang. „Dort hängt das Servicetelefon, da können Sie unentgeltlich Ihre Beschwerden loswerden.“

Ich habe das Telefon noch nie ausprobiert, ich weiß also nicht im Entferntesten, was mich am anderen Ende erwartet, aber das Letzte, worauf ich jetzt Lust habe, ist eine weitere Warteschleife und endlose Erklärungen und Musik von irgendwelchen toten Komponisten, Beethoven eignet sich als Pausenfüller gut, bis ich endlich bei dem richtigen Bearbeiter gelandet bin.

Meine sorgfältig zurechtgelegten Worte bleiben also ungesagt. „Tja, da kann man nichts machen, wenn ich bei Ihnen an der falschen Person bin, ich will es ja auch nicht über Ihnen ausschütten.“

Sie lächelt mich dankbar an und schielt auf meine Klarsichtfolie. Einer alten Lehrerangewohnheit verfallen habe ich das bereits Abgehandelte an Stoff mit der Vorderseite nach unten gelegt. Diesmal eben die Zeichnung. Auf der Rückseite steckt mein Behandlungsplan und eine Hilfsmittelverordnung vom Arzt.

„Ist das Ihr Attest?“ fragt mich die Beamtin, sie ist sehr viel kleiner als ich und deshalb näher am Attest. Sie verwirrt mich, meine Gedanken hängen noch am Kundentelefon. Wovon spricht sie?

„Ach ja, ja“, sage ich schnell obenhin und nicht bei der Sache und will alles einstecken.

„Ich habe auch Zucker“, enthüllt sie mir nun. „Aber ich habe das gar nicht gut im Griff.“ Sie sieht mir forschend von unten ins Gesicht. Ich wiederum bin zu verdattert, um ablehnend oder zustimmend zu gucken, da erzählt sie mir auch schon, dass sie am Tag zuvor mehrere Male unterzuckert war, dass ihr Arzt ihr eigentlich gar nicht richtig helfen kann, dass sie nicht weiß, wen sie noch fragen könnte und eigentlich mit der Situation total überfordert ist.

Ich nehme aus den Augenwinkeln wahr, dass sich die Schlange der Wartenden inzwischen um zwei Pfeiler wickelt und die anderen Kollegen zunehmend unter Druck geraten.

„Ich gehe immer in dieses Zentrum im Krankenhaus oben am Uhrtürmchen“, sage ich ihr. „Versuchen Sie’s mal dort. Dort gibt es Spezialisten…“

Falsch. Dort gibt es Fachidioten – aber das ist eine andere Geschichte. Wie dem auch sei: Wenn sich zwei von dieser Krankheit Betroffene treffen, gibt es mindestens zwei wesentliche Fragen, die beantwortet werden müssen: „Spritzen Sie?“ Und: „Wie lange haben Sie das denn schon?“ – Wir arbeiten diese Fragen also ab. Vorsichtig und betroffen. Danach weiß ich von ihr, dass sie spritzt und noch ein Frischling ist. Von mir weiß sie nichts. Ich bin ein alter Hase und mache ihr das indirekt und jovial klar, indem ich sie nochmals an bereits genannte Adresse verweise.

Inzwischen habe ich meine Zeichnung eingesteckt, das Attest natürlich auch. Sie schaut ihm etwas sehnsüchtig hinterher und möchte noch mehr reden, aber ich spüre Unwillen aufsteigen. Sie erzählt noch von Traubenzucker und Apfelsaft, den sie immer bei sich trägt. Ich fühle einen Grund, mich zu ärgern herannahen. Es hat mich wieder einer gefunden. Dabei wollte ich eine Beschwerde loswerden.

Als ich mich nun endgültig dem Abschied zuwende, bedankt sie sich für das Gespräch und wünscht mir einen schönen Tag. Na, für die nächsten zwei Stunden, bis zum nächsten nervigen Telefongespräch, kann ich den wohl knicken.

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