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ÜBER PRÄGENDE BÜCHER NACHGEDACHT

Ein Sommer mit Wölfen – ein Winter mit Möwen

Erste Leseerfahrungen kann man diese zwei, über die ich hier im Wesentlichen schreiben werde, so eigentlich nicht nennen. Ihnen waren – angefangen beim Frühlesealter – die üblichen Kinderbücher vorangegangen. Massen an Büchern, die ich aus den Orts- und Schulbibliotheken nach Hause und wieder zurückgetragen hatte. Es waren viele selten ausgeliehene Bücher darunter, denn wenn die Bestseller unterwegs waren, wusste ich mir zu helfen und lieh die Verschmähten aus. Ich hatte immer ein Faible für die Verschmähten – nahm mich ihrer nur zu gerne an. Auf diese Weise muss ich mit 11 Jahren an die Autobiographie von Helen Keller gekommen sein, die keinen geringen Eindruck auf mich gemacht hat, so dass ich mich heute noch lesen sehe: Darüber staunend wie ein taubblindes Mädchen sich Wissen und einen Blick auf die Welt aneignet – an der Hand seiner Lehrerin.

Ein nächstes, schemenhaftes Bild: Mein Vater reicht mir ein Buch mit dem Hinweis, dass ich nun alt genug sei, derartige Bücher zu lesen. „Perdita“ ist der Titel des Buches, und dass ich mich daran erinnere, liegt nicht an seinem Inhalt, sondern an der Geste meines Vaters. Ich hatte mich zu der Zeit schon längst durch Updikes „Ehepaare“, Susan Sontags „Tal der Puppen“ und sämtliche Willi Heinrichs, von denen mich „Gottes zweite Garnitur“ sehr aufgewühlt hatte, gelesen. Perdita kam also in all ihrer Unschuld zu einem Zeitpunkt, an dem ich, was die Wahl meiner Lektüre anging, längst die Reifeprüfung abgelegt hatte. Von Heinrich, kann ich rückblickend sagen – aber auch von den Übersetzern der Hammond Innes-Bücher – habe ich das Handwerkliche am Schreiben mitgenommen. Innes‘ „Das Schiff im Felsen“ und „Die Luftbrücke“ waren da meine Lieblinge.

Bevor ich nun zu den Büchern komme, deren Hauptprotagonisten im Titel dieses Beitrags auftauchen, muss ich noch zu meiner Scham und Schande erwähnen, falls es noch nicht deutlich geworden ist, dass meine Leseerfahrungen nicht aus den sogenannten Klassikern gespeist sind, sondern aus den banalen, fast trivialen Büchern recht durchschnittlicher, aber doch erfolgreicher Schriftsteller. Unnötig zu erwähnen, dass mich dann auch eine Gwen Bristow im „Tiefen Süden“ auf die Baumwollfelder mitnahm.

Dann begannen jene denkwürdigen Sommerferien im Jahr 1973, die eine neue Stufe einleiteten. Wir Schüler waren in die Ferien entlassen worden, was bedeutete, dass ich meinem Vater sechs Wochen lang ausgiebig für die Backstube zur Verfügung stehen würde. Im Gegenzug durfte ich ihm eine Liste von Büchern, die ich gerne lesen wollte, zusammenstellen. Ich stellte sie zusammen, ein Titel darauf war „Ein Sommer mit Wölfen“. Ich bekam es. Die anderen Bücher auf der Liste habe ich vergessen.

Der Biologe Farley Mowat wird in den dünnbesiedelten kanadischen Norden geschickt, um Informationen über den „gefährlichsten Feind des Menschen” zu sammeln. Warum? – Man – das war die kanadische Regierung – war sich sicher, in den Wölfen die Schuldigen für das rapide Einbrechen der Rentierherden in der Tundra gefunden zu haben. Mowat zieht nun mit Untersuchungsgerät mehr oder weniger allein in die Wildnis, verliert aber schon bald seine eigentliche Zielvorgabe aus den Augen. Er ist vom Sozialverhalten der beobachteten Wolfsfamilie beeindruckt. Im Laufe des Sommers lernt er die Tiere immer besser kennen und gewinnt Erkenntnisse über ihr Leben, die der Wissenschaft damals völlig unbekannt sind – so heißt es einerseits. Das später entstandene Buch ist unter Biologen nicht ganz unumstritten. Kritiker werfen Mowat vor, er habe wissenschaftlich nicht korrekt gearbeitet und auch mit dem übrigen Wahrheitsgehalt sei es nicht weit her. Naturwissenschaftler haben eine eigene Sprache, und um Naturwissenschaftlichkeit zu gewährleisten, muss man diese auch anwenden.

Die Geschichte indes ist eine Parabel, und als solche habe ich sie von Anfang an aufgefasst. Mowat beschreibt darin nämlich nicht nur die Wölfe, sondern seine ganz eigene Unzulänglichkeit und seine Voreingenommenheit Wölfen und auch den lokalen Einwohnern gegenüber. Ohne die Inuit – damals hießen sie in der deutschen Übersetzung noch Eskimos – und ihre Unterstützung und ihr Wissen hätte er deutlich weniger über Canis lupus und seine Lebensgewohnheiten und sein Familien-Leben erfahren. Und: Mowat macht sich nicht nur über sich selbst, sondern auch über die Ignoranz der Mehrheit der westlichen Welt lustig.

Inwieweit ich diese Andeutungen verstand und die Parabel „richtig“ – das heißt im Sinne der Absicht des Schriftstellers deutete – bleibe dahingestellt. Aber was mir das Buch gab: ein Bild für meine eigene Situation als Ausgeschlossene und Gejagte. In diesem Sommer entdeckte ich die Wölfe, und – wichtiger noch – ich fühlte mich ihnen zugehörig. Vielleicht dahinter die bange Sehnsucht, dass auch mich einmal jemand beobachten und erkennen würde, um mich dann zu nehmen, wie ich bin.

In einem Alter, in dem ich so sehr mit mir selbst beschäftigt war, missbrauchte ich jedes Tierbuch – auch jedes andere Buch – dafür, meinen eigenen Standort zu finden. Erst später habe ich mich mit den Tieren an sich auseinandergesetzt, ohne mich in ihnen zu suchen. Noch später – bereits als Erwachsene mit zwei kleinen Kindern – träumte ich eine ganze Reihe Träume aus meiner Jungmädchenzeit in der Bäckerei. Einer darunter enthielt dieses Bild: Ich stehe im Keller, um etwas zu holen, halte einen Moment inne, weil ich vergessen habe, was, und blicke in Richtung Fenster. Draußen schnüffeln Wölfe am Fenster entlang. Die Fenster liegen zu ebener Erde und ich blicke genau in ihre Augen. Ich laufe nun in alle Kellerräume, von ungewisser Angst aufgescheucht. Überall sind die Wölfe, überall lauern sie mir auf. Und dann blicke ich an mir hinunter und sehe meine Arme, und in meinen Armen liegt ein junger, weißer Wolf, der mich mit großen dunklen Augen anblickt. Ich werde ruhig.

Mein Leben hielt – seit ich denken konnte – Erlebnisse für mich bereit, in denen das Kollektiv (so konnte ich es natürlich erst später ausdrücken) mich als Einzelwesen auf mir unverständliche Weise ausschloss. Egal wohin ich ging: Schul-AGs, Sportvereine, Selbsthilfegruppen – ich war recht bald die, die man vielleicht gerade eben noch wegen ihres Fleißes und ihrer Nützlichkeit da behielt, aber doch wegen ihrer sonstigen Eigenschaften ablehnte. Und sollte irgendetwas Negatives geschehen –  wurde auf mich gezeigt. Sehr bildhaft dafür eine andere Erinnerung: Ich und eine andere Wölfin, namens Martina, gehen Arm in Arm (in notwendiger und notgedrungener Allianz) in der Schulpause auf dem Schulhof an der Außenlinie entlang, immer rund um den Hof, und werden von innen angegriffen. Heute würde man sagen: gemobbt.

Die Wölfe können nun wirklich nichts dafür, dass Menschen ihnen Eigenschaften zuschreiben, die sie in ihrer Lebenswirklichkeit gar nicht besitzen. Aber nun denn: Es kursieren Redensarten wie „ein einsamer Wolf sein“ für einen menschlichen Einzelgänger im weitesten Sinne. Manche Menschen „heulen mit den Wölfen“ – was soviel heißt wie, dass sie mit der Meute gehen. Vor „dem Wolf im Schafspelz“ hat schließlich doch schon Jesus in seiner Bergpredigt gewarnt, und damit die falschen Propheten gemeint. Jetzt denke ich wieder an den kleinen Wolf, den ich da im Arm hielt, geträumtermaßen – war er ein Schaf?

Das Bild – die Metapher – Wolf gibt es in vielen Fabeln und Parabeln, das heißt, wir begegnen ihm in unserem Kulturkreis bereits in den Märchen „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“.

Vor allem seinem Heulen hat der Wolf  zu verdanken, dass er seit Urzeiten dem Menschen unheimlich ist. Im Mittelalter galt das Heulen als Zeichen dafür, dass die „blutrünstige Bestie“ einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe. Der letzte in Deutschland frei lebende Wolf wurde vor 150 Jahren geschossen, hat das Märchen vom bösen Wolf der Brüder Grimm weitergelebt??? Ob der Mythos vom Erzfeind des Menschen revidiert wird, wenn der Wolf wieder einen Platz in unseren Wäldern einnimmt?

Die Begegnung mit den Wölfen lehrte mich, was es mit den Hierarchien, den Alpha- und den Omegawölfen – besonders in unserer menschlichen Gesellschaft – auf sich hat. Es ist sehr lehrreich, sich das wölfische Sozial- und Kommunikationsverhalten anzusehen. Was die literarische Form der Parabel angeht, habe ich ebenfalls viel gelernt. Ich habe später für meine Kinder Tiergeschichten geschrieben und veröffentlicht…

In jenem Sommer war mein Blick sehr auf mich selbst gerichtet, und er blieb es bis zu einem nächsten Buch, das mich ein Jahr später fand. Es war an Weihnachten 1974, meine Eltern hatten weitab der Bäckerei ihr Haus fertiggebaut, und wir verbrachten zum ersten Mal darin die Weihnachtstage. „Mein“ Zimmer war mit einer grün-blauen Luftmatratze und einem Kofferradio möbliert. Der Empfang meines Lieblingssenders war mäßig, aber dann hörte ich sie – die Stimme meines Lieblingsmoderators! Er las eine Geschichte vor, und dazu spielte die Musik von Neil Diamond.

16 ist ein kritisches Alter auf der Reise eines jungen Menschen ins Erwachsensein. Ich jedenfalls hatte keine Ahnung, wer ich und wer meine Familie, warum ich geboren war, und vor allem, was ich in dieser Welt sollte. Ich wütete gegen die Welt und gegen mich. Schönes, wirklich Schönes fand ich in diesen Zeiten selten – selten unter Menschen. Sehr viel später wurde mir erst klar, dass man dies eine „spirituelle Krise“ nennt. Einige Jugendliche sind sehr empfänglich dafür – andere nicht.

Die Möwe Jonathan von Richard Bach ist ein dünnes Buch – und wie Der kleine Prinz von Saint-Exupery „Kult“ geworden. Bach erzählt die Geschichte einer Möwe, die anders als ihre Artgenossen ist. Jonathan glaubt an das Abenteuer des Fliegens als Teil der großen Freiheit der Möwen. Und er fragt sich immer wieder, warum es zu den schwierigsten Dingen auf der Welt gehört, einen Vogel davon zu überzeugen, dass er frei sei und dass er diese Freiheit auch selbst erproben könne. Auch dieses Buch kein 1:1-Abbild der tatsächlichen Möwen! Eine Fabel, eine Anthropomorphisierung.

Die Parallelen zu den Außenseitern der menschlichen Gesellschaft sind deutlich. Das Buch ist für jene Menschen Labsal, die nach mehr streben als nur dem greifbaren, sichtbaren, mäßigen Erfolg; für Menschen, die Befriedigung im Ausleben ihrer eigenen Fähigkeiten finden, auch wenn sie sich damit gegen die ganze Welt stellen, für Menschen, die frei sind für das Abenteuer ihrer  Persönlichkeit.

Das Buch fand mich in einer Zeit, in der mir Mädchenbücher wie „Der Trotzkopf“ oder „Hanni & Nanni“, mit einem Frauenbild, das nicht mehr zeitgemäß war, schon lange nicht mehr weiterhalfen und zur verblassenden Kinderwelt gehörten. Und selbst das mir von meinem Vater überreichte „Perdita“ entsprach den Werten meiner Eltern, aber nicht der Zeit, der ich entgegenwuchs.

Die Möwe mit ihrem unbedingten Willen zur Freiheit sprach aus, was ich in meiner Familie nicht aussprechen konnte: Jeder ist frei und kann seine Freiheit nutzen – er muss sie nur üben, üben dürfen. Was macht nun Jonathan? – Er schießt im Sturzflug durch den Schwarm,  erschreckt und irritiert ihn. Ich glaube mich zu erinnern, dass er sich selbst verletzt. Obwohl noch mal alles gut ausgeht, wird er daraufhin verbannt. Er hat etwas gewagt, und es ist nicht verstanden worden. Statt Anerkennung seiner Leistung kommt das entmutigende Wort: „Wir haben es doch gleich gewusst, hättest du nur auf uns gehört….“

Viele junge Menschen, die etwas wagen, sich auf sich selbst besinnen, und Schiffbruch erleiden, lassen sich spätestens hier endgültig entmutigen, reihen sich in die vorgeschriebene Laufbahn, vielleicht sogar reumütig um Verzeihung bittend, ein, um dann für den Rest ihres Lebens nur noch träumen zu können. In ihren Träumen erleben sie dann das Wirkliche, das ihnen verwehrt vorkommt, oder besser, das sie sich haben verwehren lassen. Unzufriedene Menschen sind das Ergebnis, den Geträumtes ist nun mal nicht Erlebtes.

Nachdem er zwischenzeitlich brav einige Zeit im Schwarm gelebt und versucht hat, wie eine normale Möwe zu sein, so, wie der Schwarm sie will, bricht Jonathan erneut aus, weil er seine Unzufriedenheit spürt. Der Drang, dem Leben mehr Sinn zu geben und seine Möglichkeiten zu leben, ist einfach stärker. Der Schwarm wirft Jonathan Verantwortungslosigkeit vor, aber im Grunde geht es ihnen um seine fehlende Bereitschaft, ihre Denkweise zu übernehmen, sich anzupassen, und – vor allem – darum, dass er anders ist als sie. Jonathan aber setzt sich durch: Er lernt, mit seiner Freiheit umzugehen und wird schließlich doch zum Lehrer und Vorbild für Gleichgesinnte.

Wesentlich: Freiheit und Verantwortlichkeit. Nachdem ich dann doch noch erwachsen geworden bin und selbst Kinder bekam, stellte sich mir immer wieder die Frage nach dem Maß der eigenen Freiheit und der Verantwortung für meine Mitmenschen. Schließlich bin auch ich Lehrerin geworden, keine Schullehrerin, aber eine fürs Leben, vielleicht – irgendwie?

Wenn ich Geschichten schreibe und erzähle, geht es im Grunde immer um die Vielzahl der Anschauungen, die es unter der Sonne gibt, und um die Schwierigkeiten der Menschen, mit dem jeweils von ihnen Verschiedenen und Anderen umzugehen. In meinen Erzählungen erleben meine Helden, dass ihnen auch schon mal die eigene Freiheit genommen wird, ebenso wie sie auch selbst die Freiheit der anderen beschneiden. In meinen Geschichten geht es viel um Verantwortlichkeiten, die auf Schultern verschoben werden, auf die sie nicht gehören. Es geht immer um einen Einzelnen in einem Kollektiv, in dem er zwar lebt, aber in dem er trotzdem ein Ausgeschlossener ist – und es geht darum, dass er gut daran tut, sich selbst kennenzulernen und zu leben.