ÜBER …

Ich fang mal im ersten Viertel an. Natürlich habe ich Eltern. Mein Vater war Bäckermeister mit einer eigenen Bäckerei. Das bedeutete: Familienbetrieb mit allen Nebenwirkungen. Ich war das älteste Kind von dreien, die große Schwester.

Als ich mit dem Abizeugnis in der Tasche zur Studienberatung nach Hamburg fuhr und in der Sprechstunde eines Professors saß, fragte der mich nach meinen Eltern. Nachdem ich geantwortet hatte, sagte er: Nun – dann werden Sie es schwer haben. – Ich kam eben nicht aus einer Akademiker-Familie. Und ich hatte es schwer.

Zuerst studierte ich Chemie. Aber eigentlich studierte ich genau in dieser Zeit mehr das Leben und mehr mich selbst als alles andere. Das entpuppte sich im Nachhinein auch als richtig, war allerdings eine für mich und andere anstrengende Studienzeit. Nach drei Semestern wechselte ich das Studienfach, nicht aber die Lebensstudien. D.h. während ich Linguistik studierte, Finn-Ugristik als Nebenfach und als zweites Nebenfach Kognitive Psychologie, arbeitete ich in verschiedenen Jobs, um das Studium zu finanzieren und um meine Reisen zu bezahlen. 

Reisen – das war mein Lebenselixier. Jedes Jahr ein anderes Land. Jedes Jahr eine neue Sprache. Abschluss Magister mit einer Arbeit über „Die Schwierigkeiten deutscher Studenten mit der finnischen Sprache“ – damals waren gerade Interlanguage Analysis, kontrastive Linguistik und die Interferenzforschung aktuell.

Danach folgten weniger offizielle Zeiten, nämlich Familienzeiten. – Die Kinder hinderten nicht am Schreiben, sondern waren in meinem Fall eher förderlich dafür. Ihre Kinderzeit war eine meiner kreativsten Zeiten überhaupt, was das Gebären von Ideen anging und das Erschaffen kleiner und größerer Werke. Das Schreiben war da, das Forschen, das Lernen … Eine Dissertation entstand; ich vertiefte mich in die Astrologie und das I Ging, begann eine Ausbildung zur Klassischen Homöopathin. Deutsch als Fremdsprache habe ich auch unterrichtet: in Firmen Einzelunterricht, an der Volkshochschule Gruppen. Bevor ich selbst daran dachte, meine Texte zu veröffentlichen, half ich anderen auf den Weg. Wie schreibt „man“ – richtig, aussagekräftig – mit eigenem Stil. 

Das mündete 2003 darin, dass ich einen Verlag gründete. Klingt so einfach: man entscheidet mal eben, einen Verlag zu gründen. Ohne Startkapital, mit einem Rechner und einem Drucker, der selbstbearbeitete Fotos farbig druckt. Das erste Vorhaben war das Persisch-Lehrbuch „Wir sprechen Persisch“, das eine kleine Erfolgsgeschichte wurde. Das zweite Vorhaben „Bertel’s Physik“ hat richtig Arbeit, aber auch Spaß gemacht. Leider haben wir völlig am Markt vorbeipubliziert – und das Büchlein wurde nie richtig populär.

In den 10 Jahren, die der Verlag schließlich existierte, entstanden Kinderbücher auf Deutsch und als zweisprachige Ausgaben, Lyrik- und Kurzgeschichten-Anthologien, Gedichtbände und noch ein weiteres Persisch-Lehrbuch, dieses Mal eines für Jugendliche und junge Erwachsene. Es wird heute noch manchmal angefragt, was mich für die Hauptautorinnen freut, u.a. meine Tochter.

Aber ein Kleinverlag ist eine anstrengende Sache, wenn man alles alleine machen muss. Manuskriptbetreuung, Buchlayout, Verkauf und Werbung – und hinter den Kulissen die Buchhaltung sowie die rechtlichen Fragen. Im Nachhinein – ehrlich??? Buchhaltung habe ich gehasst.

digital bearbeitet von Simon Ocvirk

Über meine eigenen Bücher und Geschichten schreibe ich eher weniger. Um es kühl und sachlich (einer Frau eher fremd, oder?) mit Umberto Eco zu sagen: „Ein Erzähler darf das eigene Werk nicht interpretieren, andernfalls hätte er keinen Roman geschrieben, denn ein Roman ist eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen.“ Insofern verweise ich auf die Bücher und lasse sie für sich und für mich sprechen, hoffend, dass der eine oder andere sie vernimmt und auch wahrnimmt.

Auch ohne Verlag schreibe ich immer noch… nicht mehr so fiebrig wie als junge Frau, aber in viele Richtungen und in vielen Genres. Manchem mag das zerstreut erscheinen – mir ist inzwischen klar: ich bin viele (ziemlich platt, oder?), es gibt mindestens drei von mir. 

Im Jahr 2018 haben sich gleich mehrere Änderungen ergeben: ein Umzug und ein Entschluss, was das Unterrichten von Deutsch-als-Fremdsprache angeht, waren auch darunter. Die Lust an der Sprache, die ich jahrzehntelang gerne und in verschiedenen Zusammenhängen an meine Schüler gebracht habe, ist mir vergangen. Vielleicht ist die Zeit (digitale Medien, weniger Bücher) auch hier an mir vorbeigerauscht, und ich erreiche die Schüler nicht mehr. Es drängt sich mir allerdings auch auf, dass die deutsche Sprache ziemlich konsequent verflacht und verdorben wird. Was ich an Unterrichtsentwürfen und Durchführungen sehe, lässt mich schaudern. (Von den Honoraren, die für einen Unterricht an eine Lehrerin (die ja jetzt politisch korrekt eine Lehrende ist) gezahlt werden, ganz zu schweigen.) Das Niveau wird immer weiter nach unten geschraubt, damit möglichst viele Prüfungsanwärter die Hürde schaffen. Eine emotionale Beziehung, eine lebensweltliche Herangehensweise wird nicht mehr versucht. Und da die Sprache Deutsch meine Heimat ist, bereitet mir diese Entwicklung beinahe körperliche Schmerzen. Auch wenn einige Vorschläge „zur Vereinfachung der deutschen Sprache“ als Ironie oder Satire etikettiert werden – ich fürchte, es ist keine Ironie. Ich werde jedenfalls an dieser Demontage nicht teilnehmen und mir auch nicht weiter sagen lassen, dass ich „ohne Migrationshintergrund und ohne die Erfahrung des Deutsch-Lernens als Fremdsprache nicht weiß, wie es sich für Muttersprachler anderer Sprachen anfühlt“… Deshalb ziehe ich mich zurück. 

Ich bin aber noch da und hier, wie man sieht.

Es grüßt Sie.

 

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