TOTGEPFLEGT

Zwischenfall in einem gut eingeführten Kosmetikstudio

Nennen wir sie Maybrit. Maybrit hatte sich vor zwei Wochen den Termin geben lassen. Und jetzt war es soweit. Um fünf Minuten vor 3 Uhr betrat sie den Kosmetiksalon, sah sich selbst in einem großen Spiegel mit Goldumrahmung beim Eintreten in den Raum zu, dramatisch hintermalt von zwei grünen, dunklen Walnussbäumen am Straßenrand vor der Eingangstür. Musik empfing sie, aber zu sehen war niemand. Aus einem der hinteren Räume, am Ende eines ziemlich langen Flures, drangen Gelächter und zwei Frauenstimmen. Maybrit setzte sich in einen der wartenden Sessel, stellte ihre Laptoptasche ab und nahm eine Frauenzeitschrift zur Hand. Zweimal – wenn‘s hochkam viermal – im Jahr nahm sie sich Auszeit für ihr Gesicht. Eine Grundreinigung, eine Massage, eine Enthaarung, ein Zurechtschneiden der Augenbrauen, eine Entspannungssitzung.

Dergleichen war nicht billig, aber der Preis war nicht der Grund, warum sich Maybrit nur diese zwei Mal, allenfalls vier Mal, die Behandlung leistete. Sie war einfach nicht der Typ dafür. Die gepflegt-manierierte Welt der Schönen hatte ihr schon immer ein Gefühl der Unbeholfenheit beschert. Das war natürlich ihr Problem, nicht das der anderen! Allerdings – und das war der Anlass für ihren heutigen Besuch – war es hin und wieder notwendig, die Dinge von einer Fachfrau richten zu lassen. Jene Dinge, die sie selbst nicht mehr sah – aus Gründen nachlassender Augenkraft und aus Ungeduld. Also verband sie fällig werdende Friseurgänge mit einem Gang in ein Kosmetikstudio, und hier war sie.

Demi Moore lächelte vom Illustriertencover. Dünn war sie geworden; das musste mit dem Trennungskrieg, den sie gerade führte, zusammenhängen. Demi lächelte immer noch, als die kleine Frau den Flur entlang nach vorne kam. Sie trug einen weißen Kittel, hatte die Haare streng nach hinten zu einem Knoten gebunden und die Art von Nase, die in Maybrit einen inneren Dialog der Art „Du kannst die Menschen doch nicht nach ihrer Nase beurteilen“ – „Doch, das kann ich!“ heraufbeschwor.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht gleich gehört habe. Das war keine böse Absicht. Ich habe hinten noch eine Kundin, aber sie ist gleich fertig und sobald sie herauskommt, sind Sie dran und dann geht es los. Geht es Ihnen gut? Haben Sie gut hergefunden?“ Die Stimme war angenehm und ließ großes suggestives Potential ahnen.

Seitdem sie den Laden betreten und erst recht seitdem sie die Illustrierte durchblättert hatte, war Maybrit in Transformation von einer geschäftig gestressten Firmenleiterin zu einer entspannten, mit Vorfreude gefüllten Schönheitskundin begriffen, die einer Stunde voller wohltuender Gerüche, weichen Dampfs, kühlender Cremes und professioneller Hände entgegensah.

Es sei in Ordnung, meinte Maybrit, und sie habe Zeit genug.

„Ich nehme Ihnen schon mal den Mantel ab. Ja, so ist fein, geben Sie nur her, ich hänge ihn auf. Gabriella, bist du fertig? Kommst du nach vorne? Gabriella ist die Kundin, erschrecken Sie nicht. Wir haben eine Sonderbehandlung mit ihrem Gesicht gemacht. Sie hat viele Hautprobleme, besonders starken Haarwuchs. Ihr Gesicht ist jetzt gerötet. Keine Angst, so werden Sie nicht aussehen, wenn Sie fertig sind. Sie haben schöne Haut, feine Poren. Wir werden Ihnen ein wunderschönes Gesicht zaubern. Gabriella?“

Gabriella erschien. Sie war groß, breit und Besitzerin eines vollmondrunden Gesichts, das wie angekündigt übel zugerichtet war. Die Klingel an der Tür schlug an und Maybrit sah im Spiegel eine ältere Frau eintreten.

„Mamma mia, gabriella, deine mutter ist gekommen. Das nenne ich eine mutter! Sie holt dich von der kosmetik ab. Also, kindchen, gönn deinem gesicht heute ruhe. Hier ist eine creme, die du heute abend aufträgst. Dann hat sich die haut beruhigt, und morgen kannst du ganz normal unter menschen gehen. In vier wochen kommst du wieder. Und denk daran: du bist schön. Wiederhol es mal. Wiederhol es mal: du bist schön.“

„Ich bin schön“, sagte Gabriella und umarmte ihre Mutter. Die Mutter erbleichte. „Ich hätte ein Kopftuch mitbringen sollen“, sagte sie, und Maybrit sah ihr an, dass sie unter der Monsterhaftigkeit ihrer Tochter litt.

Sie bezahlten, was ungefähr noch einmal zehn Minuten in Anspruch nahm. Dann verließen Mutter und Tochter den Laden.

„So jetzt aber wirklich zu ihnen. Sie haben sich unseren laden ausgesucht. Was heißt laden, wir sind ein eingeführter salon, gute arbeit. Sie werden zufrieden sein. Kommen sie, wir gehen nach hinten. Kommen sie. Ach, ich muss die türe hier vorne abschließen, damit uns niemand stört. Ich bin alleine, meine mitarbeiterin hat heute freigenommen, sie hätte eigentlich da sein sollen. Aber wie das so ist mit mitarbeitern…“ Ein Seufzer unterbrach ihre Ausführungen.

Im linken hinteren Raum am Ende des Flures empfing Maybrit ein apricotfarbenes Ambiente. Altbau, also hohe Decken. Das Orange reichte bis etwa zur Augenhöhe, dann folgte eine Blumenbordüre, darüber glommen die Wände cremefarben. Keine Fenster, aber ein Oberlicht mit diffusem Licht. Musik rieselte herab, der Lautsprecher hing unter dem gewölbten Viereck. Und genau über dem Stuhl. Der Stuhl stand mitten im Raum. Eingehüllt in weiße, flauschig aussehende Tücher. Hinter ihm die Lupenlampe und ein Hocker. Das Arbeitsmaterial der Kosmetikkünstlerin befand sich rechterhand: Waschbecken, Unterschränkchen, Bedampfer, ein Regal mit noch mehr weißen flauschigen Handtüchern, Reihen von Cremetiegeln und vielem mehr. Links ein überdimensionaler Spiegel mit opulentem Goldrand. Auf der Ablage davor eine Vase mit Türkenbund-Lilien. Sie befanden sich in einem labilen Alterungsstadium zwischen Wohlgeruch und Gestank.

Die Frau mit dem Knoten und im weißen Kittel wusch sich die Hände, cremte sie gründlich ein, hin und her, und noch einmal hin- und herringend.

„Setzen sie sich schon mal her. Wir machen es jetzt gemütlich. Ja, schön zurücklehnen. Füße hoch. Achtung, jetzt geht es nach unten. Lassen sie ihren kopf ruhig liegen. Machen sie die augen zu, ich werde sie jetzt anfassen. Nicht erschrecken.“

Das Kopfteil surrte herunter, das Fußende wurde angehoben. Maybrit schloss, wie angewiesen, die Augen und kreuzte ihre Füße auf dem Fußende. So lag sie für sich selbst am bequemsten. Dann spürte sie in ihrem Nacken die kühlen Hände der Frau. Sie knetete die Schultern, fuhr dazu unter die Bluse, griff sich eine Handvoll Fleisch und schob es – soviel war es bei Maybrit nicht – in Richtung Hals. Das tat sie auf der linken und auf der rechten Seite, solange, bis die anfängliche Kühle einer Reibungshitze wich und die Hände stumpf wurden.

„Schön haben sie sich jetzt entspannt. Ich merke es schon. Wir machen sie jetzt ganz locker. Vergessen sie den stress da draußen. Wir machen jetzt eine schöne tiefenreinigung, dann eine maske…“ Während sie redete, deckte sie Maybrit mit einem flauschigen weißen Tuch zu, aber nicht bevor sie nicht die Bluse aufgeknöpft und das Dekolletee freigelegt hatte.

„… hoffe das ist nicht unangenehm. Gell, das ist nicht unangenehm. Ich mache das immer bis zum brustansatz, vielleicht wollen sie ein abendkleid tragen. Sie können hervorragend ein weitausgeschnittenes tragen. Sie haben schöne haut, und die machen wir noch schöner.“

Maybrit lächelte und gab zurück, sie freue sich, dass sie in so guten Händen sei. Die Frau im weißen Kittel stand hinter dem Stuhl über ihrem Kopf, massierte sie kurz oberhalb der Brust, strich mit den Daumen von innen nach außen, vergrößerte, verringerte den Druck der Daumen, und Maybrit wurde ruhig. Sie atmete den Duft der Lilien und den Duft der Frau, ein Gemisch aus einem Rest Parfum und Schweiß, den Hauch von Knoblauch darin, aber noch nicht unangenehm. Menschlich eben. Hier arbeitete ein Mensch. Wenn die Frau sich über sie beugte, berührte ihre Brust Maybrits Kopf, ganz leicht und flüchtig.

„Wir kommen uns hier sehr nah. Das geheimnis guter kosmetik ist, dass wir ein vertrauensverhältnis aufbauen. Deshalb spreche ich mit ihnen. Wenn es unangenehm ist, sagen sie mir bescheid. Ich will nicht, dass es ihnen unangenehm ist, aber schweigen ist schlecht. Wenn ich nichts sage, könnten sie das als unhöflich empfinden. Wie fühlt sich das an?“

Ihre Hände fühlten sich sehr gut an. Das Öl, das sie verwendete, glitt samtig über die Haut und Maybrit fühlte sich unter diesen Händen zerfließen. Nein, das Sprechen wäre in Ordnung, sie habe eine schöne Stimme, sagte Maybrit. Sie brauchte ja einfach nicht viel zu antworten, nahm sie sich vor, dann würde die andere schon verstummen. Nicht, dass das Reden ihr unangenehm war….

„Wissen sie, … meine mitarbeiterin. Die haben wir eingestellt, damit vorne jemand im laden ist, wenn ich mich um die kundinnen kümmere. Aber sie ist unhöflich zu den kunden, sie hat keine empathie. Ach, heutzutage haben so wenige menschen empathie für andere. Isabel, habe ich zu ihr gesagt, du musst dich in die kundinnen hineinversetzen. Sie wollen hier gestreichelt werden. Kunden muss man streicheln. Aber sie hat mir nicht geglaubt.“

Die Eingangsmassage kam zu ihrem Ende. Die kleine Frau brachte ihr Gesicht vor das Gesicht von Maybrit, inspizierte die Haut eingehend. Dann strich sie ihr die Haarsträhnen des Ponys aus dem Gesicht und deckte ein Handtuch über den Haaransatz. Mit einem in eine Reinigungsflüssigkeit getunkten Tuch wischte sie Stirn, Wangen, Kinn und Hals ab. Immer von innen nach außen.

„Ich mach das jetzt seit zehn jahren. Yasmina, hat mein Mann gesagt, du bist verrückt. Wie kannst du ein kosmetikinstitut aufmachen, wo fünfzig meter weiter doch schon eins ist. Eben, deshalb, hab ich gesagt. Konkurrenz…. na, sie wissen schon. Ich kann mich der konkurrenz stellen. Und wir sind gewachsen. Ich mache hier die schönheitsarbeit, mein mann die buchhaltung. Er kommt aus italien, ich komme aus marokko. Aber wir sprechen deutsch! Wir haben gut deutsch gelernt. Das ist wichtig, damit die kundinnen uns verstehen und wir die wünsche der kundinnen. Aber meine mitarbeiterin hat das nicht verstanden. Sie ist maulfaul. Und außerdem fehlten immer wieder cremes und geld in der kasse. Darauf hab ich sie angesprochen und sie hat geleugnet. Ach, aber was belaste ich sie mit meinen problemen. Ist es gut so? Fühlt sich gut an, oder. Sie haben eine schöne haut…“ Und ihre Finger fuhren Maybrits Falten entlang und streichelten sie leicht. Maybrit ließ sich zum dritten Mal in diese Hände fallen.

„Ich lasse sie gleich zehn minuten mit dem dampf allein. Achtung, wir stellen das jetzt an und sie sagen, ob es so gut ist oder zuviel“, sie brachte den Dampfkolben in die Nähe von Maybrits Gesicht, winkelte ihn um 60 Grad an und drehte auf. Ein Schwall lauwarmen Ozondampfes zischte heraus, stotterte und wurde wärmer. Maybrit parierte die unerwartete Feuchtigkeit mit hektischen Schlucken, dann wusste sie: der Dampf war zu heiß.

Ein wenig kühler wäre gut, sagte sie und hatte schon den Eindruck, zu kritisch zu klingen, zu anspruchsvoll. Die kleine Frau regelte nach, wackelte am Kolben herum, zupfte das Handtuch zurecht und löschte das Licht über dem Stuhl.

„Soll ich die musik leiser stellen? Oder eine andere musik auflegen? Ich bin vorne im laden und komme in zehn minuten wieder. Bleiben sie ganz ruhig und entspannen sie sich.“ Sie verließ den Raum, zog die Tür hinter sich zu, und Maybrit lag, zwar nicht an den Stuhl gefesselt, aber im Bewusstsein einer grotesken Situation in diesem hochdeckigen Raum im Duft von verwelkenden Lilien, irgendetwas wie Patschouli und Knoblauch. Die fernöstliche Musik vom Endlosband lief weiter, von draußen drang kein Laut.

Was, dachte Maybrit, wenn ich jetzt einen Herzinfarkt bekomme und einfach sterbe?

Sie überlebte die zehn Minuten. Der Dampf tat sein Bestes und öffnete die Gesichtsporen, so dass die kleine Frau des Lobes voll war, als sie das Ergebnis sah.

„Soo, jetzt ist die haut genau richtig. Jetzt wachse ich und wir entfernen die härchen. Dunkelhaarige frauen haben da einen nachteil… blonde frauen haben keinen so starken haarwuchs. Und sie haben dunkles haar und was für schönes haar. Kräftig, gesund. Natürlich auch im gesicht, da soll es nicht sein. Achtung, jetzt wird es heiß. Nicht erschrecken. Und jetzt ziehe ich, pressen sie die lippen aufeinander, nicht zu fest, aber so, dass ich ihnen die lefzen nicht wegziehe.“ Sie sagte tatsächlich Lefzen, strich mit dem Finger das Löschpapier über dem heiß aufgetragenen Wachs fest und zog mit einem Ruck. Maybrit war vorbereitet. Ihr Kopf bewegte sich nur minimal, und die Frau in Weiß machte weiter. Sie machte das Ganze zehnmal, dann rückte sie dem Gesicht mit einer Pinzette zu Leibe.

„Jetzt haben wir sie gleich alle. Es sind einige widerborstige dabei. Ich hatte bisher drei mitarbeiterinnen, wissen sie. Aber inzwischen ist es mit dieser einen schon schwer genug. Finanziell meine ich jetzt. So ein arbeitsplatz kostet ja. Ich habe lohnnebenkosten, die miete hier in der straße ist nicht gerade billig, und die fixkosten mit strom, wasser und gas, die fressen fast alles. Die leasingpreise der geräte … Da bin ich auf jede kundin angewiesen. Die geschäfte gehen nicht mehr so gut. Yasmina, sagt mein mann, willst du nicht das geschäft aufgeben – wir stehen uns besser, wenn du es aufgibst. Wir stehen kurz vor der insolvenz. Aber was soll ich machen? Ich bin unternehmerin, arbeite seitdem ich in deutschland bin, immer selbständig. Ich kann nirgendwo als angestellte arbeiten. Ich hab meinen stolz.“

Zwischen zwei Pinzettenzupfern bestätigte ihr Maybrit, dass sie das verstehen könne. Sie sei auch selbständig und wisse, wovon die Rede sei. Als Chefin müsse man außerdem immer mehr arbeiten, natürlich, als die Angestellten – aber man erhalte nie einen Lohn dafür. Die Finger der weißen Frau, deren Brüste wieder Maybrits Kopf umfangen hielten, durchforsteten auf der Suche nach letzten Härchen das Gesicht. Erst der Jubelschrei, dann ein Ausruf des Entsetzens:

„Wir haben sie alle. Jetzt noch die augenbrauen. Ach du je. Haben sie da selbst gezupft? Und geschnitten? Augenbrauen darf man nie schneiden, am besten nur zupfen. Wenn sie schneiden, wachsen die nach. Na, bei ihnen ist es nicht so schlimm. Die kriegen wir schon in form gezupft. Schöne augenbrauen. Anschließend mache ich ihnen eine schöne maske. Ein peeling…“

Das Zupfen an den Augenbrauen tat weh, besonders über dem linken Auge und zwei Tränen betraten Maybrit Augen. Sie wurden zärtlich abgewischt, das inzwischen abgekühlte Handtuch auf dem Dekolletee wurde gegen ein angewärmtes ausgetauscht. Es war wie sein Vorgänger flauschig.

„Ja, wenn sie auch chefin sind, dann renne ich bei ihnen offene türen ein. Da muss ich ihnen gar nicht alle einzelheiten erzählen. Aber einen unterschied gibt es doch zwischen uns. Sie sind deutsche, und ich als ausländerin hab mir das alles hier hart erkämpfen müssen. Das war nicht selbstverständlich. Die formalitäten, die stolpersteine mit der sprache, die art und weise wie man mich nicht für voll genommen hat. Dabei kann ich gut arbeiten. Das hab ich in marokko gelernt. Wir mussten alle arbeiten: meine geschwister und ich, die ganze familie, für die familie. Hier in deutschland hab ich alleine gekämpft. Keine familie hat mir geholfen. Aber ich habs geschafft. Ich hab diesen laden hier eröffnet, und er läuft seit zehn jahren. Zwar hab ich vor einem jahr ein paar gesundheitliche schwierigkeiten gehabt. Da hat mein mann gedrängt. Aber ich hab gesagt: Giovanni, aufgeben kommt nicht in frage, basta. Wir sprechen meistens deutsch, aber manchmal auch italienisch. Ich bin länger hier in diesem geschäft tätig als mancher meiner deutschen kollegen. Na gut, kollegen sind es ja nicht. konkurrenten. Ach, was sag ich. Ich wollte nicht damit anfangen. Wenn du fleißig bist, schaffst du es, und wenn du faul bist, schaffst du es nicht. Meine mitarbeiterin, die, die heute nicht da ist, ist faul, und sie klaut. Ich muss ihr kündigen, aber dann steh ich alleine da, und wenn ich eine kundin habe, muss ich vorne zumachen. Was mir da andere kunden weglaufen in der zeit! Ich mach sie hier schön, und vorne ist niemand.“

Mit einem Pinsel strich sie einen nach Rosen und Moos duftenden Brei auf Maybrits Gesicht. Von der Mitte der Stirn aus, nach außen, dann über die Nase und von den Nasenflügeln hin zu den Schläfen, schließlich am Kinn und rund um den Mund. Der Brei prickelte beim Auftragen. Der Pinsel fühlte sich borstig an. Die Frau in Weiß begutachtete ihr Werk und legte Pinsel und Tiegel zur Seite. „Noch mal zehn minuten einwirkzeit, dann komme ich zurück und wir vollenden das werk.“

Sie wusch sich die Hände, cremte sie ein, öffnete mit dem Ellenbogen die Tür, indem sie ihn in den Türgriff hakte und war weg.

Maybrit rührte sich nicht. Die Düfte, die Berührungen, die Worte hatten sie in einen Zustand von Enthobenheit versetzt. Sie hörte die Musik, erkannte, dass sie dieselbe Melodie gerade zum vierten Mal hörte, sah ins Oberlicht und in die nach oben gewölbte Kuppel. Sie ließ ihre Augen an der Decke entlang schweifen, nahm wahr, dass sie bis hinunter zur Blumenbordüre alles im Blick hatte, ohne den Kopf bewegen zu müssen. Ihre Tasche musste da irgendwo stehen, ihr Geld wäre darin. Wahrscheinlich musste sie mit Kreditkarte bezahlen, denn mehr als fünfzig Euro in bar hatte sie nicht dabei. Bestimmt konnte man hier mit Kreditkarte bezahlen. Wo konnte man das heutzutage nicht!

Das eben noch warme Handtuch begann auszukühlen, ihre Haut darunter sehnte sich nach der Berührung von zwei Daumen, die sie glatt strichen. Ihr Nacken rief nach den knetenden Händen und ihr Gesicht brannte unter der Maske. Es musste glühen.

Die Tür war dieses Mal nur angelehnt. Von draußen drang ihre Stimme:

„Ich kann ihnen für übermorgen einen termin anbieten. Sagen wir fünfzehn uhr. Das ist eine gute zeit. Da sind sie am entspanntesten. Die meisten frauen sind um fünfzehn sehr entspannt. Die große reinigung? Massage? Haarentfernung? Augenbrauen zupfen? Peeling? Ja, das ist auch in ordnung. Fünfzehn uhr dreißig. Vielleicht bin ich hinten und habe eine kundin. Laufen sie nicht weg, bleiben sie da, ich komme sie auf jeden fall holen. Wenn ich mit der behandlung anfange, habe ich vorne abgeschlossen. Aber wenn wir fast fertig sind, lasse ich die ladentür auf. Sie können hereinkommen und platz nehmen. Kaffee kann ich ihnen leider nicht anbieten. Wir haben die kaffeemaschine wieder abgeschafft, weil meine mitarbeiterin kannenweise kaffee getrunken hat, das war dann zu teuer. Wissen sie, ich bin selbständig, wir müssen mit dem geld haushalten. Also, es gibt keinen kaffee, aber wasser haben wir hier stehen. Nehmen sie sich ein glas wasser. Ich freue mich auf sie. Wie bitte? – Ja, sie können natürlich mit karte bezahlen, natürlich. Wo kann man das heutzutage nicht mehr. Aber klar. Machen sie sich keine sorgen. Die große behandlung kostet achtundachtzig, die de luxe fünfundneunzig. De luxe? Aber klar. Ich werde sie rundum versorgen, sie werden sich wie neu fühlen… Sagen sie mir noch ihren Namen – ah ja, können sie das bitte buchstabieren, dann ist es sicher. Habe ihn notiert. Ich danke ihnen vielmals, jaja, ihnen auch. Und dann bis übermorgen.“ 

Maybrit hörte, wie das Telefon auf die Station zurückgestellt wurde, und spürte die Vibration der näherkommenden Schritte. Die Musik war eigenartigerweise sehr leise geworden, und die Schuhe auf dem Teppichboden klangen unverhältnismäßig laut. Sie spürte ein feuchtes Kribbeln in den Ohren, es kitzelte, und sie hätte gerne den Mund verzogen, aber sie konnte ihn nicht verziehen, weil die Maske ihr Gesicht eingefroren hatte.

Die Tür wurde aufgestoßen und die kleine Frau ließ sich auf den Hocker plumpsen.

„Manche kundinnen fragen einem löcher in den bauch. Ob man mit kreditkarte bezahlen kann. Natürlich kann man das. Ich bin doch nicht von gestern. Lassen sie mal sehen – ja das sieht gut aus. Ich nehme jetzt ein warmes tuch und wasche das vorsichtig ab. Tut das gut? Das tut gut, gell?“

Maybrit bestätigte ihr, dass es guttat. Dazu konnte sie nur nicken, denn ihr Gesicht war in warme Tücher gehüllt und wurde abgetupft. Die flinken Finger der kleinen Frau arbeiteten leise, und aus ihrem Mund quollen Wortblasen wie Seifenblasen, stiegen, sobald ihr Ton verklungen war, an die hohe Decke und höher und platzten unhörbar, schon von neuen Blasen gefolgt. Das konnte Maybrit durch den Spalt sehen, den das flauschige Handtuch frei ließ. Als das Handtuch schließlich seinen Dienst an Gesicht und Hals beendet hatte, wurde es ins Waschbecken geworfen. Die kleine Frau trat auf ihre andere Seite und begutachtete ihr Werk.

„…ich hab ganz vergessen, ihnen einen kaffee anzubieten. Hätten sie einen gewollt? Leider hätte ich dann sagen müssen: tut mir leid. Meine mitarbeiterin hat mich arm getrunken. Wir hatten eine kaffeemaschine für die kunden, als service. Aber ich habe mir angewöhnt, viel zu trinken, viel zu viel, deshalb auch meine herzgeschichte letztes jahr. Naja, zum teil. Hauptsächlich war die wegen des stresses, nicht wegen des kaffees. Aber Isabel erst! Drei kannen am tag hat sie getrunken. Da hab ich die maschine zurückgegeben. Haben sie auch mitarbeiter, die ihnen die haare vom kopf fressen?“

Maybrit spürte, wie sich ihre Hände unter dem großen Tuch, das bis hinauf zum Dekolleteeansatz über sie gedeckt war, ineinander verkrampften. Steht ihr Mund eigentlich nie still, schoss ihr durch den Kopf. Das Kribbeln in den Ohren war verebbt, sämtliche Seifenblasen geplatzt. Für einen Moment herrschte Ruhe.

„Wunderbar. Jetzt sind noch ein paar mitesser sichtbar geworden. Erschrecken sie nicht, die drücke ich noch aus. Zwei drei handgriffe, dann sind wir fertig. Yasmina, sagt mein Mann immer, du tust viel zu viel für den preis, den du schließlich für eine behandlung nimmst. Für das geld müsstest du innerhalb von einer halben stunde fertig sein, damit es sich rechnet. Du brauchst zu lange. Eine stunde lang behandeln ist zu lang, das ist unökonomisch. Aber ich kann doch nicht anders, ich möchte doch meine arbeit gut machen. Und wenn ich eine kundin nach hause schicke, und sie schaut hinterher in den spiegel und entdeckt ein härchen oder einen pickel oder fühlt sich angespannt, dann ist das schlechte werbung.“

Sie rollte mit dem Hocker auf die linke Seite, schwenkte die Lupenlampe nach unten und schaute hindurch. Maybrit spürte ihren Atem auf ihrer Haut. Wenn sie jetzt noch ein Wort sagt, dachte sie, platzt mein Trommelfell. Sie lockerte ihre Hände unter dem Tuch. Laut sagte sie, nein, sie wäre ganz zufrieden. Sie hätte noch keine solch gründliche Behandlung erlebt. Dabei konnte sie ihre eigene Stimme nicht hören, aber ihr Verstand bestätigte ihr, dass es das war, was sie sagte.

„Es würde mich freuen, wenn sie wiederkommen. Es hat mir sehr geholfen, mich mit ihnen zu unterhalten. Manchmal ist es wichtig, sich diese geschäftssachen von der seele reden zu können. Nicht jede kundin versteht das. Sie aber. Ich hab ihnen jetzt viele sehr interne dinge verraten. Hoffentlich habe ich sie nicht gelangweilt.“ Sie wischte mit einem Wattebäuschen über das Gesicht, es roch aromatisch, nach Vanille oder Nelke. Maybrit schnupperte den Duft in sich auf. Ihre Tasche fiel ihr ein, die stand auf dem Boden vor dem Spiegeltischchen. Fünfzehn Uhr, ging ihr durch den Kopf. Fünfzehn Uhr ist eine gute Zeit, da sind Frauen am entspanntesten. Der Raum vor ihr verschwand, und auch das Gesicht der kleinen Frau, das mit zusammengezogenen Augenbrauen konzentriert über ihr hing. Die schmalen Finger tupften dabei eine leicht getönte Grundierung auf. „Damit sie nicht mit dieser geröteten und doch etwas gereizten Haut auf die Straße müssen…“

Maybrits Kopf war zur linken Seite gesunken, aus dem linken Ohr tropfte Blut auf den Boden.

Die kleine Frau hielt im Abwischen ihrer Hände inne. Sie blickte verwundert auf das rechte Ohr. Blut ergoss sich über die weißen Handtücher und ihren Kittel und färbte sie rot. Die Kundin sagte nichts, lag völlig still da.