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SPRACHMÜTTER UND SPRACHVÄTER IN EUROPA

Hintergrund1Das germanische Erbe

Eine, vielen im europäischen Sprachraum gesprochenen Sprachen gemeinsame, Sprachurmutter ist das Germanische. Selbst unter den Fachleuten weiß man nicht mehr in vollem Umfang und genau, wie es ausgesprochen wurde, oder wie groß sein Wortschatz tatsächlich war. Man hat wenige Sprachdenkmäler gefunden, und die ältesten unter ihnen zeigen, dass das Urgermanische bereits weit vor der christlichen Zeitrechnung sehr große Veränderungen in den Lauten erlebt hat. Die Linguisten nennen das „Lautverschiebung“, und sie kommt zustande, wenn Sprecher der einen Sprache mit Sprechern anderer Sprache zusammentreffen und sie sich gegenseitig beeinflussen. Indogermanische Stämme kamen in Berührung mit Stämmen ganz anderer Sprachfamilien. Dabei zeigen sich, was das Lautsystem angeht, einige Sprachen als bewahrend (konservativ) und andere als eher veränderlich (progressiv).

Was man einigermaßen gesichert weiß, ist, dass die germanische Ursprache – und das ist heute noch in der deutschen und auch englischen (und den skandinavischen) Sprache erhalten – typische Konsonantenverbindungen aufweist, die z.B. in den finnisch-ugrischen Sprachen Finnisch und Ungarisch nicht vorkommen. Das englische Konsonantensystem ist dabei konservativer als das deutsche, und das isländische konservativer als das englische.

  •  Sh:     ship, shield, sheep                     Schiff, Schild, Schaf
  • Th:     thumb, then, thin                       Daumen, dann, dünn
  • Gh:    laughter, through, rough           Gelächter, durch, rauh
  • W (im Anlaut): ware, wasp, wash      Ware, Wespe, waschen
  • Sk:     skin, skirt, sky                              skand.: sköld, skepp, skal

Deutsche Wörter, die mit einem /d/-Laut beginnen und auch so geschrieben werden, werden im Englischen mit einem th geschrieben und dieses th wird als Frikativ ausgesprochen – eine Lautmischung aus s,w,d.

Den Laut /ch/ gibt es im Englischen nicht mehr, aber die Wörter werden noch mit gh geschrieben. In einer Reihe von Wörtern ist die Aussprache zu /f/ gerutscht, manchmal wird der Laut zwar geschrieben, nicht aber ausgesprochen: Night – Nacht, Light – Licht, through – durch.

Im germanischen Sprachraum kam es zu einer weiteren Lautverschiebung, die besonders das Deutsche betreffen sollte. In dieser zweiten Welle geschah es, dass ein ursprünglicher /t/-Laut (hier in den engl. Beispielen gezeigt) zu einem /ts/, geschrieben als z, wurde.

  • ten – zehn              tide – Zeit                                  two – zwei
  • to – zu                    tongue – Zunge                          tap – Zapfen

Oder ein kurz (oder auch lang) gesprochener /t/-Laut wurde zu einem als Doppel-s geschriebenem Laut:

  • better – besser        eat – essen             kettle – Kessel                 foot – Fuß

Die Verschiebung vom /p/-Laut zum /f/ ist für viele Englisch-Lerner, aber auch für Engländer, die Deutsch lernen, eine Offenbarung:

  • hope – hoffen        ape – Affe              sleep – schlafen         pepper – Pfeffer

In Dialekten, Hoch- und Umgangssprachen geschahen verschiedene Verschiebungen, die man anhand dieser Konsonantenersetzungen gut zurückverfolgen und geographisch verorten kann. Am weitesten ist der Verschiebeprozess in den oberdeutschen Dialekten Alemanisch und Bayrisch gegangen, je weiter man nach Norden fährt, desto näher kommt man dem reinen Plattdeutsch. Das Niederdeutsch, zu dem dieses Plattdeutsch gehört, bewahrt wie Holländisch und Flämisch viel aus dem alten Urlautstand.

Die Scheidelinie scheint von der belgischen Grenze südlich von Aachen nach Düsseldorf, von dort nach Kassel, oberhalb von Magdeburg bis nach Frankfurt/Oder, wo sie auf die polnische Sprachgrenze trifft, zu verlaufen.

Ein Norddeutscher und ein Holländer können einander verstehen, auch wenn jeder in seiner eigenen Sprache spricht. Das liegt nicht nur an den Konsonanten, deren Verschieberegeln sie intuitiv nachempfinden, sondern ebenso an einer ähnlichen Aussprache der Vokale und an der ähnlichen Betonung der Silben.

Das romanische Erbe

Die romanische Ursprache ist der Vater – aber es ist natürlich nur ein Wortspiel, wenn hier von Mutter oder Vater die Rede ist – des Englischen. Der englische Wortschatz ist zu einem ziemlich großen Teil lateinischen Ursprungs, und das auf zwei Wegen.

  • Die Eroberung Englands durch die Normannen und die Invasionszeit etwa von 1350-1450 brachte französische, normannische, picardische Wörter auf die Insel.
  • Das Romanische wiederum geht auf Latein zurück, und dieses ist auch auf direktem Weg ins Englische gelangt

Damit gibt es eine Vielfalt an Wörtern mit lateinischen Primärwurzeln, und etwa drei-fünfmal soviele, die sich aus diesen ableiten. Besonders technische Ausdrücke stammen aus dem Lateinischen. (Französisch hat viele alte Wörter verloren, die im Englischen weiterleben. Auch das ist ein Nebeneffekt der Wort- und Lautwanderungen.)

Die englische Aussprache weicht allerdings von der französischen oder Originalaussprache ziemlich ab. Nur, wenn man sie geschrieben sieht, ist die Gleichheit bzw. die Herkunft zu erkennen.

  •  mouton, moutarde, oignons, vinaigre: mutton, mustard, onions, vinegar

Verwirrenderweise haben etliche Wörter bei ihrer Wanderung ins Englische eine Änderung der Bedeutung erfahren. Figure bedeutet im Englischen wie im Dt. Gestalt und Figur, im Französischen bezeichnet das Wort das Gesicht. Nun ist nicht nur aus dem klassischen Latein, sondern auch aus dem Vulgärlatein einiges ins Englische eingegangen, so dass sich mehrere Ebenen des Einflusses aufeinanderlegten.

Der romanische Urvater der europäischen Sprachen ist ein ziemlich durchmischter Zeuger, und wenn man seine Töchter Spanisch, Italienisch und Portugiesisch hinzunimmt, wird klar, wie komplex die Sache ist.

Spanisch als gesprochene Sprache hat sich nicht so weit vom Latein entfernt wie Französisch, aber viel weiter als Italienisch. Spanien wiederum war maurisch besetzt, und man vermutete einen Einfluss. Doch die Vermutung, dass z.B. deshalb das f gegen ein h ausgetauscht wurde, bestätigte sich später nicht.

  • fabulari (Latein) – parlare (Italienisch) – hablar (Spanisch) – parler (frz.) – sprechen (deutsch)
  • farina – farina – harina – farina – Mehl
  • facere – fare – hacer – faire – machen
  • filia – figlia – hija – fille – Mädchen/Tochter
  • ferro – ferro – hierro – fer – Eisen

Das f ging vielmehr dort am häufigsten verloren, wo die Spanier und Franzosen mit den f-losen Basken in Berührung kamen, und die lebten und leben an der spanischen Pyrenäengrenze und in der Gascogne.

Der griechische Onkel

Griechisch war die Sprache, derer man sich  bis ins 3. Jahrhundert in der westlichen Kirche bediente. Man sprach sie in Nordafrika, Spanien, Italien, Gallien. Während des 4. Jahrhunderts, mit der Trennung in die westliche und östliche Kirche, starb Griechisch im Westen aus bzw. wurde unbedeutend. 1453 fiel Konstantinopel an die Türken, Griechisch existierte nurmehr in kleineren Dialekten weiter. Erst ab 1827 bildete sich in Form einer Mundartliteratur eine neue Bewegung, und man hört sagen, dass das geschriebene, moderne Griechisch ein Produkt des 19. Jahrhunderts ist. Der Unterschied zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Griechisch ist größer als in jeder anderen gesprochenen europäischen Sprache.

Ereignisse wie die Auflehnung gegen die römisch-päpstliche Autorität im 16. Jahrhundert waren zuvor allerdings mit neuen Studien der griechischen Philosophie einhergegangen. Wieder war es die englische Sprache, die willig neue Wörter aufnahm, sie lautlich adaptierte und in der Bedeutung erweiterte oder verengte. In der medizinischen Wissenschaft, in der Chemie und in der Flugtechnik löste Griechisch Latein als Quelle für Wortneuschöpfungen ab. Auch Griechisch ist an ganz bestimmten Konsonantengruppierungen zu erkennen:

  • Ph:     Photographie, Phon, Symphonie, Philosophie
  • Rh:    Rhythmus, Rheumatismus, Rhizom
  • Th:     Theologie, Theater, Thermometer
  • Ch:    Chor, Chemie, christlich
  • Ps:     Psychologie, pseudo

Wir haben im Deutschen (aber auch die englische Sprache hat sie) eine Reihe griechischer Lehnwörter, die man auch an ihren Vorsilben erkennt: auto~, iso~, kata~, meta~, homo~ usw erkennt. Wer hat sie nicht schon einmal gehört?

Griechisch steht in seiner alten, wie auch seiner modernen Form innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie eher am Rande. Es teilt 400 Jahre seiner Geschichte mit den Türken, die wiederum eine Turksprache sprechen, die nicht zur indogermanischen Familie gehört. Die geographische Lage (Balkanhalbinsel) und die vielen ägäischen Inseln ließen eine Reihe von kleineren Dialekten und Mischsprachen entstehen, die das Zusammenwachsen zu einer mehr einheitlichen Sprache erschwerten. Neugriechisch hat gegenüber Altgriechisch viel weniger Sprachwandel als andere Sprachen in ähnlichem Zeitraum durchlaufen.

Jeder kann sich nun vorstellen, was geschieht, wenn in der heutigen Welt Mitglieder noch anderer Familien aufeinandertreffen. Neue Großmütter und Großväter bringen neue Laute und Wörter. Der Einfluss der Völkerwanderungen geht weiter und schlägt sich in unseren Sprachen nieder. Laute werden sich verändern, ebenso ihre Bedeutungen. Und so wie wir heute sprechen, wird man in 40 Jahren schon nicht mehr sprechen. Wichtig wird immer eins bleiben: dass wir einander verstehen.

Wer mehr zu diesen Zusammenhängen, die hier erheblich verkürzt zusammengefasst sind, erfahren will, kann hier nachlesen:

The Loom of Language, Frederick BODMER, 1987 (first published 1944), Merlin Press, London,  ISBN 0-85036-350-0, soft cover, 669 pages, 135 mm x 212 mm x 36 mm

Die Sprachen der Welt, Frederick Bodmer, 1997, Parkland, Köln, soft cover, ISBN 3-88059-880-0, 678 pages, 120 mm x 189 mm x 52 mm