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SOPHILOGISCHES V

Vom großen und vom kleinen Frieden

Der Mensch ist dann in seiner Mitte, wenn das Sein in ihm und durch ihn offenbar werden kann, wo ihm sein Inweg aufgegangen ist, aufgegangen als seine eigentliche Wahrheit, sein eigentliches Sollen.
(Karlfried Graf Dürckheim)

Für manche Menschen ist Glück wichtig, für viele Geld, für einige Umdenker die Gesundheit, und für mich, besonders seitdem das „Alter“ in mein Bewußtsein getreten ist, der Frieden. Ich meine nicht jenen Frieden, den wir im Gegensatz zum Krieg zwischen Nationen und Ländern hergestellt sehen möchten. Ich meine den inneren, den eigenen Frieden.
Als ich dies vor meiner Familie erwähnte, blickte ich in betroffene Gesichter. Ob ihrer eindeutigen Reaktion fiel mir sofort wieder ein, daß wir ja immer noch – den „gottlosen“ Zeiten zum Trotz – auf die Grabsteine eines Verstorbenen schreiben, er möge in Frieden ruhen, in den ewigen Frieden eingehen und seinen Frieden gefunden haben. Frieden hat demnach mit Sterben zu tun?
Es wäre schade, könnte man seinen inneren Frieden erst im Sterben und im Tode finden! Ich kann nicht glauben, daß es einem Menschen nicht auch vorher schon vergönnt sein soll, Frieden mit sich und anderen zu schließen. Es kann ganz bestimmt gelingen, im Fluß des Lebens, in der dauernden Auseinandersetzung mit Widersprüchen, erst hier und da, und schließlich für länger Momente des Friedens zu erleben.

Manchmal erhasche ich einen Zipfel dieses Friedens: am Ende eines völlig belanglos begonnen habenden Tages gelingt mir vielleicht eine Arbeit doch besonders gut, von der ich es weder gehofft noch erwartet hatte, oder ich stehe am Fenster und atme einfach die Ruhe eines Sonnenuntergangs ein. Für Bruchteile von Sekunden steht die Welt dann still und nur ich bin in ihrem Zentrum. Alles andere wird für diesen Moment unwichtig, und doch bin ich mir anderer Menschen, ihres Leids, ihrer Freuden nur zu voll bewußt. Wenn ich aus der windstillen, unbeweglichen Mitte herauskomme, kommt mir die Welt um mich herum ungleich unbedeutender vor, und ich muß mich zwingen, den kleinen nötigen Handgriffen des Alltags den Platz zu lassen, der ihnen zukommt.

Was gehen mich die anderen an? Was die Armut in der Welt, die über das Fernsehen als Information in mein Leben schwappt? Natürlich gehen mich die Menschen etwas an – wir sind miteinander verbunden. Wir haben gemeinsam Teil am großen Sein, tragen das Menschliche in uns und kennen einander.
Abgesehen davon aber ist der Einzelne trotz seiner Zugehörigkeit auch und gerade eine Besonderheit, hat neben dem Wesen, mit dem er an der Gemeinsamkeit teilhat, eine persönliche Welt, ein persönliches Schicksal. Kann ich in die Schicksale, die Bestimmungen und Erwirkungen derer, die da Not leiden, eingreifen? Kann ich etwas verändern, da draußen, wofür sie zuständig sind, und nicht ich?

Die Armut von Mitmenschen geht nahe, sie ansehen zu müssen, ohne helfen zu können, geht nahe. Wenn man mit Gefühl in die Welt geht. Der höchste und edelste Ausdruck des Nicht-Ansehen-Könnens ist in unserer Gesellschaft die aktive Mithilfe, und wo sie nicht möglich ist, bleibt immerhin noch Mitgefühl und Mitleid. Doch bleiben wir realistisch – kann ich anderen wirklich helfen im Sinne von „ihnen von der Härte etwas abnehmen“?
Zuständig bin ich für mich. Keiner nimmt mir mein Leben ab und niemand übernimmt die Verantwortung, die ich für die Beantwortung der Fragen, die es an mich stellt, zu übernehmen habe.
Leute, denen ich das zu sagen wage, sehen mich erstaunt und nicht selten auch ablehnend an, als wäre ich der größte Egoist unterm Himmel.

Was, fragen Sie nun, hat dies alles mit „Frieden“ zu tun? Worauf will sie hinaus? Lassen Sie sich in meine kleine Exkursion fallen, folgen Sie mir, und seien Sie nicht ungeduldig, wenn es scheint, als nähme ich Umwege…

Der innere Friede, wie er genau sei, werden wir später noch betrachten, ist kein Eigentum und keine Erfindung unserer Zeit, haben sich doch Menschen seit jeher mit ihm befaßt.
„Der meiste Friede auf Erden beruht auf Selbstbeschränkung auf den allerengsten Kreis bei Gleichgültigkeit allem nicht unmittelbar Lebensnotwendigem gegenüber“, schreibt der Philosoph Keyserling in den 30er Jahren unseres Jahrhunderts. Vor ihm haben unzählige Denker den Drang verspürt, dieses Etwas, Frieden oder Glück oder Heiterkeit – wie immer genannt – in Worte zu fassen. Nicht erst Seneca hat bereits kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung über die „Glückseligkeit“ nachgedacht und geschrieben.

Dieser Frieden zeigt sich nach außen wohl am deutlichsten in zwei „Gemütszuständen“, die eigentlich keine Gemütszustände mehr sind: Serenität (nicht zu verwechseln mit Erloschensein der Glut) und Gleichmut (nicht zu verwechseln mit Abgestumpftheit oder Abdankung) dürfen aber nur dann Werte sein, wenn sie das Stehen über Kleinem und Kleinlichem und dem Gewachsen-Sein großem und schwerem Schicksal gegenüber dank Übermacht des Geistes bezeichnen. Der innere Frieden, den wir hier meinen, stellt sich in einer Verbindung, einer Einigung, aus dem rechten Innen und dem rechten Außen ein.

Was ist „Einigung“? – Das Hexagramm „Friede“ aus dem Buch der Wandlungen (dem I Ging) setzt sich aus dem Trigramm Erde und dem Trigramm Himmel zusammen. Die Erde repräsentiert das biegsame, aufnehmende Yin, der Himmel das starke, unbeugsame Yang. Die Deutung beginnt mit folgenden Worten:

„Der Himmel steigt herab. Die Erde steigt empor. Sie vereinigen sich. Himmel und Erde vermischen sich im Menschen. Der weise Mann bringt diesen Akkord zum Volk.“

(Ähnliches soll Buddha bei seiner Geburt als sein Koan mit auf den Weg bekommen haben.)
Das Trigramm Erde liegt hier über dem des Himmels – die naturgemäße Verteilung ist umgekehrt. Das Tao besteht also gerade in der Umkehrung dessen, was uns gegeben ist, und die nun erst einen Austausch zwischen Unten und Oben ermöglicht. Es geht um Ganzheit. Wann immer wir diesen kurzen Moment der Ganzheit in uns verspüren, verspüren wir Frieden.

Der hebräische Gruß „Shalom“, das arabische „Ssalam“, das persische Adjektiv „salem“ (um nur drei Beispiele zu nennen) können in unserer Sprache mit „heil sein“ wiedergegeben werden. Ihre Existenz belegt einmal mehr den sprachübergreifenden, menschlichen Wunsch nach Ganzsein. Denn nichts anderes ist Heil.

Unser deutsches Eigenschaftswort „gesund“ hat bereits im Mittelalter das alte, indogermanische „heil“ abgelöst. „Gesund“ setzt weniger seelische, geistige und körperliche Befindlichkeit zueinander in Beziehung, als daß es sich konkret auf die Polarität zu „krank“ beschränkt. „Gesund sein“ ist bei weitem nicht gleichbedeutend mit „heil sein“. Wäre dem so, gäbe es nicht so viele Menschen, die trotz all ihrer Gesundheit (und einem sicheren Geldpolster) nicht glücklich sind. Wäre dem so, dann müßte sich mit Erreichung der Gesundung der innere Frieden einstellen. Dem ist aber nicht so. Umgekehrt finden sich Kranke, die sehr wohl Frieden empfinden, die sich ausgesöhnt haben, die befriedet sind.

Mit dem Wort „Heil“ verschwand zwar das Verständnis für die menschliche Ganzheit, nicht aber der Wunsch und Drang nach ihr. Heute werden Symptome des Körpers verarztet, aber die Seele nicht wirklich wahrgenommen, die Seele wird durchleuchtet, doch es gibt keinen echten Kontakt zum Körpergeschehen des Menschen, oder man geht psycho-somatisch an das Symptom heran, und der Wesenskern wird nicht gesehen. Das Ausschalten-Wollen von Krankheiten, um den kleinen Frieden zu sichern, hat nachgerade dazu geführt, daß eine beinahe sterile Gesundheit idealisiert wurde. Die Medizin trieb es teilweise auf die Spitze, indem sie jede Störung, Nicht-Angenehmes, mechanisch zu behandeln versuchte. Und in der Tat – es geht um Behandlung, nicht um Heilung.

Das Besondere am „Heil-Sein“ ist, daß das Dunkle, das Nicht-Angenehme einbezogen wird. Nur vor dem Hintergrund des einen kann es das andere geben. Friede wird ein Ausschlußfriede, wenn er das Unangenehme, das, das man nicht will, vor die Tür setzt, damit Ruhe einkehre.

Des anderen Tags unterhielt ich mit einem langjährigen Freund. Wir sprachen über einen Traum, den er vor nicht langer Zeit geträumt hatte. Noch während er erzählte, übersetzte ich innerlich bereits die Symbole und war drauf und dran, ihm zu sagen, wie weitreichend die Bedeutung dessen, was er da geträumt hatte, war. Es ihm ungefragt zu sagen, wäre ein Übergriff gewesen; ich konnte mich noch beherrschen.

Er selbst entwickelte nun die Deutung und Bedeutung seines Traumes. Was meine Seite betraf, so wuchs in mir die Ungeduld, und ich merkte, wie feurig und eifrig ich trotz auferlegter Zurückhaltung immer noch beim Sprechen – sein Traum und unser Gespräch handelte übrigens von einer Festung – war. Ich muß mich wohl dann ziemlich „vergessen“ haben. So traf mich sein Einspruch unvermittelt, mit dem er mir signalisierte, daß ich zu schnell sei. Ich sagte wohl in etwa: „Von mir kennt ihr bislang Wasser. Aber ich bin auch Feuer!“. Es folgte eine intellektuelle Klärung seines Sich-Angegriffen-Fühlens, welches er wiederum auf meine Aggressivität zurückzuführen versuchte. Doch es war nicht Aggressivität meinerseits, die ihn in die Flucht schlug. Erst viel später kam ich darauf, dass er Feuer grundsätzlich mit Aggressivität gleichsetzte. Das machte mich traurig.

In die Bereinigung und Richtigstellung brach damit die Wahrheit über sowohl mein als auch sein gerade zu Bearbeitendes herein. Die Beziehung hat es nicht überlebt. Es begann eine Eiszeit. Und nun habe ich seit einiger Zeit wieder mit dem Feuer-Wasser-Thema zu tun. Es gibt eindeutige Hinweise. Hinter der astrologischen Formel „Mond im Löwen“ versteckt sich nämlich genau dieser Elemente-Gegensatz. 
Beginnen wir damit, das Aufeneinandertreffen der beiden so unterschiedlichen Elemente mit dem Ringen des Männlichen und Weiblichen um die Vorherrschaft zu beschreiben. – Doch so einfach bleibt es nicht.

Stellen wir dieses Bild noch einmal in einen taoistischen Zusammenhang, dann haben wir folgende Symbole, um deren Vereinigung es letztlich und immer wieder geht, vor uns:

Die Trigramme Feuer und Wasser ergeben zwei Hexagramme (Nr. 63 und Nr. 64 ) im I Ging. Die Mitte von Feuer ist offen, Yin ist in der Mitte, umschlossen von zweimal Yang. Offenheit ist ein Merkmal des Yin. Biegsamkeit in der Kraft repräsentiert das bewußte Wissen.

Das Trigramm Feuer entspricht der Sonne. Im Tierkreis ist die Sonne dem Löwen zugeordnet und steht für kraftvollen Selbstausdruck, für das Gestalten, das Gebären der anströmenden inneren Bilder.
Die Mitte von Wasser ist durch Yang ausgefüllt. Zweimal Yin umschließt die Fülle, Yang ist diese Fülle. Kraft in der Biegsamkeit repräsentiert das wahre Wissen. Das Trigramm Wasser entspricht dem Mond im Horoskop. Im Tierkreis ist der Mond dem Krebs zugeordnet und steht für die Welt der inneren Bilder, für die Orientierung aus dem Wesen und die seelische Energie.
Ist das Feuer oben, das Wasser unten, dann haben wir die „unerlöste“ Form vor uns: das bewußte Wissen tendiert dazu, aufzulodern und sich von der Wirklichkeit zu trennen, während das wahre Wissen unbewußt ist und unzugänglich bleibt, wie im Boden versickernd. Beide Elemente stehen zwar an dem ihnen naturgemäß zugewiesenen Platz, gehen jedoch keine Verbindung ein, sie stehen sich entgegengesetzt. Das ist der natürliche Gang der Dinge! Feuer und Wasser kommen nicht zusammen.

Hexagramm 64 heißt „Beinahe an Ort und Stelle“ und spricht davon, daß die nach außen an den Tag gelegten Gebärden und Expressionen nicht im Einklang mit den wesensmäßigen Aufgaben und Möglichkeiten stehen. Sie entfernen sich von ihm, drängen weg von der Mitte. Werfe ich dieses Hexagramm, ist es Hinweis darauf, daß ich Zugeständnisse an die Außenwelt mache (um in ihr zu gelten, um einen Stellenwert zu haben) und meine Bestimmung und mein Wesen (meine Antwort auf die Frage des Lebens) ihr unterwerfe. So wird die Entwicklung mich zwar in den Stand versetzen, mich in der Welt zu behaupten, dies aber auf Kosten meines (geistigen) Anteils am Sein, dem ich ebenfalls verpflichtet bin. Friede ist damit nicht erreichbar und ich werde noch zu lernen haben.

Das Hexagramm 63 trägt die Bezeichnung „Die Vollendung“ – hier steht das Feuer unten, das Wasser oben; die Trigramme sind umgeschlagen. Das wahre Wissen kontrolliert das bewußte Wissen, das Wesen bestimmt über den Ausdruck (das weltzugewandte Ich), während das bewußte Wissen sich zum wahren Wissen erhebt, das spontane Gestalten den inneren Bildern, der Quelle zustrebt. Die Energien gehen aufeinander zu, nicht voneinander weg. Es kommt zu einem Ineinander und einem Ausgleich.

Im Bewußtsein der Vereinigung von Offenheit und Fülle, von Wesen und seinem Ausdruck, von Quelle und ihrem Sprudeln, erleben wir die Zeit als unwichtig. Zeit reicht nicht hierher, ist kein Maßstab mehr, sondern allein die eigene Gesetzmäßigkeit, die sich im Ein- und Ausatem der Welt wiederfindet. Es gibt Zeiten des Entfaltens und Zeiten des Abnehmens, wir nehmen sie wahr, aber wir wehren uns nicht dagegen. Hier kann der Friede einkehren: hier ist die Funktion der Festung umgeschlagen. Anstatt daß sich Menschen über eine Mauer hinweg bekämpfen, wird die offene Festung ein Umfangen derer, die sich in ihrer Mitte treffen. Das Ich ist offen geworden und vereint Eindrücke, die in es einströmen, zu einem Miteinander. Eines ist im Anderen.

Das (stark auftretende) Welt-Ich (das rationale, mehr aber noch sachlich-neutralisierende Ich) ist einer Festung gleich darauf bedacht, seine Feinde abzuwehren. Die Festung ist umso sicherer, je perfekter ihre Alarmanlagen, Mauern und ihre Verteidigungswaffen sind. Desinteressiertheit, Neutralismus und Intellektualismus sind die Mittel des Ich, die es sich bewahren helfen. Welch ein isolationistischer Friede! Von außen betrachtet sieht alles ruhig aus – die Festung kann nicht genommen werden. Aber schlimmer noch – sie kann nicht mehr betreten werden, denn es herrscht die Distanz, und drinnen verhungert das Wesen.

Ein ganz anderer Friede stellt sich ein, wenn die Türen und Tore geöffnet bleiben. Natürlich ist die Festung dann höchst gefährdet. Die Bereitschaft gerade gegenüber dem Ausgeliefertsein bringt die Gefahr mit sich, „genommen“ zu werden.
Doch wie vielfältig  kann das Leben innerhalb einer Festung des Austauschs sein: Menschen unterschiedlichster Färbung und Formung treffen sich, werden sich gegenseitig mit ihrer Verschiedenheit Ereignis, machen den Ort des Ich zu einem Ort des Seins, denn nicht das feste Ich mit feindlichen Mauern nach außen ist hier wichtig, sondern das Durchlässige, das sich immer wieder wie von selbst ins Gleichgewicht bringt.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf: Halt! Das kann man auch falsch verstehen. Das kann man auch als Aufruf dazu verstehen, ALLES, Jedwedes in sich eindringen zu lassen. Doch das meine ich nicht. Sich selbst zu leben, heißt aus sich selbst heraus zu leben. Aus den inneren Bildern der Empfindungswelt seinen Ausdruck zu leben (den muß man nicht in der Welt suchen) … und eben nicht von draußen nach innen, indem man Eindrücke hereinholt, die man dann auf der inneren Bühne fremdinszeniert.

Ich selbst bin weit davon entfernt, von einer Befriedung der beiden gegensätzlichen Energien in mir sprechen zu können. Mehr als einmal werfe ich die Nr. 64 – also „Vor der Vollendung“, was bedeutet, daß ich noch längst nicht die Form des „Richtig-Seins“ erreicht habe. Die intellektuelle Definition einer Konstellation (das Wahrnehmen und die Bewußtheit darüber) bedeutet mitnichten ihre Verinnerlichung, Verwirklichung und die Selbstverständlichkeit des Geschehens, das ich als Subjektives bin.

Selbst wenn jemand bereits einen Zipfel erhascht haben sollte, geschieht es ohne Lassen der in der Welt kursierenden Vorstellungen immer wieder, daß er sich in Kontakt mit der Außenwelt durch falsche Bezeichnungen oder durch „Übertragungsfehler“ (fälschliche oder ungeeignete Projektionen anderer auf sich) irritieren läßt. Zu Beginn des Lebens ist ein jeder überwältigt und gefährdet, während am Ende der Differenzierung des Bewußtseins später das ordnungsstiftende Prinzip der Erkenntnis steht. 

Wir gehen in zwei Richtungen durch unser Horoskop, die Wege treffen sich im 42. Lebensjahr, kreuzen sich und entfernen sich wieder voneinander. Vom 42. Lebensjahr an ist nichts mehr wirklich neu. Ab jetzt nehmen wir bereits gehabte Themen wieder auf, nehmen sie nochmals zur Hand, in umgekehrter Reihenfolge ziehen wir Ereignisse an, die diesen Inhalten entsprechen. Je mehr wir in der früheren Phase unseres Lebens liegengelassen haben, desto dringender stehen sie nun wieder an, wenn wir den Zeitabschnitt nochmals durchwandern. Beispiel? – Was wir im Alter zwischen 21 und 28 Jahren erlebt, erfahren – erlöst vielleicht auch – haben, wird uns im Alter zwischen 56 und 63 nochmals herausfordern. An entsprechenden Stellen leiser, an anderen lauter. 

Wo aber kann man Frieden und Einigung lernen? Wie erreicht man den „großen“, nicht nur den „kleinen“, Frieden? Ganz bestimmt nicht dadurch, daß ich mich aus der Welt zurückziehe und ihr abschwöre. Nur indem er Geld und Reichtum, Status oder Prestige verdammt und fortan versucht, aller Äußerlichkeiten ledig zu werden, ist noch niemand zufriedener geworden. Man kann Sklave des Materialismus sein, wenn man Geld hat und man kann es sein, wenn man dagegen angeht. In beiden Fällen ist das Geld der Herr. Erst, wenn das Haben oder Nicht-Haben von Geld einen nicht mehr anrührt, dann ist man frei und der Weg zur Zufriedenheit ist bereitet. Es geht also nicht darum, natürliche (oder auch ankonditionierte) Bedürfnisse loszuwerden, sondern angemessen mit ihnen umzugehen. Und zwar angemessen im Sinne des rechten Maßes.

Sofern man diese erste Aufgabe geschafft hat, führt kein Weg mehr darum herum, sich selbst kennenzulernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das „Erkenne dich selbst!“ habe ich von vielen belacht gesehen. Selbsterkenntnis wirst du mich nicht betreiben sehen, hielten sie mir entgegen. Wenn uns doch aber ein Mensch etwas angeht, dann sind wir es selbst, oder etwa nicht?

Nun fängt das große Abenteuer erst richtig an. Die Reise nach Innen, in unser Innen, ist mit Gefahren und einigem Schmerz verbunden. – Die Reise nach Innen führt dazu, daß ich mir selbst bekannt werde und mit mir befreundet bin. Ich erfahre meine innere Quelle und woher ich meine Energie erhalte – und fortan genüge ich mir selbst. An ihrem Ende steht Autarkie: ich bin mir selbst genug, muß niemanden benutzen, um mich als Ich-Selbst zu fühlen. Ich kann andere Menschen sein lassen, wie sie sind, und die Dinge nehmen, wie sie kommen. Autarkie meint die Übereinstimmung mit mir selbst, und damit Friede.

Das will ich lernen, sagt so mancher, und beginnt mit dem Willen des ersten Elans erste Übungen der Selbsterkundung. Noch ist Raum für Aktivität, es gibt viel zu verstehen und abzuarbeiten. Doch dann wird der Punkt erreicht, wo alle Aktivität nicht weiter bringt. Das Sich-Fügen in die Ganzheit, die man gerade analysiert und zerlegt hat, ist ein Sich-Vorfinden, kein Tun des Ich mehr und des Bewußtseins. Sich in etwas fügen, auf das ich keinen Einfluß nehmen kann, ist die weitaus schwerste Aufgabe auf dem Weg zum Ganzwerden. Was heißt das? Sind wir nicht frei, alles zu tun, was wir wollen? Haben wir nicht gerade Unabhängigkeit erreicht? Wem haben wir noch zu gehorchen?

Manche nennen es Zufall, andere Schicksal, wieder andere Karma; einige fürchten es in Gott, einige im Teufel. Wie dem auch sei: der Mensch ist frei, und doch nicht frei.
Das Rad des Horoskops beginnt sich im Moment der Geburt zu drehen und dreht sich bis zum Tode. Die Minute unserer Geburt zeigt, wie unsere Anlagen aus der „Zeitlosigkeit“ in die Zeitlichkeit und Endlichkeit einmünden, auf daß sie sich entwickeln. Hier ist ein Same gelegt, aus dem ein bestimmtes Leben herangedeiht. Jedes Leben hat eine Bestimmung. Und diese Bestimmung (die Antwort auf seine ganz spezielle Frage) kann das Leben nicht umgehen, allenfalls versuchen zu umgehen. Der Mensch hat die Freiheit zum eigenen Untergang.

Jener, der sich auf die Suche nach dem Frieden macht, kommt also nicht umhin, sich mit seiner Bestimmung auseinanderzusetzen. Ob er Orakel befragt, ob er sich die Karten legen läßt, ins Horoskop oder die Handfläche schaut oder die inhärente wissende Stimme vernimmt – eine Bestimmung ist da, und sie fordert ihre Einlösung.
Nichts in der Natur ist zufällig und sinnlos. Darauf können wir uns verlassen. Die Natur verschwendet nichts, auch kein Menschenleben. Daß wir sind und wie wir sind, läuft nach einem kosmischen Plan, dessen „Erfüllungsgehilfen“ wir alle sind, denn auch das „Horoskop des Universums“ läuft und läuft und ist von Anbeginn an festgeschrieben, und Himmel und Erde wirken wirklich ineinander.

Wir werden geboren. Man erkennt in uns Vater und Mutter, Großväter und Großmütter; man erzieht uns im Zeitgeist, der Kultur und auch Mode entsprechend. Was gehört denn nun wirklich uns, was ist ererbt, was geliehen, was auferzwungen? Wenn wir das herausgefunden haben, und nach und nach unsere vielen Seiten, die die eine oder andere Ähnlichkeit mit Onkel und Tanten aufweisen, zusammennehmen, dann verstehen wir, warum wir in eine bestimmte Gesellschaft, Familie, Gruppe hineingeboren sind. Wir begreifen unsere Aufgabe. – In sehr vielen Fällen begreifen wir sie, und mögen sie nicht! Es ist nicht wahr, daß jeder alles kann, wenn er nur will. Da gaukelt uns das „Positive Denken“ ganz schön etwas vor! Seine Aufgabe erkennen, heißt, seine Grenze erkennen. Sich der eigenen Grenzen bewußt zu werden, kann enttäuschend für den sein, der sich für ganz anderes hielt. Aber gerade diese Grenzen sind die beste Orientierung für das eigene, kleine Leben. Ohne sie werden wir anmaßend in unserer Uferlosigkeit und sind doch Sklaven dessen, was wir glaubten zu beherrschen.

Es ist nicht so, daß wir deshalb an der Seele erkranken, weil es uns in der Kindheit schlecht erging, oder weil ein schweres „Schicksal“ völlig ungerechterweise über uns hereinbrach. Die Nicht-Übereinstimmung unserer Möglichkeiten mit der Welt, die Nicht-Achtung der Grenzen, entraubt uns des Lebenssinnes. Neurosen sind nicht selten die Fluchtwege aus der Sinnlosigkeit, die die Verleugnung hinterläßt.
Es geht also nicht nur darum, irgendwie in der Welt unabhängig und selbstgenügsam zu leben, schon gar nicht geht es darum, zum „Nabel der Welt“ zu werden, sondern es geht um das rechte In-der-Welt-Sein (gemäß dessen, als das man in die Welt tritt, nicht im moralischen Sinne).
Unsere vielen Seiten bilden ein Gefüge; „unser“ Mond und „unsere“ Sonne wollen in Übereinstimmung gebracht werden; nicht der ist ein heiler Mensch, der sich seinen inneren Widersprüchen an den Hals wirft und bald jene, bald diese bevorzugt, wie es seinem Zwecke besser paßt. Nicht der ist ein heiler Mensch, der sich aus der Welt heraushält und sich damit frei wähnt.

Nein, sich der Fügung und der Bestimmung seines vorgegebenen Lebens gerne, freien Willens und frohen Herzens zu fügen, ist heil. Die Erfahrung des Zusammengefügtseins von Zusammengehörigem bedeutet Frieden.
„Es hat sich alles gut gefügt“ ist ein die Zufriedenheit, die sich einstellt, wenn sich das findet, was zusammengehört, ohne daß dafür Anstrengungen unternommen werden mußten, ausdrückender Ausspruch. Gerade die „Leichtigkeit“ ist charakteristisch für die „Befriedung“ – die heitere Gelassenheit. Ihre Leichtigkeit suggeriert Einfachheit im Erreichen; doch wieviel Arbeit steckt dahinter, es so leicht aussehen zu lassen.  Jiddu Krishnamurti sagte:

„Selbsterkenntnis ist der Beginn der Weisheit, in deren gelassener Stille das Unermeßliche fühlbar wird.“

 

Anmerkung: Sie werden vielleicht bemerkt haben, daß ich in diesem Text zur älteren Rechtschreibung zurückgegangen bin, bzw. sie nicht auf den derzeit geltenden Stand gebracht habe.