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SOPHILOGISCHES IV

Bong und sein Meister

 Der Hass

„Meister“, fragte der Kleine Bong, während er mit eben diesem zusammen den Berg hinaufstieg, „wie kommt eigentlich der Hass in die Welt?“
„Das ist eine sehr schwierige Frage“, sagte der Meister, und zog – wie es seine Art war – die rechte Augenbraue hoch.  „Hast du schon einmal gehasst?“
„Wie kann ich hassen, wenn ich nicht weiß, woher er kommt und was er ist?!“
„Du hast mich nicht gefragt, was Hass ist. Deshalb habe ich gedacht, du hast bereits Bekanntschaft mit diesem Empfinden gemacht. Da du es nicht kennst, nützt es nichts, wenn ich dir deine Frage beantworte. Du musst erst einmal gehasst haben.“
Der kleine Bong biss sich auf die Unterlippe.
„Gilt das für jeden?“ fragte er und sah den Meister dabei nicht an.
„Wir können nicht über etwas sprechen, das wir nicht kennen. Wenn du erst einmal gehasst hast, wirst du wissen, dass es Hass ist, und du wirst dir wünschen, ihn nicht mehr verspüren zu müssen. Und dann können wir darüber reden, wie er in die Welt kommt.“

Der Kleine Bong beschloss, ab dem nächsten Tag unermesslich viel zu hassen (denn er hatte es eilig mit dem Finden der Antwort). Er nahm sich vor, seinen Hass zu untersuchen. Außerdem nahm er sich vor, die Erinnerung an den Hass nie über sich und sein Handeln und Denken bestimmen zu lassen. Er würde anderen davon erzählen und sie würden auch ihren Hass kennenlernen wollen, auch sie würden den Hass nie wieder über sich und ihr Handeln und ihr Denken bestimmen lassen. Auf diese Weise wäre der Hass aus der Welt. Und der Meister bräuchte die Frage nicht mehr zu beantworten, denn er – Bong – hätte die Antwort selbst herausgefunden.

© Khorshid Verlag, 2012