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SOPHILOGISCHES III

Aus einem Gespräch:

Erinnerst du dich an deine Frage nach dem Wohnort der Seele?
Natürlich.
Wir waren damit noch nicht fertig. Die Seele wohnt nicht in uns. Jedes Lebewesen hat einen eigenen Zugang zu ihr. Es gibt nicht verschiedene Seelen, es gibt nur eine.
Das ist eine gewagte Behauptung.
Ich habe eine noch gewagtere: die Seele ist ein Meer, und es steigt in jedem von uns in einer eigenen Weise hoch. Der Geist wiederum ist ein Luftwesen und er fliegt hoch und weit.
Und der Geist wohnt definitiv im Gehirn!
Bist du da sicher?

 

Aus einem anderen Gespräch:

Hast du herausgefunden, was Unsterblichkeit ist?  – Nein? Schau dir einmal das deutsche Wort genau an. Du siehst, es enthält eine Verneinung.
Die Verneinung von Sterblichkeit.
Genau – da musst du mit deiner Antwort ansetzen.
Verstehe ich es richtig, wenn ich sage, dass Sterben ein Vorgang ist?
Ja, das kann man so sagen.
Ein Vorgang hat keinen Zeitpunkt, sondern ist eine Dauer. Ein Vorgang zieht sich über eine längere Zeit, und wenn ich es weiter überlege, dann – denke ich – ist Sterben irgendwie immer ein Abnehmen, ein weniger werden.
Da, wo etwas abnimmt, muss etwas anderes zunehmen.
Wenn meine Katze stirbt, nimmt ihre Kraft ab, vielleicht ihr Lebenswille, ihr Gewicht, weil sie weniger isst. Sie ist tot, wenn sie soviel abgenommen hat, dass sie nicht mehr leben kann. Was aber nimmt da zu?
Ihre Möglichkeit, unsterblich zu sein. In dem Maße, wie etwas stirbt, wird es unsterblich.
Man muss sterben, um unsterblich zu sein?
Oder, sag es noch anders…
Wenn man nicht lebt, kann man nicht sterben, also nicht unsterblich werden.
Das ist dialektisch ….
Gibt es noch eine andere Herangehensweise?
Du hast in einem anderen Gespräch gefragt, ob die Seele unsterblich sei. – Was meinst du: lebt eine Seele? Ist sie geworden und wird sie wieder entwerden?
Ich erinnere mich. Seele ist das Wesen unseres Ausdrucks. Das Wesen dieses Wesens ist das Sein.
Ja, es wird nicht und es entwird nicht. Es ist. Es ist – in jedem von uns. Und ohne uns. Das Sein braucht den Menschen nicht.
Darüber muss ich nachdenken. Das ist schwierig.

 

Aus einem dritten Gespräch:

Was magst du lieber? Silber oder Gold?
Silber.
Nur das Zweitbeste? Sei doch nicht so bescheiden!
Was ist schlecht daran, bescheiden zu sein?
Gold ist Sonne. Sonne strahlt und Gold ist der Glanz…
Ich bevorzuge Silber. Es ist unaufdringlich. Mir ist Gold zu laut, zu dominierend.
Das verstehe ich nicht. Silber ist billiger als Gold. Willst du denn nicht wertvollen Schmuck?
Mir ist Silber auf dunklem Blau durch nichts zu ersetzen.
Silber ist weder Farbe noch hat es Charakter.
Du hast von Gold nicht das Mindeste verstanden!

 

Aus einem vierten Gespräch:

Gehen wir zurück zu deinen Fähigkeiten und halten wir fest: die Befähigung zu einer Sache begrenzt dich gleichzeitig in Hinblick auf eine andere. Befähigung hier, bedeutet Beschränkung dort. Wenn es gut für dich läuft, bist du ausgesöhnt. Aber wenn du nicht weiterkommst, wirst du vielleicht ärgerlich.
Was ist das größte Paradoxon?
Vermutlich dieses: wir Menschen bewegen uns zwischen den Polen von Einsamkeit (im Sinne von Abgesondertheit) und Gemeinsamkeit (Einbezogensein in eine Gemeinschaft).
Und zwei Pole erzeugen nun immer Spannung?
Ja, und die sind wir aufgerufen zu ertragen. Wir können im Ertragen ziemlich ausdauernd sein, weil der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung die einzige sinnmachende Weise zu leben ist.
Ohne Spannung kein Leben?
Ja.
Aber es ist anstrengend, in dieser ständigen Spannung zu leben!
Du kannst dem natürlich entgehen, indem du dich auf eine Seite stellst.
Wie ich vermute, ist es nicht die Option, die du befürwortest.
Es geht nicht um meine Befürwortung, sondern um einen noch weiteren Zusammenhang: das Ertragen der Spannung mag zunächst anstrengend sein und Schmerz verursachen. Aber wenn du diesen Schmerz aushältst, und bereit bist zu leiden, dann …
… werde ich ihn überwinden.
… wirst du ihn umarmen lernen.
Den Schmerz? – Ich bin doch nicht masochistisch! Wie kann ich einen Schmerz umarmen wollen?
Wenn du so, wie du bist, zwei Pole zu leben hast… du dich gegen keine deiner beiden Wahrheiten entscheiden wirst, weil es bedeuten würde, du wärest nur halb… du also ertragen musst, dass es dich hin- und herreißt, ja, manchmal zerreißt, … dann wirst du lernen müssen, diesen Schmerz zu lieben.
Gibt es Menschen ohne diese Polaritäten?
Schweife nicht ab. Die Frage kannst du dir selbst beantworten! Also, was wollte ich sagen?
Lerne, die Gegensätze in dir zu lieben. – Das stelle ich mir sehr schwer vor!
Du musst nicht den Mut verlieren.  Noch bist du jung… Du wirst mit jedem Lebensjahr besser lernen, mit den Paradoxien, den vielen verschiedenen Wahrheiten, in dir selbst, im Leben zu leben.
Ich vermute, das gilt dann irgendwann nicht mehr nur mir selbst?
Genau. Wenn du siehst, dass jeder Mensch, jedes Leben sich in Spannung abspielt und diese das Leben erhält, und du siehst, wie jeder Mensch in anderen Graden des Leides steckt, es sei denn, er hat sich für die Trennung entschieden, dann wirst du nicht anders können, als sie zu umarmen.
Ich ahne, worauf du hinaus willst.
Sprich es noch nicht aus!