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SOPHIELOGISCHES I

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Sokrates: Ich verstehe, was du sagen willst, Menon!
Siehst du, was für einen streitsüchtigen Satz du uns herbringst? Daß nämlich ein Mensch unmöglich suchen kann, weder was er weiß, noch was er nicht weiß. Nämlich weder was er weiß, kann er suchen, denn er weiß es ja, und es bedarf dafür keines Suchens weiter; noch was er nicht weiß, denn er weiß ja dann auch nicht, was er suchen soll.

(Übersetzung von Friedrich Schleiermacher (1804-1811))

Das Lektorat – also die Arbeit an den geschriebenen Texten anderer Autoren und diese dabei in eine Lesefreude bereitende Form zu bringen – ist nicht gänzlich ohne Aspekte von Kreativität. Lektorieren ist vordergründig ein Feilen an Strukturen, eine sinnstiftende Anwendung von treffendem Wortschatz, ein ständiges Hinterfragen und auch Verwerfen von Regeln – um nur Einiges zu nennen. Das klingt nach Handwerk, aber wenig nach Schöpfung. „Fremdsprechen“ hat eine Übersetzerin (Esther Kinsky) ihre Arbeit genannt: fremde Texte in eine andere Sprache zu übertragen sei im Wesentlichen, die Sprache des Originals ins richtige Licht zu rücken.

Strandcafe2_alt_kleinAbgesehen davon ist Lektoratsarbeit eine Arbeit, die viel Empathie mit dem Text wie seinem Verfasser erfordert. Das bedeutet, ich steige ganz in die Schuhe des anderen und lasse mich hinter mir. Die Arbeit am Lektorat wird damit für mich doppelt zu einer Disziplinierungsübung, die ich auch bewältige.
Disziplinierungsübung sage ich deshalb, weil  jedesmal, wenn ich lektoriere, in mir noch ungeborene Bilder (die ich selbst noch zu schreiben und zu gebären hätte) mich zu überwältigen versuchen, und der Schaffensdrang in mir brodelt.

Das sehr Kontrollierte und Disziplinierte sucht ein Ventil, oder zwei oder sogar drei Ventile, und diese entladen sich in kürzere und längere Texte. Ich könnte diese auch PhiloSOPHISCHES betiteln – doch würde die „Sophie“ zu hohe Erwartungen wecken. Die „Logie“ wiederum trägt das WORT in sich… SophieLogisches quasi.

Nach dem seriösem Arbeiten an Texten, und beim leichtschnäbeligen Verwerfen vieler Regeln entstehen nebenbei so hin und wieder skurrile und nicht ganz unkomische, aber auch nicht völlig ernste Gedanken. So wie die folgenden: 

Ihre eigene Gedankenwaschanlage ist kaputt oder Sie haben gar keine – Kläranlagen gibt es zwar für Abwasser jeder Art, jeder Erwachsene kennt sie. Aber Ihnen hat man vergessen, etwas ganz Wesentliches beizubringen: wie Sie sich selber klären. Wenn so mancher wüsste, was für ein verlodderter gedanklicher Penner er ist, würde er sich nicht mehr auf die Straße trauen. Das ist der Moment, in dem Sie sich an mich wenden können.

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Gedankenwäsche ist absolut nicht gleich Gehirnwäsche. Denken Sie das nicht. Ihre durcheinandergeratenen Gedanken, vielleicht auch ein paar wertvolle Gefühle und Empfindungen dazwischen, Einzelstücke womöglich, sollen das bleiben, was sie sind. Ich will sie weder schrumpfen noch vergrößern. Aber ich kann sie klären und ausweisen, sortieren und Ihnen wiedergeben, damit Sie wieder die Übersicht haben.

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Meine Dienste sind weder ungewöhnlich noch teuer, aber höchst notwendig. Ich arbeite daran, für jeden seine eigene sehr praktische tragbare Gedankenwaschmaschine zu basteln, damit er mich nicht mehr braucht.

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Jeder tue das, was er am besten kann. Dass die sogenannte Gesellschaft das Tun des Einen höher bewertet als das Tun des Anderen, sagt etwas über den Zustand der Gesellschaft, nichts jedoch über die wahre Qualität des Tuns des jeweiligen Menschen aus…

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Im weitesten Sinne heißt Toleranz: ich muß dulden, daß jemand einen Fehler begeht, ohne daß ich eingreife. Ich muß seinen Fehler weder akzeptieren noch muß ich ihn nachmachen. So gesehen ist die Toleranz sogar das Hinnehmen von Falschem und grundsätzlich nicht handelnd, während das Akzeptieren ein Vollzug ist (dem eine Wertung vorausgeht) und damit aktiv ist. Dieses ist billig – eine Billigung.

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Die Indifferenz oder das Neutralisieren von Inhalten, die einem Menschen begegnen, über den Intellekt hat nichts mit Toleranz zu tun. Die Indifferenz will in ihrer Vorstellung von sich und ihren Meinungen nicht gestört werden und funktionieren. Sich „neutral zu verhalten“ ist vielleicht diplomatisch hier und da angezeigt, aber auf Dauer kein heiler Zustand, sondern ein Sich-Ver-Halten. Es gibt nun Zeiten (wie sie im Einzelnen aussehen, in einem anderen Text), in denen man eindeutig Stellung beziehen muß. Das erklärt sich aus dem eigenen Standort. Ohne Beziehung zu sich selbst gibt es jedoch keinen Standort, also auch keine Basis, auf der überhaupt etwas toleriert werden könnte.

Aphorismen 1996, Karin Afshar