Home » LESESTOFF » GLOSSEN UND GESCHICHTCHEN » SCHWARZMENSCHEN

SCHWARZMENSCHEN

b-22-klein„Schwarz“, sagte mir mal jemand, „ist weniger ein Empfindungszustand wie Blau, als eine Einstellungssache.“

Dass dem so ist, konnte ich gerade gestern noch einmal anhand eines an und für sich unauffälligen Auslösers nachspüren. Ich stand am Fenster, als unten auf der Straße ein junger, völlig in Schwarz gekleideter Mann gesenkten Kopfes vorbeiging. Ich sah schwarz, im wahrsten Sinne des Wortes, und er vermutlich auch. Finster sah er aus und auch drein. – Von Schwarzsehern wird gesagt, sie seien pessimistisch. Man legt ihnen eine Idee vor – sie winken gleich ab. „Das klappt sowieso nicht“, hört man sie murmeln, oder stöhnen. Und so gehen sie die Dinge des Lebens an: verneinend.

Es ist schwer, mit derart schwarzen Menschen umzugehen. Sie ziehen alle Energie – im Farbenspektrum sämtliches Licht – an sich, und Energie wie Licht verschwinden in ihnen wie im legendären „schwarzen Loch“.

Existentialisten – längst von den moderneren Gothics abgelöst – trugen Schwarz, habe ich mir erzählen lassen. Rollkragenpullis: schwarz, Hosen: schwarz, Frauenaugen: kajalschwarz umrandet. Und natürlich die obligatorische Zigarette. Haben sie je gelacht oder sich ausschließlich schwere Gedanken über jene angeblich dem Wesen vorausgehende Existenz gemacht? Ich meine ja, eher letzteres. Doppelte Verneinungen höre ich da, vom Menschen, der ein Sein sei, das nicht ist, was es ist und das etwas ist, das es nicht ist. – Schwarz, nihilistisch, sinnlos eben.

Menschen von großer Dichte sind Schwarzmenschen, und alles, was sie anpacken, packen sie vom Prinzip der Existenz her an. Es geht um Leben und Tod. Auch auf einer Party. Weswegen Schwarzmenschen eben auch die ultimativen Party-Spaßbremsen sind. Da sie verdichtete Energie sind, sind sie natürlich zu anderen Zeiten allerdings wahre Kernkraftwerke, die Energie freisetzen können. Das sei nun zu ihrer Ehrenrettung auch einmal erwähnt.

Meine Freundin Helene, ihrerseits sehr dem Leben zugewandt und eine Stimmungskanone, sagt mir immer wieder – das bleibt hier aber unter uns – ich solle mir einen Schubs geben, mein Leben leichter machen und einfach mal schwarz arbeiten, um endlich auf einen grünen Zweig zu kommen.

Einmal habe ich das getan, und mit welch schlechtem Gewissen. Ich hatte schwarzseherisch geahnt, dass sie mich erwischen würden. Und sie erwischten mich. Andere dürfen das – mir aber haftet etwas an. Eine große Verantwortlichkeit vielleicht? Ich muss mich lauterer als andere verhalten, es sei denn ich bezahle doppelt und dreifach den Preis für den Verstoß?

Oder ist es, dass ich ebenso wie meine Tante Sophie ein schwarzes Schaf bin? Hört man unsere Familiengeschichte, dann ist es immer Tante Sophie, die aus dem Rahmen fiel und Dinge tat, die die übrige Familie brüskierten oder beschämten oder blamierten. Ich habe nicht den besten Kontakt zu den Meinen, und dabei schwer den Verdacht, dass man mich in meiner persönlichen Vielfalt missversteht, weswegen ich mich auch wiederum fernhalte.

Eine gewisse Gewissenhaftigkeit ist allen Schwarzen zu eigen. Gewissenhaft durchaus auch in Bezug auf die Herstellung von Gerechtigkeit. Recht überlegt ist es wie mit unserem Beichtgang damals. Meine Kindheitsfreundin Annemarie und ich besuchten gemeinsam den Kommunionsunterricht und kamen gemeinsam zur Kommunion. Damit waren wir aufgenommen in einen ewig währenden Kreislauf von Sündigen, Beichten und Sühnen. Wir haben – in Ermangelung von echten Sünden – nicht selten welche erfinden müssen. Wir haben sie mit Ave Marias und Vater Unsers gebüßt und am nächsten Tag die Hostie auf die Zungen gelegt bekommen. Wie erleichtert waren wir nach unserer Entdeckung, dass wir jetzt, da wir schon gesühnt hatten, auch ein paar Sünden frei hatten. Wir haben viel Energie in das kreative Erfinden von Gelegenheiten gesteckt.

Das rechne ich sehr wohl unter Gerechtigkeitssinn. Jawohl. Es ist eine ausgleichende Gerechtigkeit. Einer Vorverurteilung darf sehr wohl eine Tat folgen, für die man bereits die Strafe abgesessen hat.

Schon über den Verdacht allein könnte ich mich jetzt wieder schwarz ärgern. Ihnen kommt vielleicht inzwischen ein noch anderer Verdacht. Nämlich der, dass eine wie ich doch eine der Schattenwelt recht zugeneigte Veranlagung hat. Ich werde den Verdacht nicht entkräften, denn trotz meines vorgenannten Gerechtigkeitssinnes kann ich nicht verhehlen, dass ich eine gewohnheitsmäßige Schwarzfahrerin bin. Busse und Bahnen nutze ich durchaus großzügig und bin auch erfolgreich darin. Ich bringe es zu einer nachgerade sonderbaren Meisterschaft des Unsichtbar-Seins.

Erstmals bewusst gemerkt habe ich von dieser Fähigkeit auf dem Flughafen in Dubai – oder war es Kuwait? Das Flugzeug war zwischengelandet, um aufzutanken, die Passagiere mussten die Kabine verlassen, weil durchgesaugt wurde. Eben noch auf der inwändigen Fensterseite vom Transitbereich fand ich mich beim Spaziergang zwischen den Menschen bald außerhalb des Gebäudes wieder. Niemand hatte mich aufgehalten, und nach einer Schrecksekunde – durchaus berechtigt – gelangte ich auch wieder ungesehen zurück. Ständig gelingt es mir, auf nicht öffentlichen Wegen an Orte zu gelangen, an denen ich dann – häufig ganz allein – Dinge zu sehen bekomme, die nicht für meine Augen bestimmt sind…

Jahre später wartete ich an einer Bushaltestelle, als sich ein streitendes Ehepaar um mich herum positionierte. Ich schwöre Ihnen: sie sahen mich nicht. Ich trug und trage öfter als mir lieb ist eine Tarnkappe. Ich wage an dieser Stelle zu behaupten, dass die Wirksamkeit der unsichtbaren Kappe in Wechselwirkung mit der Buntheit der Farben ist, die ich an Kleidung trage. Mein Freund Dieter, der ohne rot zu werden orangefarbene Hemden mit grünen Hosen kombiniert, pflegt mich zu necken. Schwarze Magie, sagt er, sei das. Es gab Zeiten in meinem Leben, da hätte ich mich herausgefordert gefühlt… aber nein, in meinem Alter keine Schwarze Magie mehr, bitte.

Dessenungeachtet hat Schwarz natürlich schon eine Menge mit Macht, Strenge und Autorität zu tun. (Die mächtigste Farbkombination dürfte übrigens die von Rot und Schwarz sein.) Autorität verstehe ich dabei als etwas, die der hat, der sie nicht einsetzen muss. Schwarz, das ist Eleganz und Noblesse, und – auch das – Trauer und Zeitlosigkeit. Wer meint, das sei etwas Schlechtes, hat nicht ganz Unrecht. Doch lassen wir es nicht im Negativen enden!

Denn gestern war schließlich der Tag, an dessen Ende ein weiterer Jemand mir sagte: „Strenge und Optimismus schließen sich nicht aus.“ Strenge auf der einen Seite kann Optimismus im Gegenüber auslösen? Darüber muss ich jetzt einmal nachdenken, als schwarzer Mensch, der ich bin.