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SCHNELL SCHNELL SCHNELL

oder

Kauf dir doch ein Smartphone!

1978 waren ganz andere Zeiten. Das kann man mir glauben, denn ich bin noch jung genug, um nicht schon senil zu sein und schon lebensgestählt genug, um den Unterschied zu heute – einigermaßen, aber unvollständig von meiner subjektiven Wahrnehmung bereinigt – bemerken zu können.

Was war 1978? Eine Reise nach Australien stand an und alles war auch gut vorbereitet. Anfang September stieg ich in den Zug nach Buchholz, um von Hamburg nach Frankfurt zu fahren und von dort nach Sydney zu fliegen. In Sydney wollte mein Onkel mich abholen: Es war geplant, dass wir zusammen nach Brisbane weiterflogen.

Telegrammformular, http://www.postautomation.de/schalterbetrieb/epos-ii-sts-ab-2121987/

Einmal unterwegs war ich nicht mehr erreichbar – im wahrsten Sinne des Wortes auf die Schienen gesetzt – und die Sache lief. Was ich nicht wusste, war: Bei meinen Eltern ging ein Telegramm ein. „Unable to meet Karin stopp at Syd Int Airp stopp be waiting in Brisbane stopp pick her up at airport stopp cheers…”
Ich kam in Sydney an – und fand keinen Onkel vor. Telefonieren? Ach was, Überlegen war das Gebot der Stunde. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass ich zum Domestic Airport würde fahren müssen. Ich fragte mich durch, fand einen Transferbus und stand alsbald vor der großen Anzeigetafel mit den Zeiten der Abflüge, der ich entnahm, dass zwei Maschinen etwa gleichzeitig nach Brisbane vorgesehen waren. Unterschiedliche Linien, entnahm ich der Tafel weiter. Ich entschied mich für die falsche (das entpuppte sich später), was aber nicht weiter schlimm war und keine Konsequenzen hatte. Die Flieger kamen im Abstand von zwanzig Minuten in Brisbane an. Ich war in dem früheren und konnte meinen Onkel entsprechend überraschen.

Foto: A. Afshar

Soweit Australien und die Telegramm-Episode. Folgen Sie mir nochmals um 10 Jahre zurück – etwa ins Jahr 1968, damit weiter unten ohne größeren Aufwand klar wird, was ich meine. Es gab einen Schulbus, der einmal am Tag in die Stadt juckelte, und einmal zurück ins Dorf. Fing der Schultag um 8.00 Uhr an und endete um 14.35 Uhr – kein Problem. Das passte. Aber sobald Stunden ausfielen oder hinten und vorne die Stundenpläne anderes vorsahen – fing das Warten an. Warten war mein zweiter Vorname in jener Zeit, und ich war ziemlich gut darin. Ich wusste genau, wovon ich sprach, als ich später – etwa 20 Jahre später – meinem Sohn (er hatte Langeweile und wollte, dass ich ihm da heraushelfe) sagte: „Dann freu dich, leg dich aufs Bett und langweile dich ausgiebig.“ In den Wartezeiten entstanden erstaunliche Dinge, ganze Welten entdeckten sich mir. Ich entdeckte außerdem das Gehen, denn ich beschloss, nicht einfach nur zu sitzen, sondern mich auf den Weg zu machen. Denken und träumen kann ich noch heute gut, wenn ich gehe. Allein und im Gehen sprach und kommunizierte ich. Mit mir, mit nicht anwesenden Anderen, ich übte, verwarf, erfand die Antworten meiner fiktiven Partner, präzisierte meine kindlichen Gedanken.

Das Präzisieren ist auch beim Schreiben unabdingbar. – Mit dem Stift in der Hand und einem mehr oder weniger wertvollen Papier vor sich, ist das Setzen der Worte verbindlich. Sie sind unflüchtig, wenn auch nicht vollends unvergänglich, wenn sie erst niedergeschrieben sind. Sie bleiben eine Weile – Tintenkiller durften wir in der Schule nicht benutzen. Das war eine Erziehung im weitesten Sinne zur Achtung des Materials und der gegebenen Möglichkeiten.
Meine erste Schreibmaschine, mein Kommunikationsmittel der mittleren und späten Pubertät (gibt es die heute noch?) war ein ebenso störrisches wie wundervolles Instrument. Ein Vertipper – die gesamte Seite war ruiniert. Zeit, Papier und einmal geformte Sätze aber sind ein Wert, also war Sorgfalt angebracht, wollte man nicht drei- oder viermal die ganze Seite abtippen. (Wer kennt das heute nicht: Eben mal konzentriert online etwas geschrieben, vergessen zu speichern – und das Gerät stürzt ab. Bingo – Anfängerfehler!) Der Zauber der klingenden, ratternden Tippmaschinen wich der Erleichterung mit den elektronischen Maschinen, die eine Korrekturtaste rechts oder links neben der Zahlenreihe auf der Tastatur aufwiesen. Diese Taste – ein verführerisches Ding, das die Konzentration vom Tippen abzog. Dass man keinen Druck mehr hatte, Fehler vermeiden zu müssen, trug nicht automatisch zum richtigeren Schreiben bei, eher umgekehrt – die Gedanken erhielten Gelegenheit abzuirren, umher zu streunen.

Nun sind schriftliche und mündliche Kommunikation ja nicht dasselbe. Verzeihen Sie, wenn ich darauf insistierend hinweise. Der Punkt, den ich hier umkreise, und dies in enger werdenden Kreisen, ist: Sowohl in der schriftlichen wie auch mündlichen Form waren es die Begrenzung der Möglichkeiten, der Mangel an Varietät, der einer Unterhaltung auf Papier wie auch durchs Telefon den Nimbus der Langsamkeit verlieh.

Etwa zehn Jahre später – immer noch in der handy-, skype-, WhatsApp-, Messenger- und cloud-freien Zeit – waren Telefonate (einmal wöchentlich konnte ich sie mir leisten) ins Ausland teuer, und über bestimmte Grenzen hinweg auch schlicht nicht möglich. Man schrieb Briefe, die dann tagelang reisten, erhielt Briefe, die sorgfältig geschrieben waren und die Gedanken des Schreibers ebenso reflektierten wie sie eine Ansprache und eine Achtsamkeit dem Leser gegenüber enthielten. Ein langsames Zeitmaß war das, und getroffene Vereinbarungen, was Reisepläne, Termine und Treffen anging, wurden möglichst eingehalten. Die Zeit des anderen und auch die eigene, die einem zur Verfügung stand, hatte einen Stellenwert.
Das hieß natürlich nicht, dass alle Kommunikation immer gelang oder dass nie ein Termin abgesagt wurde oder etwa dass man sich nicht auch böse Briefe schrieb. Doch einer Sache konnte man sich gewiss sein: keine Antwort zu erhalten, bedeutete etwas. Keine Antwort auf einen Brief zu schreiben war ebenso eine Antwort wie ein nie getätigter Telefonrückruf.

Und dann beschleunigte sich die Zeit. Quasi exponential entwickelten schlaue Leute an verschiedenen Enden der Welt Automaten, die rechnen und das Gerechnete speichern konnten. Floppy Disks, Metall-Disketten und schließlich CD-Roms als Träger. Angekündigt wurde, bald solle auf jedem Tisch ein solches Wundergerät stehen, für jeden bezahlbar, mit Monitoren, erst monochrom, dann farbig, erst klobig, dann windschlüpfrig und smart. Technologien vom Feinsten tüftelten sie aus und ermöglichten eine Kommunikation ohne Telefon und ohne Papier. Eine, die in der Tasche steckte, kaum noch Platz einnahm, aber Raum genug hatte für viele Kontakte, viele Ideen und Zerstreuung. Natürlich erleichterten diese Geräte das Leben, und hatte man sich erst einmal ein solches angeschafft, stand einem die Tür zur Welt offen – für wenig Geld und mit wenig Aufwand.

Neulich stand ich in der Post, nichts gegen die Post (oder doch?), mal wieder in einer langen Schlange, weil nur ein Schalter geöffnet war. Hinter mir ein junger Mann, der sich soeben dafür entschied, hier und jetzt seine längst überfälligen Anrufe zu tätigen. Er hatte in einem Preisausschreiben zwei Eintrittskarten für ein „total abgefahrenes Konzert“ gewonnen und nahm das zum Anlass, jemanden – unter anderem – zu suchen, der ihn begleitete. „Ej, Alter, von dir hab ich ja lange nichts gehört. Was geht ab?“ – Na, ich verzichte lieber auf die Wiedergabe der genauen Sprachstruktur bzw. Nichtstruktur, aber sinngemäß klapperte er nun alte und neuere Kumpels ab, fragte, ob sie sich ganz spontan und begeistert in zwei Stunden mit ihm treffen wollten. In der Zeit, bis ich dann dran kam und ihn leider verlassen und sich selbst überlassen musste, hatte er durchweg Absagen kassiert. Zwischen den Anrufen kommentierte er vor sich selbst, was das für eine elendige Situation sei: da habe er jetzt diese schöne Gelegenheit und keiner habe Zeit. Die Kurzfristigkeit seiner Kontaktaufnahme, ja, den Ton der Anrede der verschiedenen Leute – mit und ohne Begrüßung -, die er teilweise Monate nicht gesprochen hatte, hinterfragte er nicht.

Tja, da haben sie jetzt diese tollen Dinger! Ich meinerseits bin stolz darauf, keines der smarten internet-fähigen, mit Apps gut eingerichteten Geräte mein Eigen zu nennen. Ich verfüge über ein zeitlos schönes Handy, oder richtiger: Unmobiltelefon, das meistens auf meinem Schreibtisch liegt. Ich bekomme erst abends mit, dass mittags jemand versucht hat, mich zu erreichen. Wenn ich einen Termin habe, gehe ich los und bin auf die Schienen gesetzt. Will mein Partner kurzfristig absagen, erreicht er mich nicht und ich stehe pünktlich bei ihm vor der Tür. Das löst dann beim Gegenüber schon mal Stress aus. Kann ich verstehen, ist ziemlich unfair von mir. Kann auch sein, dass ich vor verschlossenen Türen stehe. Macht nichts – dann habe ich Zeit mit mir gewonnen. Ich weiß, was eine E-Mail ist, und ich kann SMS schreiben. Ich würde auch andere Kanäle beherrschen, wenn ich denn müsste. … Und halt, ja, genau da ist der allerneuralgischste Punkt!

Wieder neulich, zeitlich nach dem vorherigen Neulich, eine Erkenntnis meines erschrockenen Subjekts: ich mag nicht mehr telefonieren. Ich mag dieses flüchtige Element nicht, vor allem nicht, weil ich mein Ohr an eine mehr oder weniger kleine Öffnung pressen muss, um die im Lärm von U-Bahnen oder Marktgebrabbel oder Kneipenhintergründen in ein winziges Mikrophon gehauchten Worte zu verstehen. Ich mag auch nicht unterwegs telefonieren, quasi im Gehen. Im Gehen möchte ich – immer noch – denken und mit mir allein sein. Auch irritiert es mich, nicht zu wissen, wo mein Gegenüber sich befindet, denn – und dessen bin ich mir sicher: es geht nicht nur mir so – das Wissen um den Ort ist eine nicht zu verachtende Größe in der Kommunikation. Das hat nichts mit Kontrolle zu tun. Und es irritiert mich total, wenn um mich herum noch andere Leute telefonieren, und alle asynchron und in verschiedenen Lautstärken mit Leuten reden, die nicht anwesend sind, anstatt mit denen, die anwesend sind.

Dass ich nicht gerne telefoniere, wissen inzwischen die meisten meiner Bekannten. Wer es noch nicht weiß, dem verrate ich es jetzt. Ich behalte mir auch vor, gewisse Telefonanrufe nicht anzunehmen. Aber ich vereinbare gerne Telefontermine, an die ich mich halte. Ob nun dahinter gleich eine Phobie oder eine andere psychische Auffälligkeit steht, sei dahingestellt.
Wer mich unbedingt erreichen will, kann dies auch anders tun: nämlich schriftlich. Man könnte sagen: Ich liebe E-Mails. Ich kann sie aufrufen und lesen, wenn mir danach ist und kann sie beantworten, wann mir die entsprechenden Antworten einfallen. Ich antworte auf E-Mails ziemlich umgehend. So ist das nun unterschiedlich, aber so kann es sein, dass Menschen sich eben nicht mehr unterhalten, weil sie sich verschiedener Kanäle bedienen. Da kann es schon mal passieren, dass man selbst aus einem Kreis, der sich ausschließlich über WhatsApp zusammenkommuniziert, herausfällt und keinen Anteil mehr hat. Die anderen lehnen es ab, E-Mails zu schreiben, und erwarten, dass man sich auf ihr Medium einlässt.

Bedeutung Emoticons Whatsapp, http://newspictures.xyz/bedeutung-emoticons-whatsapp/

Unsere Zeit ist brutal schnell, Bedürfnisse müssen sofort erfüllt werden, und wer nicht erreichbar ist, auf wen man nicht zugreifen kann – der ist selber schuld. Der darf sich nicht beklagen, wenn man ihn nicht heranzieht, auf dass er schön funktionieren und seine Brauchbarkeit zeigen kann.
Wie sonst soll ich es auslegen, wenn ich jemandem heute kein „Hallo“ mehr wert bin und keine Verabschiedung. Gehören Begrüßung und Verabschiedung nicht dazu? Haben die neuen Medien auf den Fahnen stehen, dass die Höflichkeit ihr Preis ist? Muss alles kurz, knapp, sogar möglichst ohne Worte mit irgendwelchen Emoticons ausgedrückt werden? Da waren ja die Telegramme damals ehrlicher: da haben die Wörter Geld gekostet und man tat gut daran, sich kurz zu fassen. Heute kürzen die Leute ohne Zwang … und haben das Warten, das zunächst ein auferlegtes war, in der bewussten Wahl des Nichts- und Langsamtuns als selbstbestimmte Tätigkeit verloren.

26.2.2017