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PROSA-SCHNIPSEL II

Hier bin ich

Den Rollstuhl konnte er vom Bett aus sehen. Sie hatten ihn im Nebenraum an den Tisch geschoben, so dass er ihn nicht übersehen konnte. Als Mahnung. Als Aufruf. Der Tisch stand unterm Fenster, und wenn die Sonne schien, mittags, dann übergoss sie ihn mit Licht. Jetzt lagen da ein Stapel ungelesener Zeitungen und, auf der anderen Seite, seine fünf Bücher. Also nicht seine, sondern die seines Freundes, der im vorletzten Jahr gegangen war.

Sollen sie mich doch locken, sagte er mit ausgetrockneter Stimme. Wer ihn gehört hätte, hätte nichts verstanden. Die Sprache hatte er schon vor Wochen verloren.

Heute Nacht oder heute früh am Morgen hatte er von einem Engel geträumt. Nicht von einem der beflügelten Himmelsengel, die er solange herbeigesehnt hatte, die ins friedvolle Paradies führten. Die kamen nicht, hatten ihn hängen lassen, verrieten ihn, ständig, immer noch. Hatte sie nicht gesagt, Engel seien schrecklich, oder hatte sie gesagt: zum Erschrecken? Rilke habe das irgendwo geschrieben. Sie seien schrecklich, weil bereits unsichtbar, während der lebende Mensch noch am Sichtbaren hänge. – Für einen solchen Engel sind längst untergegangene Dinge real und sichtbar, eben weil sie selbst längst untergegangen sind. Für sie ist alles, was der Mensch sieht, das, in dem er haust und mit dem er sich umgibt, unsichtbar. Solche Engel – schloss er – mussten schwarz sein.

Er kontrollierte seit Tagen, ob seine Hände, wenn sie auf der weißen Decke herumwischten, noch zu sehen waren. Seine Augen noch immer die eines Lebenden… In viel zu wenigen Momenten, die ihm aber Hoffnung machten, vermochte er sie nicht mehr zu sehen. Und dann sah er die Paläste seiner Kindheit an den weißen Wänden. Darüber freute er sich. Es war an der Zeit.

Die anderen Engel, die, die nicht kamen, aber erst recht die, die ihn nicht gehen ließen, quälten ihn: sie wuschen seinen Körper, kämmten sein filigranes Haar, stellten ihm Essen und Tabletten hin und zwangen ihn zu trinken. Deshalb auch hatten sie den Rollstuhl dahin gestellt, wo er nicht an ihm vorbeisehen konnte. Gestern hatten sie ihn hineinsetzen wollen, da hatte er sich zum ersten Mal geweigert.

Heute Morgen –  in der Dämmerung,  ja – da hatte er sie gesehen. Sie hatte zu ihm gesprochen, seinen Namen gerufen, an seinem Bett gestanden, in eine Jacke oder einen Mantel, schwarz wie immer, gekleidet; trug eine Brille gegen das zu grelle Licht, das auch er nicht ertragen konnte. Sie war da, sie war da, krächzte er, als die Weißen mit der Bettpfanne kamen. Die merkten wohl, dass etwas anders als sonst war.

Es sterben so viele im Frühling, rief er dem Rollstuhl zu. Und droh mir nicht mit der Hoffnung! Ich habe nicht geschrieben, ich habe gebüßt! Er hob die müde Hand von der Decke – und sah sie nicht.

Eine andere Hand, nicht seine, legte einen Zettel auf den rollbaren Nachtschrank, ein Schatten Schwarz fiel über sein Gesicht. Ich bin hier, hörte er sich sagen, hier. Es war seine Stimme von früher, als sie noch fest und gebieterisch gewesen war, bekannt wegen ihrer Schärfe. Der Schatten beugte sich wieder zurück, wies ihn an aufzustehen, und ging aus dem Zimmer, ohne auf ihn zu warten, die Tür glitt ins Schloss und im Zimmer wurde es still.

Die Stille zerriss, als der Nachmittagsdienst die Tür aufschob, den Rollstuhl mit Schwung ergriff und ihn ans Bett bugsierte. So, schmetterte die Raumergreifung, dann machen wir jetzt einen Spaziergang. Keine Antwort. Auch nach dem zweiten Rufen nicht. Der Griff an die Hände, die unbedeckt auf der Decke lagen, ergab: Eiseskälte.

Erst später, als das Bett bereits aus dem Zimmer geschoben war, entdeckte man auf dem Nachttisch den quadratischen Zettel. Jaja, sagte die Stationsschwester. Da war heute Mittag Besuch. Eine Frau, ganz in Schwarz, so Ende Fünfzig. Hat nach Papier gefragt. War dann schnell wieder weg. Sie hingen in einer Traube auf dem Flur, vor seiner Tür und vor der vom gegenüberliegenden Zimmer, die offen stand. Die alte Frau im Rollstuhl am Fenster legte den Kopf schief, beugte sich nach vorne und lugte zwischen den bekittelten Leibern hindurch zur Tür auf der anderen Seite. Ganz schwarz war die Frau gekleidet gewesen. Sie hatte versucht, ihr etwas zu sagen, aber ein weißer Engel, einer von denen, die sie wuschen und fütterten und damit quälten, hatte sie weggezogen. Die Frau hatte ihr geantwortet, aber was, hatte sie nicht verstehen können. Hier bin ich, rief sie jetzt und ihre Augen brannten. Hier bin ich. Noch einmal leise.

Aus: Azraels Erzählungen, 2014