Home » LESESTOFF » GLOSSEN UND GESCHICHTCHEN » PROSA-SCHNIPSEL XXL

PROSA-SCHNIPSEL XXL

Niemand darf mein Richter sein!

Ich stehe mit der Tasche in der einen Hand und meinem Einweisungsschein in der anderen vor der Anmeldung. Der Schein ist ein gelber, verknitterter Zettel; ich habe ihn in den letzten vier Tagen oft auseinander- und wieder zusammengefaltet.
„Ich komme von …“, sage ich ungeschickt und stelle meine Tasche ab. Mein roter Morgenmantel hängt auf den Boden. Keiner hört mich. Ich platze gerade in die Vormittagshektik mit der Chefvisite und den üblichen Reinigungs- und Verpflegungsroutinen hinein. Die Schwester im Stationszimmer winkt mir schließlich.
„Ich soll mich hier melden…“, versuche ich es noch einmal und reiche ihr meinen Zettel. Ich fühle mich jetzt schon abscheulich.

Es ging alles so schnell, und ich bin so etwas wie eine Verräterin. Ja, eine Verräterin. An mir, am Leben. Aber ich habe die Entscheidung getroffen, und es ist meine Entscheidung. Ich werde dazu stehen, denn ich habe die Wahl. Man hat immer eine Wahl.
„Stellen Sie Ihre Tasche hier ab,“ sagt die Schwester, obwohl ich meine Tasche doch schon abgestellt habe, und nimmt den Zettel, den ich ihr reiche. Sie wirft einen Blick darauf, mustert mich durch ihre randlose Brille. Jetzt ist sie nicht mehr ganz so wohlwollend wie noch vor einer Minute, als sie von ihrer Arbeit aufblickte.
Es ist mir nicht so egal, wie ich mir gedacht habe. Noch gestern habe ich versucht, mich gegen die Kritik zu wappnen, habe jetzt Entschuldigungen auf den Lippen, bleibe stumm und merke, daß ich meinen Blick beschämt abwende. Aber vor wem muß ich mich rechtfertigen? Doch nicht vor den Ärzten, nicht vor den Schwestern, auch nicht vor meiner Mutter, sondern ganz allein vor mir selbst.
Jetzt geht alles Weitere schnell. Ich weiß nicht wie, aber ich bin sehr schnell im Krankenzimmer, bekomme ein Bett zugewiesen, einen Schrank, ein Waschbecken, an das ich meine Handtücher hängen darf und auf dessen Konsole ich meinen Zahnputzbecher stellen kann. Ich sortiere meine Sachen gewissenhaft. Ich ordne meine Unterwäsche ein, lege zwei Bücher auf dem Nachtschränkchen bereit und setze mich auf die Bettkante. Eine Bettnachbarin habe ich GottseiDank nicht. Besser so.

Vor vier Tagen war Martins Geburtstag. Ich hatte eine Obsttorte gemacht. Wir waren abends zum Essen verabredet, und ich sollte gleich vom Arzt zu ihm kommen. Es war ein kalter, eisiger Tag. Wie sonst sollten auch  die Tage im Januar sein? Die Obsttorte mußte ich mitnehmen, und die Arzthelferin hatte sie in den praxiseigenen Kühlschrank gestellt, für den Fall, daß ich länger würde warten müssen. 

Zwei Stunden habe ich warten müssen. Ich wußte sowieso, was die Untersuchung ergeben würde. Natürlich wußte ich es, und trotzdem hatte ich gehofft, es würde nicht so weit kommen.
Da war nicht viel Untersuchen nötig. Sie schaute mich prüfend an, denn sie kannte mich und meine katastrophale Krankengeschichte.
„Ich …“, hob sie an. Eine schlanke, dunkelhaarige und ruhige Ärztin ist sie, mit langen, kühlen Händen und einem großen, aber freundlichen Mund.
„Ich muß es Ihnen nicht sagen… Es gibt nur die zwei Möglichkeiten: Sie oder das Kind.“
Sie drehte an ihrer Scheibe, schüttelte den Kopf, fragte noch einmal nach meiner letzten Regel, die so regelmäßig nie war, so daß noch nicht einmal ich damit rechnen konnte. Sie blätterte in meiner dicken Akte herum, die sich im Laufe von drei Jahren zu einem ansehnlichen Stapel ausgewachsen hatte, schüttelte wieder den Kopf. Dann lächelte sie milde.
„Was sagt er denn dazu?“
„Er weiß noch nichts“, mußte ich kleinlaut zugeben. Man muß wissen, daß es meine Art ist, alles immer alleine mit mir auszumachen. Sie wußte es, ich wußte es, und trotzdem war mir dieser Moment so schwer, daß ich glaubte, zusammenbrechen zu müssen.
„Ich kann nicht“, sagte ich und mußte schlucken. „Es ist zu früh. Alles würde auseinanderbrechen…“
„Es ist ein Wunder, daß es überhaupt geschehen konnte“, sagte sie und sah mich an, ohne Vorwurf. „Ich nehme also an, Sie haben schon alles beschlossen. Sonst wären Sie nicht so spät gekommen. Wir machen trotzdem ein Ultraschall.“ Sie erhob sich, und ich legte mich auf die Liege, neben der das Gerät stand, mit dem ich mein Kind würde sehen können.
Sie verteilte das Kontaktgel auf meinem Bauch, den ich in den letzten Tagen so oft betrachtet hatte, und von dessen Schutzbefohlenem ich mich allmählich verabschiedete! Die glatte Fläche des Geräts rollte kalt über meine Haut, es knackte, und auf dem Bildschirm huschten graue und schwarze Schatten umher, aus denen ich nichts erkennen konnte. Ich zwang mich hinzusehen.
„Es wird höchste Zeit, so oder so. Sie müssen sich entscheiden. Schnell“, sagte sie in das Gerät hinein. „Sie sollten aber Ihren Freund einweihen. Er hat ein Recht als Vater.“
Als ob ich das nicht wüßte. Aber heute war sein Geburtstag, wie sollte ich ihm da das Todesurteil über sein Kind beibringen?
Sie strapazierte mich nicht mehr als nötig, machte ihre Routineuntersuchung fertig, schaltete ab und gab mir ein Papiertuch, mit dem ich mir das klebrige Zeug abwischen konnte.
„Einweisung oder doch Mutterpaß?“ wiederholte sie überflüssigerweise. „Wenn Sie die Einweisung wollen, melden Sie sich noch heute im Krankenhaus an. Es ist schon fast zu spät. Wenn Sie sich dagegen entscheiden, kommen Sie am Montag wieder, dann besprechen wir, wie wir diese Risikoschwangerschaft angehen. Rufen Sie mich in jedem Fall an.“
Sie hatte in meinem Gesicht gelesen. Der Zettel war schnell geschrieben.
„Sie können ihn immer noch vernichten“, sagte sie heiterer, als ihr wohl zumute sein mochte. Sie hatte mir einmal erzählt, daß sie keine Kinder bekommen konnte.
„Und jetzt gehen Sie nach Hause, und erzählen Sie Ihrem Freund davon.“ Sie reichte mir die Hand, ihr Druck war kurz und hart. Gleichzeitig glaubte ich, für welche Möglichkeit auch immer ich mich entscheiden würde, Verständnis in ihren Mundwinkeln zu entdecken.
Ich ließ mir meine Torte geben und ging zur Bushaltestelle. Inzwischen war es dunkel geworden. Im Januar ist das nichts Besonderes; es wird spät hell und es wird früh dunkel…

Die Narkoseärztin kommt gegen acht Uhr abends. Vorher haben sie mir schon Blut abgenommen und meinen allgemeinen Zustand aufgenommen. Ein paar jüngere Ärzte sind aufgetaucht. Ich habe immer noch nichts von meinem Status mit Seltenheitswert eingebüßt. Ein trauriger Status.
„Wir werden eine Vollnarkose machen“, sagt diese Ärztin. Ich frage nicht, warum und wie. Ich frage gar nichts. Ich habe nicht viel zu verlieren.
„Wir werden Sie danach mindestens zwei Wochen zur Beobachtung hier behalten. Es könnte Komplikationen geben, weil Sie nicht gesund sind.“
Ich wünsche mir, die Ärztin würde mich in Ruhe lassen, und mich nicht mit dem Ablauf der Operation langweilen. Was bleibt mir denn anderes übrig als mich ihnen auszuliefern? Selbst wenn ich weiß, was da vor sich geht. Was nützt es mir?
„Wir werden gleich morgen früh die Infusionen legen, damit wir postoperativ besser reagieren können.“
„Nein“, sage ich jetzt. „Das wird nicht nötig sein. Behandeln Sie mich einfach ganz normal ohne Aufwand. Ich brauche keine Infusion.“
„Eventuell müssen wir Ihnen eine Blutkonserve geben…“
„Sie haben meine Blutgruppe. Aber ich glaube nicht, daß es nötig wird. Ich bin zäh.“ Ich versuche zumindest, daran zu glauben.
„Sie riskieren mit einer Einwilligung nichts.“
„Ich riskiere etwas ganz Anderes“, bin ich versucht zu sagen. Aber ich sage es nicht. Mein Körper ist viel gewöhnt, das weiß ich. Er hat mir bei ganz anderen Krisen hervorragende Dienste geleistet. Ich kann mich auf ihn verlassen. Aber über die anderen Sachen habe ich keine Macht. Wer nicht freiwillig an mich glauben will, mich behalten will, Martin eingeschlossen, der hat jetzt die Chance, ein für allemal mit mir zu brechen – darüber habe ich keine Kontrolle. Und wer sagt mir, daß die Entschuldigung mit der Notwendigkeit zu diesem Schritt meinen eigenen Zweifeln standhalten wird?

Ich bekomme nichts mehr zu essen, weil ich unmittelbar morgen früh in den OP soll. Stattdessen schickt man mich zur Nachtschwester, die mich rasiert. Wenn ich mir vor ein paar Tagen noch habe einreden können, ich sei eine normale schwangere Frau, funktioniert diese Einbildung jetzt nicht mehr. Jetzt muß ich der Wahrheit ins Gesicht blicken: Ich bin nicht hier, um ein Kind zu gebären, ich bin hier, um es zu töten.
Die Nachtschwester erlebt jeden Tag schwangere Frauen und Frauen, die abtreiben. Sie hilft mir nicht, zeigt mit keiner Miene, ob sie mich verurteilt.
„Warum bekommen Frauen Kinder?“ frage ich mehr mich selbst als sie.
Sie verrichtet ihre Arbeit mit ruhigen Handgriffen, während ich auf diesem sterilen, chromglänzenden, mit Papiertüchern bedeckten Stuhl liege und mir ausgeliefert vorkomme. „Manchmal, um eine Leere anzufüllen, vor der sie Angst haben und manchmal, um das abzuwälzen, was sie selbst nicht tragen wollen. Ganz selten, weil sie reif sind.“
Ich will in mein Bett, will mir die Decke über den Kopf ziehen, und die Welt draußen lassen. Nach fünf Minuten ist sie fertig. Ich flüchte in mein Zimmer.
Ich habe Martin verboten, mich heute noch zu besuchen. Das ist nicht fair. Ich habe doch gesehen, wie es ihn getroffen hat. Aber ich kann ihm nicht helfen. Ich muß jetzt an mich selbst denken, um nicht verrückt zu werden.
Ich lege mich ins Bett und versuche, mit dem Kind, das nie einen Namen oder ein Gesicht haben wird, zu sprechen. Irgendwie bin ich trotzdem sicher, es wird verstehen, warum ich so handeln muß. Irgendwie.

Martin sah mir gleich an, daß der Arztbesuch ein einschneidendes Urteil über uns gebracht hatte. Ich stellte meine Torte ab, als er die Tür öffnete, und ließ mich einfach wortlos von ihm in den Arm nehmen.
Die Wohnung roch nach Essen, der Tisch war gedeckt, und er hatte Kerzen angezündet.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagte ich, und konnte die Tränen jetzt nicht mehr zurückhalten. Mir war, als wollte mein Herz durch die Kehle an die Luft springen, nein, als wollte es gar nicht nach draußen, sondern schon in der Brust verenden. Was zu tun ich vorhatte, war der größte Verrat, den ich je begangen hatte. Und das Schlimmste war, ich konnte noch nicht einmal sagen: ich habe keine andere Wahl. Ich hatte eine Wahl!
„Wir können jetzt kein Kind haben“, sagte Martin – und ich erschrak – er streichelte meine Hand. „Du hast nicht genug Kraft für euch beide. Und ich habe nicht die Kraft, dich kaputt gehen zu sehen und das Kind zu versorgen.“
Ich hatte mich ausgeweint und war leer, der Abschied hatte doch sowieso schon begonnen.
„Erspar uns ein krankes Kind. Denk an uns.“
Die Versuchung zu sagen: wir wollen leben, und dabei können wir ein Kind nicht gebrauchen, ist groß. Vielleicht geht es tatsächlich ums „Gebrauchen“ – manchmal sogar ums Mißbrauchen. Das Kind als Ablenkungsmanöver von der eigenen Unfähigkeit, das Leben in die Hand zu nehmen. Wollen deshalb viele Frauen Kinder und manche nicht?
Wir feierten einen traurigen Geburtstag. Aber wir waren nicht allein. Ich war nicht allein. Wir waren Verbündete, und ich hatte einen Komplizen. Würde er bis zum Ende dabei bleiben oder abspringen? Wer konnte das wissen?

Ich liege im Bett und lausche auf meinen Herzschlag. Bilder ziehen an mir vorüber: meine erste Krankenhauserfahrung und die Diagnose: „Ihre Krankheit ist unheilbar“. Meine Mutter wurde gerufen, und sie kam völlig geschlagen aus dem Sprechzimmer heraus. Ich war siebzehn, und sollte für immer krank sein.
„Beim derzeitigen Stand der Medizin hat sie durchaus Chancen, zu überleben. Man kann mit dieser Krankheit sogar bedingt gesund leben.“ Bedingt. Natürlich, das war der Haken an der Sache. Die Bedingungen glichen einem Gefängnis und waren an enorme Einschränkungen gebunden. Ein Leben unter solchen Bedingungen war für mich nicht erstrebenswert.
„Kinder“, sagte der freundliche grauhaarige Oberarzt leise und eindringlich, als hinge für ihn etwas davon ab, „können Sie keine bekommen. Früher oder später werden Sie sowieso steril.“ Ich war siebzehn und hatte noch nicht einmal angefangen, eine richtige Frau zu sein!
Wie unter Zwang war ich also ausgezogen ins Leben, um die Frau zu suchen, die ich war. Ich ging dafür in eine andere Stadt, wo keiner wußte, was ich mit mir herum trug. Die Frau in mir war unstillbar, natürlich – ihr Widerspruchsgeist war geweckt. Sie holte sich, was sie brauchte, oder wenigstens glaubte zu brauchen. Es ging doch ziemlich lange gut.

Ich kann nicht einschlafen. Es wäre auch Hohn, jetzt einschlafen zu können. Also stehe ich auf, ziehe meinen mohnroten Morgenmantel an und beginne, im Krankenhaus herumzustreifen. In wievielen Krankenhäusern bin ich umhergestreift! Ich habe mich nie einsamer gefühlt als jetzt in diesen endlosen Gängen, die mir scheinen wie bisher unentdeckte Wege in mir selbst, verdunkelt, in Schlaf gelegt, narkotisiert. Jeder Gang weckt neue Erinnerungen. Soviele Wunden, die ich geschlagen habe, so viele Wunden, die man mir geschlagen hat. Holzmann steht an meinem Bett – nein, nicht wirklich… Er spricht zu mir. Ich verstehe nicht genau, was er sagt, nur so ungefähr: „Seien Sie froh, daß Sie Ihre Regel nicht haben. So manche Frau wäre froh, wenn sie das Übel nicht hätte.“ Ganz abgesehen davon, daß er sich als Mann anmaßt, so etwas zu behaupten, ist es meine absolute Niederlage. Jetzt versagt mir mein Körper sogar diesen, meinen weiblichen, Dienst. Er fühlt nichts mehr, gibt nichts mehr her. Es herrscht Dürre. Ich habe immer gedacht, die Krankheit sei die Strafe und der Endpunkt. Mich selbst habe ich nie gut behandelt, bin rücksichtslos, gnadenlos, brutal und uneinsichtig mit mir umgegangen.
Mir wird übel und ich kehre schnell auf die Station zurück, auf der mein Zimmer liegt. Die Übelkeit nehme ich mit. Es ist sinnlos, ihr entfliehen zu wollen. Ich schleiche mich ins Bett zurück, und versuche, mich zu beruhigen. Nein, das hier ist die Strafe: daß ich es habe soweit kommen lassen. Jetzt muß ich dafür büßen, mich geweigert zu haben, die Verantwortung für mich und mehr als mein Leben zu übernehmen.
Ich stehe vor den Scherben dessen, was ich für meine Persönlichkeit gehalten habe. Kann ich mir jemals wieder ins Gesicht blicken?

Martin fand mich. Martin mit den eiskalten Händen, mit denen er mich bei unserem ersten Rendezvous festhielt. Martin, der mit den Riemen meiner Handtasche spielte, weil er mich nicht einschätzen konnte. Martin, der so heil und ganz und in sich selbst ruhend war, daß schon seine Nähe ausreichte, mich zu beruhigen. Martin, der immer schon irgendwo gewesen war und mich unaufdringlich und wie zufällig eroberte. Ja, und da waren wir jetzt.

Schließlich schlafe ich doch ein. Ich habe seltsame Träume, darunter wieder diesen, der mich seit Wochen heimsucht. Nicht eigentlich heimsucht, denn es ist kein Albtraum. Pferde, viele braune, schwarze und weiße Pferde sind im Stall. Ein Holzschober ist das, ziemlich alt, die Türen sind vernagelt. Ich bin draußen, und ich höre die Pferde drinnen. Sie sind wild, schlagen mit den Hufen gegen die Bretter, wollen heraus. Ihre unbändige Kraft ist kaum noch zu halten, sie wiehern und schreien. Ich weiß nicht, ob sie es schaffen, ihr Gefängnis zu sprengen. Es wird aber bald soweit sein… Dann sitzen ein paar Schattenfiguren und ich in einer Küche. Wir genießen unser gemeinsames Essen. Es gibt Fisch. Dann steht ein Mädchen auf Krücken vor mir und fragt mich bitterböse, ob ich den Friseurtermin vergessen hätte. Vor den anderen ist mir das sehr peinlich, denn ich fühle mich ertappt in meinen Lügen.

Um halb sechs kommen zwei Schwestern und bringen mir ein Flügelhemd, das ich anziehe; dann werde ich mit meinem Bett erst in den Fahrstuhl, dann in den OP geschoben. Sie sprechen mit mir, aber ich höre nicht zu. Nachher wird Martin kommen, das interessiert mich. Sonst gar nichts.
Ich wache spät auf. Ich liege im Zimmer, die Februarsonne scheint gerade noch mit letzter Kraft herein, die Schwester hat den Vorhang halb zugezogen. Er taucht das Zimmer in ein bleigraues Blau, das meiner Stimmung sehr gut tut. Es ist vorbei, denke ich. Ich taste nach meinem Bauch. Eine lächerliche Geste angesichts der Tatsache, daß er vorher auch nicht viel größer gewesen war als er jetzt ist. Etwas in meinem Unterleib zieht und pocht, pocht und pulsiert. Ja, es blutet. Ich war schwanger, jetzt bin ich es nicht mehr!

Ich muß mich anstrengen, nicht daran zu denken, wo das kleine Etwas gelandet sein könnte. Ich habe ihm gestern abend versprochen, daß es wiederkommen darf. Ich habe es ihm versprochen, und ich werde mein Versprechen halten, denn ich halte Versprechen immer!
Ich bin froh, daß sie mir immer noch keine Bettnachbarin ins Zimmer gelegt haben. Das ist rücksichtsvoll von wem auch immer, daß er mir Bemerkungen über meine Entscheidung erspart. Es wird schwer genug sein, meine Eltern und die Familie davon zu überzeugen, daß ich „wegen unerklärlicher Unterleibsschmerzen“ habe stationär behandelt werden müssen, um ihnen, nicht mir, die Ungeheuerlichkeit meiner wahren Gründe nicht antun zu müssen.
Ganz kurz erinnere ich mich ans Wochenende. Ich bin mit Martin durch die Stadt gefahren und hatte mich ganz dem Gefühl hingegeben: so fühlt man sich als Schwangere. Es war ein kurzes, makabres Spiel. Jetzt ist meine Entscheidung nicht mehr rückgängig zu machen. Alles, was ich jetzt habe, ist Angst. Begründete oder unbegründete Angst davor, daß Martin nicht kommen wird und ich nichts gutmachen kann.
Der Blumenstrauß schiebt sich zuerst durch die Tür, dann kommt ein nachdenklicher und doch gelassener Martin durch die Tür.
„Wie gehts?“ fragt er linkisch. Wir sind beide nicht darin geübt, uns gegenseitig in Krankenzimmern zu besuchen. „Die Blumen wären aber nicht nötig gewesen“, sage ich, nur halb überzeugt von dem, was ich da sage.
„Du sollst immer wissen, daß ich Mitschuld trage“, sagt er. Ich merke, daß er lange an diesen Worten gebastelt hat. Aber sie klingen doch irgendwie ehrlich. Das tut sehr gut. „Ich habe mir gedacht, wir werden es später noch einmal versuchen.“

Später, wenn das Kind nicht mehr die Krücke für meine eigene Leere, eine Ersatzhandlung oder die Flucht eine Folge der Angst vor meinen eigenen Schattenseiten ist… Ja. Ich verspreche ihm – im Nachhinein und mit jeder Faser meines Körpers, daß es wiederkommen darf!

aus: Hamburger Geschichten, geplant, 2018