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PROSA-SCHNIPSEL XII

Der König, der ein ordentliches Volk haben wollte

Der König gesellte sich, nachdem er sich von seinen schwierigen und langwierigen Amtsgeschäften schlafenderweise erholt hatte, erwartungsvoll zu seinem Volk, um mit ihm eine entspannte und fröhliche Zeit zu verbringen. Das Volk allerdings, da es wochentags war, war damit beschäftigt, seinen Geschäften nachzugehen. Es stritt laut und ordinär, und es zeterte, diskutierte untereinander und beachtete den König gar wenig. Der König wartete allein an jenen Plätzen, die das Volk in Aufbruchstimmung bereits verlassen hatte.

Auch der Verwalter, der bei Festivitäten gemeinhin an des Königs Seite verweilte, hatte alle Hände voll zu tun, die angeschlagene Ordnung im Reich aufrecht zu erhalten, und war abwesend.
Der König empörte sich über die Zustände, aber auch über die Methoden, die der Verwalter anzuwenden pflegte. Am allermeisten missfiel ihm dessen kurzangebundenes, respektloses Verhalten, so meinte der König wahrgenommen zu haben,  ihm selbst gegenüber.

„Wie kommt es, Verwalter, dass hier derartiger Misstand herrscht? Bringst du denn dem Volk keine Liebe zum König bei?“ fragte der König und wies damit auf sein Recht, ein gesittetes Volk zu haben, das eine Wohltat für die königlichen Augen und ein Labsal für seine verantwortungsvolle Seele wäre, hin.

„Euer Majestät“, erklärte der Verwalter, ein ganz klein wenig überlastet ob der vielen Aufgaben und auch überdrüssig seines Amtes, denn das Volk gehorchte nur noch widerwillig und schwerfällig, „das Leben hier im Reich ist erfüllt von täglichen Kämpfen. Ganz anderen Kämpfen als Ihr sie normalerweise seht. Das Volk ist der Schufterei müde.“
„Ich verlange, dass dieses Kreischen und Schreien aufhört!“ befahl der König.
Der Verwalter fühlte sich nun seinerseits zutiefst getadelt und missverstanden. „Euer Majestät erwarten zuviel.“
Der König schnappte nach Luft. „Ich erwarte, dass mein Volk ein ordentliches und liebendes Volk ist …“

„… das sich sauber und glücklich zeigt, sobald der König sich alle Jahre einmal seiner erinnert, erbarmt und dann bei ihm auftaucht!“ setzte der Verwalter hinzu.
Der König stapfte mit dem Fuß auf.
„Mein König“, fuhr der Verwalter fort, „Ihr regelt die Regierungsgeschäfte nach außen. Ich habe die Aufgaben im Volk übernommen. Ihr verlangt – wie gesagt – ein wenig viel vom Volk. Es müht sich tagtäglich und verschwendet zu Recht keine Zeit darauf, Euch eine nette Fassade zu zeigen.“
„Du bist unfähig!“ bestimmte der König unwirsch. „Ich liebe mein Volk und tue alles für es. Warum sonst schlage ich mich mit anderen Königen herum?! Du aber hast es verdorben mit deiner laschen Verwaltung. Wie ich sehe, gibst du unnötige Befehle!“

Der Verwalter, der sich sehr wohl bewusst war, dass der König es auf diese Weise sehen musste, hielt den Mund und zog seinen Hut. „Euer Majestät können gerne meine Verwaltungsgeschäfte mit übernehmen!“ sprach er und entfernte sich.
Der König, dergestalt mit dem Volk allein gelassen, verteilte am nächsten Morgen Goldstücke und Belohnungen unter den Leuten. Er richtete dem vom Verwalter geknechteten und unglücklichen Volk ein großes Festessen aus, bei dem alle soviel essen konnten, wie sie schafften. Das Volk jubelte ihm zu. Die Arbeit ruhte.
Noch am Abend desselben Tages ruhten sogar sämtliche Geschäfte im Reich. Der König sonnte sich im Wohlwollen seines Volkes, das sich trunken und faul mit ihm gut Freund wähnte. Am zweiten Tag langweilte und störte den König die dauernde Anwesenheit des Volkes, bei dem er sehr zu seinem Entsetzen Faulheit und Trunksucht gewahrte, was ihm nicht angenehm war.

Er wollte seinen Verwalter rufen, doch man wies ihn darauf hin, dass der Verwalter nicht mehr zur Verfügung stand. Also erhob er selbst die Stimme und bestimmte dem Volk, dass es ab so fort die Arbeit wieder aufzunehmen und seinen Pflichten nachzugehen habe, und dass er Wichtigeres zu tun habe, als nur beim Volke zu lagern.
Ein Aufstöhnen ging durch die Menge, und der Ruf nach dem Verwalter wurde laut. Noch schlimmer: das Volk gehorchte der königlichen Anordnung nicht, kritisierte ihn und verglich ihn, den König, mit dem gemeinen Verwalter. Der, in seiner Abwesenheit, wurde alsbald vom Volk angebetet.
Mit Ablauf des dritten Tages hatte der König endgültig genug von seinem Volk, das sich in seinen Augen als seiner höchst unwürdig erwiesen hatte. Er ließ den Verwalter suchen und von seinen Soldaten vor sich bringen.
„Ich setze dich wieder in dein Amt ein!“ sagte er und machte eine überaus gnädige Handbewegung.

Der Verwalter, ein nicht unweiser Mann, lächelte.
„Ich habe dieses Amt schon unter dem Vater Eurer Majestät geführt“, sprach er. „Ich mag vielleicht nicht mächtig sein wie Ihr, und ich habe keinen Anspruch auf ein Reich und auf Reichtum. Ich weiß jedoch, was das Volk braucht, um es des Königs würdig und überdies zufrieden zu machen. Gebt dem Volk die nötige Zeit! Es ist ein gutes Volk! Solange lasst mich dann jetzt meine Arbeit tun, so wie Ihr die Eurige tut!“
Der König, noch immer entsetzt über, aber auch beeindruckt vom Verhalten seines Volkes, gab nur zu erleichtert dem Verwalter die Aufgabe zurück, für die Menschen im Reich zu sorgen.

Der Verwalter war klug genug, den König nicht – was im Übrigen auch überflüssig war, denn der König war ebenfalls kein ganz dummer Mensch – spüren zu lassen, welchen Wert seine nichtige Arbeit besaß.

© Karin Afshar, 1998