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PROSA-SCHNIPSEL XII

Das andere Buch

Die junge Frau stand unschlüssig vor dem Schaufenster und schaute die Auslagen der Bücher an. Aber eigentlich sah sie doch nicht hin, denn sie war viel zu nervös dafür. Wie jemand, der sich verfolgt und beobachtet fühlt, blickte sie hinter sich, bevor sie mit einer linkischen Bewegung die Tür aufstieß und in die Buchhandlung hineinstolperte.
Sie orientierte sich kurz, ging erst nach rechts, merkte, daß sie dort nicht weiterkam, wandte sich dann nach links, wo die Kochbücher standen. Sie wanderte an den Kochbüchern entlang, suchend und doch unkonzentriert, an den Reiseführern und Tierbüchern vorbei und kam bei den Autobiographien großer Schriftsteller und Schauspieler zum Stehen. Ihre Augen weiteten sich enttäuscht.
„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte eine ruhige Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien. Die junge Frau blickte auf und geradewegs in die freundlichen und lächelnden Augen einer noch nicht ganz alten und schönen Frau.
„Nein, danke“, wollte sie schon antworten. Aber ihre Stimme versagte, und das war gut so.
Die Ältere hielt mehrere Bücher im Arm, obenauf lag ein kleines, unscheinbares Büchlein, das Anstalten machte, herunterzurutschen. Es fiel der Jungen geradewegs in die Hände.
„Oh, danke“, sagte die schöne Frau. Sie hatte lange schmale Hände, die wie geschaffen waren für das Umblättern von Bücherseiten.
Die Junge erhaschte einen Blick auf den Titel des Büchleins, bevor die Frau es weglegte.
„So eines suche ich!“ brach es aus ihr heraus. Danach verstummte sie, überrascht, daß sie überhaupt den Mund aufgemacht hatte.
„Das“, sagte die Andere, „ist ein sehr schwieriges Buch. Es ist ein Buch, das man sich holt, wenn man alle anderen Bücher schon gelesen hat, denn es macht sehr einsam.“
„Noch einsamer als ich jetzt bin, kann ich nicht mehr werden…“ sagte die Junge und zog resigniert die Schultern hoch.
Die Ältere blickte sie lang und ruhig an, wie es wohl die Art von Leuten ist, die mit Büchern zu tun haben.
„Aber Sie haben beschlossen, das Problem zu lösen?“
Die junge Frau wurde rot und man merkte, daß sie am liebsten weggelaufen wäre, so ertappt fühlte sie sich in ihrem Problem.
„Es ist nicht so, daß ich dieses Problem immer habe. Ich wollte nur mal gucken, ob ich eine Erklärung finde. Es gibt doch so viele Ratgeber…“ wiegelte sie ab.
„Ich verstehe.“
Und als die Buchhändlerin weiter nichts sagte, floß es aus der Jungen heraus. Ihre Stimme zitterte dabei vor zurückgehaltener Wut über tiefe Ungerechtigkeit.
„Ja, das kenne ich“, bestätigte die Ältere, ihr Blick wanderte über die Reihen von Büchern. Sie hatte leuchtende Augen, von denen eine ansteckende Kraft ausging.
„Das Problem sind also die anderen“, fasste sie zusammen.
Es folgte ein nächster Schwall und am Ende: „Das ist doch nicht normal…“
„Nein, normal ist das nicht. Aber was ist schon normal?“
Sie hatte ein Buch gefunden und zog es zwischen den anderen Büchern hervor. Es hatte einen leuchtenden Einband, lockte an zum Hinsehen, zum Durchblättern, zum Lesen.
„Lesen Sie dieses Buch“, sagte die Buchverkäuferin. „Es ist auch im Preis erschwinglich. Es kostet lange nicht soviel, wie das, was Sie vorhin gesehen haben.“
„Warum“, fragte die Junge, „geben Sie mir ein billiges Buch, wenn Sie ein teures verkaufen können?“
„Sie werden dieses Buch besser verstehen. Und wenn Sie dieses und noch ein zweites und drittes gelesen haben, können Sie wiederkommen. Dann haben Sie genug gelesen und werden dieses verstehen.“
„Was steht in diesem Buch?“ Die Junge ergriff das entgegengehaltene bunte Buch und drehte und wendete es, als wolle sie sein Gewicht ermitteln.
„Es handelt vom Körper.“
„Ein Biologiebuch? Ich weiß, wie ein Körper aussieht.“
„Ich weiß. Es handelt auch von Gefühlen.“
„Ja, aber… Mit Psychologie habe ich mich auch schon beschäftigt.“
„Ja, ich weiß. Es handelt davon, wie Körper und Gefühle zusammenwirken und woher die Wut kommt, und wohin sie geht.“
Die junge Frau blickte wieder enttäuscht, und inzwischen auch sehr unzufrieden. Die alte Buchhändlerin kam ihr jetzt schrullig und häßlich vor. Mißtrauisch legte sie das Buch weg, als wäre es zu heiß geworden.
„Ich will Ihnen nichts aufdrängen“, lächelte die Schöne heiter und machte sich daran, das Buch wieder zwischen die anderen Bücher zu legen.
„Man soll ein Buch nie lesen, wenn man es nicht wirklich lesen will. Und man kann nur sehen, was man zu sehen bereit ist“, fügte sie hinzu.
„Sie sind aber eine schlechte Verkäuferin“, sagte die junge Frau schnippisch und griff nach dem Buch, riß es an sich, nestelte in ihrer Tasche nach ihrem Geldbeutel. „Aber ich nehme es. Damit Sie heute etwas verkauft haben…“
„Ich verkaufe nicht, weil ich unbedingt verkaufen muß, sondern ich verkaufe, was die Leute kaufen wollen. Wenn es allein nach mir ginge, würde ich das Buch sogar verschenken, aber ich lebe nun einmal in dieser Welt.“ Sie sagte es nicht die Spur unglücklich oder bedauernd.
Das Geld für das Buch wechselte die Seite. Die junge Frau war erleichtert, nachdem sie ihren unbeabsichtigten Entschluß in die Tat umgesetzt hatte. „Sie als Buchhändlerin wissen sicher, was gut ist…“
„Ich gebe Ihnen noch meine Karte mit, falls Sie gute Erfahrungen mit dem Buch gemacht haben und wieder kommen wollen.“ Und die alte Schöne holte aus einem Karton ein kleines weißes Papier, einen runden, ziemlich alten Stempel und drückte ihn erst ins Stempelkissen und dann auf das Papier. Die junge Frau steckte Karte und Buch ein und verabschiedete sich.
Erst im Bus erinnerte sie sich daran, daß sie die Karte eigentlich in ihre Brieftasche stecken sollte, und suchte sie heraus. Eine Adresse stand allerdings nicht auf dem Papier, nur ein Wort in leuchtend blauer Tinte.

aus: Hamburger Geschichten, irgendwann 1995-1999