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PROSA-SCHNIPSEL XI

Der Wille zum Leben

„Legen wir den Magen von 419 zum süßen Suizid von 430“, mochte der Stationsarzt gesagt haben, bevor sich die Gruppe Weißkittel zur Visite ins Zimmer ergoß.
Sie versammelten sich an meinem Bett, warfen einen kurzen Blick auf mich und einen langen in meine dünne Akte. Als sie mich wieder ins Auge faßten, sprachen vorsichtiges Mitleid und unausgesprochener Tadel daraus.
„Wie geht es Ihnen?“ fragte der Chefarzt jovial, und seine Stimme hatte jenes dunkle Vibrato, das Zuhörer schaudern läßt. Ich mochte ihn nicht.
„Es geht mir gut!“ sagte ich bestimmt und herausfordernd. Was hatten sie erwartet? Daß ich in Tränen ausbrechen würde!?
„Heute nachmittag wird ein Psychologe kommen und mit Ihnen sprechen“, offenbarten sie mir, als wäre es eine besondere Ehre. Die Stationsschwester machte eifrig eine Notiz auf ihrem Block. „Sie können ihm alles erzählen. Er ist sehr nett.“
Na, der sollte kommen! Dem würde ich aber was erzählen, daß ihm sämtliche Freuds, Jungs und Adlers vergingen. Als ob ich eine Therapie nötig hätte. Er würde eine nötig haben, wenn er mit mir fertig war.
Ich sagte nichts.
„Sie bekommen auch eine neue Bettnachbarin“, flüsterte die Stationsschwester mir zu. Es klang, als sollte es die Entschädigung für den Psychologen sein.

Wie sie gekommen waren, waren sie wieder verschwunden – in einem weißen Wind aus Kitteln und mit zukrachender Tür. Eine Lernschwester kam kurz danach herein, gerade als ich mich anschickte, mein Bett zu verlassen. Sie wollte meinen Blutdruck messen. Ihre umständliche Art machte mich wütend. Sie dachte wohl, ein unbesonnenes Wort würde mich in eine neue Krise stürzen. Als ginge es um solche Nichtigkeiten… Blutdruck messen. Hatte ich mir die Pulsadern aufgeschnitten? Nein. Ich hatte nicht einen Tropfen Blut verloren. Das hätte ich tun sollen. Was tat ich stattdessen? Ich schluckte diese Tabletten, die nicht hielten, was sie versprachen. Und Frank hatte mich zu früh gefunden.
Blutdruck messen! Als löste das irgendein Problem. Die Lernschwester verließ mich irritiert und aufatmend.

Sonntag. Ein herrlicher Tag. Wir gehen grillen, hatten meine Freunde mir zugerufen, kommst du mit? Nein, nein, ich warte auf Frank. Doch der kam nicht. Da wußte ich es. Es stimmte. Alles stimmte, was sie mir von ihm erzählt hatten.
Brennen in den Augen. Ich wollte doch nicht mehr weinen. Ich wollte nicht mehr um Frank weinen. Genug. Und jetzt sahen mich alle an, als wäre ich die Schuldige. Von wegen. Ich schuld?
Auf dem Bettrand sitzend blickte aus dem Fenster. Auch heute: schöner Tag. Sonne, blauer Himmel. Ein warmer Tag. Der Rasen sprühte vor Leben, die Bäume waren im Übergang vom schüchternen Grün des Frühlings zum satten Grün des Sommers. Ges-tern Abend hatte stundenlang ein Gewitter über der Stadt getobt. Der Sommer hat einen Selbstmordversuch gemacht. Ich hätte über meinen Vergleich gelacht, wäre er nicht so bitter bedeutungsträchtig gewesen.

Die Putzfrau war gerade draußen, da ging die Tür erneut auf. Erbost über die Störung fuhr ich herum – um ein kleines, spitzes Gesichtchen, von schwarzem Haar umrahmt, über einem rosafarbenen Bettjäckchen in einem Berg von weißen Kissen gewahr zu werden. Die Handtasche zitterte vor der Brust und eine Kulturtasche wippte auf ihrem Bauch mitleiderregend labil hin und her.
„Das ist Frau Borchers!“ dröhnte Schwester Anneliese und schob das Bett vollends ins Zimmer. Sie hatten das andere, leergewordene, heute Morgen bereits herausgerollt. Die Lernschwester kam mit dem Nachttischchen hinterher, da brüllte Schwester Anneliese bereits meinen Namen heraus.
Keine Lust auf ein neues Gesicht. Ich murmelte brav mein „Guten Tag“, drehte mich um, um mein Kreuzworträtsel weiterzumachen. Wenn die jetzt dachten, sie könnten mir eine Alte als Ablenkungsmanöver – quasi als Beschäftigungstherapie – herein-schieben, dann hatten sie sich verdacht. Ich konnte mir gut vorstellen, was sie sich vorstellten: ich würde das Essen herein- und heraustragen, würde mich mit der alten Dame unterhalten, sie füttern und auf ihren Atem achten, falls der nachts mal unregelmäßig wurde. Nichts! Mit mir nicht.
„So, Frau Borchers!“ rief Schwester Anneliese hinter mir. „Nun haben Sie ein schönes Zimmer mit Ausblick.“ Mein Versuch, sie zu überhören, scheiterte. In dem großen Zimmer, in dem es nichts gab – außer den zwei Betten und einer langen graugemaserten Gardine -, das den Schall hätte schlucken können, gab es kein Entrinnen vor Annelieses Stimme. Ein Kissen wurde aufgeschüttelt, der Nachtschrank zurechtgeschoben, eine Zahnbürste ins Glas gestellt und die Reisetasche im Schrank verstaut. „Sie rufen, wenn Sie etwas brauchen!“ Annelieses Donnerschritt entfernte sich und die Tür setzte ihrem Auftritt den letzten Punkt.

„Daß sie die Türen immer so knallen müssen!“ sagte die kleine Alte hinter mir, verstummte sofort resigniert, als keine Antwort kam. Ich starrte auf mein Rätsel, mit frustrierten Gedanken und einem tiefen Groll auf die ganze Welt. Frau Borchers eingeschlossen.
Hinter mir raschelte es. Wasser gluckerte in ein Glas und sprudelte laut, als es eingeschenkt war. Dann nackte Füße auf dem kahlen Linoleumboden.
Die kleine Frau stand auf Zehenspitzen am Spiegel, betrachtete ihr Gesicht. Sie fuhr mit den Fingern die Linien um den Mund entlang und griff entsetzt in ihr Haar. Als sie bemerkte, dass ich sie beobachtete, fuhr sie herum, errötet.
„Haben Sie denn keine Schuhe?“ fragte ich.
Sie schaute an sich hinunter auf ihre weißen Füße.
„Nein“, sie war erst jetzt selbst verwundert. „Hausschuhe habe ich gar keine.“
„Sie holen sich eine schlimme Erkältung auf dem kalten Boden“, sagte ich und schob meine Schuhe zu ihr hinüber. „Sie sind ganz schön unvernünftig, was?“
Sie schlüpfte in die hingeschobenen, viel zu großen Schuhe, setzte gleichzeitig ein trotziges Gesicht auf und machte eine Geste in Richtung Spiegel. „Bei so einem Anblick soll man noch vernünftig bleiben? Sehen Sie, wie die mich haben verkommen lassen. Als wäre ich kein Mensch mehr!“
Sie war sehr klein und das, was man „Haut und Knochen“ nennt. Aber ihre Stimme hatte Festigkeit. Sie reckte ihren Kopf ein wenig vor und blickte mich prüfend an, als erwöge sie, ob ich es wert sei, daß sie mit mir spräche. Ich war es wohl.
„Wissen Sie“, ihre Stimme klang dabei verschwörerisch, und ihre Lippen zitterten nach von ihren Worten. Ihre großen Pupillen hatten die Ränder des Alters. „Wissen Sie, ich stehe jeden Tag ein paar Minuten auf. Das darf natürlich keiner wissen. Sie denken alle, ich bin völlig geschwächt, aber das bin ich nicht. Nur einen Spiegel, den hatte ich im anderen Zimmer nicht.“ Sie berichtete mit der Ausführlichkeit, die alten Leuten zueigen ist. Beim Sprechen knackten ihre dritten Zähne am Kiefer.
„Legen Sie sich lieber wieder hin“, sagte ich und erinnerte mich daran, daß ich mit ihr nichts zu tun haben wollte. Ich drehte mich wieder weg.
Fünf Minuten lang blieb sie neben ihrem Bett stehen. Sie fror. Ich hörte ihr Uhrenarmband gegen die Bettstange klappern. Ihre Hand mit den hervortretenden Knöcheln konnte ich mir gut vorstellen. Endlich zog sie sich ins Bett hinauf und begann, ihre Bettdecke mit fahrigen Händen glattzustreichen. Dabei murmelte sie ununterbrochen, und auch, wenn ich nicht zuhören wollte, verstand ich, was ihr Ziel war: zehn Minuten, gelobte sie sich, wollte sie schaffen. Und dann wollte sie zum Friseur!
Sie trank ihre Selter laut und genüßlich, in kleinen Schlucken. „Ich muß viel trinken“, belehrte sie mit etwas lauterer Stimme, ihre Worte galten mir. „Sonst trockne ich aus. Aber ich trockne nicht aus. Und ich werde noch lange nicht sterben, auch wenn sie darauf warten…“
Sie kicherte böse. Jemand, der anderen ein Schnippchen schlägt. Und fuhr wieder auf ihrer Bettdecke herum. Sie hatte meinen ungläubigen Blick bemerkt, den ich kurz über die Schulter gewagt hatte: „Meine Familie denkt, daß ich bald sterbe. Ich weiß es ja selbst. Aber wie sie mir das sagen, oder mehr, wie sie mir das nicht sagen und mich für dumm halten, das paßt mir nicht. Sie warten auf meinen Tod. Aber ich werde noch nicht gehen, auch wenn ich Schmerzen habe. Ich gehe, wann ich will.“
Sie sprach klar, fest und entrüstet. Sie wußte, was sie sagte.
Dann ein mitleidiger Blick in meine Richtung. „Und Sie, warum sind Sie hier? So jung und schon krank?“
Angesichts ihres Willens zum Leben konnte ich dem nicht standhalten. „Ich bin nicht krank“, sagte ich. „Nur müde.“ Aber sie verstand mich nicht. Als ich mich wieder meinem Kreuzworträtsel zuwenden wollte, waren die Lust und die Geduld zum Rätseln weg. Ich mußte an Frank denken und fragte mich, ob er käme. Wieder brannte die Bitterkeit in meiner Kehle. Frank, der mir sagte, ich würde ihn erpressen, und er ließe das nicht länger zu. Innere Haßtiraden auf Frank, auch auf Frau Borchers, obwohl die mir hätte sympathisch sein müssen. Sie terrorisierte doch auch… Nur auf eine andere Weise…
Sie hatten mir den Magen ausgepumpt und mich ins Leben zurückgeholt. Aber eine Lösung hatten sie mir nicht gegeben. Wie ich sie haßte. Wer gab ihnen die Erlaubnis, mich zu retten, wenn sie mir nicht einen Sinn mitlieferten?!
Mein Kreuzworträtsel landete raschelnd an der Wand und glitt in eine kleine Pfütze, die die Putzfrau vergessen hatte trockenzuwischen.

Am frühen Nachmittag kam der Psychologe. Wieder ein Weißkittel. Wenigstens den hätte er weglassen können. Er war jung, vielleicht gerade von der Uni. Soll ich Versuchskaninchen werden, erboste sich mein Inneres und rüstete zur Verteidigung. „Du bist also unsere Selbstmörderin“, fing er an und nahm mir gegenüber auf dem einzigen Stuhl im Zimmer Platz. Allein „du“ und „unsere“!
Frau Borchers setzte sich in ihrem Bett auf und hörte auf, mit den Händen an der Bettdecke herumzunesteln.
„Aha, und Sie wollen mich jetzt im Schnellverfahren retten?“ Er sah aus, als käme er vom Tennisspielen, hätte ganz eilig den Schläger gegen den Kittel ausgetauscht.
Er lächelte und schwieg, die Hände vor der Brust verschränkt, mich still musternd.
„Du hast jede Menge Probleme?!“
„Glauben Sie an Gott?“ fragte ich zurück. Er sollte bloß nicht denken, er hätte ein Dummchen vor sich, das ganz spontan, nur weil es ein kleines Liebesproblemchen hatte, sein Leben wegwerfen wollte.
Er lächelte immer noch, souverän und spöttisch. Keine Spur von Rücksichtnahme in seinem schönen Gesicht.
„Identitätskrise?“ Er versuchte, mich lächerlich zu machen. Nein, ich hatte keine Probleme mit meiner Identität. Ich wußte, wer ich war; die anderen wußten es nicht. Ich schluckte ein paar zynische Worte hinunter.
Als er sich nach vorne lehnte, sah ich, daß sein Gesicht gar nicht mehr so jung und auch gar nicht ebenmäßig war. Während er die Ellenbogen auf seine Knie stützte, um mir ins Gesicht blicken zu können, verschwand das Lächeln aus seinen Augen.
„Ich habe mit deinem Freund gesprochen.“ Dann wußte er auch, daß Frank verheiratet war, und daß … Was fiel ihm überhaupt ein, über meinen Kopf hinweg mit Frank zu sprechen, als ginge es um ein Stück Fleisch und nicht um mein Leben!
„Erpressung ist ein übles Mittel, und löst gar nichts. Am allerwenigsten bringt man damit Menschen dazu, etwas zu tun, was sie nicht tun können.“
Wie stand ich jetzt vor Frau Borchers da. Was sollte sie denken! Ich warf einen Blick auf ihr Bett, sie tat als schliefe sie.
„Seine Frau hat auch versucht, sich umzubringen. Und was sie kann, das kann ich schon lange!“ Ich haßte ihn.
„Der arme Mann! Zwischen zwei neurotischen Frauen!“
Der arme Mann! schrie es in mir auf. Wenn der „arme Mann“ mir nicht so übel mitgespielt hätte, hätte ich über diese Männersolidarität gelacht. Es war nicht zu fassen: zwei zerstörte Leben, ein verbocktes Studium, kriminelle Freunde, Unentschlossenheit und Ausnutzen auf einen Nenner zu bringen – der arme Mann.
„Du solltest dich von ihm trennen“, sagte die professionelle Stimme in meinen Aufruhr hinein, „kein Mensch ist es wert, daß man sich seinetwegen umbringt.“
„Es ist nicht nur das!“ hörte ich mich kläglich sagen. „Es ist alles!“
Meine rasende Wut machte einer kalten Leere Platz. Mich von Frank trennen? Dann hatte ich nichts mehr. Frank war doch mein Alibi, wenn auch Hinhalten, wenn auch Farce. Frank war nicht der, für den ich ihn gehalten hatte, aber er war besser als nichts. Woran sollte ich mich denn halten, wenn nicht an ihn und seine jämmerliche Existenz?!
„Überdenk deine Lebensphilosophie“, sagte der braungebrannte Schöne ruhig. „Dann wird sich bald alles einrenken. Da bin ich sicher.“
Er reichte mir ein kleines Kärtchen mit seinem Namen und seiner Telefonnummer. Augenzwinkernd meinte er: „Ich werde in die Akte schreiben, daß du leicht neurotisch reagierst, und als Therapie eine Tracht Prügel verordnen. Du kannst mich jederzeit anrufen.“ Er reichte mir seine warme und feste Hand und ging. Ich nahm die Karte, zerriß sie in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb neben der Tür. Verachtung.
Die Amseln auf dem Rasen draußen mußten sie spüren, sie stoben schimpfend davon, als ich aus dem Fenster blickte.
„Haben Sie denn den Mann so sehr geliebt?“ Frau Borchers hatte sich aufgesetzt und sah mich mitleidig an. Ihr Mund zitterte.
„Ich weiß es nicht.“ Ich hob die Schultern. „Vielleicht habe ich mir nur eingebildet, ihn zu lieben. Vielleicht habe ich gar nicht ihn, sondern etwas ganz anderes geliebt…“ Daß sie gelauscht hatte, wunderte mich nicht.
„Ja, so ist das manchmal im Leben“, seufzte sie und lehnte sich ins Kissen zurück.

Nach dem Mittagessen polterte es an der Tür, und mir rutschte das Herz in den Magen. Aber ich hatte mich umsonst erschreckt: Nicht Frank, sondern Frau Borchers Familie drang laut und unempfindlich in unser Zimmer ein. Ein Blick reichte mir, um zu wissen, daß ich mindestens zwei der drei Männer nicht mochte. Es war allerdings eine Kunst für mich, jemanden zu mögen, in diesen Tagen.
Sie tauschten Belanglosigkeiten aus und logen sich gegenseitig an. Ich hätte mir gerne die Ohren zugehalten, was unhöflich gewesen wäre. Also weghören. Die Luft im Zimmer blieb vergiftet. Ich spürte neugierige Blicke im Rücken und jenes unwillige Schweigen, das nichts Gutes bedeutet, weil jeder der Beteiligten Ungutem nachhängt, das sich im Raum verdichtet.
Die drei Männer machten einen reich-weichen Eindruck, wie ihn Menschen machen, die zu leicht an ihr Geld gekommen sind. Von den Söhnen war der eine laut und derb und der andere ruhig und zurückhaltend. Der Mann trug ein buntes Hawaii-Hemd zu einer weißen Hose und an fast jedem Finger einen Ring. Ich hatte einmal gelesen: Menschen, die sich mit Schmuck behängen, nehmen ihre Unvollständigkeit nicht an. Was immer das heißen mochte: er war viel jünger als sie, sein Gesicht solariumgebräunt und von jener Selbstgefälligkeit, die man bei Menschen trifft, die glauben, alles richtig zu machen.
Ihr Aufbruch erfolgte schnell. Gerade daß sie eine Viertelstunde dagewesen waren, waren sie schon wieder im Gehen begriffen. Sie schoben die hereingeholten überzähligen Stühle wieder auf den Gang, küßten die alte Dame und flohen aus dem Zimmer. Sie blieb enttäuscht und entkräftet in den Kissen zurück.
„So ist es immer!“ murmelte sie hinter ihnen her. Sie mochte jedesmal gehofft haben, daß sie ihretwegen kamen, um immer wieder eines Anderen belehrt zu werden… „Leider muß man erst krank werden, um die Menschen zu durchschauen, die einen täglich umgeben.“ Tränen flossen lautlos aus ihren Augen und über die runzligen Wangen auf das Bettjäckchen. Sie machte sich nicht die Mühe, sie wegzutupfen.
„Weinen Sie doch nicht“, hörte ich mich sagen, sah mich ihre leichte Hand ergreifen. „In Robert haben Sie einen Freund.“
Mochte ich vielleicht mit mir selber nicht zurechtkommen, konnte ich doch andere Men-schen noch einigermaßen einschätzen. „Danke“, flüsterte sie, und blickte mich dankbar an. „Ich bin so stolz auf ihn.“
Als sich ihre dünnen Finger um meine Hand klammerten, ließ ich sie dann doch unangenehm berührt los. Was tat ich denn da? Was hatte ich mit der alten Frau zu tun?! Was gingen sie und ihre Familienprobleme mich an? Nichts. Ich wollte mich abwenden, weil mir davor grauste, sie noch weiter schluchzen und jammern zu sehen, aber da hörte ich sie mit klarer Stimme fragen:
„Sagen Sie, Kind, was haben Sie denn so gedacht, nachdem Sie das getan hatten?“ Aus ihrer Stimme klang etwas wie Interesse oder mitleidlose Anteilnahme – ich konnte es nicht unterscheiden. Und war überrumpelt. Ja, was hatte ich denn gedacht?
Ich hatte mir ausgemalt, wie sie alle an meinem Grab stünden, sich Vorwürfe machend, sich entschuldigend. Ihre Tränen waren auf meinen Sarg getropft, Tränen ihrer verlorenen Liebe. Ich hatte sie genau gesehen: von unten und gleichzeitig von oben, wie sie Schäufelchen von Erde auf mich warfen und Blumen hinterher. All die Klischees eben. Dann wurde mir bewußt, daß ich es war, die da begraben wurde. Und ich begriff, daß es nicht richtig war, daß ich starb, daß ich mich aus dem Leben, aus der Verantwortung, stahl. Ich wollte noch nicht sterben! Ich wehrte mich, aber es war zu spät. Meine Seele – oder was ich dafür hielt – schwebte bereits davon, wie ein Luftballon voller Gas, der die Verbindung zur Erde verliert. Mein Körper wurde davongetragen, mein Kopf flog in einen luftleeren Raum – ich brauchte ihn nicht mehr. Im gleichen Moment fühlte ich tiefe Scham und Trauer. Scham, weil ich an die Menschen denken mußte, die ich zurückließ in einem Kummer, den sie nicht verdient hatten, denn vielleicht liebten sie mich wirklich – auf ihre Art. Trauer, weil ich nie mehr würde lachen können, nie mehr die Sonne würde sehen, nie mehr morgens würde aufstehen und über Felder würde spazieren können. Ich weinte im Sterben.
Aufwachen in einem chromblitzenden sterilen Waschraum im Krankenhaus, mit einem ecklig dicken Schlauch im Hals und dem würgenden Geräusch meines eigenen Körpers. Vor mir das rotbackige Gesicht von Schwester Anneliese, darüber – Franks eiskalte Augen. Man lernt seine Lieben erst kennen, wenn…
Willkommen im Leben. Mir wurde bang von Franks Augen, umsomehr als ich erkannte, wie willenlos und ausgeliefert er selbst war. Doch was half mir das? Es hatte sich nichts geändert. Nichts hatte sich gelöst.
„Ich wollte, daß alle Schuld an meinem Tod sind“, sagte ich schließlich, mich erinnernd, daß die alte Frau auf eine Antwort wartete. „Ich wollte, daß sie sich ein Leben lang daran erinnern, daß man niemanden in ein Leben setzt, das er nicht haben will. Wer hat mich gefragt, ob ich geboren sein will? Vollgestopft ist dieses Leben mit Lügen und doppelter Moral! Es ist schmutzig!“
„Lügen über Freundschaft, über Liebe, über Gott.“
„Sich dem Leben zu entziehen, löst keine Probleme, es schiebt sie nur hinaus. Ich ziehe es vor, zu leben, auch, wenn das Leben weh tut! Tot bin ich lange genug gewesen und werde es lange genug wieder sein.“
Ich versuchte, zu verstehen, was sie mir sagen wollte, aber als ich nachfragen wollte, hatte sich ihre Konzentrationsfähigkeit verflüchtigt und die Tür zu ihrem Inneren war zugefallen. Ein boshaftes Lächeln auf ihrem Altfrauengesicht.
„Ihr Freund kommt heute nicht mehr!“ sagte sie abschließend. Scheinheilige Hexe, die mich ausgefragt hatte.
Vom Fenster aus beobachtete den Besucherstrom, der sich aus dem Gebäude auf die Straße ergoß. Der Tag war immer noch schön, schöner jetzt als in der Mittagshitze. Die langsam nachlassende Kraft der Sonne hatte etwas Gelassenes, Beruhigendes, Besonnenes. Wenn man geborgen ist und sicher, hat diese Tageszeit einen besonderen Reiz. Ich aber fühlte Hoffnungslosigkeit. Es war, als sollte es bald zu spät sein. Wofür? Etwas zu ändern? Etwas zu beginnen?
Dafür brauchte es einen Sinn. Wo war der ganze Sinn? Für wen lebte ich? War ich nicht nur ein kleines Sandkorn im großen Getriebe des Universums? Klischeehafte Fragen – das weiß ich heute – bringen keine Antworten.
Franks Gesicht schob sich vor meine Augen. Seine aufgeworfenen, sinnlichen Lippen, seine intensiven, gerade deshalb so faszinierenden Augen. Hatte sein Leben einen Sinn? Worin lag der Sinn, daß sich drei Menschenleben ineinander verstrickt hatten?
Frau Borchers hinter mir fingerte in ihrer Schublade herum, dann gab es ein Poltern. Die Vase mit den frischen orangefarbenen Rosen klirrte zu Boden und das Wasser spritzte bis in mein Bett. Ich sah ihr schmerzverzerrtes Gesicht: weit aufgerissen die Augen, die Lippen gebleckt wie ein Tier in Todesangst. Sie versuchte, die Klingel zu ertasten. Sie baumelte unerreichbar von der Lichtkonsole herunter.
Mit einem Sprung war ich bei ihr, fing sie auf, als ihr Körper aus dem Bett rutschen wollte.
„Was machen Sie denn?“ Sie verkrampfte sich in meinem Arm, ihr Armband schnitt in meine Haut. So standen wir noch, als endlich eine Schwester und ein Pfleger auf mein Klingeln hin kamen.
Danach ging alles sehr schnell: das Zimmer war von einer Minute auf die andere voll mit Weißkitteln, mit Maschinen, Infusionen und hektischen Geräuschen. Ihre Zähne wurden eilig in ein Wasserglas geworfen, ihr Bett entriegelt und im Eiltempo auf den Gang gefahren. Sie kamen später vom Röntgen und EKG zurück, aber wenn ich gedacht hatte, ich müßte nicht weiter Zeuge der Behandlung sein, hatte ich mich getäuscht.
Man legte ihr einen Blasenkatheter, Infusionen, eine Magensonde, zog ihr ein grünes Flügelhemdchen an. Mitleid und Groll wechselten in mir. Groll, weil es unruhig im Zimmer war und ständig jemand herumlief. Mitleid, weil mir ihr Rückschlag zu Herzen ging. Aus der Traum vom Friseur, aus der Traum von zehn Minuten neben dem Bett stehen, von nach Hause.
Mein Abendessen begleitete ein monotones Stöhnen. Ich war im Zimmer gefangen bei einer Sterbenden. Obwohl ich mir die Decke über die Ohren zog, röchelte ihr Schlauch mich wach, sooft ich einschlafen wollte.
In der Nacht träumte ich, es wäre meine Mutter, die es getroffen hätte, die dort hilflos und verlassen lag. Grauen ergriff mich, und Schmerz von Verlust. Ich liebte sie sehr, als hätte ich sie vorher nie geliebt, und obwohl sie so weit weg war. Nicht räumlich, aber anders eben…
„Kindchen“, hörte ich mitten in der Nacht Frau Borchers, „haben die Ärzte meine Männer benachrichtigt?“
Ich meinte gehört zu haben, daß sie niemanden hatten erreichen können. Ich sagte ihr das.
„Oh, das ist gut!“ atmete sie erleichtert auf. „Sie sollen mich doch hier heraus und nach Hause holen.“ Sie faltete die Hände über ihrer flachen Brust und schlief mit einem Seufzer ein.
Am nächsten Morgen saß sie wieder im Bett als wäre nichts gewesen, und weigerte sich, aus der Schnabeltasse zu trinken. Sie war übellaunig, weil man ihr keinen Kaffee geben wollte.
„Sie haben ein Magenschwür und dürfen keinen Kaffee“, sagte die Lernschwester. „Papperlapapp“, sagte Frau Borchers. „Ich habe Magenkrebs und werde bald sterben. Also geben Sie mir Kaffee, damit ich ihn genießen kann, solange ich lebe.“ Die Lernschwester flüchtete verschüchtert und kam mit der Stationsschwester zurück. „Kaffee ist tabu. Seien Sie doch vernünftig!“
„Ich bin sehr wohl vernünftig. Ich war nie vernünftiger“, sagte Frau Borchers ruhig. „Und hören Sie doch auf, mich wie ein unmündiges Kind zu behandeln. Angesichts des Todes ist nur allzu vernünftig, sich noch ein paar letzte Wohltaten zu gönnen!“ Man gab ihr trotzdem Pfefferminztee in die Schnabeltasse.
Ich nahm meine Kaffeekanne und holte in der Küche Nachschlag, füllte ihr davon Kaffee und Milch in die Schnabeltasse und reichte sie ihr. Ganze zwei Schlucke trank sie, dann war sie zufrieden.
Als sie bemerkte, daß sie ihre Zähne nicht im Mund hatte, griff sie beschämt an ihre Lippen und versteckte sie vor mir. Aus dem Glas, in das man einen Tag zuvor in aller Eile ihre Zähne getan hatte und das ich ihr reichte, fingerte sie sie heraus und setzte sie sich umständlich ein.
„Jetzt bin ich wieder ein richtiger Mensch!“ strahlte sie mich an. „Nicht mehr so nackt!“
Ich dachte an den Vorabend, als man sie bei offener Tür mit bloßem Rücken, nacktem Po und entblößtem Oberkörper im Bett hatte liegen lassen, um die Vorbereitungen für einen Einlauf zu treffen. Wo war da die Würde des Menschen gewesen? Aber wahrscheinlich reduzierte sich die Würde des Menschen auf das Naheliegenste, wenn man auf andere Dinge keinen Einfluß mehr hatte?
Gunda kam nach dem Mittagessen. Sie brachte mir ein paar Kleider, Toilettensachen, Unterwäsche und ein richtiges Nachthemd.
„Was ist passiert? Frank sagt, du hast Probleme mit den Nieren?“ Frank sagt. Aha.
„Wir wußten ja nicht, daß es dir so schlecht geht…“
Wenn ihr einmal richtig hingeguckt hättet, hättet ihr schon gemerkt, was los war.
„Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Ich bin wieder in Ordnung. Kümmert euch nicht um mich. Ich komme allein zurecht!“
„Du bist sauer?“ Sie hatte zwei Bücher mitgebracht. „Und das hier auch!“ Damit legte sie mir mein Tagebuch aufs Bett. Ich wollte ärgerlich werden.
„Ich hab wirklich nicht drin gelesen“, sagte sie, „ehrlich.“ Ich glaubte ihr kein Wort. Aber wenn sie drin gelesen hatte, dann mußte sie wissen, was Sache war. Straßenschuhe hatte sie vergessen.
„Ich komm heute Nachmittag noch einmal. Oder ich sag Frank, daß er welche mitbringen soll.“
„Vergiß es.“
„Du bist doch sauer.“
Gunda, meine sogenannte beste Freundin. Wir wohnten seit Beginn unseres Studiums zusammen. Bis Frank in unser Leben schneite, hatten wir uns blendend verstanden. Frank war gar nicht Gundas Typ – sagte sie. Sie würde nie auf ihn stehen – sagte sie. Und doch war sie eifersüchtig. Als ich ihr andeutete, was ich ahnte, wandelte sich ihre Eifersucht in schadenfrohe Genugtuung. Das war schlimmer als ihre Eifersucht.
„Du kannst ihn übrigens haben“, sagte ich jetzt boshaft.
„Wen?“
„Frank.“
„Du weißt nicht, was du sagst.“ Sie spielte mit meinen Cremedosen auf dem Nachttisch. „Du weißt nicht, was du tust und was du sagst.“
„Was soll das werden? Eine Moralpredigt?“
„Ich will dir mal was sagen, meine liebe Freundin…“, jetzt war sie wütend und rotangelaufen. „Du bist völlig daneben. Du willst keine Verantwortung übernehmen, weder für dich noch für dein Leben, noch für deine Entscheidungen, wenn du überhaupt welche triffst. Du schiebst allen möglichen Leuten die Schuld in die Schuhe, nur bei dir, da suchst du zuallerletzt.“
„Noch mehr?“ fragte ich trotzig. Je eher alles gesagt war, desto besser. Erst würde ich sie aus meinem Leben streichen und dann Frank!
Sie rutschte auf dem Stuhl herum und nestelte an ihrer Tasche. „Nein, das war schon alles“, sagte sie und schnappte nach Luft. Dann sagte sie überraschend ruhig:
„Ich gehe jetzt. Wenn du was brauchst, weißt du ja, wo du mich findest.“
„Danke, ich brauche kein Mitleid.“
„Das war kein Mitleid, du dumme Gans. Du brauchst übrigens ganz was anderes: daß man dich einmal tüchtig durchschüttelt.“
Sie hätte nur sagen müssen „eine Tracht Prügel“, dann wäre sie dem, was der Psychologe gesagt hatte, sehr nahe gekommen. Manchen Kindern gibt man heilsame Schläge, um sie zur Besinnung zu bringen. War ich immer noch so ein Kind, daß es derart drastischer Maßnahmen bedurfte? Gunda ging.
Eine Schwester kam herein, um Frau Borchers vom Blasenkatheter zu befreien. Es roch nach Kampfer im Zimmer – ein widerlicher, scharfer Geruch -, mit dem man ihr den verschrumpelten Körper abklatschte. Man kämmte ihr die Haare mit einem feuchten Kamm und sie durfte ein wenig von ihrem Kölnisch Wasser hinters Ohrläppchen tupfen. Sie zogen ihr ein neues Nachthemd und ein blaues Bettjäckchen an, und sie saß im Bett wie eine Königin. Ein wenig blasser und schmaler als am Vortag – aber sie saß.
„Das war richtig“, sagte sie, als alle aus dem Zimmer waren.
„Was war richtig?“
„Daß Sie den Mann gehen lassen. Man soll sich nie mit einem verheirateten Mann einlassen. Verheiratete Männer, die ihre Frauen betrügen, sind schwach. Ihre Frauen sind auch schwach. Aber trotzdem darf man ihnen den Mann nicht wegnehmen.“ War da Vorwurf?
„Wenn man sich in eine solche Sache einläßt, ist es meistens, weil man sich nicht wirklich einlassen will.“
„Worauf?“
„Aufs Leben.“
Ich verstand nicht.
„Wissen Sie, was ich will?“ fragte sie nun ihrerseits. Ich wurde unwillig. Was hatte das damit zu tun. Woher sollte ich wissen, was sie wollte.
„Nein“, sagte ich kalt.
„Wissen Sie, was Sie wollen?“ fragte sie unbeirrt weiter, und ihre Hände strichen die Bettdecke glatt.
„Ich will nicht…“
Ohne sprechen zu müssen, unterbrach sie mich. Mir fiel aber nichts ein, das ich wirklich wollte.
Sie fasste zusammen, was sie selbst wollte, pathetisch, und auch trotzig. Aber klar. „Werfen Sie Ihr Leben nicht weg, nur weil es scheint, es ginge nicht weiter.“ Sie winkte mich nah zu sich heran. „Kommen Sie, Kindchen“, flüsterte sie, und ihre Lippen zitterten. Ich ging zu ihr hinüber, zum ersten Mal, ohne in mir Widerstand zu spüren, ohne mich überwinden zu müssen. „Ich glaube, es sollte für das Schicksal des Einzelnen nicht wichtig sein, was er alles in der Welt erreicht, sondern, was er aushalten kann, um zu leben. Sie sind so jung und hübsch und klug“, sagte sie leise. Ich wollte aufbegehren, daß das keine Voraussetzung war für ein sinnvolles Leben, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen.
„Die Jugend gibt Ihnen Zeit, die Klugheit viele Mittel und das gute Aussehen einen Bonus, den nicht alle haben. Das sind drei gute Voraussetzungen, mit denen sich alles schaffen läßt.“
„Was schaffen?“
„Alles, was in Ihren Möglichkeiten liegt!“ Was das ist, müssen Sie selbst herausfinden. Das kann Ihnen niemand abnehmen.“
Auch sie konnte mir keine Lösung geben. Nach all ihren klugen Worten hatte ich wirklich mehr von ihr erwartet.
Über den letzten Worten war sie erschöpft eingeschlafen, mit offenem Mund schnarchte sie. Ich deckte sie bis zum Hals zu. Dann stand ich lange am Fenster und dachte nach und dachte doch nicht.

In den nächsten Tagen lebte sie mir ihren Willen zum Leben vor. Sie blühte auf. Ich fragte mich angesichts dieses Wunders, ob schon der Wille allein genügte, einem Leben Sinn und Zweck zu sein. Wir sprachen über unser beider Vergangenheit – ihre lange und meine kurze. Wir sprachen wenig über unsere Familien. Es gab erstaunlich viel anderes zu reden.
Ihr Sohn erwirkte, daß sie gehen durfte. Auf eigene Verantwortung. „Ja, mein Junge“, sagte sie gelassen, „auf wessen denn sonst?!“ Der Stationsarzt entschied, mich am Wochenanfang nach Hause zu entlassen und sie bestand darauf, am gleichen Tag gehen zu können. Ihre Schmerzen waren stark. Man hatte mit Bestrahlungen angefangen, und jeden Abend kämpfte sie gegen die Bequemlichkeit einer Spritze, die sie ins Land des kleinen Todes hätte befördern können. Zweimal konnte sie es nicht ohne aushalten und rechtfertigte sich: Unnötiges Heldentum ist ebenso sinnlos wie gar kein Heldentum. Sie schaffte es, zwanzig Minuten lang im Stuhl am Fenster zu sitzen, und mit meiner Hilfe zum Bett zurückzugelangen. Der Friseur kam, und sie ließ sich ihre Haare silbergrau färben, was ihr viel besser stand als die harte, angestrengte, schwarze Farbe. Eine Kosmetikerin kam zur Mani- und Pediküre, danach wurde der Holzkasten, den man ihr ans Bettende gestellt hatte, weggeräumt. Ein unguter Blick ihres Mannes traf mich, als wäre ich die Übeltäterin.
„Und Sie kommen mich doch besuchen?“ Das hatte ich ihr versprechen müssen. Tante Lotti sollte ich sie nennen, aber das war mir zu schnell. Ich mochte keine voreiligen Intimitäten, und mir schien es ehrlicher, sie vorläufig weiter Frau Borchers zu nennen. Walter reichte mir desinteressiert die Hand. „Dann werden wir uns ja öfter sehen.“ Seine Hand fühlte sich an wie die einer dicken, weichen Frau, und rutschte mir kraftlos aus den Fingern. Frau Borchers lächelte glücklich dazu.
„Morgen müßt ihr mich nicht noch einmal besuchen“, sagte sie ihren Männern, wie eine Mutter, die nachsichtig den Kindern eine unangenehme Pflicht erläßt.
Als die Männer gegangen waren, seufzte sie. „Mir graut davor, nachhause zurückzukehren.“ Schwach seien sie, entzögen ihr die für sie selbst so notwenige Energie. „Ich bin so froh, daß ich Sie habe!“
Ich mußte an mein „Zuhause“ denken. Die Wohnung mit Gunda. Und mein Studium – ich schaffte es eh nicht – am besten sollte ich es schmeißen. Aber was dann? Ich würde mir Arbeit suchen müssen, vielleicht löste sich dann das Dilemma von selbst? Probleme kann man nicht lösen, man wächst aus ihnen heraus… oder so.
Mir graute auch – vor der Ungewißheit, und ich beneidete die alte Dame fast ein wenig: ihr Leben war überschaubar geworden. Als ob sich zum Ende hin alle Knoten lösten. Dann schämte ich mich meines Gedankens, weil ich wußte, daß sie Schmerzen litt und sich quälte.
Ihre Stimme weckte mich aus den Gedanken. „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken.“
Ich schwieg überwältigt.
Am Himmel keine Wolke, ein kleines Segelflugzeug surrte über dem Krankenhaus. Seine Tragflächen zerschnitten die Luft mit eigenartig singendem Geräusch. Draußen auf dem Gang klapperten Kaffeetassen und es roch nach Kaffee.
„Sie haben Ihre Fehler wie ich meine habe. Viele von Ihren Fehlern habe ich in mir wiedererkannt. Ohne Sie hätte ich vieles nicht verstanden. Sie haben sehr viel Kraft. Wissen Sie das?“
Nein, das wußte ich nicht. Ihr Blick wanderte nach draußen. Hatte ich ihr Kraft gegeben? Wo war diese Kraft, daß ich sie nicht spürte und mir hilflos und alleingelassen vorkam. Eine todkranke Frau aber schöpfte Lebensmut aus meiner Kraft, die mir selbst nicht zugänglich war?
„Sie wissen es nur nicht. Bis jetzt haben Sie diese Kraft gegen sich selbst verwendet – und beinahe hätten Sie es geschafft, sich selbst zu zerstören. Aber es sollte nicht so sein.“ Sie kam mit dem Blick wieder ins Zimmer und ihre Augen umfingen mich liebevoll.
„Ich wünschte, Rudolf hätte von Ihrer Kraft!“
Ich nahm meine Sonnenbrille und ein Buch und ging in den Garten. Zum Lesen aber kam ist nicht. „Stark“ hatte sie mich genannt und „gut“. Nie vorher war ich auf die Idee gekommen, daß ich auch andere Worte benutzen konnte als die, die ich zu benutzen pflegte: konsequent und ehrlich. Die, die mir nicht so wohlgesonnen waren, nannten mich radikal und rechthaberisch. Was doch Wörter aus einem Menschen machen können!
Aber auch, wenn ich sie beim Wort nehmen wollte, dann war ich so gut doch nicht. Wie weh hatte ich Menschen mit meiner unbestechlichen Ehrlichkeit und Unbeirrbarkeit getan!
Ich hatte mir eine Tasse Kaffee von drinnen geholt – und freute mich darauf, daß ich nach Hause fahren würde. Darauf, daß ich Gunda wiedersehen würde. Ich freute mich über das herrliche Wetter und darüber, daß ich es erleben durfte. Ich sah die Bäume, hörte die Vögel im Gebüsch, die Amseln auf dem Gras, hörte das Geklapper der Kaffeetassen aus den Zimmern, das Gemurmel von Menschen und das Lachen der Schwester, die am Fenster telefonierte. Vor Tagen noch hätte ich kein Lachen ertragen können. Mir war, als fiele ein Schleier von mir ab. Wann hatte ich zum letzten Mal gelacht? Es wurde höchste Zeit, daß ich es wieder lernte… […]

(c) Karin Afshar 1995