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PROSA-SCHNIPSEL X

[…] Auf der Innenseite von Manuels Buch stehen die Kürzel ASTR 320.15 B. Er hat versucht, sie sich zu erklären – ist aber nicht weiter als bis zu einem Zahlenwert von 4 + 2 + 2 = 8 – und das ist der Buchstabe H – gekommen.

Das H hat in Texten seiner Sprache (Deutsch) eine Häufigkeit von 4,76 Prozent, was bedeutet, dass es der neunthäufige Buchstabe im Alphabet ist.
Das H gefällt Manuel nicht so gut. Es erinnert ihn an einen Luftzug. Luft macht ihm Angst. Der Hauch des Lautes ist ihm zu unverlässlich, zu leicht und flüchtig. Lieber sind ihm K und F. Er liebt das Wort „Kraft“. Warum, kann er nicht sagen.

Manuel legt sein Buch zur Seite, denn obwohl gerade erst die Dämmerung begonnen hat, ist es schon zu dunkel zum Lesen. Das Buch ist alt, die Seiten verblasst. Da er es aus der Bibliothek mitgenommen hat, wo es außerdem nicht richtig gelagert wurde, ist es kurz davor, vollends auseinander zu fallen.

Die Geschichte, die er darin liest, ist sehr kompliziert. Die Rede ist vom Mond, jenem Mond, den er jetzt mit seinen Augen sucht, und der knapp über dem Horizont und sehr nah an der Erde steht. Es ist ein Vollmond.

Einmal im Monat ist Vollmond … aber nicht immer am gleichen Tag des Monats und nie zur gleichen Uhrzeit. Von der Erde aus gesehen bewegt der Mond sich pro Tag um rund zwölf Grad nach Osten. Der Mondmonat ist kürzer als der von den Menschen festgelegte Kalendermonat. Weil ein Mondzyklus nur 29,5 Tage lang ist, verteilen sich die Vollmonde unregelmäßig über die Kalendermonate und es kommt etwa alle 2,5 Jahre vor, dass zwei Vollmonde in einen Kalendermonat fallen. Einer ist dann am Monatsanfang und einer am Monatsende. Diesem zweiten Vollmond innerhalb eines Monats geben Menschen eine besondere Bedeutung.

Ein solcher zweiter Vollmond ist heute – Frau von Heisenstein hat Manuel davon erzählt und jetzt ist er noch aufgeregter.
„Wo ist der Schatten? Wohin fällt der Schatten?“ Er presst seine Nase an die Scheibe des Busfensters. Der blass-orangefarbene Mond steht der Erde heute besonders nah, und die optische Täuschung tut ihr Übriges dazu. Er hat gelesen, dass es eine Verbindung zwischen dem Mond und der Erde gibt. Über diese Verbindung – den Schatten, der von dort auf die Erde fällt – kommen die Mondmenschen auf die Erde, und die Menschen können auf den Mond hinauf- gelangen.

Richtig ist, dass in diesem Buch steht, dass im Falle einer Mondverfinsterung (wenn sich die Erde zwischen die Sonne und den Mond schiebt, und damit der kleinere Mond in den Erdschatten gerät) eine Reise hin und her möglich ist. Manuels Wunsch, diese Reise ebenfalls zu unternehmen, hat ihn jedweden Schatten als recht verstehen lassen. Nun sucht er aus dem Fenster schauend nach Anzeichen eines solchen Schattens. Er besieht sich den Ball, der dunkle Flecken aufweist, denen er zuvor nie Beachtung geschenkt hat… Vor seinen Augen entsteht ein Gesicht, das sich verzieht, ihn anlacht, ihn angrinst, sich verzerrt…

Der Bus hat angehalten und der Busfahrer hat die Türen vorne und hinten unter Zischen der Hydraulik geöffnet.
„Manuel“, sagt Frau von Heisenstein, „komm, wir gehen nach draußen und schauen genau hin.“ Frau Heisenstein hat Manuel beobachtet, und sie hat gesehen, wie ihm angesichts des Mondes mit seinen Flecken und der Größe angst wurde. Sie nimmt ihn bei der Hand und zieht ihn sanft.
„Es gibt eine sehr schöne Geschichte vom Mond und von einem kleinen Jungen“ – sie meint nicht denselben Jungen wie den in Manuels Geschichte. Sie meint einen freundlichen Mond und einen sehr kleinen Jungen. „Soll ich sie dir erzählen?“ Er nickt und sie steigen zusammen aus. Während die anderen aus all den anderen Bussen sich die Füße vertreten und Essen verteilen und Getränke, gehen Frau von Heisenstein und Manuel dem Mond entgegen, und sie erzählt ihm von dem Jungen, der immer mehr wollte, immer mehr… und nicht aufhören konnte zu fordern, bis er der Sonne zu nah kam und er fast ins Meer gestürzt wäre.

Sie wird ihm das Buch bis auf Weiteres wegnehmen müssen – es ist noch nichts für ein Kind wie Manuel, auch wenn er es mathematisch sogar versteht. Es ist überhaupt nicht gut für seine seelische Entwicklung.[…]

aus: Das zweite und das sechste Kind, Afshar, 2016