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PROSA-SCHNIPSEL VIII

Gewidmet all jenen Grenzgängern zwischen Kulturen und Sprachen, die sich der Verständigung von Mensch zu Mensch verschrieben und schmerzlich erfuhren, dass sie weder zu den einen noch zu den anderen gehörten.

Inhalt

Ein Anfang, der ein Ende ist
Eine Ankunft, die in eine bewegte Zeit fällt
Eine Familie, der es gut geht
Ein Vater, der zu Recht zornig ist
Ein Wiedersehen, das keines ist
Eine Liebe, die nicht sein darf
Eine Zeit, die man nicht vergisst
Abschiede, die nötig werden
Eine Einladung, die Folgen hat
Eine Begegnung, die einiges in neues Licht rückt
Ein Zufall, der kein Zufall ist
Neue Freunde, die Hilfe bringen
Ein Brief, der alles ändert
Eine Reise, die nach ganz tief unten führt
Der Aufbruch zu einem vorletzten Feuer
Ein Plan, der keiner ist
Aufgaben, die noch zu erledigen sind
Eine Wahrheit, die nachdenklich macht
Ein Neubeginn, der längst fällig war
Der Tanz, der das Leben ist
Das Ende, das ein Anfang ist
Epilog

Leseprobe

Ein Anfang, der ein Ende ist

„Der Sims des Fensters, an dem ich stehe, ist sehr hoch. Ich werde nicht einfach so hinausklettern können. Da stehe ich nun in meinem weit ausgeschnittenen weißen Hochzeitskleid, und kann nicht fliehen. Mein alter Professor, mein Gönner und Mentor, mein geistiger Begleiter in Zeiten mit we-niger Leid als heute, steht neben mir. Sein Gesicht ist sehr grau und verrunzelt. Es ist voller Altersflecken. So muss er ausgesehen haben, bevor er starb – aber das kann ich nicht wissen, denn er ist gestorben, und wir hatten uns schon lange nicht mehr getroffen. Seine Augen blicken mich wohlwollend an, und beide blicken wir durchs offene Fenster nach draußen. Dort ist es dunkel und von dem, was uns erwartet, sehen wir nichts. Wir nicken uns zu, in der Übereinkunft, dass Eile geboten ist. Hinter der Tür gegenüber vom Fenster gebieterische und unbarmherzige Schritte einer Frau. Sie wird uns erwischen, wenn wir nicht gleich durch das Fenster klettern! Warum brechen wir nicht einfach durch die Tür, rennen sie um, bahnen uns den Weg nach draußen? – Weil in der Eingangshalle jemand eine Rede hält, und wir nicht zusammen gesehen werden dürfen!
Die Schritte kommen näher. Mein Professor spricht zu mir, ich verstehe ihn nicht; bin vor Angst gelähmt. Er zuckt die Schultern und bedeutet mir, meine Arme auf den Fenstersims zu stützen. Ich gehorche, dann fühle ich mich von hinten hochgehoben und geschoben, und ich bin durch! Ich bin draußen. Freude durchströmt mich: ich kann fliegen. Ich bin ganz leicht und schwebe, sehe die Welt von oben. Es ist die Welt meiner Kindheit. Momente später erst fällt mir mein Helfer wieder ein und ich suche ihn. Ich wende mich um und blicke zum Fenster zurück. Es ist wie jedes erleuchtete Fenster in der Nacht ein gelber quadratischer Fleck. Ihn sehe ich nicht. Der Raum ist leer. Wo ist er? Fliegt er mit mir, oder liegt er dort?
Über das Quadrat des Fensters ist ein Gazenetz gespannt. Neben dem Fenster steht eine unscheinbare, bauchige Vase. Sie ist rosa. Ich habe sie beim Herausfliegen nicht bemerkt. Vielleicht war sie schon dort, vielleicht nicht. Jedenfalls steht sie dort, als gehörte sie dorthin und hätte immer dorthin gehört.
Ich nehme dieses Bild in mein Herz auf und gehe meinen Weg weiter. Ich habe viel vor, und ich werde viel Kraft brauchen, das weiß ich jetzt.

Der fast glatzköpfige und – wo er noch Haare hatte – weißhaarige Mann hatte laut gelesen, ließ nun das Blatt sinken und musterte das vor ihm sitzende Mädchen. Es saß auf der Kante seines Stuhls und bemühte sich darum, pro-fessionell und erwachsen auszusehen.
„Natürlich habe ich versucht, diesen Traum zu verstehen. Wie ich ihn verstehe, ist mein Geheimnis. Aber wer ein wenig mit offenen Ohren, und vor allen Dingen offenem Herzen durch die Welt geht, wird ihn ebenfalls verstehen. Und er wird vor allen Dingen seine eigenen Träume ver-stehen, die nie zufällig sind und immer etwas sagen.“ Er hatte gar nichts gefragt. Das wurde dem Mädchen jetzt bewusst und es schämte sich.
„Und dann hast du um diesen Traum herum eine Geschich-te gesponnen? Sag mal, wie alt bist du?“
„Ich bin achtzehn!“, antwortete das Mädchen und senkte den Blick.
„Was willst du mit dieser Geschichte“, und er blätterte weiter durch die Blätter, deren Umfang sich auf etwa zweihundert Seiten belief, „aussagen? – Ich stelle dir diese Frage, weil sie dir jeder Lektor und jede Verlegerin stellen wird, wenn du ihm und ihr dein Manuskript anbietest.“
„Die Geschichte handelt davon, dass es keine Zufälle gibt und davon, dass alles einen Anfang und ein Ende hat, und dass der Anfang das Ende bereits in sich trägt, so dass alles auf seine Art eine unendliche und eine endliche Geschichte zugleich ist.“
Der ältere Mann zog die Luft hörbar ein.
„Das ist schweres Geschütz! Was nehmt ihr denn gerade im Deutschkurs durch? – Ich nehme an, du besuchst ein Gymnasium? – Oder was macht ihr im Ethik-Unterricht? – Oder in Religion? Gibt es das überhaupt noch als Fach? Oder liest man da jetzt Esoterisches? – Du musst schon deutlicher werden. Was du mir gerade beschrieben hast, geht über deinen Horizont hinaus und ist nachgeplappert.“
Das Mädchen rang in seinem Schoß die Hände, seine Professionalität war zwar noch keiner Kläglichkeit gewichen, die deutete sich jedoch bereits in den vorgebeugten Schultern an.
„Ich habe gedacht, dass ich eine Geschichte schreibe, die in der Gegenwart und in der Vergangenheit spielt“, sagte es tapfer. „Diese Idee mit den Zeitebenen ist ja nicht neu, man findet sie in vielen Romanen, aber die Geschichte ist nicht aus einem Buch, und die Hintergrundinformationen habe ich recherchiert, chronologisch zusammengetragen und …“
„Verschwende nicht meine Zeit. Du schreibst hier über etwas, das du nie erlebt hast?“
„Es ist die Geschichte meiner Tante. Sie hat sie mir erzählt.“
„Du hast dir viel vorgenommen! Wie willst du vorgehen?“
„Die Erzählung ist fertig geschrieben. Ich muss nichts mehr daran verbessern. Deshalb zeige ich sie Ihnen ja. Als ich herausgefunden hatte, dass mein Deutschlehrer Ihr Sohn ist, und Sie ein Verleger sind, dachte ich, wir könnten einen Vertrag abschließen, und Sie veröffentlichen die Geschichte. Ich kann dazu auch Zeichnungen anfertigen… Das ist mein Plan.“
Der Weißhaarige, nahezu Glatzköpfige, legte das erste Blatt auf den Stapel Blätter zurück und alle zusammen vor sich auf den Tisch.
„Ach, daher weht der Wind die schöne Blume an!“ grunzte er.
„Meine liebe junge Dame, du bist ganz schön tollkühn. Ich will dir was sagen: wer mir ein Manuskript bringt, muss eigentlich erst durch sieben Tore hindurch! Du hast sie geschickt umgangen. Wenn die Erzählung halten soll, was deine Tollkühnheit verspricht, sollte sie übernormal hervorragend sein. Und rechne damit, dass ich sie, wann immer sie es herausfordert, auseinanderpflücke, so dass du sehr viel Arbeit haben wirst, sie in neuer sprachlicher Form zusammenzuheilen.“
Der Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens wechselte von Freude zu Erschrockenheit. Dann wurde sein Blick gelangweilt und distanziert.
„Werden Sie sie morgen gelesen haben?“
„Bist du bereit, für diese Geschichte zu bluten?“
Die Erschrockenheit kehrte zurück.
„Ich meine: bist du bereit, dich wundzuarbeiten?“
Der Schreck wollte nicht weichen.
„Willkommen im richtigen Leben!“ sagte der Mann und stand auf. Über den Schreibtisch hielt er ihr seine Hand entgegen. „Ich melde mich bei dir, wenn ich soweit bin.“
Das Mädchen erhob sich ebenfalls, ergriff die ausgestreckte Hand. Damit war es entlassen.
Der Name des Mädchens, das sich erdreistet hatte, bei die-sem wichtigen Mann einen Termin zu erschleichen, war Perdita. Sie mochte diesen Mann nicht, nicht nach dieser herablassenden Verabschiedung. Aber um ihrer Erzählung willen würde sie ihn wohl mögen müssen.

Eine Ankunft, die in eine bewegte Zeit fällt

Perdita war immer pünktlich. Besonders pünktlich, wenn sie einen Termin mit Tante Helen vereinbart hatte. Tante Helen, die Schwester von Perditas Vater, lebte allein mit zwei Katzen, denen sie die Namen Nofretete und Ramses gegeben hatte. Tante Helen hatte ein schillerndes Leben hinter sich, sagten die Eltern, und auch die beiden jünge-ren Brüder sagten das. Sie wiegten dazu die Köpfe. Es klang bewundernd, aber Perdita war nicht sicher, ob sie das auch so meinten. Da waren Anzeichen. die gegen eine Bewunderung sprachen, so zum Beispiel die Tatsache, dass Tante Helen seit langem zu keinem Familienfest erschien, aber immer Thema war.
Tante Helen hatte studiert, was aber nicht hieß, dass sie damit in ihrem Leben viel Geld verdient hätte. Entweder hatte sie einfach nicht das Richtige studiert, oder sie hatte nichts daraus gemacht oder sie hatte es nicht anders gewollt. Dass Perdita den Kontakt zu ihr suchte, wurde von der Familie nicht gern gesehen, aber geduldet. Sie erhofften sich von dem Kontakt offenbar, dass Tante Helens Beispiel Perdita davon überzeugen würde, einen anständigen Beruf zu erlernen.
Nofretete und Ramses saßen an der Tür – rechtfertigen damit den ägyptischen Ursprung ihrer Namen – wie in schwarze Bronze gegossene Bastets. Perdita erweckte sie zu Leben, indem sie ihnen über die Rücken strich, woraufhin diese sich in den Druck ihrer Hand hinein wölbten. Die Katzen sprangen ihr voraus ins Wohnzimmer.
„Sie machen das mit voller Absicht“, kommentierte Perdita die Statuenpose, “was hast du ihnen über die Pharaonen erzählt?“ Sie vergaß die Begrüßung darüber. Tante Helen lachte. „Ich fürchte, sie nehmen sich nachts die Bücher heraus und suchen selbst danach.“
„Willst du ein Glas Wasser?“ Perditas Blick auf den Tisch neben Tante Helen hatte ergeben, dass ihr Glas leer war. Tante Helen legte den Kopf schief, überlegte und sagte dann: „Ja, das wäre gut. Wenn wir gleich anfangen, brauchen wir vermutlich viel zu trinken. Nimm dir auch eins.“
Nachdem Perdita eine neue Flasche Wasser gebracht, ihren Block aus der Tasche gezogen und auf den Tisch gelegt hatte, fing Tante Helen an.

Bis jetzt habe ich dir von meinen nicht ganz unwichtigen Träumen erzählt, und habe eigentlich von hinten angefangen. Die Geschichte beginnt in Persien im Jahr 1925. Nein, falsch. Ich muss doch noch ein wenig weiter in die Geschichte des Landes Persien zurückgehen, sonst versteht man die Zusammenhänge nicht. Zurück bis 1907. – Seit mehreren Generationen stellten die Qadscharen die Regenten in Persien. Schah Mohammad Ali regierte von 1907 bis 1909. Unglücklicherweise machte er jene Reformen, die sein Vater zuvor auf den Weg gebracht hatte, über den Kopf des Volkes und vor allem über das Parlament hinweg rückgängig. Damit du ein Bild davon hast: die Monarchie war seit einem Jahr eine konstitutionelle Monarchie, Schah Mohammad Ali wollte die vorherige Form der absolutistischen Monarchie wiederherstellen. In den konservativen Geistlichen fand er Unterstützung, denn die Geistlichen waren von der Idee eines Staates nach westlichem Vorbild – einem Nationalstaat – alles andere als begeistert.
Schah Mohammad Ali brauchte Geld. Er handelte mit Russland und England ein Darlehen von fast 500.000 Pfund aus. Er plante, es über Steuereinnahmen und Zollabgaben zurückzuzahlen. Sowohl das eine wie das andere würde natürlich die Bevölkerung Persiens leisten müssen. Weil Steuern und Abgaben in die falschen Hände gerieten, plante das Parlament die Einrichtung einer Nationalbank, die die Einnahmen verwalten sollte, damit sich das Land nicht immer weiter verschuldete. Der Schah wurde dazu gebracht, den Leiter der Zollverwaltung, der bis dahin die Dienste der Zolleinnahmen wahrgenommen hatte, zu ent-lassen. Diese Handhabe gefiel der Bevölkerung sehr, was in Anbetracht der Geschichte Persiens nicht unwesentlich ist.
Aber nicht in Persien wurde über Persien entschieden, sondern 1907 in St. Petersburg. Großbritannien und Russland hatten Interessen in Zentralasien. Damit jede der Mächte ihre eigenen Interessen wahren konnte, und damit es eine klare Abgrenzung der Interessensphären gebe, teilten sie Persien über die Köpfe des Parlaments und der Bevölkerung hinweg in eine britische, eine russische und eine neutrale Zone auf. Das Parlament protestierte, woraufhin Schah Mohammad Ali es – mit Russlands Rücken-deckung – auflöste. Der Premierminister und die Anhänger der konstitutionellen Bewegung wurden verhaftet. Danach kam es zu mehreren Aufständen, und auch zu Attentaten auf Mohammad Ali Schah. Das Ende vom Lied war, dass der Schah im August 1909 ins Exil nach Russland floh.
Seinen Platz nahm sein erst 12-jähriger Sohn Ahmad ein (ein Regent wurde eingesetzt); 1914 – vor seiner Volljährigkeit mit 18 – wurde er gekrönt. Grund für die vorzeitige Krönung war u.a. der Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Europa. Persien erklärte seine Neutralität. Obwohl die Erklärung von den Botschaftern Großbritanniens und Russlands zur Kenntnis genommen wurde, beachtete weder der eine noch der andere sie. Beide Großmächte und die Türkei stationierten ihre Truppen in Persien, das als Staat keinerlei Souveränität hatte, und aufgrund seiner zentralen Lage ein strategisch wichtiges Gebiet war. Natürlich wussten sie, dass es sie militärisch nicht angreifen und vertreiben konnte. Es gab keine persische Armee.
Nach dem Ersten Weltkrieg orientierte sich der inzwischen 21-jährige Ahmad Schah nach Großbritannien. Er legte sein Geld dort an, begann an der Börse zu spekulieren. Ihm ging es im Wesentlichen um sein eigenes Wohlergehen. Die britische Außenpolitik – das zaristische Russland gab es nicht mehr, die Machtverhältnisse hatten sich geändert, der Vertrag von St. Petersburg war hinfällig – wollte mit Persien ein neues Abkommen abschließen. Ein neuer Vertrag mit Persien sollte den wirtschaftlichen und politischen Einfluss Großbritanniens in der Region sichern. Es kam nicht zur Ratifizierung. Im Spiel waren Bestechung und Erpressung von Abgeordneten des persischen Parlaments, die jedoch aufflogen. 1920 verlief das vorbereitete Abkommen ergebnislos im Sande.
Schließlich entsandte die britische Regierung im November 1920 einen General nach Persien. Man war nun doch zu dem Schluss gekommen, dass dieses Persien, im Spannungsfeld der politischen Mächte und ein geographischer Schnittpunkt, eine stabilisierende Armee bräuchte. General Ironside als Oberbefehlshaber über die britischen Truppen in Persien trat an, die von britischen und russischen Offizieren befehligten persischen Streitkräfte zu vereinen und unter britisches Kommando zu stellen.
1920 und 1921 waren von großer Unbeständigkeit geprägt: alles Staatsgeld war aufgebraucht, das Land hatte seine Staatsgewalt abgegeben, Teheran wurde unter Kriegsrecht gestellt. Nach dem Aufstand der Kurden in Südostanatolien Anfang 1925 drängten dort die geistigen Führer darauf, zum Sultanat und zum Kalifat zurückzukehren. In der Region standen die Zeichen auf Putsch. Erstmals in dieser Zeit wird ein einfacher Soldat, ein Oberst namens Reza Khan erwähnt. Er wurde bald zum Stadtkommandanten, dann zum Kommandanten der Kosaken und noch später zum Verteidigungs-, dann zum Premierminister ernannt. Am 6.12.1925 wurde Reza Khan vom Parlament als Staatsoberhaupt eingesetzt. Am 15.12. leistete er seinen Eid und war von da an Schah Reza Pahlevi. – Ahmad Schah war nach Frankreich ins Exil geflohen.
Während in Persien Unruhen, Revolten und Machtkämpfe, bei deren Eskalation Großbritannien und Russland keine geringe Rolle spielten, tobten, gab es in Deutschland erst einen Wirtschaftsaufschwung, dann eine Inflation. Sieben Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges schlossen Frank-reich und Deutschland einen Friedenspakt. Aus Deutschland reiste am Ende des Jahres 1925 über die Türkei und Aserbeidschan ein junger Mann nach Teheran. Sein Ankunftstag war der 15.12.1925, ein Dienstag.

„Muss ich all diese politischen Dinge wissen, wenn ich eine Geschichte schreibe?“ fragte Perdita und konnte sich schon gar nicht mehr konzentrieren. Wachsende Ungeduld machte sie unwirsch. Sie hatte sich noch nie, nie, für Geschichte interessiert, und Zahlen konnte sie sich überhaupt nicht merken. „Und kannst du die Geschichte nicht doch woanders spielen lassen?
„Nein, das kann ich nicht. Gerade weil sie dort spielt, erzähle ich sie ja! Und die Hintergründe sind deshalb wichtig, weil man nur vor ihrem Hintergrund versteht, warum die Leute dort tun, was und wie sie es tun. Keiner kann die Beweggründe der Beteiligten verstehen, wenn er nicht weiß, in welchen Umständen sie handeln und leben. Nicht umsonst ist außerdem“ – und dabei lachte die alte Dame und zog ihr Tuch enger um die Schultern, „das Wort ‚Geschichte‘ doppeldeutig!“
„Ich dachte nicht, dass du mir so trockene Fakten erzählen wirst“, sagte Perdita, nach wie vor unzufrieden.
„Vielleicht war ich ein wenig ausführlich, immerhin kannst du das alles nachschlagen. Ich versuche von jetzt an, sie so kurz wie möglich zu halten. Diese Beschreibungen von Machtverhältnissen, Einmischungen, Repressalien und Gewalt durchziehen die persische Geschichte, aber ja nicht nur sie. – Die Iraner sind Schiiten, und die Muslime in den Ländern rundherum gehören der Sunna an. Auch das muss man wissen, und man muss wissen, dass den Iranern der Islam oktroyiert wurde – damals in den Jahren 700-1100 nach Christus, unserer Zeitrechnung, aus dieser Zeit stammt ihre – wie man es lesen kann – ihre ganz eigene Art, mit Eroberung und Besetzung umzugehen.“
„Ich sehe schon. Da haben wir aber viele Sitzungen vor uns. Du wirst mir das alles sicher mehrmals erklären müssen.“
„Tue ich, tue ich“, sagte Tante Helen und streckte ihre Hand aus, um Perdita auf den Arm zu klopfen. „Lass uns weitermachen. Wenn du Fragen hast, unterbrich mich.“

Die Familie, bei der dieser junge Mann also ankam, war eine Qadscharen-Familie. Seyyed Hossein Ali Khan al Haschemis Vater war unter Schah Mohammad Ali politisch einflussreich gewesen, und aufgrund dieses vormaligen Einflusses erhielt die Familie Pensionen, die ihnen ein recht gutes Überleben sicherten. Allerdings war fraglich, ob es unter dem neuen Schah so bleiben würde. Seyyed Hossein Ali Khan al Haschemis Familie stand längst auf der roten Liste von Reza Schah, wie alle bestehenden Seilschaften und Gegner des Schah, und Qadscharen waren Gegner und Oppositionelle.
Reza Schah annektierte nach und nach die Besitztümer von Anhängern der alten Monarchie, und die Besitztümer Seyyed Hossein Ali Khan al Haschemis in Rascht und Schiraz hatte der neue Schah bereits fest im Auge.
Seyyed Hossein Ali Khan al Haschemi hatte fünf Frauen und zahlreiche Kinder. Die fünf älteren Söhne lebten mit ihren Familien in eigenen Palästen. Die jüngeren Kinder der jüngeren Frauen lebten im Stadthaus von Teheran, darunter zwei Söhne, die etwa im Alter von unserem jun-gen Mann waren, drei Söhne, die kurz vor dem Schulab-schluss standen und sechs Töchter.
Der Vater des jungen Mannes, der gegen Mittag im Haus von Seyyed Hossein Ali Khan al Haschemi eintraf, war Diplomat eines Landes, das hier nichts weiter zur Sache tut. Er hatte einen Ruf zu verlieren, und sein Sohn war dabei, diesen zu ruinieren. Der Grund für den Aufenthalt in Teheran war also nicht etwa ein Urlaub, sondern eine Strafversetzung. Der junge Mann sprach kein einziges Wort Persisch.

„Hattest du Heimweh, als du im Iran warst?“
„Was ist denn Heimweh? Hast du dich das schon einmal gefragt?“
„Ich habe noch nie darüber nachgedacht.“
„Wenn du etwas immer um dich hast, nimmst du es nicht wahr. Es ist für dich ganz selbstverständlich. Aber wenn du in eine Umgebung kommst, in der das Gewohnte fehlt, sogar durch völlig Unbekanntes ersetzt ist, dann kann das einen Schock hervorrufen. Das Empfinden von Heimweh ist eine Reaktion auf diesen Schock. – Oh ja, ich bekam Heimweh. Ich fühlte mich in den ersten Tagen im Iran von meinem bisherigen Leben abgeschnitten, so, als gäbe es mich nicht mehr. Ich wusste die elementarsten Dinge nicht: darf ich zur Begrüßung die Hand geben oder nicht, darf ich beim Essen sprechen, darf ich den Menschen in die Augen blicken… Schmerz ist die eine Seite. Die andere ist: du hast die Chance, etwas wirklich anderes kennenzulernen und dich neu zu entdecken. Und meine wichtige Erkenntnis war: in der Distanz zu dem, wo du her kommst, wirst du zu dem, wo du herkommst.“
„Hm. Du meinst, du wirst zur Deutschen, wenn du nicht in Deutschland bist?“
„Ja, so würde ich sagen: die Wurzeln sind sehr wichtig. Man kann vieles schaffen, wenn man Wurzeln ausgebildet hat, auf die man zurückgreifen kann. Die Herkunft spielt eine große Rolle, und manche sind sich dessen nicht bewusst. Die Herkunft muss übrigens nicht unbedingt ein „Land“ sein – sie kann eine Gruppe Menschen bedeuten, eine Landschaft, eine Weltanschauung…“
„Darüber werde ich nachdenken müssen.“
Perdita kaute an ihrem Bleistift. Die Farbe Türkis kam ihr in den Sinn, Perdita dachte in Farben. In Bildern in leuchtenden Farben. Um diese Farben sehen zu können, hatte sie sogar ihre Brille ablegt, von der sie meinte, dass sie einen Filter zwischen ihre Augen und die Welt schob.

Bondesen hatte die vor- und rückseitig bedruckten A4 Blätter des Mädchens Perdita auf dem Tischchen unter dem Fenster auf den Garten hinaus abgelegt. Die Seiten hatte sie zu Normseiten formatiert. So stand es in seinem „Handbuch für angehende Autoren“: Vergessen Sie die Normseite nicht. Eine Normseite bestand aus 29-30 Zeilen pro Seite und 60 Zeichen je Zeile = maximal 1.800 Zeichen pro Seite, in der Praxis durchschnittlich 1.450 Zeichen. Dass sie sich daran gehalten hatte, besserte seine Laune nicht, denn obwohl sie sein Büro schon vor drei Stunden verlassen hatte, hatte er sich kaum beruhigt. Neben seinem Ärger, den er ja auch sich selbst zu verdanken hatte – wie hatte er sie bis in sein Zimmer vorlassen können! – spürte er Neid. Wie jung sie war! Wie mutig! – Nein, Mut war das nicht. Sie brauchte keinen Mut. Mut brauchte man erst, wenn man alt wurde. Man hatte schmerzhafte Erfahrungen gemacht, und die hatten einem Angst „gemacht“. Gegen diese Angst anzugehen und das Angstmachende zu überwinden – das war Mut. Ohne Angst kein Mut.
Ihm einfach unangekündigt ein Buch zu bringen! Dass er es vielleicht doch nicht schaffen würde, dem Weiterlesen zu widerstehen, wurde ihm im selben Moment klar. Aber nein, an einer Veröffentlichung war Bondesen nicht im Geringsten interessiert.

Der Morgen ließ einen stickigen und heißen Tag erahnen. Der alte Mann saß an seinem Schreibtisch, der vor einem deckenhohen, mit dicken Folianten und alten Büchern vollgestopften Regal, stand. Er war dabei seine Post durchzusehen. Diese frühen Morgenstunden konnten ihm nicht entgehen – er schlief nie länger als bis fünf Uhr – deshalb liebte er sie. Im Halbschlaf der Stadt war er auch heute aus seinem Haus hierher ins Institut geflohen. Das Zimmer ging zur Hinterseite des Hauses auf einen verwilderten Garten hinaus. Eine hohe Mauer versperrte den Blick auf die Nachbarhäuser und in ihre Gärten. Der Arbeitszeit bedingt anschwellende Straßenlärm drang weder durch den Stein noch das Gestrüpp und erreichte ihn nicht.
Den letzten Umschlag hatte er zugeklebt. Er stand auf und schlurfte zu einem halbhohen Regal neben der Tür. Die Dielen knarrten und ihr Knarren ging den Antworten der Echos im hohen Raum voraus.
Das Buch, auf das er abgesehen hatte, lag in Brusthöhe; er musste es mit beiden Hän-den herausziehen. Gelbe Zettel – mindestens vierzig Lesezeichen –, die über die Kanten herausragten, hatte er hineingeklebt. Jedes einzelne mit Anmerkungen in einer eckigen, geizigen Handschrift beschriftet.
Er trug es zum Schreibtisch, setzte sich und schlug ohne Zögern drei bekannte Seiten auf, die er still las. Seine Hand dabei der Taktgeber für seine unhörbare Rezitation.
Drei Stunden saß er in die Gedichte vertieft. Gegen elf Uhr klopfte es an der Tür, und er erhob sich. Er erhob sich immer, wenn jemand an die Tür klopfte.
Frau Hempel steckte den Kopf herein: „Herr Professor, Ihre Studenten sind da.“
Er klappte das Buch zusammen, steckte sich die Aktentasche, die am Tischbein gelehnt hatte, unter den Arm und trug das Buch weihevoll die Treppen hinunter. Dabei nahm er einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen.
Viele Studenten waren nicht gekommen. Genau gesagt waren es fünf Studentinnen. Er bedachte sie unhöflich knurrend mit einem Begrüßungsblick unter fast geschlossenen Lidern hervor und schlurfte ans Tischende.
„Bismillahir-rahmanir-rahim.“ Eins der Mädchen antwortete flüsternd. Es trug ein graues Kopftuch und eine riesige Brille, die sein ganzes Gesicht dominierte.
Die anderen vier blickten ihm irritiert entgegen.
„Meine Damen, wir werden in den kommenden Stunden Ausschnitte aus dem Diwan von Hafis und aus dem Buch der Könige von Ferdousi lesen und interpretieren. Ich hoffe, Sie können genügend Persisch und Türkisch. Am liebsten wäre mir, Sie könnten beides und außerdem Avestisch und Pahlewi, dann könnten Sie sich viele Informationen über das Persien des 12. und 13. Jahrhunderts aus Primärquellen erschließen. Ich erwarte von jeder von Ihnen nach der Lektüre ein Protokoll und für den Scheinerwerb eine Hausarbeit. Sie können sie mir handschriftlich oder getippt einreichen. Sie muss mindestens zwanzig, darf aber nicht mehr als dreißig Seiten umfassen.“
Er hatte das heruntergeleiert, und man hätte meinen können, er spräche nicht Deutsch, sondern irgendeine Maschinensprache, oder vielleicht doch Türkisch oder Persisch.
Als die Mädchen nichts sagten – was hätten sie auch entgegnen können – griff er in seine Tasche und entnahm ihr einen Stapel Blätter. Aus diesem Stapel reichte er jedem willkürlich ein Blatt.
„Sie haben fünf Minuten Zeit, sich den Text anzusehen. Dann lesen Sie ihn mir bitte vor.“ Sie nahmen die Zettel, während er schon zur Tür schlurfte. Vor der einen Spalt offen stehenden Tür blieb er genau fünf Minuten stehen, dann straffte er den Rücken, schnäuzte sich in sein großes Ta-schentuch und trat wieder ein.
„Wer will beginnen?“ schnarrte er. Das Mädchen mit dem Kopftuch meldete sich freiwillig.
„Was lesen Sie uns vor?“
Sie nannte Titel und Autor, und begann zu lesen. Sie las schlecht; sie zerstörte den Jambus und zerhackte die Wörter. Sie hatte Dari, nicht Persisch, gelernt. Er verschloss seine Ohren und wippte gelangweilt mit seinem Stuhl. Das zweite Mädchen las besser. Persisch war ihre Muttersprache, sie sprach akzentfrei, wenn auch umgangssprachlich. Das gefiel ihm.
Die dritte und vierte machten ihre Sache ebenfalls gut, sie hatten bereits an arabisch- und türkischsprachigen Schulen studiert.
Die fünfte saß abseits hinter den anderen. Von seinem Platz aus konnte er sie nicht sehen.
„Agar ān tork-e širāzi be dast ārad del-e ma-rā…“, las sie. Sie las das viel zu trocken. Während sie weiterlas, schloss er die Augen und sah Delbar vor sich. Das war Delbar!
Das Mädchen hatte geendet, er öffnete die Augen und beugte sich vor, um sie in Augenschein zu nehmen. Sie reichte ihm das Blatt zurück. Ihr Blick traf den seinen. Dunkelgraue Augen mit gelben und grünen Flecken darin. Fragende Augen.
„Ich sehe, meine Damen“, räusperte er sich und steckte alle Zettel umständlich wieder ein, „Sie haben keine allzu großen Probleme mit dem Lesen. Wir können also anfangen. Ihre Namen bitte.“
Sie nannten ihre Namen und sagten etwas zu ihrem Studium und zu ihren Zielen. Studenten heutzutage redeten viel und nicht gerade gewählt, fiel ihm auf! Das Mädchen mit den gelb-grün-grauen Augen hieß Susan.

Nach diesen Formalien hielt er seinen Einführungsmonolog über die persischen Dichter Saadi, Ferdousi und Hafis. Man hätte meinen können, er redete zu sich selbst. Wer wirklich hören wollte, was er sagte, musste sehr genau zuhören. Heute machte er es kürzer als sonst. Mit einem abrupten „As-salāmu ʿalaikum wa rahmatu-llah. Ta hafte dige, insch’allah“, ergriff er Aktentasche und Buch und ließ die Studentinnen ohne weiteren Kommentar sitzen.

Ein Professor, der bereits in einer Traumsequenz aufgetaucht war! Gar nicht mal schlecht gemacht. Versprach schon mal was. Er hoffte kurz, dass sie dem auch weiter gerecht würde. Bondesen nahm seinen Rotstift und begann, auf den zwei Seiten erste Anmerkungen zu schreiben. Er konnte nichts gegen seine Natur.
Er nahm sich vor, am Abend seinen Sohn anzurufen und ihn wegen des Mädchens zur Rechenschaft zu ziehen. Perdita, was für ein seltsamer Name.

aus: Hast du Mongolen in Kayseri gesehen, 2015