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PROSA-SCHNIPSEL VII

Sollbruchstellen

„Die Firma war vom Stadtrand ins Zentrum gezogen, und wenn eine ganze Firma umzieht, geht das anders vor sich als bei einem Privatumzug. Mein letzter Umzug lag gerade drei Wochen zurück. So oder so – Umzugszeiten sind schlechte Zeiten, auf einer neuen Arbeitsstelle anzufangen. Umbruch strömt aus allen Winkeln.

Bei diesem hier nicht anders. Überall Kisten und Kartons, Handwerkszeug, Bohrstaub, angesägtes Holz. Vom Foyer aus in verschiedene Richtungen sechs Korridore mit Arbeitsräumen, Teeküchen und Toiletten, gesäumt von Stühlen, Tischen, Computermonitoren, auseinandergebauten Schränken und Regalen ab. Holz, überall Holzgeruch. Junge Leute liefen mit oder ohne Kartons mehr oder weniger schnell hin und her. Andere saßen in Großräumen an bereits aufgebauten Rechnern, hinter Stellwänden verbarrikadiert.

Ein junges Mädchen aus dem HR-Büro, mit schwarzgefärbten Haaren und lila-rot-farbenem Lidschatten, lief mit mir die Räume ab. Außer ihr hatte irgendwie niemand Zeit und Beachtung für mich. „Das ist die Hauptküche!“ Kartons in den Ecken, an den Wänden und auf der Fensterbank der Küche. Mittendrin die kleine Frau, verschwitzt und im Schimpfen innehaltend. Wir nickten uns zu. Atemlos schon im Weitergehen: „Und gleich nebenan ist dein Büro.“ Mein Büro, zum Innenhof, zwei große Fenster. Endlich mal ein Büro mit Tageslicht! Wenn man eines mit Tageslicht zugewiesen bekommt, dann heißt das immerhin, dass man nicht ganz unwichtig ist. Im dunklen Innern sitzen nur die Drohnen, die ihren Zweck schon erfüllt haben.

„Stellen Sie sich gut mit den Handwerkern, Hausmeistern und Putzfrauen“, hatte der erste Chef meines Lebens gesagt, und es jahrelang mit Frau Holz so gehandhabt. Er hielt jeden Freitag ein ausgiebiges Schwätzchen mit ihr, schenkte ihr zum Geburtstag Blumen und lud sie und ihren Mann zu Weihnachten in ein Konzert ihrer Wahl ein. Sie kam, wenn er sie brauchte, sogar sonntags.

Von ihm hatte ich gelernt, mit den einfachen Bediensteten und Schreibaushilfen umzugehen. Seitdem habe ich ein Händchen für hungrige Seelen, die viel mehr verstehen, als sie sich selbst zutrauen. Bald kennen sie meinen Namen, bald darauf bin ich ihnen vertraut. Sie bieten mir das Du an, erzählen mir von privaten Vorkommnissen, bedanken sich mit kleinen Aufmerksamkeiten.

Zwei Wochen dauerte es, bis ich wusste, woran ich mit der Firma war. Die Putzfrau kam jeden Tag, brachte die Küche auf Vordermann sowie die Toiletten und die Arbeitsplätze der Jungs. „Die Jungs haben keine Manieren“, sagte sie bei jeder sich ergebenden Gelegenheit. Ungelenk sagte sie das mit einem verlegenen Kussmund. „Ich könnt ihnen die Ohren langziehen.“ Die Jungs waren die Programmierer und Web-Designer, die vor ihren Monitoren hockten und Figuren und Szenen für ein neues Kriegsspiel entwarfen. Ich mochte sie. Natürlich waren ein paar Spinner dabei. Solche, die mit niemandem reden konnten, ohne dass sie an ihm vorbei an die Decke guckten oder ihre Füße verdrehten.

Während ich meinen Salat auf einen Teller füllte, klapperte sie schmutzige Tassen in den Geschirrspüler. „Ich hab eine Beobachtung gemacht…“ Sie verstummte, als ein paar Jungs in die Küche geschlurft kamen. Ich maß ihrem Satz keine weitere Bedeutung zu.

In der darauffolgenden Woche brachte sie mir ein Blümchen mit einem Marienkäfer darauf mit. Das Blümchen aus Holz steckte auf einer Feder und wippte, wenn man es antickte. „Du schaust immer so ernst drein“, kommentierte sie. Da hätte sie das für mich gekauft. Außerdem hätte sie festgestellt, dass wir den gleichen Vornamen teilten. Sie stellte einen Teller vor mich, legte Löffel und Gabel zurecht, wischte sich die Hände am Handtuch ab und stemmte sie in die Hüften.

„Wir haben ein Bett geerbt.“ Ich löffelte meinen Salat aus der Box auf den bereitgestellten Teller. Man kann sich diese Salate im Supermarkt nebenan selbst einfüllen, die sind wirklich ihren Preis wert. Für den Preis kann man zuhause keinen Salat für eine Person machen. Ich fischte meine Salatdressingflasche aus dem Kühlschrank. – „Es ist das Bett von meiner Tante… Sie ist aber nicht drin gestorben.“ Ich verlor weder die Geduld noch verließ ich die Küche. Nebenan klingelte mein Telefon.

„Wir haben es jetzt sechs Monate. Seitdem wir es haben, geht es mir gut wie nie vorher.“ Ihr Blick hing an meinen Fingern. Ich leckte sie gerade ab und sie grinste. „Mache ich auch immer.“ Ich nahm ein Papierküchentuch.

„Dann ist es sicher ein ergonomisch-modernes Bett“, sagte ich. Mein Salat lächelte.

„Eben nicht. Es ist total alt. Aus den 40er Jahren, Massivholz, Mahagoni. Mit einem hohen Kopf- und einem hohen Fußende. Jemand hat es überlackiert, es leuchtet purpurn, wenn Licht drauf fällt. Wenn ich auf dem Bettrand sitze, reichen meine Füße nicht an den Boden. Eine neue Matratze haben wir gekauft. Aber es nicht die Matratze. Es ist das Bett, das mir guttut.“

„Dann hat sich die Erbschaft gelohnt, oder?“ Wenn wir den gleichen Vornamen hatten, musste sie eine sein, die Geschichten und Sachverhalte von hinten aufrollte, mit dem Unwichtigen anfing und sich zum Wichtigen durcharbeitete. Sie nagte an der Unterlippe. Dieses Mal kamen keine Jungs herein.

„Die Großmutter hat es ihrer ältesten Tochter vererbt. Das war meine Tante. Und jetzt ist es bei mir. Die Tante ist sehr alt geworden – die Großmutter auch. Die ist auch nicht im Bett gestorben. Tante und Großmutter sind an ihrem Todestag aufgestanden und vor dem Bett umgekippt.“ Ich stippte Weißbrot in die Salatsauce und bugsierte es in den Mund. Im Salat war ein Stück Tomate. Ich mag den Geschmack von Tomaten nicht. Sie wecken Assoziationen, denen ich vor Jahren auf den Grund gegangen bin, dessen Geschichte ich dann aber wieder vergessen habe.

„Großmutter und Tante waren nie ernsthaft krank. Beide hatten zwei Töchter. Wie viele Kinder hast du?“

„Zwei.“ Ich stand auf und wollte den Teller in die Spülmaschine räumen. Sie nahm ihn mir aus der Hand.

„Ich hab auch zwei Töchter.“ Sie wartete nicht ab, ob ich vielleicht noch mehr sagen wollte. „Behandelst du beide Kinder gleich?“

„Sie sind sehr verschieden, da kann ich sie beim besten Willen nicht gleich behandeln. Aber ich denke, jeder kommt zu seinem Recht.“

„Das Bett ist ein gutes Bett“, seufzte sie, beendete damit die Schilderung ihrer Beobachtung. Sie drückte die Klappe der Spülmaschine zu, nachdem sie auch mein Besteck hineingesteckt hatte. Dann schaltete sie sie an. Ihr Handy auf der Edelstahlspüle summte und rutschte vibrierend ins Becken. Es war kein Wasser drin.

Während sie telefonierte, kamen unsere drei Andrejs herein, nahmen sich lärmend einen Kaffee und setzten sich zu mir. Über den Kopf von Andrej1 hinweg sah ich sie auf das Blümchen zeigen, winken und telefonierend aus der Küche gehen.

Ich hatte noch einiges zu tun und blieb länger. Die Rechner werden über Nacht nie ausgeschaltet. In der Abwesenheit von menschlichen Stimmen verstärkt sich ihr Geräusch zum Surren unsichtbarer Insekten. Abgesehen davon ist es dunkel, und das ist beruhigend. Ich konnte mich konzentrieren und hatte in drei Stunden mehr geschafft als am ganzen Tag.

Auf dem Nachhauseweg kam mir ihr Bett wieder in den Sinn. Mahagoni! Edles Holz, aber nichts gegen das Kirschholz meiner geliebten ersten Klappcouch. Das Holz von Kirschbäumen ist an sich feinporig, die Gefäße vom Frühholz dagegen vergrößert. Am Stamm sind die Jahresringe deutlich zu erkennen, sie sind feine Zeichnung des Holzes verantwortlich. Das ergibt feine Möbel. Allerdings ist Kirschholz nicht sehr witterungsbeständig und wenn es mit Eisen oder Kupfer oder Messing in Berührung kommt, verfärbt es sich. Ich hatte das nicht mit meiner Couch erlebt, aber später bei Kirschbaummöbeln von Freunden gesehen. Manche Menschen gingen mit ihren Möbeln wirklich fahrlässig um.

Am Montag darauf fragte ich sie ohne jedwede Absicht nach ihrem Bett. – Die Kisten vom Umzug waren inzwischen verschwunden, in der Lounge minimale Spuren von Improvisation eingefroren. Sie arbeitete inzwischen für drei Stunden an drei Arbeitstagen – dass wir uns über den Weg liefen, kam deshalb seltener vor.

„Zu seinem Bett hat man doch eine besondere Beziehung, oder? – Ich sag dir, ich erinnere mich auf einmal an Dinge, die ich längst vergessen hatte! Und dann sind da Träume, die gar nicht von mir sind, da bin ich ganz sicher. Kennst du sowas auch?“  Ich ermutigte sie nicht zum Weitersprechen, aber sie tat es trotzdem. „Aber es ist das erste Bett, in dem ich mich so richtig wohl fühle – und ich hab in vielen Betten geschlafen!“ – Ich musste weiter, im Weggehen rief ich: „Es gibt auch ganz andere Betten!“ Wenn der Satz eine Wirkung auf sie hatte, dann entging sie mir. Er hatte allerdings eine Wirkung auf mich, und mit der musste ich in den nächsten Stunden leben: mit der Erinnerung an mein Bett.

Im Möbelhaus hatte ich mich sofort verguckt: weiße, glatte, kühle Oberfläche, rundes, festes Holz, matt in Silber glänzende  Füße aus Edelstahl. Silberne Einfassung am Kopfende, ohne Fußende. Es rief mir zu, ich solle es nehmen. Der Tag, an dem es geliefert wurde, war der 4. Januar, und es war das erste von mir selbst ausgesuchte Bett.

Ich schlafe schon länger nicht mehr in einem Bett. Ich habe eine Matratze auf dem Boden liegen, nicht mal auf einem Lattenrost. In Betten schlafe ich nur, wenn ich in Hotels oder bei Freunden bin. Für eine Nacht geht das, zwei Nächte sind auch noch möglich. Hotelbetten können zwei Nächte lang inspirierend sein. Ihre frische Wäsche hilft über den je eigenen Charakter des Bettenholzes hinweg. Mit Betten ist das wie mit Menschen, die völlig anders sind als man selbst: auf Distanz kommt man einigermaßen mit ihnen zurecht, nur zusammenziehen darf man nicht. Bei Freunden ist es gelegentlich anstrengender als im Hotel. Freunde erwarten, dass man ihnen beim Frühstück am nächsten Morgen sagt, wie gut man in ihrem Bett geschlafen habe. Hölzer von Freundesbetten aber sind auf ihre täglichen Schläfer fixiert und nehmen es übel, wenn Fremde ihre Gerüche und Bewegungsmuster über sie legen.

Niemand weiß, dass ich kein Bett habe. Kein Bett zu haben, bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass das Thema für mich damit erledigt wäre. Es langweilt mich aber zunehmend, mich über Betten mit Leuten, die sich nicht so ausgiebig wie ich mit ihnen und besonders mit dem Holz, aus dem sie gemacht sind, beschäftigt haben, zu unterhalten. Ihr Bett jedenfalls interessierte mich wenig, war es doch eines jener total normalen Familienbetten, in dem verschiedene Menschen geschlafen hatten. Diese Frauen hatten wie alle ihre Bett-Geschichten gehabt, doch hören wollte ich die nicht. Dass das Bett guttat – also bitte, das war eine so allgemeine Aussage, dass sie so eigentlich nichts aussagte.

Wochen später wartete sie in der Küche. Mit einem unsauber aufgerissenen braunen Briefumschlag, aus dem sie zehn Fotos fischte. Sie legte immer fünf nebeneinander auf den Tisch.

Die erste Reihe zeigte die Familie der Großmutter. Da blickten auf einem sepia-farbenen Bild aus den Dreißiger Jahren eine nicht mehr ganz junge Frau und ein älterer Mann in Soldatenuniform schlechtgelaunt in die Kamera. Vor ihnen posierten zwei blonde, in Sonntags-Nachmittagskleider gesteckte Mädchen. Auf dem zweiten Bild war die älter gewordene Frau alleine zu sehen, auf dem dritten die beiden Mädchen, etwa im Alter von 15 oder 16 Jahren, auf dem vierten der Familienvater, kränkelnd, mit ausgemergeltem Gesicht. Das fünfte Bild zeigte die Großmutter kurz vor ihrem Tod. Wenn ich Gesichter wie dieses nicht ständig auf der Straße sähe, hätte ich Angst vor ihm bekommen. So aber bestätigte es meinen Verdacht: es muss schwer sein, im Alter nicht verbittert zu werden.

Die zweite Reihe zeigte die Tante, eines der beiden Mädchen der oberen Reihe. Das erste Bild in ähnlicher Konstellation: mit einem Ehemann und zwei Töchtern. Schwarz-weiß-Fotos aus den frühen Sechziger Jahren. Die Tante mit einer jener damals üblichen Frisuren – Außenrolle, halblang, mit viel Haarspray am Hinterkopf hochtoupiert. In ihrem herben Gesicht bereits dasjenige, das es einmal werden sollte, angelegt. Die Tante allein auf einem zweiten Bild, beim Fotografen, in einem strengen Kostüm mit Wespentaille und  weißen, sehr hoch-spitzhackigen Schuhen. Die Cousinen auf dem dritten Foto Backfische mit Zöpfen. Das Foto ein Polaroid, schon verwischt und verblasst. Der Vater auf dem vierten Foto – krank, ach nein. Die Tante sah kurz vor ihrem Tod ihrer Mutter – was die Anordnung und Anzahl der eingegrabenen Falten anging – sehr ähnlich.

„Wie alle normalen Familien hat auch unsere ein kleines Geheimnis.“ Sie wedelte mit der Hand über den Fotos. „Die Bilder zeigen nicht die ganze Geschichte.“ Sie tippte auf die zweiten und die dritten Bilder einer jeden Reihe. „Es gab Zwillinge. Söhne.“ Aha, und die waren gestorben. Ja, bestätigte sie, meinen Gedanken lesend, sie waren kurz nach der Geburt erstickt.

Sie sammelte die Fotos ein, indem sie sie ineinander verschob, sie dann mit den Kanten auf den Tisch klopfte und in den Umschlag zurücksteckte. „Das stimmt so nicht“, sagte sie zu den Fotos, „mit meinen zwei Mädchen.“  Und machte ihren Kussmund. „Unsere Zwillinge sind kurz nach der Geburt gestorben.“

Mit einem trockenen Tuch bearbeitete sie beharrlich den Tisch. Das brachte nichts. Der Kaffeefleck wich nicht. Ich drückte ihr meine Kaffeetasse in die Hand, damit sie etwas zu tun hatte. Aber vielleicht war es mein Schreck und sie war einfach nur dusselig, und ich sah etwas in sie hinein, was da nicht war. Denn sie stellte die Tasse in die Spülmaschine, wischte die Spüle ab und meinte: „Bin ich froh, dass ich dieses Bett habe. Es ist sehr wertvoll, wenn man endlich nachts wieder schlafen kann. Das Bett ist ein Segen.“

Wenn Menschen sich zum Schlafen hinlegen, tun sie das, weil ihre Körper müde sind und regenerieren müssen. Während Menschen schlafen, nimmt die Herzfrequenz ab, der Blutdruck und die Temperatur sinken, die Atmung wird langsamer. Die Ausschüttung von Cortisol verringert sich… Auf einer meiner Entdeckungsreisen durch die Physiologie von Körpern bin ich auf das Cortisol gestoßen und habe begriffen, dass hier ein großer, wesentlicher Unterschied zu Adrenalin vorliegt. Wenn eine momentane Stress-Situation entsteht, schüttet der Körper Adrenalin aus. Dies würde, wenn wir noch in der Savanne lebten, gewährleisten, dass wir fliehen könnten. Der ganz normale Stress eines jeden Tages aber braucht so etwas wie eine Basalrate. Die übernehmen die Nebennierenrinden in den frühen Morgenstunden, indem sie Cortisol produzieren. Die ausgestoßene Dosis reicht für einen ganzen Tag und schützt. Cortisol ist zuständig für die innere Sicherheit. Ich habe mir das so gemerkt: Adrenalin gibt Kraft und Energie, Cortisol Stärke. Wenn jemand über eine länger andauernde Stress-Situation hinweg größere Mengen Cortisol produziert, wird er unemotional. Er reagiert gelassener; das kann günstig sein, wenn er an einem Ort arbeitet, an dem Emotionen nicht, stattdessen rationale Entscheidungen angesagt sind. Zuviel Cortisol und zu lange unter seinem Einfluss hat allerdings ungünstige Auswirkungen. Eine sehr ungünstige, stressbelastete Situation ist, wenn das Bett, in dem man schläft, nicht gut ist. Man tut gut daran, sich ein wirklich gutes Bett anzuschaffen.

Bernie zum Beispiel gibt Unmengen an Geld für Betten, hochwertige Matratzen und wissenschaftlich ausgetüftelte Lattenroste aus. Er kauft seine Betten, legt sich in sie hinein, wälzt sich ruhelos von einer Seite auf die andere, schläft nicht ein und hat damit Stress ohne Ende. Bernie ist ein allgemein misstrauischer Mensch, und sehr empfindsam. Seine Empfindsamkeit bezieht sich dabei auf ihn selbst; ein größeres Verständnis für andere Menschen hat er damit nicht unbedingt. Er gerät immer wieder an Verkäufer, die er nicht durchschaut, obwohl offensichtlich ist, dass sie beim Verkauf eines Bettes ausschließlich ihre Eigeninteressen verfolgen. Sie durchbrechen seine Mauer des Misstrauens und haben leichtes Spiel, ihn zu übervorteilen. Ich habe in zwei von Bernies Betten geschlafen. Zu dieser Zeit konnte ich bereits gut einschätzen, welche Betten für wen taugten und welche nicht. Bernie hat die Tendenz, laute Buchen-Betten zu kaufen. Laute Betten sind wie laute Menschen: sie wollen Aufmerksamkeit und fühlen sich in lauter Umgebung wohl. Sie hören schlecht und das Leise macht sie ärgerlich, weil sie es nicht verstehen.

Nun ist Bernie ein leiser Mensch. Da er hauptsächlich damit beschäftigt ist, in sich hineinzuhorchen, muss es in seiner Umgebung leise zugehen. Holz aber ist grundsätzlich ein nach außen orientierter Charakter – es wächst und strebt nach oben und außen – deshalb dürfte Bernie überhaupt kein Holzbett kaufen. Und wenn schon Holz, dann ganz bestimmt nicht Buche, sondern eher Weide, am besten Bambus. Bambus wächst wie alle Gräser schnell und lautlos, ist widerstandsfähig und anspruchslos. Ein Bambusstamm wird nur einmal in seinem Leben laut, nämlich wenn er brennt. Dann schreit er. – Bernie holt sich nach wie vor seine Ohrfeigen ab.

Mahagoni übrigens ist ein stolzes Holz, und stolze Hölzer machen stolze Betten, die sich so bald nichts anmerken lassen und uneinsichtig jedweder Entwicklung trotzen.

Ich wollte sie gar nicht so gut kennen. Einfache Leute werden schnell distanzlos. Mit dem Du fallen Schranken, und zu allem Überfluss hatten wir auch noch denselben Vornamen! Ich war damit die perfekte, vertraute Fremde, von der man dachte, dass sie nett durchnickte, was man ihr erzählte.

Während mir – von der Sitzung gerade wieder zurück – dies durch den Kopf ging, rief jemand draußen vor der Tür unseren Namen und steckte den Kopf zur Tür herein. In dieser Firma gibt es keine geschlossenen Türen. Die Türen stehen immer offen und jeder kann auf jeden zugreifen. Die Fortsetzung unseres vorhin abgebrochenen Gesprächs ließ sich nicht vermeiden, ich winkte sie herein.

„Die Jungs haben keine Manieren!“ Sie ließ sich in meinen Gästestuhl plumpsen und streckte die Beine aus. Ihre Antipathie gegen die Jungs musste etwas mit ihrer persönlichen Geschichte zu tun haben! War sie über den Tod ihrer Zwillinge überhaupt hinweg? Ich sollte vorsichtig mit ihr umgehen. Schlafende Hunde und so.

„Habe übrigens mal nachgelesen“, log ich, denn ich musste dergleichen nicht nachlesen, „und herausgefunden, dass in Mahagoniholz kaum jemals Holzwürmer sind. Es sind deshalb sichere Betten. Da arbeitet nichts.“

„Meinst du? Also, wenn das Würmer gewesen sind, die ich als Kind in den Betten hab sprechen hören, dann wäre das eine nachträgliche Erleichterung. Ich hab nämlich immer geglaubt, dass da jemand im Holz wohnt. Ich hab mir vorgestellt, dass dort ganz kleine Menschen leben, die ihre eigene Welt haben und niemals ans Tageslicht kommen.“ Sie kicherte. „Aber das ist natürlich nicht so. – Es sind eingesperrte Seelen.“ Ich kannte, was jetzt kam.

„Weißt du, im Schlaf verlässt die Seele hin und wieder den Menschenkörper und schwebt im Raum herum, sitzt oder fliegt für die Dauer des Schlafes ihres Körpers in der Nähe. So auf Freigang, oder so ähnlich.“ Mein Gästestuhl knarrte. Das tut er, wenn man sich in ihm nach vorne lehnt.

„Es kann passieren, dass die Seele das Aufwachen ihres Körpers verpasst. Wenn der Körper erst mal wach ist, kommt sie nicht mehr in ihn hinein. Wenn ihr Körper in ihrer Abwesenheit stirbt, wird die Seele revierlos und geht dann ins Bettenholz. Die Seele von jemandem, der sich umgebracht hat, kehrt zum letzten Bett ihres Körpers zurück. Wenn der Mensch im Bett gestorben ist, bleibt sie im Bett, wenn er sie nicht wirklich losgelassen hat. Man muss beim Sterben nämlich seine Seele ausdrücklich loslassen. In allen drei Fällen warten sie dort. Im Holz fühlen Seelen sich sicher. Sie warten auf einen neuen Körper, der sich ins Bett legt und in den sie schlüpfen kann, während die Person schläft.“

Ja, ich habe derlei Annahmen auch erwogen, als ich begann, mich mit Betten zu beschäftigen. Ich habe sie inzwischen gründlich verworfen. Mir hat die Idee des übermäßigen Seelenverkehrs nicht gefallen: mehrere Seelen kommen da gleichzeitig im Bettenholz zu sitzen oder in einem Menschen zu wohnen. Da kann erhebliches Durcheinander entstehen. Das ist nicht im Sinne unserer Ordnung. Überhaupt –Freiheit und Sicherheit für Seelen? Wozu soll eine Seele das Risiko, einen Körper zu verlassen, eingehen, wenn sie ihn doch so dringend braucht!

Ich sagte nichts von alledem, und ließ sie weiter von Seelen und ihren Wanderungen erzählen. Dabei putzte sie ihre Brille, setzte sie auf, putzte sie noch einmal. An ihrem Hals flammten rote Flecken. Ich ging ans Fenster und ließ die Jalousien herunter. Das Fenster ging nach Osten, die Sonne stand auf der anderen Seite des Gebäudes, die Spiegelfläche der Fenster im Innenhof reflektierte die Strahlen, und machte meinen Monitor blind. Im Halbdunkel und auf dem Weg zurück zum Schreibtisch stolperte ich über den Wassereimer, den sie neben dem Stuhl abgestellt hatte. Er blieb unbeeindruckt stehen. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in der Firma spürte ich das Verlangen, meine Tür ganz fest – und jetzt fest hinter ihr – zu schließen.

„Ob Holzwürmer und Seelen sich gegenseitig sehen?“

„Kaum anzunehmen. Holzwürmer sind so ziemlich die Letzten, die Seelen, und besonders die von Menschen, erkennen würden.“

„Ich frage mich, ob auch neue Betten schon Bewohner haben. Und ob Seelen in Kaufhäuser fliegen und sich dort einnisten, und dann auf die Käufer warten.“

„Es spricht einiges dafür, dass Holzwürmer die Urheber von Irritationen sind. Ob ein Holz anfällig für Würmer ist oder nicht, hängt übrigens mit seiner Beschaffenheit zusammen. Holz mit festem Kern, aber viel weichem Splintholz drumherum ist anfällig für Insekten und Pilze. Wenn ein Pilz im Holz ist, möchte sich das Holz dauernd scheuern. Das Splintholz – also die noch nicht verkernten Jahresringe – sind die Wasserleitung des Baumes. Das Splintholz mancher Bäumen kann man nicht zum Möbelbau verwenden, es ist zu feucht. Da muss man das Kernholz nehmen. Von anderen Bäumen wiederum darf man nur das Splintholz verwenden.“ Ihr Mund war offen stehen geblieben.

„Jedes Holz ist anders. Jedes hat seinen Charakter, den man erkennen kann. Es ist ganz einfach: entweder man hat ein Bett, dessen Holz zu einem passt oder man hat sich im Bett vergriffen. Ist wie mit Männern und Frauen. Und wenn ein Mann und eine Frau nicht zusammenpassen, auch wenn jeder für sich ein lieber, guter Mensch ist, dann machen sie sich gegenseitig böse. Deshalb gibt es böse Betten. Neue Betten sind nie böse. Sie sind einfach neutral. Gebrauchte Betten können da ihren Leidensweg gemacht haben.“

 „Du hast aber Ahnung“, sagte sie beeindruckt.

„Versteh mich nicht falsch: Betten und Holz können nicht denken. Spuk ist das nicht. Es ist reine Physiologie und ein wenig Psychologie, aber nichts Übersinnliches.“

„Oh“, machte sie leise.

„Stell dir lieber nicht vor, in deinem Bett säße noch die Seele deiner Großmutter oder die deiner Tante oder deiner Cousins oder der Onkel… drin. Meinst du, es täte dir dann noch gut?“

Sie fingerte nach dem Henkel ihres Putzeimers, ohne mich aus den Augen zu lassen, und stand auf, nachdem sie ihn zu fassen bekommen hatte. Als sie draußen war, schloss ich die Tür hinter ihr.

Zwei Tage später wurde ich krank. Es begann mit den üblichen Bauchschmerzen. Wie mit einem Messer durchstach es mir den Darm, so dass ich mich, wie all die Male zuvor, ohne etwas dagegen tun zu können, krümmen musste. Das Krümmen brachte aber keinerlei Linderung. Ziemlich genau zwei Stunden später konnte ich kein Licht mehr ertragen. Ich ging nach Hause. Zum Arzt ging ich nicht. Ich kannte das schon: in drei Tagen würde alles wieder vorbei sein. Ich musste das keinem Arzt erzählen und brauchte kein Attest.

Zuhause ließ ich die Jalousien herunter, zog die schwarzen Gardinen aller Fenster zu und legte mich hin. Nachdem mein letztes Bett mir diesen enormen Stress bereitet hatte, habe ich nicht nur Holzbetten, sondern jegliches Holz aus meiner Wohnung und aus meiner Nähe verbannt. Ich weiß, es klingt seltsam: ich bin selbst wie Holz, nämlich nachtragend. Mein Rückfall musste an der gedanklichen Beschäftigung mit diesem verdammten Mahagoni-Bett liegen.

In der Verdunkelung der Wohnung stiegen aus dem Keller meiner Vergangenheit Gestalten hoch und ließen sich auf meiner Netzhaut nieder. Auf dem Rücken auf meiner Wolldecke liegend konzentrierte ich mich auf die dunkelblau gestrichene Zimmerdecke. Das hatte bis jetzt immer geholfen. Indigo vermochte alles wegzusaugen. Es war eine Heidenarbeit gewesen, auf der Leiter stehend über Kopf zu streichen. Auf Leitern bin ich nie standfest. Die Streicharbeit war ein Akt nahe am Selbstmordversuch. Vorher hatte ich mich informiert: Indigo schwingt mit einer Wellenlänge von 425 bis 450 Nanometer, wird aus der Indigo-Pflanze gewonnen, und die ist, wie ich mich vergewisserte, kein Baum! Ausschlaggebend für die Wahl von Indigo war letztlich ein praktischer Tatbestand: Indigo kann Elektrosmog entgegenwirken und die Strahlenbelastung senken. Auf meiner Arbeit habe ich ständig an Computern zu tun. Ich hatte durch etliche Baumärkte pilgern müssen, um fündig zu werden. Für eine Dose Wandlasur zahlte ich horrende 50 Euro. Auf Auslegeware in Indigoblau verzichtete ich daraufhin.

Meine Augen beruhigten sich nur langsam, die Bilder auf der Netzhaut kollabierten und verblassten. Zur Behandlung von Iridozyklitis wird Verschiedenes empfohlen, auf das ich – einschließlich einer Rotlichtanwendung – verzichte. Auf Atropin aber nicht. Atropin schlägt –  auch wenn es nur in die Augen geträufelt wird – aufs vegetative Nervensystem. Auf den Parasympathikus. Der wird dann blockiert und ruhiggestellt. Ganz im Sinne meiner inneren Sicherheit.

Auf der dunkelblauen Projektionsfläche schimmerte und lockte mein perlmutternes Bett. Damals hatte ich nicht gewusst, wie hart glatte Flächen sein können, wie grausam. Sie fühlen sich so sanft an. Doch es gibt nichts, woran man sich festhalten kann. Keine Unebenheit, in die man die Finger schlagen, in die man greifen kann, wenn man ins Rutschen kommt. Glatte Flächen sind erbarmungslos – mit Menschen ist es ebenso. Hinter dem Bett erschien das Gesicht eines solchen Menschen. Beide zusammen machen meine Geschichte aus, die erst endete, nachdem ich das Bett zersägt hatte.

Dieses Mal dauerte es sehr lange, bis ich einschlief,  das war nicht angenehm. Dann aber schlief ich, bis es an der Tür klingelte. Das war am dritten Tag. Besuch war mir gar nicht recht. Nach diesem recht schlimmen Rückfall würde ich noch einen vierten Tag brauchen! Vor der Tür hing in Augenhöhe ein Blumenstrauß, dahinter ihr blonder Wuschelkopf, darunter besorgte Augen. „Ich muss doch mal nach dir gucken“, sagte sie. Kussmund. Ein Unding, dass sie ihr meine Adresse gegeben hatten. Das ging zu weit!

Ich winkte sie herein und sah ihre Augen groß werden, als sie an mir vorbeiging. „Ich wäre morgen wieder in die Firma gekommen. Es waren doch nur drei Tage, da muss sich niemand Sorgen machen…“ – „Drei Tage?“ Ihre Augenbrauen waren zwei verlorene Striche weit über den Augen. „Das waren drei Wochen, meine Liebe.“ Sie schnupperte und kräuselte die Nase. „Ein bisschen Lüften täte nicht schlecht.“

Wir standen in meiner verdunkelten Küche. Sie suchte mit zusammengekniffenen Augen eine Vase, fand keine und legte den Strauß in der Spüle ab.

„Das ist ja höchste Zeit, dass jemand nach dir sieht“, sagte sie streng mit dem Blick ihrer Großmutter. Ich wollte auf meine Matratze zurück, und sie sollte gehen. Ich hatte keine Lust auf einen Schwatz. Ich hatte sie nicht eingeladen.

„Ich hab bei der Firma gekündigt.“ Sie rückte sich einen meiner schwarzen Stühle zurecht, auf dem sie sogleich Platz nehmen würde, und ich würde nichts dagegen tun können.

„Hab das da mit den Jungs nicht mehr ausgehalten. Dauernd musste ich ihren Dreck wegmachen, hinter ihnen herräumen, und sie haben immer nur geheult und gekreint und gewollt, dass sich wer um sie kümmert.“ Ich hielt mich mit vorletzter Kraft am Schrank fest, um nicht umzufallen. Dieses Mal hatte ich mich gründlich in der Dosis verschätzt.

„Ich hab keine Zeit und auch keine Energie für deine Geschichten. Jetzt hast du gesehen, wie es mir geht. Danke für die Blumen, ich werde sie gleich in eine Vase stecken. Wie du siehst, habe ich nichts zu essen, und einen Kaffee kann ich dir auch nicht anbieten.“

Sie inspizierte die Küche. Mein Blick folgte ihrem. Der Mülleimer quoll über von Dosen, Verpackungen und Plastikzeugs von den Portionen, die ich gegessen haben musste. Neben der Spüle lagen etliche braun geränderte, schimmelnde Filtertüten mit Kaffee drin. Auf dem Tisch standen mindestens zehn ungespülte Tassen mit Spuren von eingetrocknetem Kaffee oder Tee. Sie blickte angewidert, machte jedoch keine Anstalten, aufzustehen. Ihre blonden Haare brachten schummriges Eigenlicht in die Küche.

Ich setzte mich. Es blieb eine Weile ruhig, während sie ihre Fußspitzen betrachtete.

„Meine Tante hat mir einiges erzählt“, begann sie. Gleichzeitig ergriffen ihre Hände zwei Kaffeetassen und rückten sie zusammen. Mit zwei weiteren tat sie das gleiche. Das machte sie solange, bis alle verstreuten Kaffeetassen beieinanderstanden.

 „Deine Tante ist doch tot“, erinnerte ich sie.

„Ja“, sagte sie tonlos. „Das weiß ich. Sie hat mit mir gesprochen. Du erinnerst dich: die Seelen, das Bett, die Wartenden.“

„Was hat sie denn erzählt?“ Sie war traumatisiert, soviel war klar. Und ich sollte sie nicht zu hart anpacken, denn ich würde etwaige Probleme in meinem körperlichen Zustand nicht auffangen können. Mein Handy lag auf der Anrichte.

„Eines Morgens war sie da. Ich spürte sie in mir, und da erklärte sie es mir auch schon. Sie meinte, ich müsste ihr helfen.“

„Hat es was mit den Jungs zu tun?“

„Die Jungs, ihre Jungs waren krank geworden. Hatten die ganze Zeit geschrien. Zwei auf einmal. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Mein Onkel hatte ihr gesagt, dass man mit über 45 keine Kinder mehr haben soll, aber sie hatte nicht gehört. Und die Jungs waren nicht gesund. Und dann gleich zwei.“

Nein, das wollte ich nicht hören. Das war krank. Eine verstorbene Tante, die in den Körper der Nichte schlüpft, und ihr beichtet. Würde sie ihr beichten, dass sie die Jungen umgebracht hatte?

„An einem Morgen Anfang Juli hat sie sie gebadet, sauber angezogen, gefüttert, ein wenig mit ihnen gespielt, und dann …“

„Hat man das nie herausbekommen?“ – “Niemand hat danach gesucht. Alle waren froh, dass die Sache mit den Jungs sich so sauber erledigt hatte.“

„Sauber?“

Sie zitterte und brachte den Stuhl zum Klappern und die Tassen zum Wackeln. Der Tisch hielt stand. Wenn ich Polizistin gewesen wäre, hätte ich mich jetzt in den Fall, der es im Begriff war zu werden, hineingekniet. Aber ich war keine Polizistin, und Seelenwanderungen interessierten mich nicht. Es gibt sie schlichtweg nicht! Und mit etwas, das es nicht gibt, gebe ich mich nicht ab. Und außerdem – verjährte Fälle von Kindesmord. Ach du je…

„Ich will doch nicht schon wieder ein neues Bett. Wir haben das Geld gar nicht! Die Erbschaft kam doch gelegen. Aber du hattest recht, es ist ein böses Bett. Es flüstert böse Sachen, durch die Seelen, die darin sitzen.“ 

„Ist die Großmutter auch aufgetaucht?“ fragte ich meinem Desinteresse zum Trotz und griff mit einer schnellen Bewegung nach dem Handy, ließ es in die Tasche meiner Jogginghose gleiten. Ich würde es schnell herausfischen können, für den Fall, dass sie ausrastete.

„Ja, als meine Tante schlief. Da kam sie in meinen Traum. Man könnte doch Kinder nicht einfach ersticken, und dann so tun, als wäre man davon selbst überrascht. Sie jammerte. Es wäre Nachkriegszeit gewesen, sie hätten nichts zu essen gehabt. Sie wär schwanger geworden auf seinem letzten Urlaub, und er wär spät aus der Gefangenschaft gekommen. Da waren die Jungs ein oder anderthalb Jahre alt. Der Großvater hätte die fixe Idee gehabt, es wären nicht seine Jungs und sie hatte handeln müssen, denn es wäre die ganze Familie daran kaputtgegangen.“

„Wie?“ Sie verstand nicht, was ich meinte, saß mit bebenden Schultern vor mir, schluchzte, hielt ihr Gesicht; ihr Körper bettelte um Freispruch.

„Wie? – Und du? – Du magst keine Jungen, keine, die keine Manieren haben, die schreien und nach der Mutter rufen. Du magst nicht, wenn sie deine Arbeit nicht sehen und ständig Berge von Abwasch produzieren, oder die Toiletten verschmutzen und Popel an die Decke schmieren und Dinge nicht wegräumen.“

„Warum sprichst du so mit mir?“

„Du erzählst doch nicht die Fälle deiner Großmutter oder deiner Tante. Du erzählst mir deine eigene Geschichte. Was hast du mit deinen Zwillingen gemacht?“

Der Schein ihrer Haare erlosch und ich konnte ihr Gesicht nicht mehr erkennen. In der Tasche konnte ich das Handy spüren. Erst würde ich die grüne Taste drücken, dann die 1 – noch mal die 1 – dann die 2. Besser die Feuerwehr als die Polizei.

„Was haben deine Jungs gemacht, dass sie sterben mussten? Und weiß dein Mann, was du getan hast?“

Sie war in mein Leben gestolpert und hatte mich mit dieser Bettgeschichte belästigt. Sie benutzte mich dazu, ihr die Beichte abzunehmen und ihr Absolution zu geben. Betten mit den Seelen von zwei Frauen, deren Schicksal sie einem Fluch gleich wiederholen musste, ohne eine Wahl gehabt zu haben!? Dahinein wollte ich nicht gezogen werden. Das sollte sie mal schön alleine tragen. Ich habe mein Leben so eingerichtet, dass mich derlei Verwicklungen und Verstrickungen nicht erreichen. Ich habe dafür gesorgt, dass Störungen gar nicht erst auftreten. Und es war mir bis jetzt gelungen. Ich bräuchte nur noch einen Tag!

Sie setzte sich auf, wandte sich mir zu. Inkarnierte Missbilligung.

„Reden wir doch mal über dich! Was ist denn eigentlich mit dir los?“ Frauen meines Vornamens sind nie harmlos, und ich auch nicht. Ich hätte ihr zu gerne den Blick aus dem Gesicht geschlagen. Mein Körper gehorchte nur nicht.

„Versuchst du gerade mir weiszumachen, ich wäre verrückt?“ Ihre Tonlage wechselte von hysterisch zu gehässig: „Guck du lieber dich selbst an.“

Ich sah unwillkürlich an mir herunter, sah eine Jogginghose und ein T-Shirt. Meine Haare hingen bis auf die Schultern. Am Scheitel taten sie mir weh, ungewaschen und beim Schlafen in die falsche Richtung gelegt. Die Empfindung von Schmerz machte mich ärgerlich.

„Du siehst aus wie eine Pennerin. Du hast in die Hose gepinkelt. Es stinkt in der Wohnung.“

„Wie redest du mit mir?! So redest du nicht mit mir.“

Sie äffte mich nach. Dann:

„Ich wette, du hast eine Riesenleiche im Keller. Dein Gerede von Betten, die die Eigenschaften vom Holz haben, aus dem sie gemacht sind! Da hast du aber eine Tür ganz fest zuzuhalten. Ich bin nur eine blöde Putzfrau – ja, und danke, dass du dich mit mir abgibst –, aber so blöd bin ich auch nicht. Deine Tomatenmarotte, das dauernde Gefummele an den Jalousien, die schwarzen und dunkelblauen Klamotten, die du immer trägst, dein elitäres Gehabe… Ja, du kannst ja so gut mit den Jungs.“

Ich vergaß meine Schwäche, langte über den Tisch und griff in ihre Haare. Die waren verfilzt und bretthart. Ich zog ganz fest. So fest habe ich nicht mehr an Haaren gezogen, seit ich mich in der Schule mal mit einem der Mädchen gleichen Vornamens gezofft hatte. Ich zog so fest, dass mein Tisch ihre Nase brach.

„Ich wette“, sagte sie und richtete sich unbeeindruckt auf, „dass du zwei Jungs auf dem Gewissen hast. Wie alt warst du, als du sie geboren hast? Na sag schon. Waren sie gesund? Waren sie vielleicht blöde?“ Ihre Nase blutete.

„Wie hast du sie umgebracht?“

Das Blut rann auf ihre Oberlippe. Sie sog daran, wie Kinder dickflüssigen Rotz in den Mund saugen.

„Und dann hast du geglaubt, du kommst davon, wenn du nur ordentlich nachweist, dass das Bett, in das du dich gelegt hast, böse wurde, weil ihr nicht zusammen gepasst habt? Meinst du, ich hab nicht verstanden, warum du dich so akribisch mit Würmern und Pilzen und Splintholz beschäftigst? Für wie dumm hältst du mich?“

Bei genau diesen Fragen pflege ich das Handy aus der Tasche zu nehmen und es hochzuhalten. Es ist die letzte Möglichkeit, die Schreie, die in meinem Kopf ausbrechen werden, zu ersticken. In dem kurzen Moment zwischen dem Hochheben des Handys und meinem Drücken der drei erforderlichen Tasten, nickten wir uns zu.

Sehen Sie, ich erzähle diese Geschichte nicht zum ersten Mal. Sie glauben mir nicht. Ich sehe es an Ihren Augen. Sie haben nur eine von uns in der Wohnung gefunden, und Sie werden nie wissen, welche von uns beiden Sie gefunden haben. Meine innere Sicherheit ist unzerstörbar.“

 aus: Azraels Erzählungen 2014