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PROSA-SCHNIPSEL V

Nach Hause kommen

Heute Morgen wachte er zum ersten Mal seit langem sensationslos auf. Kein besonderer Traum, dessen er sich hätte entsinnen müssen, weil er ihm etwas bedeuten wollte, griff nach ihm. Keine diffusen Inhalte und keine nebulösen Gestalten, Tote und Untote, oder sein Vater, der unverständliche Erklärungen stammelte. Es bestanden sehr gute Aussichten auf einen Tag, an dem alles einmal glatt laufen würde. Wenn man wie er ständig in einem Wechselbad aus menschlichen Abgründen und deren Abwicklung lebte, lernte man diese seltene Normalität zu schätzen. Heute würde er nicht aus dem Haus gehen müssen, hatte keine Kunden im Terminkalender, und würde sich seinen Dingen widmen können.
Bis zum Mittag hielt diese Leichtigkeit immerhin an. Dann kam der Anruf. Westphal, und die Leichtigkeit des Tages füllte sich unaufhaltsam mit Dämmerung. Westphal schaffte das – auch dieses Mal. So anregend und elektrisierend seine Wirkung auf die Kunden auch war – so erdrückend war sie auf ihn.
Westphal war einer von der Sorte Mensch, die Leuten alles verkaufen konnten, was sie gar nicht brauchten. Er zeigte den Kunden sein Lieblingsangebot – und sie vergaßen sofort, was sie ursprünglich hatten nehmen wollen. Begnadeter Verkäufer. Westphal und er waren ein recht erfolgreiches Team. Trotzdem mochte er Westphal genau wegen dieser Mentalität nicht.
 „Du musst unseren letzten Kunden für heute übernehmen. Ich bin außer Gefecht gesetzt“, krächzte er ins Telefon. Ganz offenkundig krank. Davon abgesehen machte er den Job viel zu gerne und spielte nichts vor.
Der Job bestand darin, Menschen zu helfen. – Ja, so konnte man das nennen. Sie halfen Menschen. Dabei waren sie weder Ärzte noch Sozialarbeiter. In der Jobausschreibung hatte was von Kundenbesuchen gestanden, von Serviceleistungen, die sie zu erbringen hätten und von Geräten und Medikamenten, die sie den Kunden verkauften. Die Firma arbeitete verschwiegen, unauffällig und sauber.
Westphal gab ihm die nötigen Koordinaten, zwei spärliche Eckdaten zum Kunden durch und legte auf. Die Einsatztasche musste er nicht erst packen, sie stand hinter dem Schreibtisch unter dem Fenster immer bereit. Hatte Westphal gesagt, dass es sich um einen Neukunden handelte? Dann wäre es gut, noch die Kataloge einzustecken. Zum Service gehörte ebenfalls, dass sie sich eine Lebensgeschichte, vielleicht sogar eine Lebensbeichte, erzählen lassen mussten, wenn die Kunden das wollten. Er würde sie sich wie immer anhören.

Je näher die Uhrzeit rückte, zu der er das Haus verlassen musste, desto mehr trübte sich seine morgendliche Leichtigkeit zu einer allerschlechtesten Laune ein. Der Kunde erwies sich als Mann mit großporiger Nase und tonnenförmigem Oberkörper. Gerötete Wangen. Zwischen dem Mittel- und dem Zeigefinger seiner linken Hand glomm eine Zigarette, während er mit der rechten kurz und hart die des mageren Vertreters drückte. Der stellte sich vor, wurde daraufhin hereingebeten. Der Kunde machte auf dem Tisch im Wohnzimmer vor einem verstaubten Fernseher eine Ecke frei, indem er die dort liegenden Papiere aufeinanderschob. War ungefähr im selben Alter wie der Vater des Vertreters, wenn er noch gelebt hätte. Der Blick des Vertreters scannte den Stapel Papiere und blieb an Zeitungen hängen, die nicht weit davon entfernt lagen. Sein Vater hatte wochenlang, nein, monatelang Zeitungen gesammelt. Als keine Zeitungen mehr gedruckt wurden, las er jeden Tag eine von den alten, und wenn er am Ende angekommen war, fing er wieder bei der ersten an.

Mehr Ähnlichkeiten konnte er für den Moment nicht feststellen, und er hätte auch nicht mehr verkraftet. Eine unverbindliche Freundlichkeit zu zeigen, kostete ihn jetzt schon alle Überwindung. Der Kunde – Röhl oder Raul oder so ähnlich – bot ihm einen Platz auf dem Sofa an, zog dabei unbeirrt weiter an seiner Zigarette. Alte Generation Männer. Die waren herangewachsen, als bereits bewiesen war, dass Zigaretten schädlich waren. Hatten immerhin noch die Freiheit, sich für oder gegen sie zu entscheiden. Oder besser gesagt: die Freiheit relativierte sich, weil sie nicht aufhören konnten. Sein Vater zum Beispiel. Der hatte immer geraucht. Unerwarteterweise hatte ihn das nicht umgebracht. Er starb bei einem Autounfall. Wurde überfahren. Ein gnädiger, in Anbetracht heutiger Zeiten, beinahe natürlicher Tod. Sie kamen schnell und ohne große Konversation zur Sache. Zuerst griff der Vertreter nach der Krankenakte. Er hatte sich davon zu überzeugen, dass eine Notwendigkeit vorlag. (Notwendigkeit ist die Bezeichnung für eine besondere Art Arztbrief und gleichzeitig die Berechtigung schlechthin.) Ohne die Absicherung mit einer Notwendigkeit wurde die Firma nicht aktiv.
Die Unterlagen waren vollständig. Aus ihnen ging hervor, dass beim Kunden ein chronisches Asthma und ein Zucker und infolgedessen verschiedene Spätschäden vorlagen. Den rechten Unterschenkel hatten sie ihm kurz über dem Knie abgenommen (hatte der Vertreter wegen der gutsitzenden Prothese gar nicht bemerkt!), und er war zu 90% blind. Zu einem Glaukom waren noch Blutungen auf dem Augenhintergrund dazugekommen. Mit all diesen Diagnosen gehörte er in die Kategorie A, was bedeutete, dass ihm nicht mehr zu helfen war. Die Medikation bei Leuten mit dieser Diagnose wurde eingestellt. Ob er starke Schmerzen habe, fragte er den Kunden.
„Machen Sie Witze, junger Mann?“ gab der zurück. „Das Bein, das nicht mehr da ist, zieht und drückt. Ich pfeife auf dem letzten Loch. – Heute geht’s mit der Puste ja ausnahmsweise erstaunlich gut! – Die Augen sind im Arsch. Obwohl ich fast nichts mehr sehe, sticht mich jeder Lichtstrahl. Ich kann nicht raus-gehen, weil ich alle Viertelstunde pissen muss.“ – Jetzt erst, da er das sagte, fiel dem Vertreter der penetrante Altmännergeruch in der Wohnung auf. Und die Hose des Kunden war im Schritt deutlich dick ausgebeult und verformt. Diese billigen Windeln wurden seit neuestem überall verkauft. Wer bessere haben wollte, musste schon einen entsprechenden Höker kennen. Der Vertreter steckte das Papier, das die Firma legitimierte, vorerst in das Krankendossier zurück. Ein Stapel war abgearbeitet. Das verschaffte minimale Erleichterung, kaum wahrnehmbar.
„Haben Sie ein Testament gemacht?“ Überflüssige Frage. Leute wie Röhl – ja, er hieß Röhl – hatten erstens nichts zu vererben und zweitens niemanden, an den sie etwas vererben konnten. Er kämpfte den Brechreiz nieder und sah sich zur Ablenkung im Zimmer um. Es gelang ihm, und er konnte den Kunden wieder ansehen.
„Wollen Sie was trinken?“ Im Wohnzimmer war nichts zu sehen, was einem Getränk nahe kam. Röhl würde in die Küche gehen müssen. Abstand halten, ja, das wäre gut.
„Vielleicht einen Whisky?“ Röhl grinste ins Leere und legte den Kopf schief.
„Ja“, sagte der Vertreter, „trinken würde ich gerne was. Aber haben Sie vielleicht Wasser?“

Während Röhl in der Küche herum rumorte, eine Flasche Wasser aufdrehte, beim Einschenken gegen das Glas stieß, es vom Tisch oder der Anrichte auf den Boden polterte und er es wieder aufhob, sah der Vertreter die Bankauszüge und Versicherungsunterlagen durch. Röhl hatte sich sämtliche Versicherungen auszahlen lassen, auf seinem Konto war von den Rückkaufsummen und Ausschüttungen keine Spur. Nicht zum ersten Mal wurde er sich der Tatsache bewusst, dass er diesen Job nicht mochte. Nie und nimmer wäre er zur Firma gegangen, wenn er nur den Hauch einer Wahl gehabt hätte. Röhl stellte das Glas vor ihn.
„Wie haben Sie sich das gedacht? – Da ist gar kein Geld auf dem Konto. Wie wollen Sie denn den Vorgang bezahlen?“
„Nun machen Sie sich nicht in Hemd, Junge. Natürlich hab ich Geld – bloß nicht auf dem Konto. Sie sollen für mich den verdammten Papierkram abschließen, mehr nicht. Also, das Konto ordnungsgemäß auflösen. Ihr Geld hab ich schon noch!“

Im Beruf musste Röhl ein ungeduldiger Mensch gewesen sein. Einer mit Haaren auf den Zähnen. Der Vertreter machte sich eine Notiz zum Konto. Die Versicherungsunterlagen legte er auf die Krankenakte. Dann machte er in seiner Tabelle ein zweites Kreuz: was Vermögen anging, fiel der Kunde ohne Zweifel in die Kategorie C. Das Glas, aus dem er einen Schluck Wasser nahm, roch nach Eiern. Als er es genauer in Augenschein nahm, sah er an seinem Rand Spuren von Essensresten kleben. Er stellte es ganz weit von sich weg.
„Wohnungsunterlagen? – Mietvertrag, Strom? Wasser?“ – Der Vertreter nahm das nächste Bündel vom Stapel und fand die entsprechenden Unterlagen. Röhl hatte sich in einen abgewetzten Sessel am Fenster gesetzt und hielt den Kopf so gerade in den Raum, als wolle er die Witterung des Vertreters auf keinen Fall verlieren.
„Ich wills so schnell wie möglich geregelt haben. Eigentlich ist es ja egal. Ich könnts auch einfach laufen lassen! Aber ich bin ordentlich, da lass ich mir nichts nachsagen.“
Die Schreiben vom Vermieter hatte er nicht geöffnet, jedenfalls nicht die, die sich zuoberst in dem Bündel befanden. Der Vertreter fragte, ob er sie öffnen dürfe, was Röhl bejahte. Er war mit der Miete ein halbes Jahr in Verzug. Der Vermieter hatte im letzten Brief – von letzter Woche – mit der Räumungsklage gedroht. Da hatte Röhl aber einen geduldigen Vermieter. In Zeiten wie den heutigen gab es genügend ältere und alte Leute, die binnen eines Monats nach Eintreten der Zahlungsunfähigkeit auf die Straße gesetzt wurden. Wenn die mit ihrer Notwendigkeit schließlich bei der Firma auftauchten, kriegten sie schon nichts mehr mit. Röhl war noch nicht ganz so weit. Und das war alles andere als von Vorteil für ihn.

Der Vertreter klebte einen Notizzettel an den Mietvertrag, genau an die Stelle, an der sich die Adresse des Vermieters befand. Der Schaden, der den Vermietern durch die Zahlungsunfähigkeit ihrer Mieter entstand, wurde durch die Entlastung aufgrund der Arbeit der Firma wettgemacht. Sie half der Gesamtbevölkerung, sehr viel Geld und Ressourcen einzusparen. Sie waren die Guten. Dem Vertreter schwindelte. Der Stapel rechts war jetzt abgearbeitet, alles lag auf der linken Seite und war mit Notizzetteln versehen. Jetzt kam der Moment, in dem er in seine Tasche zu langen pflegte, und den Katalog herausfischte. Katalog war übertrieben. Es handelte sich um vier DIN A4-Seiten, die in Farbe ausgedruckt Rücken an Rücken in zwei Klarsichtfolien steckten. Damit sie nicht in der Tasche verloren gingen, waren sie mit einem Geschenkband zusammengebunden. Die Seiten zeigten verschiedene Behältnisse. Von billig bis hin zu sehr teuer, von schlicht bis hin zum königlichen „Romanes“. Der Vertreter legte Röhl die Seiten vor, dann erst fiel ihm ein, dass der vielleicht nichts darauf würde erkennen können. „Soll ich Ihnen vorlesen, was da steht?“ Niemand – wenn er ihn gehört hätte – hätte herausgehört, wie viel Energie ihn die Servilität kostete. Westphal brachte das, rechnete in Währung, und das ohne Sentiment. Am Ende vom Tag musste seine Kasse stimmen. Er bekam auch nie Geschichten zu hören! Aber der Vertreter, er, der gerne auf sie verzichtet hätte, kriegte sie dauernd aufgetischt.
Röhl sah durch ihn hindurch. „Nehmen Sie die dritte von oben gleich auf der ersten Seite. Die ist schon recht“, brummte er ungeduldig. Seine Order wurde notiert, ohne dass der Vertreter den Versuch einer Diskussion unternahm. Zur gewählten Urne gehörte die Verbrennung mit Anzug und Krawatte. Er musterte Röhl – der würde in Anzug schon noch was hermachen – keine Frage. Letztlich aber war es belanglos, welches Modell gewählt wurde! Und der, der da als Asche das Behältnis füllte, hatte sowieso alles hinter sich. Er steckte den Katalog in die Tasche zurück. Sie waren beim letzten Punkt angelangt.
Der Vertreter zog die Notwendigkeit aus dem Krankendossier, wohin er sie zu Anfang gesteckt hatte, hervor und legte sie auf den Tisch.
„Erschießen werde ich mich nicht!“ sagte Röhl. „Ist auch nicht vorgesehen, nicht bei Ihrer Notwendigkeit.“ Der Vertreter hatte natürlich längst überflogen, welche Optionen sie ihm gestatteten. Die Optionen passten immer zu den jeweiligen Krankheiten und zum Charakter der Person. Die unterstützende Kraft der Krankheit nutzen, nannten die Ärzte das. Wenigstens darin gaben sie sich kreative Mühe.
„Ich hab nie was von Waffen gehalten.“
„Wir müssen das nicht jetzt sofort festlegen. Ich komme ohnehin noch einmal, denn ich muss ja die Papiere und die Finanzen erst in Ordnung bringen. Ich brauche aber jetzt Ihre Unterschrift.“ Dann nahm der Vertreter aber doch – Eingebung oder Laune des Schicksals? – von seinen verschiedenen Geräten die drei aus der Tasche, die für Röhl in Frage kamen. Leicht wie ein Schmetterlingsflügel streifte ihn in Erinnerung an den sensationslosen Beginn des Tages die Hoffnung, er würde ohne die Lebensgeschichte davon kommen.

Die Firma warb damit, dass sie ihren Kunden eine letzte Ölung anbot. In früheren Zeiten hatte man sterbenden und bedenklich kranken Menschen mit der Ölung Trost gespendet und sie auf den Tod vorbereitet. Sie hatten eine Beichte ablegen und sich zu ihrem Leben äußern können, so sie es noch konnten. Die meisten Alten kamen aus einer Zeit, in der noch getauft worden war. Alle, die für die Firma arbeiteten, hatten eine Fortbildung zur Einführung in dieses Thema zu absolvieren. Das konkurrenzlose Angebot des alten Rituals brachte der Firma viele Kunden ein, bedeutete gleichzeitig, dass Westphal und er sich für die Lebensbilanzen und Selbstgeißelungen der Kunden bereitzuhalten hatten. Westphal erwischte es selten, aber er hatte den Spitznamen „Priester“ weg. Es gab nur wenige Kunden, die auf die letzte Ölung verzichteten und alles mit sich alleine abmachten.
„Das, was ich mir ursprünglich mal gedacht hatte, geht jetzt nicht mehr!“ Röhl beugte sich, während er das sagte, vor und ging mit dem Gesicht ganz nah an die drei Gegenstände heran. Es war nicht sicher, ob er etwas erkannte, aber wenn nicht, dann tat er so, als wäre alles zu seiner Zufriedenheit. Er lehnte sich grunzend wieder zurück. Dem Vertreter lag auf der Zunge, ihn zu fragen, was er sich ursprünglich gedacht hatte. Die Ähnlichkeit zu seinem Vater lauerte vorübergehend in den siffigen Gardinen am Fenster, und er hörte Vaters Stimme: „Wenn ich mal nicht mehr kann, dann steig ich in eine Zero und stürz mich in einen Flugzeugträger!“
Er hatte seinem Vater gesagt, dass das unrealistisch sei, weil er weder ein Pilot sei noch einen Jäger zur Verfügung habe, noch je in die Situation komme, sich in die Nähe eines Flugzeugträgers zu verirren. Daraufhin hatte der Vater gesagt:
„Dann spring ich eben von einer Brücke oder stell mich mit dem Wagen auf ein Bahngleis.“ Wann seiner Einschätzung nach der richtige Moment gekommen sei, dergleichen zu tun, hatte er seinem Sohn nicht sagen können. Solange es einem gut geht, gibt es keinen Anlass, sich selbst umzubringen. Und wenn es einem schließlich schlecht geht, und man es bemerkt, ist man verdammt noch mal nicht mehr imstande, sich alleine zu helfen –  geschweige denn würdevoll zu sterben. Es ist dann der meiste Mut nötig, sich selbst umzubringen, wenn man noch im Besitz geistiger und körperlicher Kräfte ist. Der Vertreter betrachtete Röhl, der seit etlichen Momenten schweigsam dasaß, dabei nach innen einen heftigen Monolog, vielleicht auch Dialog, führte. Hätte er nicht nach innen gesprochen, hätte er die Kiefer nicht aufeinanderpressen müssen.
„Ich würde das gerne heute zuende bringen“, sagte er schließlich mit fester Stimme und blickte in Richtung des Vertreters. Röhls Augen waren trüb und irritierten den Vertreter. Konnte der Alte ihn sehen?!
„Das können wir nicht, mein Herr. Ich bin verpflichtet, die erforderlichen Schritte einzuhalten. Das Krematorium füllt seine Kühlräume nicht auf Tage.
Ich muss mit dem Bestattungsinstitut einen Termin vereinbaren. Das erledigen wir mittelfristig.“
„Wann?“
„Ich schätze frühestens nächste Woche.“
„Gut“, sagte Röhl, „nächste Woche ist auch gut. „Wie läuft es ab?“
„In Ihrem Fall wäre die Insulininfusion eine gute Option. Die werden wir so einstellen, dass sie innerhalb von zwei oder drei Stunden kontinuierlich schnellwirkendes Insulin abgibt. Ich werde sie Ihnen anlegen. Dann werden Sie einen Beruhigungstrunk nehmen und sich schlafen legen, oder drei Flaschen Whisky leeren oder einfach nur fernsehen… Das ist Ihnen überlassen. Sie können aber auch diesen Inhalator hier benutzen. Sie inhalieren, wie Sie es bei Anfällen gewohnt sind, nur dass dieser hier mit Gift gefüllt ist. Binnen Sekunden haben Sie es hinter sich. Das dritte ist diese Kapsel“, der Vertreter zeigte auf das Etui, in dem sie verwahrt war, „mit Blausäure – in diesem Fall müssen Sie die Kapsel zerbeißen. Die einsetzenden Krämpfe sind unangenehm, aber schnell vorbei. Ich könnte Sie Ihnen – und dazu ermächtigt mich die Notwendigkeit – im Schlaf verabreichen.“

Unter fünfzig Kunden wählten zwei diesen Weg, wenn er denn für sie vorgesehen war. Er hatte etwas Heroisches. Die Firma bot ihn ausschließlich Männern an. Frauen wählten diese Art von Tod nie.
Röhl nickte. „Das klingt gut“, sagte er und zeigte in Richtung des Etuis. „Aber Sie müssen bei mir nicht Händchen halten.“
Die Erleichterung über seine Bemerkung stimmte den Vertreter entgegenkommend. Röhl hätte jetzt sonst was von ihm erbeten können. Aber er erbat nichts, sondern holte Luft und fragte:
„Lebt Ihr Vater noch?“
Und bevor der andere antworten konnte, fügte er wie zur Erklärung hinzu:
„Mein Sohn wäre ungefähr in Ihrem Alter.“
Der Vertreter fühlte seine Zunge trocken werden. Das Wasser im stinkenden Glas war jedoch nicht das, was ihm helfen würde.
„Mein Vater wäre etwa so alt wie Sie“, hörte er sich sagen.
Röhl griff ächzend nach seinem Stock und stemmte sich von seinem Platz hoch.
Er ging nach nebenan und kam mit zwei Gläsern in der freien Hand und einer Flasche in der Tasche seiner Weste zurück. Whisky aus stinkenden Gläsern? – Ja, das würde gehen. Röhl musste gespürt haben, dass seit der Ankunft des Vertreters doppelt soviel Vergangenheit wie zuvor anwesend war. Er schenkte sich und dem mageren Jüngelchen auf dem Sofa ein, indem er den Rand der Gläser ertastete und den Hals der Flasche seinem Finger näherte. Er schenkte in beide Gläser exakt gleich viel ein. Das war kein Zauber, sondern dem Gluckern, das die Flüssigkeit beim Einschenken von sich gab, geschuldet.
„Mein Sohn war Lokführer und ist bei einem Bahnunfall gestorben. Aus irgendeinem Grund stand ein Auto auf den Gleisen und kam nicht mehr runter.“ Der Vertreter nahm den Whisky entgegen wie ein Verdurstender Wasser. Ein Auto, ein Zug und zwei Tote.
„Also, auf die alten Väter und die jungen Söhne!“ Röhl trank, stellte das Glas ab, zündete sich eine neue Zigarette an, die er, ohne dass der Vertreter es gesehen hatte, von irgendwoher genommen hatte, und rauchte ein paar tiefe Züge.
„Sie haben alles notiert?“, vergewisserte er sich. Es war klar, dass Röhl den Tag, die Methode und die Vorgehensweise meinte.
Der Vertreter blieb noch bis zum Ende seines Whiskys, und ging dann nach Hause.