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PROSA-SCHNIPSEL IX

Rückreise

Der Busbahnhof in Istanbul erwachte früh zu Leben. Es war erst sechs Uhr, und schon war alles bunt von Menschen. Hanna winkte ärgerlich zwei Kofferträgern ab. Sie wußte, sie würden auf ihrem horrenden Preis bestehen, gerade ihr gegenüber, als Frau und Europäerin, die kein Wort Türkisch sprach.

Sie bezahlte dem Taxifahrer 2000 Lire und machte sich mit den Koffern in Richtung Reisebürobaracke auf. Mühsam fand sie im Gewühl das Bosfor-Büro, mühsam zwängte sie sich mit dem Gepäck durch die Menschen und die von Koffern und Taschen fast zugestellte Tür. Das Büro glich einem belagerten Vorposten. Hanna kämpfte sich bis zu einem blaugekleideten, halbwegs zuständig aussehenden Mann vor, und hielt ihm ihre Fahrkarte unter die Nase. „München“, schrie sie dabei, um die Stimmen ringsherum zu übertönen.

Sie bereute längst, daß sie sich hatte überreden lassen, mit dem Bus zurückzufahren. Wie gemütlich und schnell wäre der Flug nach München gewesen. Zum Teufel mit Lothars Ideen, wenn er denn schon mal welche hatte. Weil er verfrüht nach Dubai zurück mußte, hatte er sie kurzerhand auf den Bus gebucht. Damit du auf andere Gedanken kommst. Nun gut, allein wäre sie auch nicht in Istanbul geblieben, da hatte er Recht.

Hanna blickte auf die schlaftrunkenen Menschen um sich herum. Sie lagen auf, neben oder hinter ihren mühsam zusammengeflickten Koffern und Taschen, die improvisierte Gurte gerade mal so eben zusammen hielten. Viele arme Leute. Sie erhielt vom Offiziellen eine Bordkarte mit Platznummer und ihr Ticket zurück. Ein mit blauer Tinte verschmierter Finger wies zur Tür, durch die sie zu gehen hatte. Hanna nahm ihre Koffer und suchte sich einen Stehplatz. Bis zur Abfahrt waren es noch zwanzig Minuten. Sie stand genau unter einem dröhnenden, dann wieder kaum Laute herauswürgenden Lautsprecher, mit monotonen Ansagen, die sie natürlich nicht verstand.

In die beginnende Reizüberflutung drang das fremdartige Telefonklingeln vom gestrigen Abend, das sie nun hierher verbannt hatte. Hätte Lothar doch nur nicht abgenommen; wären sie doch nur in die Stadt gefahren, wie sie es vorgehabt hatten – dann hätte dieser Anruf ihn nie erreicht. Hanna haßte die Gewissenhaftigkeit, mit der Lothar seinen Beruf auszuüben pflegte, und sein Verantwortungsgefühl allem und jedem gegenüber. Ein Fingerschnipser, und er gab ihren gemeinsamen Urlaub dran!

Der Duft frischer Brezeln lag in der Luft; sie verspürte Hunger und Appetit und kaufte sich Proviant für die Busfahrt. Ihr Ärger wich dabei einer stillen Traurigkeit. Aus drei Wochen Urlaub waren zehn Tage geworden, und sie würde Lothar für weitere sechs Monate an Dubai abtreten müssen. Zwölf Monate insgesamt.

„Treffen wir uns in Istanbul“, hatte er am Telefon vorgeschlagen, nachdem feststand, daß das Projekt länger dauern würde als geplant. „Es wird dir gefallen.“ Die Idee hatte ihr gefallen, Istanbul nicht. Es war März und die Stadt so schmutzig, wie Städte am Ende des Winters zu sein pflegen, grau und deprimierend. Die Andersartigkeit hätte sich bei gutem Wetter sicher besser ertragen lassen. Die Konfrontation mit der Armut war doch heftiger als vorbereitet ausgefallen. Gerade die offen zur Schau gestellte Armut, bettelnde Kinder, Krüppel, die auf Händen die Straßen entlang krochen; sie hatte die ersten Nächte nicht schlafen können. – „Du siehst das zu eng“, hatte Lothar gesagt, vielleicht aus Dubai, oder zumindest aus der ferneren Umgebung von Dubai, ähnliche Bilder gewohnt. „Hier ist das ganz normal.“ Sie konnte damit nichts anfangen, weil es sich ihr bis jetzt nie als Aufgabe gestellt hatte, sich mit dergleichen zu beschäftigen. Zehn Tage Istanbul also, und jetzt stand sie hier, zwischen Gastarbeitern aus Anatolien, die in Deutschland das gelobte Land zu finden hofften.

Von der Moschee rief der Muezzin zum Gebet. Das Tonband leierte, niemand schien überhaupt hinzuhören, das rege Treiben wurde nicht unterbrochen. Sie hatte immer geglaubt, sofort werde jede Arbeit fallen gelassen und man werfe sich auf die Knie. – Allmählich erhellte sich der Morgen und eine verdunstete, verdrossene Sonne kam zum Vorschein.

Der Busfahrer hatte Vorder- und Hintertür seines Busses geöffnet und bedeutete den Passagieren, einzusteigen. Hanna löste sich von der Wand und schleppte ihre Koffer über den Platz zum Bus. Sie kam gerade rechtzeitig, um die Letzte zu sein. Der Bus übervoll mit Gepäckstücken und mit Menschen. Es schien, als sollte er gleich bersten. Hanna erschrak. Mit so vielen Leuten sollte sie zwei Tage lang die Fahrt verbringen?? Sie hatte keine Lust auf Körperkontakt, schon gar nicht mit Leuten, die nach Schweiß stanken oder nach anderen Gerüchen, die ihr unbekannt und unangenehm waren.

Früher, ja, früher war Hanna gern gereist. Da konnte es nicht Abenteuer genug geben. Nichts war schöner gewesen als Reisen auf gut Glück, mit Rucksack, mit nichts als dem, was man am Leib hatte. Das war Freiheit … Sie dachte an Carla und Simon, die jetzt bei Mutter waren, und die wütende Tränen geweint hatten, als nach Papa auch noch Mama abreiste. Mutterliebe – Kinderliebe, ein ganz anderes Kapitel in ihrem Leben war angebrochen. War das der Ausgleich für die Freiheit?

Während man Hannas Koffer irgendwie noch in Lücken hineinstopfte, fuhr ihr zum wievielten Male durch den Kopf, wie Lothar damals reagiert hatte. „Ich kann nicht mehr zuhause bleiben“, hatte Hanna vorsichtig gesagt. „Ich bin keine Hausfrau!“ Hanna als Idealistin lief immer irgendwelchen zu hohen Erwartungen hinterher … „Kein Problem“, hatte Lothar in seiner liebenswert pragmatischen Art gesagt. „Dann gehst du eben wieder arbeiten. Wenn du für dein seelisches Gleichgewicht wieder arbeiten mußt, dann tu es.“ Sie hatte sich Arbeit gesucht, und hatte fortan mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen, das sie mehr Energie kostete, als die Arbeit selbst. Sie fühlte sich undankbar. Und irgendwie lief das Leben trotzdem an ihr vorbei.

Für Hanna war noch ein Fensterplatz frei. Sie zwängte sich an dicken Bäuchen, Busen und auf Schößen gehaltenen Proviantbeuteln vorbei und plumpste auf ihren Platz. Die Luft war zum Schneiden. Sie war den Tränen nahe. „Wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie Bescheid.“ Jemand lehnte sich von hinten zu ihr. Dass sie ihre Sprache hörte, versöhnte sie ein wenig.

Unvermittelt waren die Abschiedszeremonien beendet, und der Bus entpuppte sich als nurmehr halbvoll. Der Busfahrer schloß die Türen, sein Begleiter sammelte die Pässe ein. Dann fuhren sie los. Während sie durch die Außenbezirke von Istanbul, vorbei an auf provisorischen Wäscheleinen aufgehängter, flatternder Wäsche, streunenden Katzen und Hunden, in Richtung türkisch-bulgarischer Grenze fuhren, dudelte der Kassettenrekorder Heimatklänge, und fielen die Reisenden in Halbschlaf, den unterbrochenen Nachtschlaf wieder aufnehmend.

Schön waren die Tage gewesen. Endlich einmal wieder mit Lothar allein, wie früher, als sie noch ohne Kinder waren. Endlich ohne diese Last, diese dauernde Präsenz der Kinder … Trotzdem hatte sie gemerkt: Lothar war meilenweit voraus. Er reiste durch die Welt, sie saß zuhause in ihrer kleinen.

Sie betrachtete ihr Spiegelbild im Glas, vor dem Hintergrund von grünen Hügeln und einem zerrissenen Himmel. Wenn sie nur wollte, sie könnte auch. Sie könnte richtig Karriere machen. Oder nicht? Oder war sie etwa wie eine Festung, deren Alarmsystem seit Jahren nicht überprüft worden war, mit der Begründung, es sei ja nie benutzt worden und müsse demnach in Ordnung sein? Es wurde höchste Zeit, das Alarmsystem einer Generalüberholung zu unterziehen. – „Liebst du mich?“ hatte Lothar sie gefragt, jungenhaft, ein wenig scheu. Eine Frage, mit der er jedesmal Hannas Grübeleien vom Tisch zu fegen verstand. „Ja…“ – „Also, dann ist doch alles in Ordnung!“ So einfach war das für Lothar. Warum waren die Probleme für Lothar immer viel einfacher als für sie?

„Möchten Sie eine Zigarette?“ fragte jemand in ihre Gedanken hinein. Sie blickte auf und in ein unrasiertes, neugieriges Jungengesicht. „Sie sehen so traurig aus“, sagte der Junge und glitt neben Hanna auf den Sitz. „Meine Landsleute und ich fragen“ – er schloß sich mit einer großartigen Geste ein – „uns schon, ob es an uns liegt.“ Ein Hauch bäuerlicher Schläue glitt über sein Gesicht. Hanna blickte sich um und in unzählige fragende, vielleicht sogar mitleidige Gesichter. – „Wieso denn?“ fragte sie verständnislos. – „Nun, weil Sie hier so allein unter uns sitzen. Vielleicht sind Sie deswegen traurig.“ Hanna zögerte. Dann entschied sie: „Nein, daran liegt es nicht. Und nun lassen Sie mich in Ruhe. Ich muß nachdenken.“

Er brauchte gar nichts zu übersetzen, sie hatten an ihrem Ton verstanden. Sie hatte die angebotene Zigarette abgelehnt, einen Apfel abgewiesen und sich demonstrativ zum Fenster gedreht. Das reichte aus, um sie unhöflich und arrogant zu finden. Der Junge räkelte sich neben ihr. „Ich darf doch hier sitzenbleiben?“ Hanna nahm ihn genauer in Augenschein. Er war so jung nicht. Sie hatte eine unhöfliche Antwort auf den Lippen.
„Sie sollen nicht denken, daß über Sie geredet wird.“- „Reden sie denn über mich?“ – „Nicht, wenn ich hier sitzen bleibe.“ Sie gab auf. Sollte er doch sitzenbleiben.

Er blieb aber nicht nur sitzen, sondern er redete auch. Ali war sein Name. Hanna erfuhr, daß er in München studierte. So wie er aussah, studierte er wohl auf der Straße. Er redete von Gott und der Welt, genauer, von Allah und der Türkei. Versuchte zu erklären, Sympathie heischend, als müsse er etwas verkaufen. Er war nicht mehr als ein armseliger Vertreter seiner Kultur, wollte es Hanna scheinen. Aber er war besser, als belastende und quälende Gedanken …

Kurz vor Mittag wurde eine kleine Pause in einem grenznahen Ort eingelegt. Dort konnte man frische Maronen, Sahne mit Honig, Getränke und Obst kaufen. – „Nehmen Sie sich genug zu essen mit. An der Grenze werden wir die nächsten Stunden verbringen.“ Ali grinste schlau. Hanna beobachtete, wie die dicke Frau mit ihrem kleinen Mann, die schräg vor ihr saßen, ausstieg; sie sah die älteren Männer mit den schlechten Zähnen, die jungen Männer, die gerade vom Militär kamen, die dörflichen Mädchen mit ihren grellen, bunten Kopftüchern. Ganz hinten im Bus saßen drei vornehm gekleidete Männer, die so gar nicht ins Bild passen wollten. Sie hatten die ganze Zeit Karten gespielt, steckten diese jetzt sichtbar widerwillig ein und machten sich daran, auszusteigen. Sie grüßten Hanna, als sie umständlich an ihr vorbei kletterten.

Hanna ging sich frische Bananen und eine Flasche Wasser kaufen. Die Sonne schien, aber es war kalt. Sie hätte gerne einen richtigen Kaffee getrunken. Die Straße hoch- und wieder hinunterspazierend sah sie Lothars Augen vor sich, wie sie sie zärtlich empfangen hatten, als sie sich nach Monaten wieder in den Armen lagen. Er braungebrannt und es stand ihm ausgezeichnet. Er roch anders; seltsam, jetzt hatte sie diesen Geruch wieder in der Nase. „Du riechst fremd“, hatte sie gelacht und an ihm herumgeschnuppert. „Stört es dich?“ Es störte sie sehr. Aber seine Augen waren ja noch dieselben: neckend, aufrichtig und vorausblickend. Seine Augen standen für alles, was sie an ihm liebte.

Als sie zum Bus zurückkam, erwartete man sie an der Tür. Einer der Kartenspieler hielt sie an. Während seine Augen um Entschuldigung baten, hielt er ihr seine Zigarettenschachtel hin und bedeutete ihr, sich zu bedienen. Diesmal griff Hanna zu. „Sie sprechen kein Deutsch?“ fragte sie überflüssigerweise. Mit einer Geste, die ihr alles andere als unbekannt war, hielt er die Hand schützend um die Flamme, als er ihr das Feuerzeug entgegenhielt. Er zuckte mit den Schultern und sagte etwas wie: „Efendim.“ Und dann „Yok.“ Sie standen stumm nebeneinander und rauchten ihre Zigaretten, solange, bis Ali kam, und beladen mit Tüten und Taschen um Hilfe heischte. Der Mann lachte gutgelaunt. In seinen Augen blitzte der gleiche Schalk wie in Lothars. Erschreckend der gleiche Schalk! „Er möchte sich für seine Unhöflichkeit entschuldigen“, übersetzte Ali. „Danke für die Zigarette“, sagte Hanna ihrerseits und stieg schnell ein. Sie wollte ihn nicht mehr ansehen müssen, diesen Mann mit Lothars Augen. Wenig später saß Ali wieder bei ihr, als hätten sie eine stumme Verabredung getroffen.

„Sie sehen sehr gut aus“, plauderte er belanglos.
„Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Sagen Sie ihm, daß ich verheiratet bin.“ Ali hob in unschuldiger Manier die Handflächen nach oben. Sie mußte ihm zugute halten, daß er nicht leugnete. „Er will nur wissen, warum Sie so traurig sind.“ Sie drehte sich um, und wurde von zwei mitfühlenden und sehr freundlichen Augen, die über den Rand von rotgemusterten Karten blickten, begrüßt.

„Das geht niemanden etwas an“, sagte sie, aber so ganz sicher war sie nicht mehr. Der Bus näherte sich der Grenze. Niemandsland. Sie holperten auf eine schlecht ausgebaute Nebenstrecke, hielten an. Polizisten stiegen ein und nahmen die schon in Istanbul eingesammelten Pässe in Empfang. Sie wurden durchgesehen und an ihre Inhaber zurückgegeben. Ihren Paß nahmen sie mit und brachten ihn nach einer geraumen Weile wieder zurück. Dann mußten alle aussteigen. Hanna vergaß, ihre Jacke mitzunehmen. Sie standen eine Stunde lang in der Kälte. Ein Arbeiter hatte keine Papiere, mußte seine Sachen nehmen und umkehren. Offensichtlich hatte er damit gerechnet. Sein Widerstand hielt sich in Grenzen.

Hanna hatte Warterei nie gemocht, und sie mochte es nicht, von vorne und von hinten bedrängt zu werden. Sie stellte sich hinten an und fror sich die Hände blau, weil der dicke Pullover allein doch nicht warm genug hielt. – „Entschuldigen Sie …“, sagte Ali neben ihr aus dem Boden gewachsen. Der Mann mit Lothars Augen hielt ihr ihre Jacke hin. „Er dachte, Sie würden sich erkälten …“, rief Ali, schon im Weggehen. „Das ist nett“, sagte sie zu dem Mann und war den Tränen nahe. Lothar war weit weg, so weit weg.

Schließlich war auch sie an der Reihe. Ihr Paß erhielt seinen Ausreisestempel und sie konnte wieder in den Bus einsteigen. Sie fuhren los, verließen die Türkei. Jetzt waren die zehn Tage mit Lothar endgültig zuende.

Am bulgarischen Schlagbaum legte sich Totenstille über die Leute im Bus. Alle Zigaretten wurden gelöscht, die Fenster aufgerissen, eine Flasche Eau de Cologne wurde herumgereicht. – „Die Bulgaren mögen keine abgestandene Luft“, raunte Ali. Ehrfurchts- und respektvoll. Oder einfach nur ängstlich? „Und Türken mögen sie auch nicht. Passen Sie mal auf.“ Der Bus wurde angehalten und zwei Soldaten mit MGs im Anschlag und steinerner Miene bestiegen den Bus. – „Wußten Sie, daß in Bulgarien die türkische Minderheit bei Gefängnis gezwungen wird, zum Christentum zu konvertieren und bulgarische Namen anzunehmen? Solche Menschen sind das!“ Ein kalter Blick traf Ali. Der Lauf des MG richtete sich auf ihn. Er verstummte.

Hanna reichte ihren Paß hinüber und stellte sich den prüfenden Blicken des Soldaten. Er besah sich das Foto, blätterte den Paß durch. Zweifelsohne würde er die Visa für Australien, die USA, aber auch Ungarn, DDR sehen und daraus etwas ableiten. Der Soldat verzog keine Miene und gab ihr das Dokument zurück. Als die Soldaten schließlich ausstiegen, ging ein Aufatmen durch den Bus.

„Das war alles?“ fragte Hanna hoffnungsfroh, angesteckt von der türkischen Besorgnis. – „Wenn wir Glück haben, ja. Wenn die heute noch nicht genug Türken abgefertigt haben, nein“, sagte Ali. Alle im Bus saßen in ergebenem Schweigen auf ihren Plätzen. Der Bus fuhr im Schrittempo am Kontrollhäuschen vorbei – und wurde an ein niedriges Gebäude gewunken. Ein Stöhnen ging durch den Bus. Man empfing sie mit einer Phalanx aus MGs; Befehle bellten durch die Luft: Aussteigen, Koffer holen, Anstellen! Gepäckkontrolle.

„Hier können Sie sehen, wie man Leute schikaniert“, flüsterte Ali eindringlich. „Ich bleibe bei Ihnen, damit Sie nicht so allein sind.“ Es herrschte Chaos. Die mühsam zusammengeschnürten Koffer, Taschen, Tüten – alles mußte aufgeknüpft und ihr Inhalt auf dem Tisch ausgebreitet werden. Die ersten Koffer fielen auseinander, ließen sich nicht öffnen und anschließend nicht mehr schließen. Die Frauen schimpften und lamentierten, die Männer fluchten. Überall aufgebrochenes Papier, durchwühlte Kleidungsstücke, mitgebrachtes Gemüse, Obst und Brot. Zwischen allem die Soldaten, die mit Händen und Gewehrläufen im Gepäck herumfuhren. Hanna hielt fassungslos die Luft an. Gut, daß sie keine Türkin war. Ihr konnte dergleichen also nicht passieren.

Dann war die Reihe an ihr. Sie legte ihre beiden Koffer auf den Tisch und öffnete die Schlösser. Bevor sie richtig damit fertig war, kam eine junge Frau mit streng zurückgekämmtem Haar und fingerte im Koffer herum. „Deutschland?“ fragte sie knapp. Hanna nickte. „West!“ – „Ja.“ Die junge Frau hielt Hannas Kosmetiksachen in der Hand. „Was das?“ Aber ehe Hanna erklären konnte, schüttete sie alles aus und begann, jedes einzelne Teil zu untersuchen. Die Soldatin fand Hannas Schminksachen. Die Lippenstifte wurden durchsucht, die Puderdose. Ein dicker Finger fuhr einmal durch die teure Gesichtscreme, ob auch nichts darin versteckt war. Die Bulgarin fand ihren Füller, nahm die Tintenpatronen heraus, warf sie zurück in die Wäsche, die alsbald schwarze Tintenflecke bekam. „Ich bin keine Schmugglerin!“ stieß Hanna erzürnt aus, und entriß der jungen Frau ihr Tagebuch, das diese im Begriff war, durchzuschütteln. Ein Wink, und sie spürte den spitzen, aber sehr bestimmten Druck von kaltem Metall durch ihren Pullover.

„Um Himmels willen“, flüsterte Ali neben ihr. „Halten Sie Ihren Mund! Sie machen alles noch schlimmer. Für uns alle!“ Hanna reichte der jungen Soldatin das entrissene Heft zurück. Der Druck im Rücken ließ nach. – „Sie fertig.“ Die zu Befehlen trainierte Stimme bewirkte, dass Hannas Koffer weitergeschoben wurden, der erste fiel vom hinteren Ende des Tisches herunter, sein Inhalt ergoß sich über den Fußboden. Ali war neben Hanna, schnappte den zweiten Koffer, nahm ihre Tasche und huschte nach draußen wie ein Wiesel, während Hanna sich ans Einräumen machte. „Effendi!“ hörte sie ihn draußen rufen. Und es dauerte nicht eine Minute, dann war er da, mit dem Charles-Bronson-Gesicht, mit stoischer Geduld. Tränenblind sah sie ihn ihren Koffer einpacken.

Es dauerte weitere zwei Stunden, bis alle Gepäckstücke wieder verpackt und verstaut waren. Hanna hatte Zeit genug, sich zu beruhigen. Sie beruhigte sich tatsächlich. In dem Maße, wie sich draußen der kurze Tag zu Ende neigte und sich eine wohltuende Dunkelheit über das unfreundliche Grenzland legte, fühlte sie sich sicherer. Sie fühlte sich geborgen zwischen den unbekannten Menschen, die ihr gar nicht mehr so fremd waren. Eine junge Türkin war gekommen und hatte sie trösten wollen. Dabei erfuhr Hanna, daß man ihr ebenso, wenn nicht noch übler mitgespielt hatte. Sie rauchten eine Zigarette zusammen und tauschten ihr Essen aus. Draußen im Halbdunkel sah sie Ali von einem zum anderen laufen, sich in alles einmischend – und den Schweigsamen wie sie ihn bei sich nannte, der umsichtig und geduldig half, wo Hilfe erforderlich war.

Endlich erhielten sie aus der Hand eines etwas freundlicheren Soldaten ihre Pässe zurück, und der Busfahrer durfte wenigstens den Motor anlassen, damit sich die völlig durchfrorenen Fahrgäste aufwärmen konnten. Danach fuhren sie in der Dunkelheit, bei leise spielender Musik, einen großen Bogen um Sofia schlagend, vorbei an kleinen Ortschaften mit geduckten Häusern und in fast völligem Dunkel. Die meisten im Bus verschliefen die jugoslavisch-bulgarische Grenze, die mit viel weniger Formalitäten verbunden war. Die Kartenspieler hatten ihre Spiele beendet und machten Pause. Draußen hatte Nebel wie ein Leichentuch das Land überdeckt; von Landschaft war nichts zu sehen. Schließlich schafften es die Monotonie des Gemurmels zweier oder dreier Passagiere weiter vorne und das Brummen des Motors, daß Hanna einschlief. Sie schlief so fest, daß sie nicht einmal merkte, wie man ihr eine Decke überlegte und ihren Kopf auf ein Kissen bettete. Ali tauschte seinen Platz und setzte sich zwischen die zwei schnarchenden Kartenspieler, bei denen ein Platz frei geworden war.

Danach schliefen so ziemlich alle ein. In Nis hielt der Bus, und für den Rest der Nacht gab es Zimmer. Hanna gelangte in ihr Bett, sie hätte nicht sagen können wie. Und sie träumte wunderbare Träume von Lothar, und wie sie ihn kennengelernt hatte. Sie wachte von ihrem eigenen Schluchzen auf, hätte gerne Lothars Atem neben sich gehört, aber alles, was sie hörte, war das Schnarchen der jungen Türkin aus dem Bus. – Ein anderes Gesicht drängte sich vor ihre Augen: es war breit und faltig, hatte Krähenfüße um den Augen und ein freundliches, verständnisvolles Lachen. Er meint nicht wirklich mich, sagte sie sich. Wahrscheinlich erinnere ich ihn an jemanden, so wie er mich an Lothar erinnert! Aber als sie die Decke bis ans Kinn zog, wünschte sie sich, er würde doch sie meinen.

„Und“, fragte Ali am Morgen, der schon vier Stunden später begann, am Frühstückstisch, „haben Sie gut geschlafen?“  Er beobachtete sie mit dem zur Seite gelegten Kopf eines Fuches, der glaubt ein Raubtier zu sein. Hanna ahnte etwas. „Hat er…?“ – „Er hat Ihnen das Zimmer besorgt, Sie sind überhaupt nicht richtig aufgewacht.“ – „Er scheint sich zu meinem guten Engel zu entwickeln.“ – „Darf ich ihm das sagen?“ Was hatte denn Ali davon?

Nach dem Frühstück stiegen sie durch das naßkalte Wetter hindurch zurück in den Bus. Die Kartenspieler hatten ihre hinteren Plätze wieder eingenommen. Er spielte konzentriert Karten, und ließ nicht einen Augenblick sein Blatt oder seine Mitspieler aus den Augen. Ali ging, um aus der Bordküche, die aus einer Thermoskanne bestand, Kaffee zu besorgen. Ihn brachte er auch mit. Da saßen sie nun und blickten starr nach vorne, hielten die heißen Becher in den Händen, konnten sie nirgends abstellen. Hanna lachte verlegen.

„Ich heiße Hanna“, sagte sie schließlich und entschied entgegen allem, was sie wußte, ihm in die Augen zu blicken. „Sie erinnern mich sehr an meinen Mann.“ Sie lachte unsicher, weil er sie ja nicht verstehen konnte und vermutlich mißverstand. Sie zeigte auf den Ring an ihrem Finger. Er nannte seinen Namen, zeigte auf sich und seinerseits auf einen Ring an seinem Finger. Es gehörte sich nicht. Was gehörte sich nicht? Daß der eine sich zu dem anderen hingezogen fühlte? Der Bus rauschte monoton über holprige Straßen und das Wasser der Pfützen klatschte an die Seitenfenster. Es waren tiefe Pfützen, also war es viel Wasser. Der Busfahrer hatte erst türkische Musik, dann amerikanische Musik angemacht. Die hatte aber den Protest der Passagiere ausgelöst. Frank Sinatra war nicht ihr Geschmack. Nun hörte man wieder Türkisches. 

Sefer zog aus seiner Jackentasche einige vergriffene Bilder. Darauf waren er, eine Frau und ein kleines Mädchen zu sehen. Hanna las in seinem Gesicht zum ersten Mal eine Art Schmerz, der auf ihm eingegraben war. „Wo ist Ihre Frau?“ – „Tot. Tochter und Frau“, sagte er knapp, räusperte sich und steckte die Bilder wieder weg. Sie sprachen eine Weile lang nicht, und Hanna ertappte sich dabei, sich auszumalen, wie es Lothar erginge, wenn sie stürbe. Dumme Gedanken. Sie dachte nicht daran zu sterben!! Und trotzdem, der lange Arm der Beklemmung ließ sie nicht los. Ali schaute vorbei, fragte, ob etwas zu übersetzen sei. Sie jagten ihn beide davon, jeder in seiner Sprache. Mußten darüber lachen und schüttelten den Kopf über diese Gemeinsamkeit. Beim nächsten Stop an einer Autobahnraststätte irgendwo kurz vor Zagreb, wo die Leute ihr Wasser noch an einem alten Brunnen holen, lud er Hanna zum Essen ein. Er rückte ihr den Stuhl zurecht, reichte ihr seinen Arm, und tat auch sonst tausend kleine Aufmerksamkeiten, die Hanna sehr wohl registrierte, und die ihr Schauer den Rücken hinunterjagten.

Der Bus hatte eine kleines Problem, und sie hielten für länger an einer Tankstelle. Sie gingen spazieren. Das Sprachproblem entpuppte sich als erheiternd: sie lachten viel, und verstanden doch irgendwie, was sie meinten. Zum ersten Mal seit der Abfahrt von Istanbul, dachte Hanna nicht mehr an Lothar und die Zeit des Alleinseins, die vor ihr lag. Den Rest der Busfahrt spielte er nicht mehr Karten. Hanna und er saßen zusammen. Er schaffte es, Hanna so zu belustigen, daß sie vor Lachen weinte. Der Bus kam gegen Mitternacht an der jugoslavisch-österreichischen Grenze an. Wieder mußten zwei Türken den Bus verlassen. Sie hatten keine gültige Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Sie wurden in Jugoslavien zurückgelassen. Ali lamentierte fürchterlich. Er hatte bis zum Schluß geglaubt, Hanna könne sich für seinen Freund einsetzen. Doch das stand weder in ihrer Macht, noch wollte sie es.

Der Bus durchquerte Österreich in der Nacht. Das Radio spielte jetzt westeuropäische Musik. In Österreich hatte es geschneit, Schneematsch auf der Straße, der Bus schlich dahin. Nach dem Herumgealbere saßen sie nun stumm nebeneinander. Er hielt ihre Hand in der seinen, und sie ließ es geschehen. Erst in Passau fiel Hanna auf, wie sauber und gut asphaltiert die Straßen waren. Keine Schlaglöcher mehr, keine Pfützen. Die Autobahn war in orange-farbenes Licht getaucht, übersichtlich, geordnet, heimisch. Der bayerische Rundfunk brachte Verkehrsmeldungen. Das vertraute Bayrisch versetzte Hanna einen Stich ins Herz. Kurz vor München machten sie zum letzten Mal Halt, und die Leute konnten sich auf einem leeren Parkplatz die Beine vertreten. Die Verzauberung, in der Hanna in den letzten Stunden geschwebt hatte, bröckelte ab. Je mehr der Morgen graute und je näher sie München kamen, um so mehr griff die Realität nach ihr, und darin hatte er keinen Platz. Auf dem Parkplatz, hinter dem Bus, so daß keiner es sehen konnte, küßte er sie. Aber es war zu spät. Hanna traute sich nicht, ihn anzusehen, und er hob ihr Gesicht an, betrachtete es so genau, als wollte er sich jeden Zug, jede Falte merken. Dann stieg er wortlos wieder in den Bus.

Schneller als erwartet waren sie in der Innenstadt und am Hauptbahnhof. Der Bus fuhr einmal um ihn herum und kam am Südeingang zum Stehen. Sonntagmorgen halb neun. Hanna blieb auf ihrem Platz sitzen, bis die Betriebsamkeit abgenommen hatte. Sie hatte es nicht eilig. Sie hatte es auch nicht weit. Außerdem war sie noch unentschlossen, ob sie mit dem Taxi oder mit der S-Bahn fahren sollte.

Endlich waren alle ausgestiegen und hatten sich ihres Gepäcks bemächtigt. Sie war die letzte, und hatte Hunger und Durst, aber da war noch etwas anderes. Als sie aus dem Bus stieg, wußte sie, was es war: sie hatte gehofft, Sefer würde dort stehen, um sich zu verabschieden. Sie hatte fest damit gerechnet, daß er dort stehen würde. Statt dessen stand Ali da, seinen schmuddeligen Rucksack auf dem Rücken, mit leicht hämischem Gesicht. „Er läßt Ihnen sagen, daß er den Zug nach Düsseldorf kriegen mußte. Wenn Sie mich fragen, hat er gekniffen.“ Dich fragt aber keiner, lag Hanna auf der Zunge. Aber sie sagte es nicht. Sie nahm ihre zwei Koffer, die als letzte noch auf dem Bussteig standen und ging in Richtung Taxen. Ob die Kinder schon auf waren? Ob Mutter gut mit ihnen zurecht gekommen war? Oh, sie mußte schnell nach Hause. Lothar wollte doch heute morgen anrufen … Als sie endlich im Taxi saß und nach Hause fuhr, schlug ihr Herz vor Erwartung. Sie würde Lothar von dieser Ungeheuerlichkeit an der bulgarischen Grenze erzählen. Würde sie ihm von Sefer erzählen? Wahrscheinlich nicht. Warum auch?

aus: Hamburg Geschichten, unveröffentlicht