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PROSA-SCHNIPSEL IV

Als wärs das eigene Leben

… és mindig is éjjel lesz már… éjjel… éjjel

Kertész war besessen, das wusste er selbst sehr wohl. Jeden Mittag stieg er die Treppen aus der Wohnung im dritten Stock hinunter, um in den Briefkasten zu schauen. Er ging nie umsonst, denn jeden Mittag fand er einen Umschlag mit neuen Gedichten darin. László Kovács schickte die Gedichte, und Kertész übersetzte sie. Das machten sie seit gut 10 Jahren so. Inzwischen waren weit mehr als 4000 Gedichte angekommen.
Die Treppenstufen stellten ein nahezu unüberwindbares Problem dar, besonders das Hinaufsteigen wollte ihm nicht mehr recht gelingen. Im zweiten Stock blieb ihm meistens die Luft weg und die Kniegelenke revoltierten. Aber er schaffte es jedes Mal, und zwar mit dem Briefumschlag, den er einer Trophäe gleich über die Türschwelle trug.
Auf dem Arbeitstisch in dem Zimmer, das ihm als Schlafzimmer diente, stand eine Triumph Adler, links daneben lag ein Stapel weißen Papiers, rechts daneben die fertig getippten Seiten. Hinter der Schreibmaschine hatte er einen Zettel mit einem von Lászlós Gedichten auf einen Ständer geklemmt und seine provisorische Lupeninstallation darüber befestigt.
Kertész blieb vor seinem Stuhl stehen, umfasste die Stuhllehne und wartete, bis das Schwanken aufhörte. Dann erst setzte er sich, öffnete den Briefumschlag mit dem bereitgelegten Brieföffner und zog mit zwei Fingern den üblichen gelblichen Bogen heraus. Auch ein Brief war dabei. Er überflog die Zeilen.

GottseiDank ging es László gut! Kinder und Enkelkinder waren wohlauf und Juliskas Nachuntersuchungen hatten keinen neuen Behandlungsbedarf ergeben. Die Raten für diesen Monat waren bezahlt, es war sogar bis Monatsende noch ein wenig Geld übrig, und die Männer aus der Wirtschaft in Ujtelep ließen Grüße ausrichten. Kertész nahm einen Schluck Wasser. Er legte den Brief beiseite.
Der alte Mann würde wie meistens bis zum Nachmittag, bis zu dem Moment, an dem sein Arbeitsplatz zu dunkel würde, arbeiten. Das war an sonnigen Tagen länger als an trüben, denn das Fenster lag nach Nord-Osten. Bei künstlichem Licht konnte er nicht schreiben. Mit dem Dunkelwerden würde er beginnen, kopierte und ausgeschnittene Zeichnungen auf Papier zu kleben und an die für sie vorgesehenen Plätze in den vier Stapeln, die schweigend auf der Anrichte warteten, zu stecken. Die Stellen, an die sie gehörten, hatte er zuvor mit gelben Trennblättern markiert. Die Zeichnungen kopierte er aus alten Zeitschriften, die er von Reisen nach Ungarn mitgebracht hatte. Er hatte viele Zeichnungen gefunden, und er brauchte auch viele – für all die Gedichte.

Wer ihn über die Jahre hinweg beobachtete, käme zu demselben Schluss wie Hans Kertész selbst: er musste besessen sein. Kein Mensch täte freiwillig, was er für László, dessen Frau, die Kinder und Enkelkinder tat. Allerdings beobachtete ihn niemand, denn Kertész war für die meisten Menschen unsichtbar. Er ging nur dann aus dem Haus, wenn er sicher war, dass ihm im Treppenhaus niemand begegnete. Er verhielt sich im Supermarkt leise und schlich mit eingezogenen Schultern durch die Gänge, er saß in Cafés hinter seiner Zeitung und trank geräuschlos seine Mélange.
László Kovács hatte Kertész in Ujtelep angesprochen, als der dort in der Wirtschaft zu Mittag gegessen hatte. Nicht Kertész hatte László gesucht, nein, es war genau umgekehrt. Kovács fand diesen alten, gut gekleideten Herrn aus Deutschland am Tisch in seinem Stammlokal, wo er einen ungarischen Palatschinken mit der gleichen Selbstverständlichkeit verspeiste, mit der er zuvor auf Ungarisch bestellt hatte. Kertész hatte in jenem Sommer seinen Ruhestand angetreten und war auf der Suche nach mehr Zeit. Sein Arbeitsleben lang war er nie zu Privatleben gekommen, Urlaubsreisen hatte er sich nicht erlaubt. Darüber waren 40 Jahre vergangen. Er hatte es nie vermisst, ja, er hatte sich nachgerade dafür entschieden, ohne Familie zu bleiben.

László hatte sich zu ihm an den Tisch gesetzt. Es kam nicht häufig vor, dass Deutsche in diese Ecke gerieten. Diese Ecke des Landes war arm und hatte nichts zu bieten. Die hiesigen Bewohner hatten allerdings ein gesundes Bewusstsein dafür, was das Leben an Angenehmem zu bieten haben könnte: einen bescheidenen Luxus, Krankenhausrechnungen und Medikamente bezahlen zu können, einen Fernseher ihr Eigen nennen, eine Reise an den Balaton machen und den Enkelkindern einen Schulranzen kaufen zu können.
László – ein bulliger Gewerkschafter. Seine Stimme füllte problemlos mittelgroße Räume, sein Körper, knapp über 50, von jener Stärke, die ein Leben in täglichem Kampf generiert hatte. Ein schöner Mann auf seine Art. Neben ihm wirkte Kertész wie ein einem Buch entlaufener Intellektueller. Mit schmalen Händen von dünner Haut, hoher Stirn und Augen, die hinter Brillengläsern zwinkerten, ob vom vielen Lesen oder vom Alter rotgerändert, war nicht ganz ersichtlich. Kertész sprach leise, seine Stimme an der Grenze zum Unangenehmen. Er hatte Manieren. Seine Serviette faltete er sorgfältig zusammen, nachdem er sich den Mund abgetupft hatte, und das Weinglas hielt er mit abgespreiztem kleinem Finger, während er den Wein verkostete und befand, dass er gut war. László hatte gedacht, dergleichen Männer gäbe es nicht mehr: Untergegangene Zeiten lauerten in diesem Deutschen. – László setzte sich und blieb sitzen, bestellte denselben Wein für sich und begann ein Gespräch, in dessen Verlauf er den Fremden einlud, ihn und seine Familie zu besuchen.
László, der mit einer großen Familie gesegnete Macher. Seine Familie sollte Kertész noch nicht sofort und auch nicht am nächsten Tag kennenlernen. Die Höflichkeit wahrend besuchte er sie nicht gleich, kam jedoch auf der Rückreise von Miskolc ganz zufällig wieder an Ujtelep vorbei. Da ergab sich die Gelegenheit für den Anstandsbesuch. Lászlós Kinder hatten selbst schon Kinder, und die waren von jener Dicklichkeit, die von einer kalorienreichen und ungesunden Ernährungsweise erzählt, die in Haushalten üblich ist, wo viele Bäuche zu füllen sind. Vier oder fünf Enkelkinder waren es, drei Kinder und Juliska, die über dem Segen, einen schönen Mann zu haben, viereckig geworden war. Kertész – sein Vater übrigens Ungar – verspürte vom ersten Moment an Mitleid und sah eine Chance.

Als er von diesem ersten Urlaub nach Deutschland zurückfuhr, hatte sein Leben eine Richtung. Für László organisierte er eine erste Reise nach Berlin, wo sich internationale Gewerkschafter trafen. Dann eine zweite. László überzeugte mit Wortgewalt und Präsenz. Kertész verfügte über die nötigen Verbindungen, danach lief es wie von selbst. Für Juliska organisierte er die längst fällige Operation. László konnte das Haus fertig bauen, konnte am Balaton Urlaub machen. Die Besuche von Kertész waren die Ereignisse in Ujtelep, seine Telefonanrufe heiß erwartet, die vollen Koffer bei seiner Anreise wurden gerne geschleppt. Seine papierene Gegenwart störte niemanden, er nahm niemandem Platz weg. László war ein großzügiger Gastgeber und dankbarer Freund. Viele Besuche in Ungarn waren es in den vergangenen 10 Jahren gewesen; in diesem Jahr hatte Kertész indes noch nicht ein einziges Mal fahren können. Das rächte sich jetzt.

Er nahm den Brief wieder zur Hand. Etwas stimmte hier nicht. László war ernsthaft krank! Kertész hatte das beim ersten Lesen missdeutet. László war kein Freund langer Sätze. Dröhnendes Lachen war Lászlós Sprache. Der schrieb natürlich nichts von Kranksein, aber anders als sonst fehlte das zwischen den Zeilen Ausgelassene. Dass Kertész in diesem Jahr noch keine Gelegenheit gefunden hatte, nach Ungarn zu fahren, lag an seiner eigenen erbärmlichen Verfassung. Die Augen ließen schneller nach als gedacht, die Beingelenke, die Kräfte allgemein. Ziemlich genau Mitte Januar hatte er gespürt, dass seine Uhr hörbarer tickte. Aber – sein Werk war noch nicht vollbracht. Etliche bisher ungeschriebene Gedichte mussten säuberlich abgetippt und übersetzt, Vorwörter mussten geschrieben werden, und das in zwei Sprachen. Auch war noch viel mehr Öffentlichkeitsarbeit nötig, damit noch mehr Menschen Lászlós Verse lesen und sich zu Herzen nehmen können würden, und damit endlich, endlich ihn – Kertész – adelten.

Nicht die Gedichte waren es, wofür Kertész jeden Tag arbeitete. Sein Plan war hart gegen sich selbst. Und jetzt würde er trotz aller Mühsal nach Ujtelep fahren, um sich einen Überblick über die Lage so kurz vor dem Ziel zu verschaffen. Er legte den Brief zum zweiten Mal aus der Hand und nahm einen zweiten Schluck Wasser. Seine Ahnung wurde Gewissheit und die drängte ihn zur Eile. Er entschied, zum Bahnhof zu fahren und sich die Fahrkarte für denselben Abend zu kaufen. Er wählte die bewährte Strecke mit dem Nachtzug nach Wien, Umsteigen dort in den Zug bis Budapest, und anschließend mit der Regionalbahn bis Dunasziatelep. Knappe 12 Stunden. Es blieb nichts anderes übrig als es zu schaffen. Er kam vom Bahnhof zurück, auf dem Nachhauseweg hatte er ein paar Mitbringsel für die Kinder eingesammelt, Ramsch recht besehen, sie würden es schon mögen. Die Geste zählte, und die Kinder waren bescheiden. Geld von der Bank hatte er auch geholt. Der Kontoauszug hatte bestätigt, dass das Budget die Mitnahme einer größeren Summe erlaubte. Für alle Fälle. Eine Tasche mit dem Nötigsten war schnell gepackt. Er rief László an.

„Bin morgen Mittag um 14.13 Uhr am Bahnhof. Wie üblich, gleicher Zug. Miklós soll mich abholen.“ László sagte erst nichts, dann:
„Willst du dir das wirklich antun, Hans? Das ist eine lange Reise. Hier ist doch alles in Ordnung. Juliska geht es besser, und ich bin mit den Kindern beschäftigt. Es sind Ferien. Sie schleifen mich überall hin. Ich komme noch nicht einmal zu den Treffen im Gemeindehaus.“
„Will mich davon überzeugen. Ich will, dass alles für euch perfekt ist. Hast du heute schon gedichtet?“
László atmete pfeifend. Er rauchte zu viel, das tat seinen Lungen nicht gut. Außerdem, das hatte Kertész auf dem letzten mitgeschickten Foto gesehen, hatte er zugenommen. Nicht gut. Bluthochdruck, Übergewicht, Atembeschwerden, vielleicht kam gar noch ein Diabetes dazu?! Nein, das war nicht gut.
„Heute nicht.“ Im Hintergrund hörte man Kindergeschrei.
„Setz dich doch hinten in den Garten auf die kleine Bank, von der aus du in den Wald schauen kannst. Da fällt dir bestimmt noch etwas ein.“
„Ich sag Miklós Bescheid. Lass es nicht zu teuer werden, Jáno.“
„Grüß Juliska und bis morgen.“

Die Zeit bis zu seiner Abreise verbrachte Kertész damit, die Papiere auf der Anrichte abzudecken, die Schreibmaschine in ihren Koffer zu stellen und den Papiermüll der ausgeschnittenen Zeichnungen säuberlich in eine Papiertüte zu legen. Er zählte seine Medikamente für 14 Tage ab und sortierte sie in seine Pillendosen, steckte die Ersatzbrille in ein stoßfestes Etui und füllte sich für die Reise Tee in seine kleine Thermoskanne. Die Wohnungstür verschloss er gewissenhaft, dann machte er sich mit der abgewetzten Aktentasche in der linken und der ausgebeulten Reisetasche in der rechten Hand zum dritten Mal an diesem Tag auf den Weg nach unten.

Miklós und Tamás warteten vor dem Bahnhof. Zwei großgewachsene Männer. Sie nahmen den alten Herrn in die Mitte.
„Keine Koffer dieses Mal, Bácsi?“ fragten sie und schauten sich um.
Aber da waren keine Koffer auf dem Bahnsteig und auch nicht woanders. Miklós trug die Tasche zum Auto. Sie blieben ungesprächig. Kertész führte das auf die Wochenmitte und zudem den Mittag zurück, und darauf, dass beide vermutlich ihre Arbeit verlassen hatten und auch gleich dorthin zurückkehren würden. Er war – zugegebenermaßen – sehr kurzfristig angereist, und sie hatten nichts vorbereiten können. Das beschämte sie, und deshalb schwiegen sie. 
László empfing ihn mit ausgebreiteten Armen vor der Tür. Juliska kam aus der Küche, wischte sich die Hände an der Schürze ab und ergriff Kertész‘ beide Hände.
„Das ist aber eine Überraschung, dass du so unverhofft kommst.“ Sie nahm Miklós die Reisetasche ab und brachte sie ins Gästezimmer.
„Wie war die Reise? Hast du eine gute Nacht gehabt?“ Sie schoben ihm einen Stuhl hin, brachten heiße, starke Espressi für alle, kalte Getränke und Süßigkeiten. Kertész sah sich um. Seit letztem Jahr hatte sich wieder viel verändert: die Wände waren frisch gestrichen, der Glasschrank war neu und mit modernem Geschirr gefüllt, den Teppich auf dem Boden kannte er nicht.
„Schön habt ihr es euch eingerichtet. Wie ich sehe, geht es allen gut. Joj, ist das schön, wieder bei euch zu sein.“
Was er nicht sah, waren die Blicke, die zwischen Miklós, Tamás und Juliska hinter seinem Rücken hin- und hergingen. Wenn er sie gesehen hätte, wäre er weniger beruhigt gewesen. Denn in diesen Blicken lag kaum etwas von der Wärme und Freude, die sie ihm eben noch entgegengebracht hatten. Ihre Blicke waren aber auch nicht etwa voller Ärger, was man in Anbetracht seines unhöflichen Überfalls hätte verstehen können. Stattdessen lag Verachtung in ihnen – gepaart mit einer klammen Angst. Der Teppich, der Glasschrank und das Geschirr waren mit dem monatlichen Scheck aus Deutschland möglich geworden.

László steckte sich seine Pfeife an und streckte sich im Schaukelstuhl aus. Er hatte mehr zugenommen als auf dem Foto zu sehen gewesen war. Sein Gesicht hatte die alten Konturen verlassen und war aufgequollen. Die Zähne des Gebisses, das er sich hatte anfertigen lassen, waren zu groß für seinen Mund. Außerdem waren sie zu weiß. Wenn er den Mund öffnete, und das tat er ständig, weil er zwischen den Zügen an der Pfeife nach Luft schnappte, war er nicht mehr László, sondern ein anderer. Kertész mochte keine kranken Menschen. Vor allen Dingen verabscheute er kranke Menschen, denen man das Kranksein ansah. László war auf dem besten Weg, ein kranker Mann zu werden, dem man das Kranksein ansah. Was war nur aus dem stattlichen Exemplar von Mann von vor 10 Jahren geworden? Sollte er, Kertész, sein Geld in den Falschen investiert haben?
In der Nacht schlief er schlecht. In den unklaren Träumen, die ihn heimsuchten, klapperten Absätze auf Krankenhausfluren. Betten wurden geschoben, und in den Betten lag immer er. Flurdecken, Wände, Türen und Aufzüge huschten vorbei, während er in seinem Krankenhausbett von einer OP zur nächsten geschoben wurde. Nie sprach jemand mit ihm, nie sah er ein Gesicht. Allenfalls seine eigenen Hände schoben sich in sein Gesichtsfeld. Er hörte das Blut in seinen Adern zittern, das Flüstern des Knochenmarks, das Hüsteln versagender Nieren, das Abplatzen von Augenhornhaut und sein eigenes Würgen, weil Strahlen nun einmal nicht gut taten. Aber es musste sein. Er vernahm das Gemurmel vom Ärzteteam, das Herunterzählen vor der Narkose, und den Druck einer Hand auf seinem Arm, als er wieder aufwachte. Mit Geld konnte man sich alles kaufen, nicht nur die Pflege von Krankenhauspersonal. Nein, kranke Menschen wollte er nicht in seiner Nähe wissen. Krankheit war Schwäche, und Menschen, die sich in Schwäche ergaben, hatten die Luft nicht verdient, die sie atmeten.

Beim Frühstück am darauffolgenden Tag konnte er László kaum ansehen. Die Feistigkeit, die Kurzatmigkeit, das von Cortison zerstörte Gesicht bereiteten ihm körperliche Schmerzen. Ohne aufzublicken fragte er ihn, ob er am Morgen schon ein Gedicht geschrieben habe. Die Stimme, mit der er dies fragte, einer Maschinenstimme nicht unähnlich. László verneinte und Juliska zuckte die Schultern. Ihr breiter Mund zog sich in den Mundwinkeln leicht nach unten. Diese winklige Abwärtstendenz war schon dagewesen, als Kertész sie zum ersten Mal gesehen hatte. Nach ihrer und vor allen Dingen nach den drei Operationen von László und der finanziellen Besserstellung hatte sich das gelegt, aber jetzt, da das Wort Gedicht fiel, warf ihre Haut die tiefen Falten wieder auf.
„Du musst deine Arbeit vollbringen. Dein Volk braucht dich, es wartet auf deine Verse, denn du bist es, der ihnen die Wahrheit bringen wird.“
Juliska schlug mit der Hand auf den Tisch.
„János, jetzt ist genug!“ Sie stand auf und lehnte bebend am Tisch.
„Es ist jetzt genug“, wiederholte sie leiser und setzte sich wieder. László legte seine Hand auf ihre, klopfte sie sacht.
„Es ist schon gut“, sagte er. „Reg dich nicht auf.“

János, das war Kertész. Ihm wurden in diesem Moment zwei Dinge klar:  Er musste László davon überzeugen, unbedingt noch weiter an die Gedichte zu glauben, und er musste seine Arbeit in Deutschland beschleunigen. Juliska verlor die Geduld… Vermutlich ahnte sie etwas. Am besten sollte er sofort aufbrechen, um die Arbeit an den Bänden wieder aufzunehmen. Und doch würde er noch mindestens drei Tage brauchen, László aufzubauen. Was hatten sie hier nur mit ihm gemacht!
Im Verlauf der nächsten Tage legte erst Miklós, dann Tamás, ihm gleichzeitig anklagend und bittend Krankenhausunterlagen vor. Sie ließen Kertész die beachtliche Akte durchblättern und fassten zusammen: Man habe Lászlós rechtes Auge entfernt, und ihm ein Glasauge eingesetzt. Die Hornhaut habe er gespendet. Genaueres war den Akten nicht zu entnehmen. Die Operation sei in Debrecen erfolgt und der Vater habe sie gut überstanden. Das linke Auge sei gesund, so dass er die Einbuße der vollen Sehkraft gut kompensiert habe. Als es der Mutter schlecht gegangen sei, und sie die Totaloperation nicht hatten zahlen können, habe sich der Vater an dieselbe Klinik gewandt und eine seiner Nieren zur Spende angeboten. Man habe ihn nach Pécs geschickt. Auch diesen Eingriff habe er mit seiner robusten Konstitution weggesteckt. Aber seit der Stammzellenentnahme in Miskolc, zu deren Vorbereitung man ihm viele Medikamente verabreicht und ihn dann an einen Stammzellenseparator angeschlossen hatte, gehe es ihm nicht mehr gut. Sein Immunsystem sei zusammengebrochen, und das Ergebnis sei das Bild, das er jetzt abgebe. Das mit den Zähnen sei überflüssig gewesen, aber da habe sich der Vater eine kleine Eitelkeit geleistet, und das Geld sei ja schließlich auch von irgendwoher gekommen. Der Vater spreche darüber nicht, was sie beunruhige.

Kertész hörte sich alles an und wusste, was in ihnen vorging. Er seinerseits würde sich von den Unterlagen, die er übrigens längst kannte, nicht dazu provozieren lassen, ein Geheimnis preiszugeben. Niemals würde er den Kontrakt, den er und László geschlossen hatten, verraten. Der war allein eine Sache zwischen ihnen beiden. Beide hatten ihren Teil darin zu erfüllen. Kertész würde die Gedichte in Deutschland veröffentlichen. Den Jungen sagte er, sie sollten die Dinge so herum sehen: Für sein großes Ziel, seinem Heimatland die rechten Worte zu dichten, bringe ihr Vater eben gesundheitliche Opfer. Nie aber habe er neben seiner künstlerischen Ader die Familie vergessen, oder etwa doch? Lászlós Lyrik sei dem Volk aufs Maul geschaut. Sicher, er sei bei Weitem kein Sándor Petőfi, komme dem aber doch ziemlich nahe. – Auch ein József Attila sei ihr Vater in dichterischer Wortgewalt nicht. Auf tragische Weise war László der geistige Sohn von Petöfi wie von Attila, und er, Kertész, wollte ihm zu Gehör verhelfen. Wenn es sein musste, und danach sah es aus, außerhalb von Ungarn. Was war daran verwerflich, dass er ihn zum Dichten antrieb?
Er und László unternahmen etliche Spaziergänge. Kertész überwand seine Abscheu, und nach fünf Tagen gelang es ihm tatsächlich, den alten László hinter dem leeren Gesichtsausdruck zu entdecken. Es gelang ihm sogar, ihn aus der Erstarrung zu locken. Sie verbrachten den letzten Abend in der Wirtschaft mit den rotnasigen Trinkern und versuchten, sich wie früher zu amüsieren. Es setzte sich nur eben keine übermütige Piroska mehr auf Lászlós Schoß und die Wirtin flirtete nicht mehr mit ihm, sondern hatte ein sorgenvolles Auge auf die Röte seines Gesichts und die Kurzatmigkeit. Kertész bezahlte für alle und tätschelte die Köpfe der Kinder, wenn sie um ihn herum tobten und er einen von ihnen erwischte. Sie ließen das zu, machten sich aber auch nichts weiter daraus. Der alte Bácsi war seltsam, und die Erwachsenen würden schon wissen, warum sie sich mit ihm abgaben.

Die Früchte seiner an Selbstüberwindung reichen Bemühungen trug er in Form von zehn Gedichten mit nach Deutschland zurück. In ihnen hatte sich László mit dem Auftrag des Dichters und seiner Verantwortung auseinander gesetzt. Dafür überließ ihm Kertész den Rest des Geldes aus Deutschland, das sein Konto vor der Abreise hergegeben hatte. Der Abschied war viel weniger herzlich als noch vor einem Jahr, ganz zu schweigen von den Abschieden vor sechs oder acht Jahren. Doch dessen ungeachtet: Immerhin hatte er alles in allem zehn Jahre gewonnen, was mehr war, als er sich erträumt hatte.
Im Moment seiner Rückkehr in seine Wohnung, nach einem Treppenaufstieg, der ihn an die Grenzen seiner Kraft gebracht hatte, ging das Telefon. Das Klingeln beharrte und hörte nicht auf, bis er schließlich den Hörer abnahm.

„Es ist vorbei“, sagte Juliska, nachdem sie abgewartet hatte, bis er genügend Luft zum Zuhören hatte. Auf Ungarisch klang das ungleich endgültiger: hogy vége.
„Ich melde mich später“, sagte Kertész.
„Das brauchst du nicht, lass es gut sein.“
„Ich will, dass es euch gut geht.“
Juliska legte auf.

Das war also das Ende. – Tage später kam die Todesanzeige mit dem erklärenden Nachtrag: László war nach seiner Abreise in seinem Schaukelstuhl zusammengesackt, und bevor jemand das überhaupt bemerkte, hatte er alles hinter sich. Kertész schrieb Trauerkarten, vor allem an seine deutschen Verbindungen, die doch auf die Bücher so gespannt waren. Er schrieb auch Trauerkarten nach Ungarn, und er überwies das Geld für die Beerdigung. Dann ging er daran, die aus Ujtelep mitgebrachten Gedichte zu übersetzen. Prophetisch waren sie, als hätte der alte Tausendsassa seinen Tod vorausgesehen und – herbeigewünscht.
Monat für Monat steckte weiter jeden Mittag ein Umschlag mit einem neuen Gedicht im Briefkasten. Die Briefe in Ujtelep abgestempelt, auf gelblichem Papier geschrieben, mit Grußworten von László versehen. Auch diese Gedichte übersetzte Kertész und fügte sie in die vier Stapel ein. Am Ende des Septembers war die Arbeit vollendet.
Zu Allerheiligen schickte er an Juliska und jeweils Miklós, Tamás und Annamária, Lászlós Tochter, ein großes Paket. Ein jedes enthielt die vier Bücher in dreifacher Ausfertigung. Seine maschinenbeschriebenen Seiten hatte er in einer Druckerei digitalisieren lassen. Im Preis inbegriffen waren die Einbände, für die man ihm mehrere Vorschläge unterbreitet hatte. Er hatte jeweils ähnliche gewählt – wegen des Wiedererkennungswertes. Besonders schön machten sich die Titel, die er ausgewählt hatte, und Lászlós Name. Auf der Rückseite hatte er ein Bild einsetzen lassen: Es zeigte László in seinem Schaukelstuhl. Pfeife rauchend. Kertész war es eine Genugtuung, dass sein eigener Name als der des Übersetzers auftauchte. Zum Dichter hatte es bei ihm nicht gereicht – aber immerhin zum Übersetzer.

Nachdem die Pakete abgeschickt waren, war sein Geld restlos aufgebraucht und das noch zu erwartende mit Hypotheken belegt. Man sah Kertész noch einen Monat lang hier und da auf Gemeindeversammlungen. Er ging mit seiner abgewetzten Tasche, in der er Bücher trug, herum. Setzte er sich neben jemanden, oder setzte sich jemand neben ihn, öffnete er umständlich die Tasche und entnahm ihr das eine oder andere Buch. Er schwärmte von László, und welch begnadeter Dichter der für sein Ungarn wäre. Er ließ auch Bücher liegen, nicht unabsichtlich, aber auch nicht zielgerichtet. Es war die als Gnade geduldete Zerstreutheit, der Kertész immer größeren Raum gab.
Im neuen Jahr ging er nirgendwo mehr hin. Das fiel niemandem auf. Der einzige, dem auffiel, dass etwas nicht stimmte, war der Postbote. Die Briefe aus Ungarn wurden nicht mehr abgeholt – der Briefkasten quoll über. Da rief er den Hausmeister. Man kam gerade rechtzeitig, um einen sterbenden Mann zu finden. Vertrocknet und verwahrlost saß er an seinem Arbeitstisch. Die Triumph Adler stand vor ihm, links davon Stapel weißen Papiers, hinter der Maschine die Installation mit der Lupe, darunter die Original-Versionen von Gedichten auf gelblichen Seiten. Rechts lagen weiße Seiten, die Einschläge der Typen von der Schreibmaschine aufwiesen. Das Farbband in der Schreibmaschine fehlte. Hinter dem Schrank, hinter der Tür, auf dem Bett überall Bücher. Auf dem Küchentisch Briefe an einen László, an eine Juliska und eine weitere Person namens Zoltán. Die herbeigerufene Polizei machte für alle Fälle Fotos und verschloss und versiegelte die Wohnung. Das würde sich jemand genauer ansehen müssen.

Den ausgemergelten, federleichten Körper auf eine Krankenwagen-Liege zu legen, war keine Schwierigkeit. Er ließ sich ins Krankenhaus fahren, ohne ein Wort zu sprechen oder sich zu wehren. Seinen leeren Blick zu ertragen, war fast unmöglich. Auf der Intensivstation hatten sie jeden Tag mit Sterbenden zu tun. Man sah es Menschen an, wenn sie starben. Niemand vermag einen Blick dahin zu werfen, wohin die Reise geht. Deshalb bleiben oder werden Sterbende ruhig. Dieser Mensch hier – so deuteten sie seinen Blick – sah offensichtlich Schrecklichem entgegen. Das Abhorchen ergab nichts. Keinen Herzschlag, keine Lungengeräusche. Einen Puls hatte er auch nicht mehr. Man versuchte, ihm eine Infusion zu legen, fand aber keine Vene, in die die Kanüle hätte gestochen werden können. Als man seinen Mund öffnete, um ihm Flüssigkeit einzuflößen, blickten sie in ein dunkles Loch. Er hatte keine Zunge mehr. Die junge Ärztin wurde darüber hysterisch und rief nach einem Kollegen. Der ordnete pragmatisch ein Röntgen an. Sie hasteten mit dem Alten auf der Transportliege zur Radiologie, brachten dort den gesamten Ablauf des Tages in Unordnung. Auf dem Bild – nichts. Keine inneren Organe – nichts. Und während sie noch ratlos um das Häuflein Mensch herumstanden, bröckelte es unter ihren Blicken auseinander und war schließlich vollständig verschwunden.