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PROSA-SCHNIPSEL IX

Abkürzung oder Umweg?

Es ist schon seltsam – da schreibt man in einem Alter über ein anderes Alter, das noch weit in der Zukunft liegt. Es ist ein Vorwegnehmen… einen WEG nehmen, der noch vor einem liegt. Und dann geht man den Weg weiter, vergisst möglicherweise die Vorwegnahme, und findet sich doch genau dort wieder. So ähnlich verhält es sich mit jenem kurzen Text, geschrieben und auch veröffentlicht 2006 in meinem kleinen Büchlein „Das Schwere annehmen… und das Leichte ernten“.

Die Geschichte vom guten Rezept


Viele, viele Jahre her, da schickte sich ein Kind an, ein junger Mensch zu werden. Man gab ihm allerlei Ratschläge mit auf den Weg, aber nicht nur Ratschläge, sondern auch viele Regeln.

Es ließ sich langsam an mit den Regeln: Zuerst traten sie als Kuchen- und Kochrezepte in Erscheinung. Der junge Mensch eignete sie sich an, und versuchte fortan, sie nach allen Regeln der Kunst anzuwenden. Nur die Ergebnisse, die er erzielte, waren fad und stimmten ihn unzufrieden.

„Aber was willst du?!“ riefen die, die seine Kuchen essen sollten, und sie auch schließlich aßen.

Der junge Mensch änderte das Rezept. Von diesem etwas mehr, von jenem etwas weniger. Mal war das Ergebnis miserabel – öfter aber überraschend gut.

„Wie hast du das gemacht?! Verrate uns dein Rezept!“

„Ich weiß es nicht mehr“, sagte der junge Mensch, „ich habe einfach nach Gefühl gebacken.“

Das Leben griff nach dem jungen Menschen, und der Ernst des Lebens, der den Untergang eines Paradieses einleitete, begann. Zehn Jahre nach der Entdeckung des Empfindens und fünf Jahre nach seinem Verlust, merkte der Mensch, dass ihm seine Arbeit nicht mehr schmecken wollte. Was ihn zuerst fasziniert hatte, ermüdete ihn nun: Regeln und Rezepte zu befolgen und sie hier und da abzuändern war praktisch, allein es fehlte Entscheidendes.

„Aber was willst du?“ riefen dieselben Stimmen wieder.

 „Du tust doch, was alle tun!“ Denn er mehrte ihren Verdienst.

Da änderte der Mensch das Rezept seines Lebens, verließ den alten Weg und suchte einen neuen. Es ging ihm nicht immer gut – öfter schlecht als gut. Er hatte hart an sich zu arbeiten.

„Du bist jetzt erwachsen. Da hat sowas keinen Platz. Alle haben sich zu beugen und müssen etwas opfern“, riefen seine Freunde und prophezeiten ihm ein böses Ende.

Die Jahre gingen dahin, der Mensch, jetzt älter geworden, ging daran, viel später als seine Freunde, die Früchte dessen zu ernten, was er vor langer Zeit gesät hatte. Sie waren nicht nur schlecht.

„Das ist nicht wie üblich“, staunte seine Umgebung.

„Wie hast du das bloß gemacht? Verrate uns dein Geheimnis.“

„Ich weiß sehr wohl, was ich gemacht habe“, sagte der Mensch, alt und angegraut, und lächelte nicht unzufrieden.

„Es nützt euch nichts, wenn ich es euch verrate. Denn ich habe nach meinem Empfinden gelebt, und das könnt ihr weder lernen noch kann ich es euch lehren.“

Dieses Empfinden hat einen bestimmten Namen, und es ist das Salz in der Suppe des Lebens. Es ist in jedem – er muss es nur in sich finden.

Es nützt nichts, eine Abkürzung zu nehmen, wenn man auf dem falschen Weg ist. Der einzige Vorteil: man kommt eher an dem Ziel an, das nicht zu einem gehört. Und bemerkt vielleicht den Irrtum. Vielleicht.