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PROSA-SCHNIPSEL

Zum Leben verurteilt

Früher – als junge Frau – wünschte ich mir oft, ich könnte mich aus der Affäre ziehen, indem ich den Kopf in den Sand stecke. Du lachst? – Doch, doch! Und auch heute noch, obwohl ich es heute besser weiß,  gibt es Tage, da würde ich mich am liebsten im Bett verkriechen, mir die Decke über den Kopf ziehen. Ich, ein erwachsener Mensch. Ich möchte verrückt werden, und mich allen Verantwortlichkeiten entziehen. – Der Himmel brennt lichterloh, doch ich kann nicht weglaufen. Es, von dem ich lange nicht wusste, was es eigentlich ist, versucht nach wie vor, mich zu locken. Was ich dann tue? Ich beginne, Teller an die Wand zu werfen, Kissen zusammenzuschlagen, händeringend im Zimmer auf- und abzuwandern, bis ich mich wieder beruhigt habe und die Situation bis zu ihrem Ausgang ertragen kann.
Das glaubst du nicht, nicht wahr? Aber, so frage ich dich, ist es nicht immer so, wenn eine Entscheidung sich anbahnt, aber man noch nicht in das Neue hineingewachsen ist? – Ich weiß inzwischen eins im Gegensatz zu früher besser: Ich bin verurteilt, zum Leben verurteilt.

Wie das, fragst du. Für welches Verbrechen wird man verurteilt und dennoch auf freien Fuß gesetzt? Kein Verbrechen. Ich habe kein Verbrechen begangen, es sei denn, die Tatsache, dass man die Augen öffnet, wäre neuerdings ein Verbrechen.

Der Tag, an dem mir die Augen aufgingen, begann mit den üblichen Problemen beim Aufstehen, der Abneigung gegen die anstehende Routine, die doch so tröstlich sein kann, und einem unbestimmten Gefühl von Was-Ist-Denn-Bloß-Der-Sinn-Von-Allem? Er war weder mein Geburtstag noch überhaupt der Geburtstag von jemandem, den ich kannte.
Mein Körper war müde. Jeden Tag kämpfte er denselben aufzehrenden Kampf gegen seine eigene unveränderbare Einzigartigkeit und war dabei, sich zugrunde zu richten. Wenn ich etwas konnte, dann war es das: Angefangenes – sogar Ungeeignetes – bis zur letzten Konsequenz durchzuziehen. Mein Geist war müde. Längst war er dieses sinnlosen Treibens überdrüssig. Aber er wusste sich nicht zu helfen. Meine Seele war abgebrannt. Wenn man jeden Tag auf verlorenem Posten steht, außerdem in Feindgebiet, verabschiedet sich das Empfinden und geht ins Exil.
Meinen müden Körper quälte ich ins Bad und zwang ihn zu einem halbherzigen Reinigungsritual. Meinem Geist versprach ich Interessantes bei der Arbeit, damit er mich nur nicht im Stich ließe. Meine Seele aber, selbst wenn sie aus dem Exil zu schreien vermocht hätte, ignorierte ich.
Es lief alles auf eines hinaus: auf eine annehmbare Erscheinung mit einem gut funktionierenden Intellekt, der messerscharf alles erfasste und doch im Netz einer riesigen Spinne gefangen war.
Die Handgriffe fürs Frühstück geschahen mehr als dass ich sie bewusst ausführte. Es gab Tage, an denen ich nichts zu mir nahm. Heute dämmerte mir, dass mir mein Körper den Dienst versagen würde, sollte ich ihn vollends vernachlässigen.
Ich trug meine schöne Fassade ins Auto und machte mich auf den Weg. Die gleiche Strecke jeden Morgen; immer die gleichen Ampeln rot. Ich beschäftigte meine linke Gehirnhälfte mit dem Austüfteln geeigneter Umgehungen von Staus, und ließ meine rechte links liegen. Mein linkes Bein brannte, nicht nur, weil die Sonne zur Fahrerseite hereinlugte. Kuppeln, Gang einlegen, Kupplung kommen lassen, Gas geben – alles ging automatisch. Die nächste Ampel war schon wieder rot. 

Mein Vordermann ist bei Gelb noch durchgehuscht, ich muss anhalten. Die Zeit wird mir knapp. Ich hätte auch durchfahren sollen! Eins der wenigen Gefühle, die zu fühlen ich zur Zeit in der Lage bin, steigt wieder in mir hoch: Groll oder Wut. Ich weiß nicht, auf wen ich wütend bin, aber ich bin wütend. Ich trommele aufs Lenkrad.
Da gibt es ein klatschendes, knirschendes und dumpfes Geräusch. Ich stehe in der Rechtsabbiegerspur, neben mir ist der Bürgersteig, und dort liegt jetzt ein menschlicher Körper. Zuerst bringe ich das Geräusch und den reglosen Körper nicht miteinander in Verbindung. Dann muss ich anfahren, weiterfahren, weil die Ampel grün geworden ist. Während ich wegfahre, fange ich an zu zittern, und erst als ich im Rückspiegel sehe, dass hinten Leute zusammenlaufen, begreife ich, was geschehen ist.
Ich habe das Gefühl zu schwimmen. Arme und Beine gehorchen mir nicht mehr; ich versinke im Treibsand, stake im Nebel, krieche im Schlamm. Ich höre das Geräusch wieder und wieder. Es lässt mich auch nicht los, als ich das Auto hinter dem Gebäude, in dem ich zur Zeit arbeite, parke, den Hausmeister begrüße und den Fahrstuhl in den sechsten Stock nehme.
So klingt es also, wenn ein menschlicher Körper aus großer Höhe auf die Erde fällt, versucht meine Vernunft abzuwiegeln. Ich aber fühle ein anderes Gefühl neben meiner Wut. Wenn es nicht Ekel ist, dann ist es Angst. Die Schlagzeilen der von den Kollegen mitgebrachten Zeitungen, die auf den Tischen herumliegen, verursachen heute Hilflosigkeit in mir. Was für ein Ersatzleben, was für Illusionen! Dieser Mensch vorhin – ist mir unerklärlicherweise sympathisch und imponiert mir. Es gehört Mut dazu, sich von einem Hochhaus zu stürzen! Mut, sich selbst zu töten. In den Radiomeldungen des Regionalsenders ist bald von Selbstmord die Rede. Ich sage beiläufig, dass ich dort war, als es passierte. Und ich bin für heute die begehrteste Person auf der Etage. Alles wollen sie immer wieder von mir hören: Wie sah er aus? Wie lag der Körper? Was hatte er an? Schlafzeug? War er blond oder braunhaarig? Eine Statistik sagt, Blonde seien häufiger unter Selbstmördern zu finden. Sie seien sensibler. Ich bin brünett und denke seit heute morgen an nichts anderes mehr.
Um fünf bin ich fertig. Ich schalte den Computer ab und räume meinen Arbeitsplatz auf. Um sechs bin ich mit Charlie verabredet. Er findet mich schön, also muss ich mit ihm essen gehen. Im Waschraum schminke ich mich und mache mich frisch. Im indirekten Licht der Spiegelbeleuchtung funkeln mir meine Augen entgegen. Ich kann sie sonst schon nicht ertragen, heute erst recht nicht. Diese Augen sind Verräter, denn sie verraten anderen alles über mich, mir aber sagen sie nichts. Die, die mir entgegenblickt, klagt mich allerdings der Vertreibung an. Irgendwann hat sie angefangen, mich zu hassen und zu bekämpfen. Es muss weit zurückliegen.
Mein Auto ist aufgetankt von der Sonne. Als ich einsteigen will, versagt mir mein linkes Bein den Dienst. Es ist schwer und gestaut; wie sehe ich denn aus, wenn ich gleich Charlie gegenüberstehe?
Aber Charlie merkt nichts. Ich hole ihn an unserem vereinbarten Treffpunkt ab. Ein großer kräftiger Mann ist er, mit einem Ohrring und einem schmalen Oberlippenbart – Klischee meinerseits. Wir treffen uns seit Wochen und seit Wochen passiert nichts. Meinetwegen muss auch nichts passieren, denn ich will nichts von ihm. Ich will von keinem Mann was. Charlie ist nett und unterhaltsam; er versteht es, mir die Art von Komplimenten zu machen, die meinen Verstand befriedigen, und den Rest Frau in mir, die ich trotz allem immer noch bin. Aber ich habe den Kontakt zu dieser Frau verloren, und so entzieht sie sich meiner Kontrolle, spielt mir und Charlie Streiche, die ich nicht verhindern kann.
“Gehen wir zum Italiener …”, schlägt Charlie vor. Ich parke den Wagen, und wir gehen den Rest des Weges zu Fuß. Charlie legt den Arm um mich, drückt mich an sich. Ich spüre mein linkes Bein, das ich nachziehen muss, und das ich beginne zu verfluchen. Heute ist ein Tag der Gefühle, blitzt es durch meine Gedanken, und ich bin reichlich verwirrt.
“Ich möchte dich überraschen”, sagt Charlie in meine Gedanken hinein. So freudig, wie er gehofft hat, blicke ich nicht. Seine Augen werden wieder heller. Ich ziehe die Schultern hoch. “Dieser Abend gehört dir”, sage ich leichtfertig, weil ich seine Verstimmtheit spüre. Ich möchte ihn nicht verstimmen. Es wird schon nichts Verpflichtendes sein, womit er mich überraschen wird. Auch heute Abend wird keine Entscheidung fallen.
Ich erzähle nichts von dem Vorfall am Morgen; von vorneherein habe ich Charlie jegliche Tiefe und jegliches Profil abgesprochen, und bestimmte Themen sprechen wir gar nicht erst an. Wir trinken Rotwein zur Lasagne, sitzen uns gegenüber und reden über meine Wohnung, Charlies Wohnung, meine Arbeit und seine Arbeit. Es ist immer noch warm, und langsam beginne ich, mich unangenehm zu fühlen. Meine Sachen habe ich heute mindestens zweimal durchgeschwitzt, und so fühlen sie sich auch an.
“Ich habe über uns nachgedacht”, sagt Charlie unvermittelt und stellt sein Glas ab.
“Gibt es etwas über uns nachzudenken?” Nur nicht diese Masche. Aber da ist sie schon: die unvermeidliche Bewegung, mit der er über den Tisch hinweg meine Hand ergreift und sich zu mir herüberbeugt. So kann es doch nicht weitergehen … wird er gleich sagen, und da sagt er es:
“So kann es doch mit uns nicht weitergehen.”
Diese Zerknirschtheit steht ihm nicht, er sieht mir eine Spur zu selbstsicher ins Gesicht. Soll er ehrlich sagen, was er will.
“Du hast doch gesagt, dass du nichts Festes willst”, wehre ich mich, noch klar im Kopf.
“Was wir jetzt machen ist weniger als nichts Festes.”
Er sieht bezaubernd aus. Ich ahne, dass er mir wehtun wird. Bevor es soweit kommt, sollte ich lieber gehen. Doch ich bleibe sitzen.
“Lass mir Zeit”, erbitte ich mir, lächelnd, wie ich glaube.
“Ich kann im Moment nicht. Ich kann einfach nicht.”
“Das ist Quatsch!” ruft er aus und setzt sich unwillig zurück. Während ich noch erschrocken bin über meine eigene Kälte, sagt Charlie schon wieder besänftigend:
“Okay. Du hast Probleme. Gut – ich lass dir Zeit. Wie lange brauchst du?”
Wie kann ich das sagen? Ich kann doch nichts versprechen. Außerdem hasse ich Versprechen. Sie hasst Versprechen. Wir bleiben einen ungewöhnlich langen Moment still. Charlie winkt den Kellner heran, verlangt die Rechnung. Jetzt hat er es sehr eilig.
Ich überlasse ihm das Fahren, begnüge mich mit dem Beifahrersitz. Die ganze Last des Tages fällt auf mich zurück und drückt mich ins Leder. Es ist warm von der Sonne, die inzwischen fast untergegangen ist, ist so fremd behaglich warm. Ich könnte sofort einschlafen. Mein Bein ist schwer und hart. Zu sehen ist nichts, aber wenn ich darüberstreiche, fühlt es sich voll und geschwollen an.
Ich zünde für Charlie und mich eine Zigarette an, und wir rauchen gemeinsam, während er uns durch die Stadt fährt.
“Ich verstehe nicht”, nimmt er das Gespräch wieder auf, “wie eine attraktive Frau wie du so kalt sein kann.” Die Glut glimmt rotschwarz, er hat die Zigarette beim Sprechen nicht aus dem Mund genommen. Er wird mir wehtun. Ich weiß es jetzt.
“Aber vielleicht bist du ja gar nicht so unschuldig, wie du tust!”
Ich nehme ihm die Zigarette aus dem Mund und streife sie im Ascher ab. Es ist wie in einem billigen Film.
“Ich bin müde”, sage ich nur. “Bringst du mich nach Hause?”
“Wir fahren doch zu mir?! Vergessen?” Er hebt die Augenbrauen, ich kann es hören. Seine Wohnung, auf die ich vorhin noch neugierig war, ist mir jetzt egal. Ich spüre Müdigkeit und eine bleierne Angst. In der andauernden Dunkelheit mit dem bizarren orange-blauen Himmel vor mir und dem weißen Blinken des Fernsehturms, das ich mehr ahne denn sehe, hinter mir, fallen mir die Bilder von heute morgen wieder ein. Ein lebloser Körper, ein Stück Fleisch, seltsam falsch zusammengefügt auf dem grauen Beton. Ein Notarztwagen überholt uns in diesem Moment, und als er auf unserer Höhe ist, lässt er sein Horn aufheulen. Ich schrecke zusammen.
Charlie sieht es. Als wir zwei Minuten später bei ihm ankommen, verabreicht er mir rührend besorgt einen Whisky, den ich sogar annehme. Seine Wohnung hat alles, was eine Wohnung gemütlich macht: schräge Wände, nicht zu wenig Regalwände voller bunter Bücher, gerade genug Pflanzen, eine Küche, die bestens für zwei Leute geeignet ist, die eng zusammensitzen, und ein Badezimmer mit Badewannenvorleger.
Charlie legt eine Platte auf und zieht die Vorhänge zu. Dann setzt er in der Küche aus mir unzugänglichen Gründen Kaffee auf. Ich sitze auf der Kante seiner Couch und komme mir vor wie ein Mädchen vom Land, das nicht weiß, wohin mit seinen Händen und Füßen.
Ungeniert und frech zieht sich Charlie vor meinen Augen ein frisches Hemd an, entblößt seinen Oberkörper, so dass ich seine Tätowierung – natürlich hat ein Mann wie er Tätowierungen – an der Schulter sehe. Sein Ohrring blitzt im Licht, und ich weiß, dass er sich jetzt absichtlich so langsam bewegt.
Sollte das die Überraschung sein? Als ob ich das nicht gewusst hätte. Spätestens im Auto habe ich das gewusst. Aber ausgestiegen bin ich nicht.
“Ich werde jetzt besser gehen”, versuche ich das Versäumte nachzuholen. “Danke für den Kaffee.” Ich kann nicht aufstehen. Wie unter Zwang versinke ich tiefer im Polster und ziehe meine Beine an den Körper.
“Es ist schön, dass du endlich da bist. Ich habe lange überlegt, womit ich dich hierher locken kann.”
“Es war doch gar nicht so schwer. Zufrieden?”
Er gleitet neben mich auf die Couch. Meine Hand löst automatisch das Haargummi, mit dem ich an warmen Tagen meine Haare zusammenhalte, und es fällt mir bis über die Schultern. Sie kommt mit den Haaren.
“Du bist nicht gerade das, was man eine unkomplizierte Frau nennt.” Charlie lacht und schenkt Kaffee nach. Als er mir die Tasse reicht, ziehe ich meine Hand, die er streichelt, nicht weg.
Okay, gut. Sie hat gewonnen, denke ich kurz, und dann sehe ich mich auch schon die Register dessen ziehen, was sie mir einflüstert. Wir küssen uns. Ich lese in Charlies Augen, dass er mehr als überrascht ist. Es ist mir eine Genugtuung, diese Überraschung zu sehen. Sie sind doch immer wieder überrascht. Noch fünf Minuten, sagt mein Zeitplan, dann musst du aufstehen, um zu gehen. Es hat immer geklappt. Es klappt immer. Wenn ich sie durch mein Nachgeben derart überrumpelt habe, können sie mir nichts mehr abschlagen. Sogar die Bitte, aufzuhören nicht. Charlie küsst gut. Seine Küsse schmecken nach Milchkaffee, und seine Hände sind überall. Er hat angenehme, warme Hände. Die fünf Minuten sind um. Ich löse mich halbherzig von ihm und tue kleinlaut.
“Tut mir leid. Ich kann nicht!” Ihre Augen blicken aus mir heraus, obwohl es meine Worte sind. Ich stehe auf und zupfe mein T-Shirt zurecht, nehme mein Haargummi und will mein Haar wieder zusammenbinden. Charlie sieht mich ungläubig an.
“Jetzt!?” Er schüttelt den Kopf. “Das kannst du nicht meinen!”
Meine Handtasche steht neben der Couch, ich bücke mich, um sie hochzunehmen. Eine feste Hand packt mich am Gelenk. Seine Augen, grün, hell, verletzt, sind ganz nah an meinem Gesicht. Sie lacht – ich lache, und ringe mich los.
“Es ehrt mich, dass du mich haben willst. Aber ich bestimme die Regeln”, bricht es aus mir heraus. Sie reizt hoch, viel zu hoch diesmal. Ich bekomme rasende Angst, denn ich weiß doch, dass man so mit niemandem reden darf, und wenn doch, was es dann in Menschen auslöst. Charlie ist aufgesprungen und verstellt mir den Weg, als ich Anstalten mache, zur Tür zu gehen.
“Lass mich gehen, Charlie”, diesmal ist es meine Stimme. Sie klingt erbärmlich dünn. “Ich wollte nicht, dass es so endet.”
“Das hättest du dir vorher überlegen sollen.” Er steht vor mir, schön und aufgebracht. Ich kann ihn verstehen. Ich kann ihn so gut verstehen. Aber er weiß ja nicht, was mit mir los ist. Sie stampft mit meinen Füßen auf. Ihre Stimme ist wieder verführerisch, als sie spricht: “Ich verspreche dir, das nächste Mal …”
“Es gibt kein nächstes Mal. Heute ist das eine Mal.” Seine grünen Augen sprühen etwas, das nur Hass sein kann. Er kann doch nicht mich meinen. Er meint auch nicht mich, aber das weiß er nicht. Er kennt sie nicht. Als er mich an den Schultern fasst, fangen wir gleich an zu kämpfen. Keiner kann aufhören: ich kämpfe um mein Leben, Charlie um seine Fassung – und sie kämpft um den Tod. Ich kratze, schlage und beiße. Sein Unterarm blutet. Aber dann hat er mich so, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Mit den Armen über dem Kopf bin ich ihm ausgeliefert.
Danach liegen wir nebeneinander und weinen. Ich horche angst- und hoffnungsvoll in mich hinein. Sie ist weg. Hat sich davongemacht und mir die Scherben hinterlassen. Mein Bein tut wieder weh, aber vielleicht habe ich das auch vorhin nur vergessen. Ich ziehe mich an, vermeide es, Charlie anzusehen, stehe auf und mache Ordnung im Zimmer.
“Es tut mir leid!” kommt Charlies Stimme von der Couch.
“Ich weiß”, sage ich. “Mir auch.”
Ich hole ein Handtuch aus dem Bad und werfe es ihm über. Sein Arm sieht schlimm aus. “Geh ihn waschen, sonst entzündet sich noch was.”
“Das ist nicht so schlimm.”
Ich mache mich ans Gehen.
“So?”
Das T-Shirt ist zerrissen und außerdem blutig. Die Hose ist einigermaßen in Ordnung. Wie es in meinem Gesicht aussieht, weiß ich nicht. Ich will es auch nicht wissen.
“Es sieht mich keiner. Es ist dunkel.”
Charlie steht auf und läuft verlegen in der Wohnung herum. “Das wars dann wohl.”
“Ja.”
Auf dem Weg zum Auto merke ich doch meinen zerschlagenen Körper. Ich sitze hinterm Lenkrad und zittere vor Kälte. Es ist nicht die Kälte der Nacht; es ist die Kälte, die sie immer hinterlässt, wenn sie gegangen ist. Diese Frau, zu der ich den Kontakt verloren habe, und die sich holt, wann immer sie will, was ich ihr nicht freiwillig gebe. Aus ihrem Exil heraus lacht sie hämisch.
Charlie tut mir leid. Ich tue mir leid.
Zuhause gehe ich unter die Dusche und anschließend gleich ins Bett. Ein Wunder, dass ich schlafen kann. Am nächsten Morgen steht ein Strauß Orchideen auf Menschenbeinen vor der Tür, und dahinter taucht Charlies Gesicht auf. Sein Arm ist verbunden. Als mein Blick darauf fällt, versucht er erfolglos, ihn zu verstecken. “Der Arzt meinte, da hätte ich mich mit einer richtigen Wildkatze eingelassen … Gehst du zur Polizei?”
Auf der Karte, die ich zwischen den Blumen herausfische, steht noch einmal eine Entschuldigung. “Du hättest die Blumen nicht gebraucht. Ich gehe nicht zur Polizei.”
Erleichterung steht auf seinem Gesicht, aber auch Unglauben.
“Es würde dir und mir überhaupt nicht helfen, wenn sich jemand Offizielles da einmischt. Das ist eine Sache zwischen uns beiden.” Ich spüre, wie ihm ein Stein vom Herzen fällt. Meine Logik versteht er trotzdem nicht, und ich schicke ihn weg. Sie will etwas sagen, aber ich lasse sie nicht. Mit ihr werde ich, wenn wir wieder alleine sind, die neuen Regeln klarstellen. Charlie geht und ich schließe die Tür. Ich muss tief durchatmen, denn die Angst kommt wellenartig wieder hoch. Diesmal bin ich nicht unvorbereitet. Anders als gestern, als sie mich überfiel, weiß ich jetzt, woher sie kommt. Wem immer ich gestern ins Angesicht geschaut habe – er oder sie hat mich wachgemacht.
Angst, schießt mir durch den Kopf, kommt mit dem Zulassen auch des Schlechten, nicht beim Ausblenden. Angst hat der, der um die Schatten weiß, nicht der, der im Verdrängen sicher ist.
Opfer – Täter? Wer ist denn das Opfer und wer der Täter? Wer legt die Rollen fest? Sind wir nicht alle Täter und gleichzeitig Opfer? Selbstmord – Tod – ein Ausweg? Es gehört Mut dazu, sich zu töten? Mitnichten. Es gehört Mut dazu, zu leben.

Verstehst du nun, was es heißt, zum Leben verurteilt zu sein? Es heißt, dass Tod nicht mehr die Alternative ist, für die du sie gehalten hast. Den-Tod-nicht-Fürchten und Nicht-Leben-Wollen ist nicht dasselbe. Sterben-Wollen ist oft nur die Flucht vor der Unfähigkeit zu leben. Flucht aber ist immer die schlechtere Alternative, weil sie nichts löst. Leben heißt die Entscheidung, die überhaupt erst einmal getroffen werden muss. Durch die Hölle gehst du, solange du diese Entscheidung nicht getroffen hast.

 

aus: Sonnenzeilen-Sonnenzeiten, 2007