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MIT SYSTEM UND MIT BEDACHT

oder

Von Läusen und Lebern

Als Mama heute Pedram und Lilo von Dorit abholt, hat sie schlechte Laune. Mit Dorit kann das nichts zu tun haben. Sie hat alles richtig gemacht: sie ist mit allen Kindern im Zoo gewesen, hat Mittagessen gekocht und neue Musikkassetten aus der Bibliothek geholt.
„Ach“, sagt Mama zu Dorit, „im Moment läuft alles schief.“
Wenn Mama schlechte Laune hat, spricht sie nicht. Dann ist sie ganz still. Und so gehen sie heute ganz still zu dritt nach Hause.
Womit Mamas schlechte Laune zu tun hat, verstehen Pedram und Lilo nicht.
„Wahrscheinlich ist ihr eine Laus über die Leber gelaufen“, flüstert Pedram Lilo im Treppenhaus zu. Das hat er neulich von Christof gehört. „Was ist eine Leber?“ fragt Lilo zurück, läuft zu Mama und bohrt ihre Hand in die von Mama.

Zuhause sieht es ziemlich durcheinander aus. Wenn Mama nämlich gerade nicht im Büro von Herrn Fischer arbeitet, bleibt sie zuhause und schreibt weiter am Buch. Ein Buch schreiben bedeutet, dass sie viele Bücher lesen muss. Das findet Pedram komisch. Wozu soll man ein Buch schreiben, wenn man dafür zehn andere Bücher braucht?
„Das Buch schreiben“ heißt auch, dass Mama das ganze Arbeitszimmer voll Papier liegen hat. Außerdem vergisst sie zu kochen, einzukaufen und die Kinderzimmer aufzuräumen. Auch heute liegt alles noch genauso wie am Morgen herum, bevor Pedram und Lilo zu Dorit gegangen sind.
„Dürfen wir noch auf den Spielplatz?“ fragt Pedram und steht schon am Fenster vom Kinderzimmer. Lilo hat eine Kassette von Dorit mitgebracht. Sie ist mit dem Kassettenrekorder beschäftigt.
„Wascht ihr eure Hände?“ ruft Mama aus dem Wohnzimmer.
Pedram läuft ganz schnell ins Gäste-WC, dreht den Wasserhahn auf und wieder zu und sucht seine Murmeln aus der Schublade. Er und Christof haben im Sand eine Burg mit einer Murmelbahn gebaut. Sie ist ganz hoch und aus herrlich dickem, feuchtem Sand. Sie haben mit dicken und dünnen Stöckchen Tunnel gebohrt und die Bahn sorgfältig glatt gestrichen.
Heute wollen sie eine Brücke bauen, über die die Murmeln zu einer zweiten Burg in einer weiter entfernten Mulde rollen sollen.
„Mama, kann ich raus?“ drängelt er.
„Opa kommt gleich. Und Papa auch. Sie wollen ein Regal zusammenbauen“, ruft Mama. Sie ist jetzt im Schlafzimmer. Und dann ruft sie: „Ach, das wird mir alles zu viel.“ Und Lilo und Pedram hören, wie sie eine Schranktür schlägt, was dumm ist, denn Schranktüren spüren keinen Schmerz – aber Mamahände. Pedram weiß das und Lilo auch.
„Wenn die Laus groß ist, dann ist der Ärger groß“, rätselt Pedram und hat das Gefühl, dass auch er eine Laus bekommt. Er fragt nicht mehr, ob er raus darf und wirft die Murmeln in die Schublade zurück. Da scheppern sie laut und kullern durcheinander.
Lilo sitzt immer noch mit dem Kassettenrekorder auf den Knien auf ihrem Bett. Die Kassette leiert. Lilo drückt zwei Tasten gleichzeitig, das hilft meistens. Heute nicht. Die Kassette leiert weiter. „Dumme Kassette“, sagt Lilo und schüttelt den Kassettenrekorder. Das hilft auch nichts. Da schlägt sie auf den Deckel, aber das tut nur ihrer Hand weh – und die Kassette springt mit einer Menge Bandsalat heraus.
„Jetzt ist sie kaputt!“ stellt sie mit zitternder Stimme fest und steht vom Bett auf. „Pedram, die neue Kassette von Dorit ist kaputt.“
„Dann hast du jetzt auch eine Laus.“
„Was ist denn aber eine Leber?“ fällt Lilo wieder ein.
„Da kommt Opa! Und da kommt Papa!“ schreit Pedram, der aus dem Fenster geguckt hat. Beide Männer schleppen hohe, flache Kartons und haben gequetschte Gesichter, Opas Gesicht ist ganz rot.
„Wir fragen mal Opa; der weiß bestimmt, was eine Leber ist.“

Papa und Opa müssen dreimal zum Auto und wieder zurück laufen, bis sie alle Kartons zusammenhaben. Mama hat im Wohnzimmer freigeräumt – da soll das neue Regal hin.
„Wird das lange dauern?“ fragt sie. Papa kratzt sich am Kopf, guckt auf die vielen Holzteile, auf die Packungen mit Schrauben und Muttern, kratzt sich wieder am Kopf und sagt: „Es wäre besser, wenn ihr drei noch mal eine Runde nach unten geht. Das kann dauern.“
„Ach!“ Mama ist schon wieder sehr still. „Heute wird mir alles zuviel.“ Opa kratzt sich auch am Kopf, aber er hat schon einen Plan, das sieht man.
Mama ist mit Papas Vorschlag einverstanden. Pedram erst recht, und Lilo eigentlich auch. Ganz schnell haben die Kinder Jacke, Murmeln und Schuhe zusammen und dann führen alle drei ihre Läuse auf den Spielplatz.
Unten empfängt sie Christof, der überglücklich ist, dass Pedram gekommen ist – wegen der Sandburg, der Brücke und der Murmeln. „Christof, sag mal“, sagt Pedram als erstes, weil er doch Papa und Opa nicht wegen der Leber gefragt hat, „was ist denn diese Leber?“ Aber so genau weiß Christof es auch nicht, er hebt die Schultern, lässt sie wieder fallen, macht ein hilfloses Gesicht und sagt: „Meine Mama hat das gesagt, als unsere Nachbarin über die schmutzige Treppe geschimpft hat. Jedenfalls macht die Laus etwas Schlechtes. Das ist klar. Vielleicht war die Treppe die Leber?“
„Meine Mama schreibt doch ein Buch“, fällt Lilo da ein, „bestimmt weiß sie das.“ Aber die Jungen haben gerade die Murmeln verteilt und sind im Sand verschwunden und haben Lilo vergessen. Mama sitzt auf der Bank und kann schon wieder lächeln. – Lilo stapft durch den Sand zur Schaukel. – „Anschwung!“ fordert sie von dort. Mama kommt.

Drei Stunden später taucht oben auf dem Balkon Papas Kopf auf. Und dann ein Arm. Er winkt. „Oh“, sagt Mama, als sie mit Pedram und Lilo ins Wohnzimmer kommt. Da steht das neue Regal. Ein Prachtstück! Rechts ist das Aquarium und links sind die Stehlampe und der Lesesessel von Papa. Und in der Mitte das neue Regal. „Wie habt ihr das denn so schnell hinbekommen?“ fragt Mama.
Opa wischt sich seine Riesenhände an seinem Riesentaschentuch sauber, stopft das Taschentuch wieder in seine Riesenhosentasche. Dann nimmt er Mama in den Arm und zwinkert von Pedram zu Lilo, von Lilo zu Papa.
„Mit System und mit Bedacht geht alles.“
„Papa, Opa“, platzt Lilo heraus. „Ist eine Leber ein Regal?“   

 

aus: Opa Lilo Pedram und ich, Teil II